Feel Old Yet? Deutschrap brennt für Hit-Samples

 

Vielleicht macht es nicht direkt Klick, aber spätestens bei der Hook rattert das Hirn. Das kenn ich doch irgendwoher! Der Release Friday fährt mit großer Regelmäßigkeit neue Tracks auf, die mitunter Songs sampeln, welche Ü20ern bekannt vorkommen dürften. Deutschrap holt Hits in ein neues Jahrzehnt, die gefühlt noch gestern Teil der eigenen Jugend waren. Neuer Kniff oder eigentlich alles wie immer?

Hiphop ist eine Sample-Kultur

Altes nehmen, bearbeiten und zu etwas neuem Einzigartigen zusammensetzen. Das ist eine Kunstform für sich, das ist Teil der Hiphop-DNA. Wer Drums, Vocals, Melodien oder was auch immer als Sample in seiner eigenen Musik verbaut, zollt Respekt, kommentiert und macht mit solchen Querverweisen nicht selten eine zusätzliche Ebene auf.

In den Anfängen des Hiphops sind Elemente aus Jazz, Funk und Soul das Maß aller Dinge. Musik, die aus der Schwarzen Kultur hervorgegangen ist, wird von der Black Community neu aufbereitet. Zunächst mit eher einfachen Mitteln. Schließlich sorgt der technische Fortschritt für neue Möglichkeiten, sodass Sampling als Kunstform eine immer stärkere Bedeutung gewinnt.

Gedanken um den Anschluss an den Mainstream dürfte sich dabei kaum jemand gemacht haben. Stattdessen hieß es diggen, was das Zeug hält. Die Suche nach bisher unbenutzten musikalischen Schätzen, innovativen Sounds und kreativen neuen Ansätzen stand auf dem Plan.

Diese Haltung ist bis in die Gegenwart auch nicht verloren gegangen. Nehmen wir Funkvater Frank. OG Keemos Stamm-Producer verfremdet und zerstückelt seine gepickten Samples, bis nur noch wenige in der Lage sind, die Herkunft nachzuvollziehen. Selbst die "Shook Ones, Pt. II"-Bearbeitung in "Vorwort" springt einem nicht direkt ins Gesicht und ist für Rap-Heads doch Balsam für die Seele. Bei Franky herrscht in Bezug auf Sampling folgendes Verständnis, wie er bei Puls erklärt:

"Die goldene Regel ist eigentlich: Du hältst dein Maul über die Samples. Die verrätst du nicht."

Deutschrap catcht Hits für die Hits

Beim Blick auf die Charts wird sehr schnell deutlich, dass Funkvater Franks Ansatz sich zumindest in einigen Ecken Deutschraps überholt hat. Das Sample ist oft derart prominent gewählt, dass sich niemand in Schweigen hüllen muss. Es checkt sowieso fast jeder. So eine Detektiv-Arbeit im Stile des Memes "Deutschrap ist fresher denn je" läuft ins Leere.

Luciano etwa holt sich im Mai mit "Beautiful Girl" mehrfach in Folge die #1 in den Single-Charts. Die gepitchte Stimme von Sean Kingston dürfte daran nicht ganz unschuldig sein. Sein Megahit "Beautiful Girls" (2007) erlebt hier ein Revival. Ghana Beats und Geenaro zeigen sich für den Coup verantwortlich.

Auch Ion Miles von BHZ holt auf "Powerade" straight die Indieclub-Vibes von vor 15 Jahren raus und steht damit seit Wochen in den Top 10. MGMTs zeitloser Banger "KIDS" trägt die Produktion von SiraOne. Fourtys Produzent Chekaa nimmt sich für "Wenn du mich vermisst" t.A.T.u.s "All The Things She Said" (2002) an. Es ließe sich noch lange so weiter machen. Wer nach den 2000ern bewusst Musik gehört hat, erlebt auf Deutschrapbasis regelmäßig Zeitreisen.

RAF Camora ist hier quasi ein Meister des frischen Hits auf Grundlage eines Hit-Samples. Auch sein neuer Solosong "Mein Planet" bleibt dieser Linie treu. Nightcrawlers "Push The Feeling On" war eh schon dank des Tracks "Friday" 2021 wieder ein Ding. Nun kreist das Sample zusätzlich um den Himmelskörper des Wiener Rapstars. Vor allem die Neunziger haben es ihm angetan. Dem Dancehall-Abriss liegt gerne eine Sound-Ästhetik aus dem vorigen Jahrtausend zugrunde. Wer kennt, der kennt.

Sampling: Wer oder was verändert sich hier eigentlich?

Ist es nun in der Geschichte des Hiphops ungewöhnlich, wenn nur 15 bis 20 Jahre zwischen Original-Song und Beat samt Sample liegen? Nicht wirklich. Ice Cube feiert im Jahr 1992 den Erfolg mit seiner Solo-Single "It Was A Good Day" auch dank eines Samples, das auf den Song "Footsteps In The Dark" von The Isley Brothers aus dem Jahr 1977 zurückgeht. Ostküsten-Koryphäen wie DJ Premier gehen Anfang der Neunziger ein bisschen mehr als 20 Jahre zurück. So pickt er Marlena Shaws "California Soul" (1977) für den Beat zum Gangstarr-Song "Check The Technique" (1992).

Es ist auch keine Seltenheit, dass der gesampelte Song und der Song, der schlussendlich das Sample benutzt, auffällig nahe beieinanderliegen. 2013 erklärt sich ScHoolboy Q auf einem Beat zum "Man Of The Year", der den Song "Cherry" der Band Chromatics aufgreift. Dieser ist selbst erst 2013 auf einer Compilation zu finden. Drake lässt im Outro seines Albums "Nothing Was The Same" (2013) einen Teil des Intros von Ellie Gouldings Album "Halcyon" ertönen, welches nur ein Jahr zuvor erschien.

Bei diesen Beispielen ließe sich jedoch anmerken, dass die Chromatics und ein Auftakt zu einem Album von Ellie Goulding zu jener Zeit nicht gerade durch Radiostationen gejagt wurden. So ein Vorgehen ist natürlich bei Weitem nicht das Ende aller Möglichkeiten. Von den Sample-Quellen von Wu-Tang Mastermind RZA wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Der Kung-Fu-Fanatismus kommt auch dort zum Tragen.

Deutschrap scheint aktuell auf bekanntes Song-Material zu setzen, das bereits früher jede Menge Airplay generiert hat. Bojan und Anonym nennen einen gemeinsamen Song "Try Again" und parken in der Hook Aaliyahs "Try Again" aus dem Soundtrack zum Film "Romeo Must Die". Kaschiert wird nichts. Das Rätselraten um die Sample-Quelle entfällt.

Eine jüngere Generation kommt dabei mit (vielleicht unbekannten) Hits aus einer anderen Zeit in Berührung. Jedoch sind dies mitunter Songs, die ihnen auch so schon begegnet sind oder irgendwann wären. Dies ist dann doch ein Stück weit entfernt von der ursprünglichen Herangehensweise an Sampling. Die zerstückelte Bridge der B-Seite einer Psychedelic-Rock-Single aus den Sechzigern ist in der ersten Liga Deutschraps eher nicht zu vermuten.

Bei allen, die einen Zacken älter sind, stellen sich mitunter hier und da nostalgische Gefühle ein. Damn! Vielleicht warst du 15, als sich Jet Li durch "Romeo Must Die" kloppte und vielleicht bist du gerade volljährig geworden als MGMT kurz die Welt mit Hippie-Elektro zu umarmen schien. Wie schnell die Zeit vergeht, führen solche Sample-Picks ziemlich gnadenlos vor Augen.

Es sind nicht immer nur Samples, welche die Vergangenheit hervorholen. Auch gerne benutzt: Interpolationen. Hier baut man kein Stück aus einem Originalsong in seinen eigenen Song ein, sondern ahmt vielmehr die Melodieführung nach. Das ist kein Sampling. Luciano nimmt sich bei "Late Night" (2020) Kid Cudis Megahit "Day 'N' Nite" (2008) vor. 2022 gehen Mero und Murda in "Konum Gizli" den gleichen Weg. Bei RINs "Meer" spielt Alexis Troy mehr oder weniger "Heart-Shaped Box" von Nirvana nach. In "Keine Liebe" (2019) mit Bausa zitieren die Bietigheim-Boys "Du trägst keine Liebe in dir" (1999) von Echt.

Arte Tracks nennt diese gängige Praxis in der Popmusik "musikalisches Recycling". Wer kein Teenager mehr ist und sich nicht aus der Musikwelt ausgeklinkt hat, wird dadurch verstärkt in eine Endlosschleife geworfen. Geschichte wiederholt sich. Sicherlich könnten ebenso Mode-Fans ein Lied von diesem Phänomen singen.

Das alles hat Methode. Musik-Verlage können beispielsweise ihren eigenen Backkatalog weiter auswerten und sparen sich vergleichsweise risikoreiche Investments. Der Hit von gestern gilt als der (sichere) Erfolg von morgen.

Es werden sogar Songwriting-Camps arrangiert, bei denen es darum geht, bekannte Titel neu zu verpacken. Natascha Augustin von Warner Chappell Music schildert bei Arte, dass Capital Bras "Prinzessa" (2019) und Summer Cems "Tamam Tamam" (2018) von Dance-Producern neu interpretiert werden sollen. Ihre persönliche Einschätzung dazu:

"Da läuft es einem natürlich kalt den Rücken runter, aber kann auch sehr, sehr cool werden."

Der Rückgriff auf Songs, die gefühlt vor Kurzem schon riesige Hits waren, ist kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Jack Harlow ging mit "First Class" dieses Jahr in den Staaten auf Platz #1. Das Fergie-Sample aus "Glamorous" (2007) regelt. Und wer dabei sehnsüchtig an einen Part von Ludacris denkt, der bemerkt schlagartig, dass ein paar Jahre ins Land gezogen sind.

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