Rhein, Main, Berlin: 5 Tipps aus dem Untergrund unter 25.000 Klicks

 

Es ist eine Weile her, dass wir in einem 5er-Pack einige unserer persönlichen Favorites vorgestellt haben, die nicht in Deutschraps Großraumdisko das Tanzbein schwingen. Während der Mainstream von Erfolg zu Erfolg sprintet und viele langweilt, tummelt sich im Untergrund nach wie vor eine ganze Reihe talentierter Menschen, deren Musik mehr Aufmerksamkeit verdient. Fünf Beispiele bringen wir euch hier näher. Die einzige Regel: Unter 25.000 Klicks bleiben!

 

Binho x Lukees x Jakepot – Beyblade (prod. Jakepot)

Wir starten unsere kleine Reise in Mannheim am Rhein, wo ein gewisser Zonkeymobb behandelt wird, als wär'n sie allesamt Apostel. Dort liefern Binho und Lukees schon seit geraumer Zeit Rap, der gute Technik, Humor und Echtheit unter einen Hut bringt. Frische Punchlines, wilde Reimstrukturen – teils kreuz und quer über komplette Parts verteilt – und ein Ohr für interessante Produzenten.

Ende März erschien die EP "Southside" mit Producer Jakepot, der zuletzt immer wieder mit seiner guten Arbeit im Rhein-Main-Gebiet auf sich aufmerksam machen konnte (Gianni Suave, Para Yok Mob, Rafiki PZK und mehr). Der Gute knallt einem in "Beyblade" direkt ein paar üble Bässe vor den Latz, die gleich zum Einstieg ein vielversprechender Vorbote auf die Boshaftigkeit des Beats sind.

Auf "Southside" geht es soundtechnisch generell eher düster zu, während Luke und Binho sich die Bälle zuspielen und sich gegenseitig mit ihren ganz eigenen Styles ergänzen. In die knackige 8-Minuten-EP sollte man definitiv mal reinhören.

 

Kulturerbe Achim x CGN Untergrund – Oh nää (prod. Priesemut & Jorry)

Wenn wir dem Rhein über Mainz und Koblenz von der "Southside" in Nordwest-Richtung folgen, sehen wir irgendwann zur linken die zwei imposanten Türme des Kölner Doms. Die Stadt am Rhing hat es nicht nur den Lokalpatrioten aus der Südkurve angetan, sondern offenbar auch dem Berliner Kulturerbe Achim. Der fühlt sich nämlich sichtlich wohl zwischen den CGN-Untergrund-Allstars Fresse, Benni Bandito, Lugatti sowie Benyo und Fly von Schälsick.

Auf einem Beat von Priesemut und Jorry mit leckeren UK-Vibes gibt's in Form von "Oh nää" einen abwechslungsreichen, kleinen Possetrack, bei dem die Pumpe ordentlich auf Action kommt. Während Fresse und Benni mit rasanten Flow-Passagen das Tempo anziehen, sorgen beispielsweise Gatti und Fly für andere Akzente. Das Ding ist rough, wuchtig und macht einfach Bock. 

 

Gianni Suave x Jakepot – Newcomer Forever (prod. Jakepot)

Dass Jakepot auch in FFM seine Beats parkt, hatte ich schon bei Lukees und Binho erwähnt. Das kann gleichzeitig modern und ein Kopfnicker sein, wie ihr etwa bei "Newcomer Forever" von Gianni Suave hört – das Verschmelzen unterschiedlicher Ären gehört auch zu den Stärken des Rappers. Der macht dem zweiten Teil seines Künstlernamens ("suave" span. = sanft, geschmeidig) übrigens alle Ehre, wenn er scheinbar maximal zurückgelehnt die Schwächen der schillernden Rapwelt aufzeigt:

"2 Millionen Follows, bist auf Insta bisschen witzig / was machst du mit Power, flexen mit Chayas und Jibbits / meine Vision anders, uns're Vision different / währenddessen zwanzig-zwanzig, halbe Welt ist noch rassistisch"

Nur scheinbar zurückgelehnt? Sí. Was beim Frankfurter allzu leichtfüßig klingt, offenbart dem geübten Ohr eine reimtechnische und lyrische Komplexität, die im sehr runden Vibe fast untergehen könnte. Nach dem Beatswitch bei 1:20 Minuten zeigen sowohl Gianni als auch Jake dann noch eine andere Facette, es wird spürbar aggressiver. Auch das sitzt wie angegossen.

 

Argonautiks – 25 [Meine Welt] (prod. Donnie Bombay)

Part 1

Part 2

 

Die Argonautiks waren schon 2018/2019 Stammgäste in unserer Artikelreihe unter 25.000 Aufrufen. Erfreulich für die Jungs und für deutschsprachigen Rap: Die meisten Videos auf YouTube knacken mittlerweile die 100K oder gehen grade auf diese Marke zu. Erfreulich für diesen Artikel: Zwei der aktuellen Auskopplungen aus dem kommenden Album "Paroli Pop" liegen derzeit bei knapp 3.000 (Part 2) beziehungsweise 11.000 Klicks (Part 1).

Paul Uschta und Timmy Tales blicken in ihren Solotracks "25 (Meine Welt)" – der Titel bezieht sich auf die Linie 25, die die Berliner Innenstadt mit Zehlendorf und Teltow verbindet – unabhängig voneinander auf die Jugendzeit zwischen 2006 und 2010 zurück. Gegelte Frisur und kitschiger Duft. Liebeskummer. Mama schiebt Hass. Breitgeboxte Nasen. Mit Fünfern und Cans in den Taschen irgendwo zwischen S-Bahnhof und Block. Inhaltlich schon mal einer sehr spannende Geschichte.

Auch was den Sound angeht: Argonautiks-Stammproduzent Donnie Bombay liefert den beiden für ihre verschiedenen Perspektiven auf eine ähnliche Zeit die wie immer passenden Beats. Man kann die Liebe zu Detail an allen Ecken raushören. Und was hier raptechnisch passiert, lässt sich schwer in Worte fassen. Ich habe es in unserem Podcast schon einige Male versucht, aber für hier und jetzt müsst ihr nur wissen: Das ist unbeschreiblich dope!

 

Die P – Ein Schritt (prod. TVL)

Und am Ende landen wir doch wieder am Rhein bei Die P. In ihrer Hood 53 werden Realness und ein gewisses Faible für den zeitlosen Vibe der 90er seit jeher groß geschrieben – SSIO und Xatar lassen grüßen. Wo die AON-Jungs eher Richtung Westcoast und G-Funk tendieren, meint man bei der Rapperin eher den Flair des Big Apple herauszuhören. Darauf reduzieren lässt sie sich aber ohnehin nicht.

"Dieses Leben schenkt dir nix, komm erzähl mir nix von Glück / ein Schritt nach vorn', aber zwei Schritte zurück" 

Ihr Debütalbum "3,14" erschien im März und unterstreicht die starke Entwicklung der vielleicht roughsten Rapperin in DE. Anders als der Hustle, den Die P in "Ein Schritt" beschreibt, gab es da zuletzt nur Schritte nach vorne. Es ist gleichzeitig das erste Album, das über das all-female Label 365XX erschienen ist.

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Trotz Vermögen am Block: Wieso Haftbefehl zu seinen Wurzeln zurückkehrt
Dsa

Trotz Vermögen am Block: Wieso Haftbefehl zu seinen Wurzeln zurückkehrt

Von Renée Diehl am 07.05.2021 - 13:52

Scheint, als hätte Haftbefehl (diesen Artist auf Apple Music streamen) wieder Blut geleckt: Nachdem vor nicht mal einem Jahr "Das Weiße Album" fast ohne Promo abseits der Singles herauskam, hat sich Baba Haft vor Erscheinen des Nachfolgers ordentlich ins Zeug gelegt. Im Vorfeld zu "Das Schwarze Album" gab es nämlich wesentlich mehr von ihm zu sehen als in den letzten paar Jahren insgesamt. Lieblingsschauplätze aller Haftbefehl-Medienbeiträge: die Städte Frankfurt und Offenbach am Main. Und das ist natürlich auch naheliegend, denn schon die ersten paar Einstiegs-Lines ins Album auf dem ersten Song "Kaputte Aufzüge" nehmen einen mit in die Offenbacher Blocks, in denen Haftbefehl aufgewachsen ist: "Der Treppenhaus riecht nach Kush / Im Feuermelder verstecken wir Packs mit Schnuff / Crackrauch liegt in der Luft / Der Drecksaufzug ist kaputt, kennst du das, kaputte Aufzüge?"

Und, kennst du das?

"DSA": Offenbacher Endzeitstimmung

Viele werden das wahrscheinlich nicht kennen. Das ist auch okay so: Offenbach hat schließlich nur knapp 140.000 Einwohner und davon wiederum wohnen wohl die wenigsten selbst "am Block". In Haftbefehls altem Viertel allerdings die meisten. Die Einwohnerstruktur des Mathildenviertels ist stark geprägt von den Mainpark-Blocks. 

Das Hochhaussiedlungs-Narrativ definiert die Stimmung des gesamten Albums. Nicht ohne Grund hat Haftbefehl "Wieder am Block" gemeinsam mit Soufian, ebenfalls Offenbacher, als Lead-Single rausgebracht. Stimmen, die aufgrund seiner aktuellen Lebensumstände – Haus, Frau und Kinder – aber an der Realness des Albums zweifeln, lässt der Rapper schnell verstummen. In der Doku "Du weißt, dass es Haft ist" sagt er dazu: 

"Mein normales Leben kann ich mit der Musik nicht verbinden. Aktuell wohn‘ ich am Block. Hab mir eine kleine Wohnung geholt vorübergehend um meine Musik zu machen. So arbeite ich, ist halt so."

Er hat sich also nicht nur im übertragenen Sinne wieder an den Block begeben, sondern sogar physisch. Wohl nicht nur aufgrund des grauen Alltags dort, sondern auch aufgrund des vom Corona-Virus hervorgerufenen Gefühls der allgemeinen Verunsicherung, verbreitet das Album ziemliche Endzeitstimmung. Die Spielorte von Haftbefehls Lyrics tun ihr übriges: Der Frankfurter Hauptbahnhof und die Offenbacher Plattenbauten waren auch vor Corona nicht unbedingt einladend. 

Haftbefehls Liebe für Frankfurt und Offenbach

"Ich liebe diesen Dreck und den Gestank Bruder, ich liebe diese Wolkenkratzer, ich liebe alles, was dazu gehört. Ich lieb‘ den Hauptbahnhof, Bruder. Ich liebe Offenbach, ich liebe den Main, ich liebe es, an der Brücke hin und herzufahren."

Ebenfalls eine von Haftbefehls Aussagen in der Dokumentation. Dieses zwiegespaltene Verhältnis zu den beiden Städten am Main teilen viele aus dem Rufnummernbereich 069. Es ist dreckig und nicht auf den ersten Blick schön, ja. Aber gerade die Menschen aus allen möglichen Backgrounds machen das Flair beider Städte aus: Frankfurt und Offenbach sind die Städte mit dem höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Auch wenn man das dem Album nicht unbedingt anhört, liegen Depris über den Zustand der Stadt und Liebe für Menschen und Multikulti hier ganz nah beieinander. In einer anderen Doku für die ARD bringt Haftbefehl das Heimatgefühl vieler Offenbacher auf den Punkt:

"Ich weiß überhaupt nicht, ob man Offenbach zu Deutschland zählen kann. Ich fühle mich hier auf jeden Fall sehr wohl. Ich glaube, nirgendwo ist es so Multikulti wie in Offenbach, oder?"

Der rote Faden im "Schwarzen Album"

Nicht ganz so gemischt: Bei den Beats hat Haftbefehl fast ausschließlich auf seinen Haus- und Hofproduzenten Bazzazian gesetzt. Einzig "Kaputte Aufzüge" wurde von SOTT und Paix produziert, „Du weißt dass es Haft ist“ stammt von BAIBUBEATZ. Das geht mit Hafts Vision für das Album einher – bei der Albumproduktion ginge es darum "eine Linie zu fahren" und "ein Konzept zu haben", sagt er im Gespräch mit Jan Müller im "Reflektor" Podcast. Eine Art roten Faden gibt es also nicht nur in den Lyrics, sondern auch bei den Beats.

Die lyrische Leitlinie steht eigentlich im Widerspruch zu dem Leben, das der Rapper mittlerweile führt. Er hätte ja auch einfach flexen können und von dem Geld und dem Lifestyle erzählen, den er sich mittlerweile leisten kann. Haftbefehl aber bewegt sich mit "DSA" in die genau entgegengesetzte Richtung und bleibt somit die Stimme der Blocks. 

Und so düster "Das Schwarze Album" auch sein mag: Haftbefehl macht es laut Songtext des Tracks "Offen/Geschlossen" "für Offenbach am Main und die Frankfurter Blocks" – und nicht dagegen. Weil Stolz und Abscheu hier nunmal ganz nah beieinander liegen. 


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