Stuttgart, Polizeigewalt & Rassismus: Was Seehofer macht, ist ein Angriff auf Meinungs- & Pressefreiheit

In der taz erscheint eine Kolumne, in Stuttgart gibt es Randale und Horst Seehofer bringt beides miteinander in Verbindung. Der Innenminister will tatsächlich sogar Strafanzeige gegen Autor*in Hengameh Yaghoobifarah erstatten. Das ist nicht nur ein Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit, sondern auch Diskursverschiebung und Täter*innen-Opfer-Umkehr vom Allerfeinsten.

First things first: Volle Solidarität mit Hengameh Yaghoobifarah und Horst Seehofer muss endlich zurücktreten! Wenn wir schon dabei sind, sollte er am besten gleich auch noch für seine unzähligen diskriminierenden Aussagen zur Rechenschaft gezogen werden. Hetzer wie er tragen einen Teil der Verantwortung für NSU und rechte Terror-Anschläge wie in Halle oder Hanau. That being sa(i)d: Kommen wir zum eigentlichen Thema.

Stuttgarter Randale, Formen der Gewalt & Reaktionen darauf

Was war da am Wochenende los? Offenbar wurde in Stuttgart am Samstagabend eine Gruppe Jugendlicher von der Polizei kontrolliert. Die spricht in ihrer Pressemitteilung von Verdacht auf Drogendeals. Anderswo ist von unverhältnismäßiger Polizeigewalt die Rede, die wieder einmal eskaliert ist.

Es steht wohl fest, dass es zu Pfefferspray- und Schlagstock-Einsätzen gekommen sein soll. Im Anschluss daran sind dann anscheinend mehrere Gruppen von Menschen durch die Stuttgarter Innenstadt gezogen und haben randaliert. Einige Glasscheiben von Geschäften und Polizeiautos sollen dabei zu Bruch gegangen sein, angeblich kam es sogar zu einer Art Plünderung.

Reflexartig schreien die üblichen Verdächtigen in den deutschsprachigen Zeitungen sofort nach der vollen Härte des Gesetzes – selbst die angeblich Linken der bürgerlichen Mitte. Da wird ein gesetzesfreier Raum herbeifantasiert, plötzlich soll es schlimme Gewalt von diesem Ausmaß noch nie in Stuttgart gegeben haben.

Eskalation der Sprache: Wer das behauptet, muss ein extrem schlechtes Gedächtnis haben und beweist ein Gewaltverständnis, das Glasscheiben und Autos mehr Wert beimisst als Menschen.

(null)

(null)

Nur damit das nicht in Vergessenheit gerät: Es war die Stuttgarter Polizei, die bei den Stuttgart 21-Protesten einem Menschen per Wasserwerfer das Augenlicht genommen hat.

(null)

(null)

Um das nochmal ganz deutlich zu betonen: Dieser Mensch kann jetzt nicht mehr sehen – und das ist das Ergebnis von unverhältnismäßiger Polizeigewalt.

Diese staatlich verordnete Gewalt gegen einen Menschen in Stuttgart wird in der öffentlichen Gewalt-Debatte offenbar als weniger schlimm eingestuft als ein paar entglaste Geschäfte.

Die Frage ist und bleibt, um welche Gewalt es geht und von wem sie ausgeht beziehungsweise wer darunter leidet. So etwas wie Samstagnacht in Stuttgart passiert nie im luftleeren Raum, sondern muss immer im Kontext betrachtet werden. Wenn sich Gewalt entlädt, liegt das aber in den seltensten Fällen an einer Kolumne oder Protesten an sich.

Stuttgart: Wir sehen genau, bei welcher Gewalt ihr schreit - Lower Class Magazine

Es ist wieder einmal so weit. Deutschland hat eine „Gewalt"-Debatte. Derlei Gewaltdebatten entzünden sich stets an der Gewalt von Marginalisierten, an der Gewalt von „unten" - und ganz besonders, wenn man meint „Fremde" unter den „Gewalttätern" ausmachen zu können.

Nein, nicht BLM ist das Problem, sondern Polizei & Rassismus

Die Diskussion danach: Wer jetzt behauptet, dass BLM und die endlich zaghaft stattfindende gesellschaftliche Debatte rund um Polizei, Rassismus und Gewalt schuld an der Randale in Stuttgart wären, hat nichts verstanden. Was sich hier Bahn bricht, ist nicht durch die Black Lives Matter-Proteste entstanden, sondern viel eher durch jahrzehntelange Willkür, Diskriminierung, Polizeigewalt, Racial Profiling und systematischen Rassismus.

Reden wir über Gewalt: Vielleicht manifestieren sich solche Reaktionen auf die alltägliche Gewalt dieses Systems, weil sich Menschen nicht mehr anders zu helfen wissen. Als hilflose Reaktion auf die Gewalt, die von allen ausgeblendet wird, aber der Standard ist. Wir verschließen nur die Augen davor, aber unser System würde ohne Gewalt und Ausbeutung einfach nicht funktionieren.

Uns geht es nur so gut, weil es so vielen anderen Menschen auf der ganzen Welt so schlecht geht. Auch das spielt eine Rolle im aktuellen gesellschaftlichen Klima, auch darum geht es bei den weltweiten Black Lives Matter-Demos: Um die systemimmanente, strukturelle Gewalt dieses kolonialistischen und zutiefst rassistischen, kapitalistischen Systems.

Darüber sollten wir reden, darüber müssen wir reden – und nicht über ein paar kaputte Schaufenster oder die arme Polizei, die angeblich vor schlimmen Kolumnen bewahrt werden müsste.

Denn es ist doch eindeutig: Die Polizei ist keine schutzbedürftige Minderheit, sondern ein Haufen bewaffneter Menschen, der Nazis sowie andere Rechte anzieht und unterstützt.

Auch in Deutschland tötet die Polizei immer wieder Unschuldige

In den USA war der Mord an George Floyd der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Seit über einer Woche demonstrieren die Menschen in jeder größeren US-Stadt gegen Polizeigewalt und Rassimus. Zu viele meist schwarze Menschen wurden von den Cops getötet. Auch in Deutschland formieren sich Proteste.

Diskursverschiebung, Derailing & Täter*innen-Opfer-Umkehr

Die Polizei, ihre Gewerkschaft, der rechte Innenminister und seine genauso rechte Partei CSU wollen aber lieber nicht so gerne über Rassismus und die Probleme mit der Polizei sprechen. Da müssten sie sich ja eventuell auch kritisch selbst reflektieren, Fehler eingestehen und vor allem, was gar nicht geht: Konsequenzen ziehen und Änderungen anstoßen. Gott bewahre!

Stattdessen wird lieber die gut geölte Maschinerie der medialen Empörung in Gang gesetzt. Das geht am verlässlichsten, einfachsten und schnellsten mit Hilfe der Bild. Die druckt selbstverständlich wie gewohnt jede Aussage des Heimat-Horsts mit Vorliebe und Handkuss. Gleichzeitig wird haarklein nachgerechnet, welche in Stuttgart Inhaftierten welche Nationalität haben.

(null)

(null)

Mittlerweile hat der Innenminister Horst Seehofer sogar den Ort des Schreckens Stuttgart besucht, um die schlimmen Sachschäden genau in Augenschein zu nehmen. Für ihn wurde sogar extra nochmal der demolierte Polizeiwagen rausgeholt und feierlich enthüllt.

Was die Polizei, Horst Seehofer, die CSU und viele andere hier betreiben, ist ein Ablenkungsmanöver, wie es im Lehrbuch steht: Derailing und Täter*innen-Opfer-Umkehr vom Allerfeinsten. Plötzlich debattieren wir irgendwie gar nicht mehr über den Rassismus in der Polizei, Black Lives Matter und das, was daraus entstehen könnte. Stattdessen geht es jetzt plötzlich schon wieder darum, wie schrecklich Linke sind, was Satire darf und dass sich ja gar niemand um die arme Polizei sorgt. Huch, wie ist das nur passiert?

(null)

(null)

(null)

(null)

(null)

(null)

Ein kurzer Einwurf an dieser Stelle: Wenn Jan "Polizistensohn" Böhmermann Erdogan rassistischerweise als "Ziegenf*cker" beleidigt, stellt sich Angela Merkel höchstpersönlich vor ihn und es gibt eine Gesetzesänderung. Aber wenn sich eine non-binary PoC über die Polizei lustig macht, gibt es stattdessen eine Anzeige? Wie zur Hölle ist das zu rechtfertigen? Und nein: Scherze über die Polizei sind nicht "nach unten treten", ganz im Gegenteil.

(null)

(null)

Mittlerweile gibt es einen offenen Brief an Angela Merkel und auch eine Petition, die ihr unterschreiben könnt. Darin wird unter anderem gefordert, gegen Polizeigewalt vorzugehen und für Pressefreiheit einzustehen.

(null)

(null)

Was Seehofer da macht, ist ein Angriff auf die Pressefreiheit

Es ist kaum zu glauben, aber Horst Seehofer hat tatsächlich in den Raum gestellt, dass die Randale in Stuttgart unter anderem auch durch solche Artikel wie "All cops are berufsunfähig" von Hengameh Yaghoobifarah entstanden beziehungsweise begünstigt worden sein könnte. Vor allem im Zusammenhang mit der Ankündigung, Strafanzeige stellen zu wollen, ist das für einen Innenminister schier unfassbar und natürlich auch einfach sehr undemokratisch.

(null)

(null)

Nicht zu tolerieren: Das ist eine offene Attacke auf Presse- und Meinungsfreiheit. Vor allem zu diesem Zeitpunkt und aus dieser Richtung würde die Aktion fast schon lächerlich offensichtlich ablenkend wirken, wenn es nicht so ernst wäre. Oder, um die Logik einmal umzudrehen: Wo sind die Strafanzeigen von CSU und Polizei, wenn jeden Tag gegen Geflüchtete und Muslim*innen gehetzt wird?

(null)

(null)

Wo waren die Anzeigen, als Seehofer ganze Bevölkerungsgruppen diskriminiert oder sich über Abschiebungen zu seinem Geburtstag gefreut hat? Als er davon gefaselt hat, Dinge exakt wie die Nazis "bis zur letzten Patrone" zu verteidigen? Wie kann es sein, dass dieser Mensch immer noch im Amt ist?

(null)

(null)

Übrigens bewerten die meisten juristisch bewanderten Menschen die Aussichten der Strafanzeige so, dass sie ziemlich aussichtslos sein dürfte. Oder, anders formuliert: "Der Mann ist Verfassungsminister, er kennt die Verfassung nicht und missachtet das Grundrecht auf Meinungsäußerungsfreiheit."

Verteidigung taz-Kolumne: Wieso soll das verboten sein?

taz-Anwalt Johannes Eisenberg vertritt die taz-Kolumnist*in Hengameh Yaghoobifarah. Hier schätzt er Horst Seehofers Anzeigeankündigung ein. BERLIN taz | Bundesinnenminister Seehofer hat ein gestörtes Verhältnis zu Persönlichkeits- und Grundrechten: In Bremen hat er in grober Weise die Rechte der früheren Leiterin der Ortstelle des BAMF verletzt und diese verleumden lassen.

Darum sollte es eigentlich gehen: Rassismus & Polizeigewalt

Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die gesellschaftliche Debatte so verschiebt. Wir dürfen diesen schäbigen Standard-Tricks nicht auf den Leim gehen und müssen weitermachen. Überall finden weiterhin Black Lives Matter-Demonstrationen statt, weil es überall auch immer noch dieselben Probleme gibt. Erst heute wurde schon wieder ein rechtes Terrornetz namens Nordadler verboten, die Probleme mit Polizei und Bundeswehr sind ebenfalls bekannt.

(null)

(null)

Exemplarisch dafür stehen die wahrscheinlich größten Demonstrationen, die in Deutschland je gegen Polizeigewalt stattgefunden haben: Bei den beiden Black Lives Matter-Protesten in Berlin und Hamburg kam es zu gut dokumentierten Fällen von unverhältnismäßiger, offenbar rassistischer Polizeigewalt.

Schüler über Polizeigewahrsam: „Kurz vorm Zusammenbrechen"

Nach der Anti-Rassismus-Demo am vergangenen Wochenende hat die Hamburger Polizei Minderjährige in Gewahrsam genommen. Ein Betroffener erzählt. taz: Ilyas, wie kam es, dass du als 14-Jähriger nach der Anti-Rassismus-Demo in Polizeigewahrsam genommen wurdest?

Proteste gegen Rassismus in Berlin: „Hör auf zu zappeln"

Bei den Demos gegen rassistische Polizeigewalt in Berlin wurden viele schwarze DemonstrantInnen verhaftet. Vier erzählen ihre Geschichte. BERLIN taz | Mehr als 100.000 Menschen haben am Wochenende eine Bewegung gegen rassistische Polizeigewalt losgetreten. Nach der Ermordung des Schwarzen US-Amerikaners George Floyd vor zwei Wochen haben sie sich deutschlandweit in den globalen Protest unter dem Motto „Black Lives Matter" eingereiht.

Darum muss es auch weiterhin gehen. Davon dürfen wir uns nicht ablenken lassen. Bis es bessere Alternativen gibt. Kleine Schritte in die richtige Richtung wie unabhängige Beschwerdestellen (die nicht dem Polizeipräsidenten unterstellt sind), Kennzeichnungspflicht, ein Antidiskriminierungsgesetz und derlei mehr scheinen leider so gut wie nichts zu bringen.

Um dem Ruf "Black Lives Matter" gerecht zu werden, müssen wir den Fokus von den USA lösen

Rassistische Gewalt ist alltäglich und grundlegend - unser Kampf muss es auch sein Von Kofi Shakur Die Größe der Demonstrationen, die am ersten Juni-Wochenende unter dem Motto Black Lives Matter in etlichen deutschen Städten stattfanden, hat viele überrascht und einige Erwartungen übertroffen - gerade, wenn man bedenkt, wie wenig Aufmerksamkeit ähnlichen Demonstrationen in der Vergangenheit zuteil wurde.

Was helfen würde: Die Polizei abschaffen!

Doch, das geht. Es wäre wahrscheinlich sogar besser für alle. Nicht nur in den USA wird die Debatte rund um eine mögliche Abschaffung der Polizei immer größer. Das verbirgt sich theoretisch in letzter Konsequenz auch hinter der Forderung und dem Hashtag #defundthepolice. Es mag vielleicht kontraintuitiv wirken, aber es gibt eine Alternative.

Wird jetzt in Minneapolis wirklich die Polizei abgeschafft?

Update: Robin Wonsley Worlobah über den Aufstand in Minneapolis, Pläne, die Polizei abzuschaffen, und die Mehrfachkrise in den USA Interview: Stephan Kimmerle Das folgende Interview mit der Aktivistin Robin Wonsley Worlobah aus Minneapolis wurde zum Großteil am Sonntagnachmittag, den 31. Mai, geführt und in einer älteren Version bereits auf dieser Seite veröffentlicht.

Wir brauchen kein zweites Militär. Was wir brauchen, sind Investitionen in die Communitys, in öffentliche Strukturen, Hilfsangebote und Sozialarbeiter*innen. Es gibt einige Modellprojekte, viele Ideen und Theorien sowie Artikel, Gespräche und Interviews zu dem Thema: Diese positive Utopie ist gar nicht mal so unrealistisch, sondern eine kreative, menschenfreundliche Alternative.

Defunding Police: What It Takes to End Police Violence

Millions have taken to the streets with a clear and distinct call to end police violence and to defund police. They have been met with a brutal wave of repression from police departments across the country, with the unequivocal blessing of the Trump administration. We need to be explicit.

Stellt es euch vor: Wir brauchen keine Person mit einer Waffe, wenn wir einen psychiatrischen Notfall haben. Was wir brauchen, wäre jemand, der sich im Umgang mit akut psychisch Kranken auskennt. Jemand, der nicht noch mehr Angst und Schrecken verbreitet oder die Betroffenen einfach gleich über den Haufen ballert.

(null)

(null)

In den USA gibt es erste Schritte in diese Richtung. Zumindest in Minneapolis wurde bereits erkannt, dass die Polizei und deren ganzes System so kaputt ist, dass Reformen allein nichts mehr bringen. Stattdessen soll nun überlegt werden, was an die Stelle der Institution treten kann, um die Dinge wirklich zu verbessern.

Das könnten wir auch in Deutschland machen, wenn wir nicht mit anderen Dingen beschäftigt wären.

Black Lives Matter: So kannst du dich über Rassismus informieren & helfen

Aufgrund der anhaltenden Proteste in Amerika ist das Thema Rassismus aktuell wieder so stark im Fokus der Öffentlichkeit wie lange nicht mehr. Der Mord an George Floyd durch einen Polizisten scheint der Tropfen gewesen zu sein, der das berühmte Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Groove Attack powered by Hiphop.de

Groove Attack powered by Hiphop.de

Deine Deutschrap-Playlist powered by Hiphop.de, immer mit den aktuellsten Tracks der deutschen Hip-Hop Szene! Cover: ERRDEKA

Groove Attack ist Streaming Partner von Hiphop.de

Kommentare

Sehr emotional geschrieben, kann euch aber nur zustimmen. Macht weiter so! Das was ihr hier sagt ist einfach wichtig!

Leute, ihr versteht was komplett falsch. Sorry, aber aus dem Grund hör ich keinen Rap mehr. Stellt euch mal vor, es gäbe keine Polizei mehr. Was würdet ihr mit jemandem machen, der eurer Familie etwas schlimmes angetan hat? Klar sind Rassismus und Gewalt ein Problem, ABER BLM ist ebenfalls eines. Es geht bei BLM nicht um Aufstehen und zusammen kommen, sondern um Niederknien und Streiterein. Leute wie Gandhi, Malcolm X oder Bob Marley wären enttäuscht von dieser Bewegung. Kein Wunder, dass es nun auch Schwarze gibt, die lieber #AllLivesMatter sagen. Schwarze sind nicht die einzige Minderheit, und ich glaube eh nicht an Hautfarben. Nur an gute und schlechte Menschen (und auch Menschen dazwischen).

Deine Meinung dazu?

Weiter ...

Warum es keinen Rassismus gegen Weiße geben kann

Warum es keinen Rassismus gegen Weiße geben kann

Von David Molke am 28.08.2020 - 19:05

Nein, es gibt keinen Rassismus gegen Weiße. Selbst wenn die sich das teilweise regelrecht zu wünschen scheinen. Weil so viele Leute das anscheinend immer noch nicht kapiert haben oder BIPoCs nicht glauben wollen, erkläre ich als Whitey auch nochmal, wieso das so ist: Rassismus ist eine Erfindung von Weißen, die sich gegen alle anderen richtet.

Wieso jetzt? Wie das aktuelle Geschehen zum Beispiel in Deutschland und in den USA zeigt, werden wir wohl noch eine Weile mit Rassismus beschäftigt sein. Wenn auf eine Sache Verlass ist, dann darauf, dass sofort Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird, sobald es um Rassismus geht. Dabei ist dieser Zeitpunkt so gut wie jeder andere, um in diesem Rahmen nochmal auf die Problematik hinzuweisen und da das Thema immer wieder auf den Socials trendet, scheint es da immer noch Bedarf zu geben.

Solange Menschen wie Hustensaft Jüngling solche Themen noch für schlechte Scherze nutzen, ist die Sache wohl einfach noch nicht klar genug. Das wollen wir ändern und euch gleichzeitig eine Argumentationshilfe für künftige Diskussionen liefern.

Begrifflichkeiten: Was ist Rassismus? Was sind überhaupt Weiße?

Um über Rassismus und über Weiße sprechen zu können, sollten wir zunächst die Definitionen und grundlegenden Begriffe klären, mit denen wir hantieren. Dadurch lassen sich oft schon die allergröbsten Missverständnisse aus der Welt räumen. Zum Beispiel Rassismus: Nein, Frauke, was du erlebst, ist keiner – so viel schon mal vorweg.

Back to basics: Es gibt weder weiße noch Schwarze Menschen. Jedenfalls nicht so, wie die beiden Begriffe von unserer weißen Mehrheitsgesellschaft benutzt werden. Diese Unterteilung ist natürlich Bullshit und eine Erfindung der Weißen, um eine Rechtfertigung zu haben, alle anderen zu unterdrücken (darum schreibe ich die Begriffe hier auch Schwarz und weiß: Es handelt sich um soziale Konstrukte und Selbstbezeichnungen).

Rassismus als System: Rassismus ist nicht durch Rassen entstanden, die es bei Menschen sowieso nicht gibt. Andersherum: Weiße haben Menschenrassen erfunden, um Kolonialismus und Sklavenhandel (oder besser: Maafa) zu rechtfertigen. Allein zu diesem Zweck wurde die gesamte Menschheit von Weiße in sie selbst und alle anderen unterteilt.

Das nennt man Othering: Es hat damit zu tun, sich selbst als den Normalfall und gleichzeitig als das anzustrebende Ideal darzustellen. Alles, was davon abweicht, ist etwas anderes und somit automatisch weniger wert. Diese Einteilung ist natürlich willkürlich und frei erfunden. Sie funktioniert auch nur aus der Perspektive derjenigen, die die nötige Macht haben, ihre Sicht der Dinge durchzusetzen.

Fremdenfeindlichkeit vs Rassismus: Rassismus ist ein System, das entwickelt wurde, um die Rechtfertigung von Ausbeutung der übelsten Art und Weise zu ermöglichen. Dieses System hat nicht nur über 400 Jahre lang die Menschheitsgeschichte geprägt, sondern sich auch ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Es wirkt nach, und zwar in uns allen, auf unterschiedliche Art und Weise – egal, ob wir wollen oder nicht.

Dieses willkürliche Ordnungsprinzip namens Rassismus wurde von uns beziehungsweise unseren Vorgänger*innen ins Leben gerufen, um Weißen das Leben zu erleichtern und um alle anderen zu benachteiligen. Diese Struktur und Denkweise ist ein gemeinsames Werte-System, das genutzt wird, um Menschen auszuschließen, zu erniedrigen, ihnen ihren Wert abzusprechen und um sie auszubeuten.

Aminata Touré über Rap, Black Lives Matter und Polizeigewalt - Interview mit Pegah Tajalli

Die Black Lives Matter-Bewegung ist nach jahrelanger Arbeit in aller Munde und hat nach der Ermordung von George Floyd auf der gesamten Welt zu einschlägigen Protesten gegen Rassismus, Diskriminierung und Hass aufgerufen und dabei große Statements gesetzt...

Darum kann es keinen Rassismus gegen Weiße geben:

Wir Weiße haben dieses System eingerichtet und tragen jeden Tag dazu bei, es am Leben zu erhalten, wenn wir uns das nicht klar machen. Wir sind diejenigen, die jeden Tag davon profitieren, ob unbewusst oder nicht, ob wir wollen oder nicht: Wir gewinnen eigentlich immer automatisch, weil wir in der Regel aus einer besseren Position heraus starten als der ganze Rest (obwohl wir eigentlich in der Unterzahl sind). Dafür sorgt der Rassismus.

Nein, das ist kein Rassismus, was du vielleicht erlebt hast

Was Björn und Beatrix eventuell im Urlaub erlebt haben und als Rassismus fehlinterpretieren, kann allerhöchstens Fremdenfeindlichkeit sein, Diskriminierung oder Xenophobie. Aber Rassismus ist das nicht. Auch wenn sie das Gefühl hatten, aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt zu werden: Das ist kein weltweites, seit Jahrhunderten aktives System, das konstant gegen sie arbeitet. Das hat nichts mit Sklaverei, Ausbeutung, Kolonialismus und Unterdrückung zu tun. Rassismus schon.

Umgekehrt gilt übrigens dasselbe: Wenn in Berlin-Neukölln ein Restaurant von Nazis angezündet wird, hat das nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Diese Menschen sind keine Fremden, sie leben hier, sie sind nicht fremd. Das Problem heißt 'Rassismus' und wer nicht bereit dazu ist, es so zu benennen, sich damit auseinander zu setzen und entsprechend zu handeln, ist immer auch Teil des Problems.


Foto:

James Eades on Unsplash (unsplash.com/@eadesstudio)

Lest die Bücher von Tupoka Ogette, Alice Hasters, Noah Sow & Co.!

Bücher wie "Exit Racism" von Tupoka Ogette oder "Deutschland Schwarz Weiß" von Noah Sow oder "Eure Heimat ist unser Albtraum" von unter anderen Hengameh Yaghoobifarah oder "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen" von Alice Hasters sollten ausnahmslos alle lesen. Dann müssten wir nicht immer wieder von vorn und bei den Basics anfangen.

Das ist der Stoff, der in der Schule gelehrt werden müsste. Um nicht immer wieder die Grundlagen klären zu müssen, um irgendwann auch mal weiter zu kommen, um zielgerichtete Debatten zu führen, die uns als Gesellschaft weiterbringen, wäre es wirklich angebracht, wenn die Basics klar wären.

Wir haben euch das und noch viel mehr schon vor geraumer Zeit empfohlen und selbst auch schon jede Menge zum Thema geschrieben. Das ist alles immer noch aktuell:


Sag uns deine Meinung zu diesem Artikel! (0 Kommentare)

Register Now!