Das Ende der 187-Ära? Wenn Heroin zur Pointe wird

Wenn eine Ära endet, dann selten mit einem unüberhörbaren Knall. Es ist ein schleichender Prozess, in dem ein anderer Mensch, eine neuere Idee, eine innovativere Energie die Dominanz des Alten langsam ablöst. Erst merkt man es unterbewusst, aber mit der Zeit gibt es immer wieder Momente, in denen der Eindruck sich verfestigt. Manche Menschen werden noch ihr Leben lang an dem hängenbleiben, was sie für Jahre geprägt und beeinflusst hat. Beispiele gibt es in allen Bereichen unseres Lebens.

Die Ära der 187 Strassenbande geht zu Ende

Man kann Deutschrap in die unterschiedlichsten Zeitrechnungen unterteilen – Künstler, Styles, Sound, Labels. Und obwohl es mit jedem Jahr schwerer wird, der so vielfältigen Szene einen einzigen Stempel aufzudrücken, steht eins fest: Seit 2015 waren Bonez MC, Gzuz, LX, Maxwell, Sa4 und auch Jambeatz die "Helden von Jetzt".

Das asoziale Verhalten und den Drogenkonsum der 187 Strassenbande hat man lange mit einem im Nachhinein sehr unangenehmen Voyeurismus mitgetragen. Die sind halt einfach real, richtig? Die werden schon nicht übertreiben, wenn Hunderttausende Kids zusehen, oder? Zumindest Bonez wird schon wissen, was er und seine Jungs da tun. Oder etwa nicht?

"Hab ich das jetzt echt verstanden? / Ihr seid wirklich alle Fans von Junkies?" (KEZ, "Intro")

KEZ und anderen Rappern ist es längst ein Dorn im Auge, wie offen manch ein Rapper 2019 mit dem Konsum illegaler Drogen umgeht. Ständig bekifft und besoffen zu sein, ist kein guter Plan für's Leben. Aber was will man schon von einem Rapstar erwarten, wenn man ähnliches auch im eigenen Freundeskreis beobachten kann?

Irgendwann gehörte dann Dirty Sprite, also die hauptsächlich aus Amerika bekannte Mischung aus Sprite und Codein, zum Standard-Repertoire von Bonez' Insta-Stories. Mit Musik unterlegt und durch unterschiedliche visuelle Stilmittel wirkte es manchmal wie Werbung für das Opiat, das auch für die Tode von Pimp C und DJ Screw verantwortlich gewesen sein soll. Aria und Toxik äußerten bereits im Frühjahr 2018 ihre Bedenken, was den exzessiven Lifestyle in der Öffentlichkeit angeht (ab 11:18 Minuten).

Lange Zeit wurde es als cool angesehen, wenn Rapper über das Dealen den Weg aus dem Dreck schafften. "Never get high on your own supply", riet Biggie uns in "Ten Crack Commandments". Heute nehmen die Rapper – selbstverständlich nicht nur 187-Mitglieder – selbst mehr Drogen als ihre ehemaligen Kunden und machen daraus Texte. Sind wir wirklich alle Fans von Junkies? 

Bonez mit Spritze in der Insta-Story

Eine neue Eskalationsstufe bekam es gestern, als Bonez mindestens andeutete, sich intravenös Drogen zu verabreichen. Bonez packt eine handelsübliche Tuberkulinspritze aus, die wenig später mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt ist. Dann sieht es aus, als würde ein anderer Mann sich wie ein routinierter Fixer eine Spritze zwischen die Zehen stechen und abdrücken. Später sieht man eine andere Spritze in Bonez' Oberschenkel stecken. Fans antwortet er auf Nachfrage, es würde sich um Heroin handeln, und teilt den Chatverlauf mit dem Kommentar "Beste Leben" in seiner Story.

Auf Instagram deutet er an, es hätte sich lediglich um Cranberry-Saft gehandelt. Dann hätte er es extra so aussehen lassen, als würde er sich Hero spritzen? Hihihi, was ein Joke! Geil die Kids und die Medien getrollt! Traut man ihm durchaus zu. Vielleicht wollte er einfach einen Skandal provozieren und hatte damit Erfolg – das wäre schon maximal wack. Wenn Heroin eine Pointe ist, wird ein Hype zum Verhängnis.

Update: Inzwischen hat Bonez sich zu der Sache geäußert und klargestellt, dass er sich "keine Spritze geben" könne. Er habe sich in seinem Leben noch nichts gespritzt.

Der gesunde Menschenverstand spricht erstens gegen H und zweitens dagegen, Aufnahmen vom intravenösen Konsum für zwei Millionen Follower in eine Insta-Story zu posten. Man will aber auch nicht Haus und Hof darauf verwetten, dass Bonez sich nicht auf diese Weise einen wie auch immer gearteten Rausch verschaffen würde. Welche Variante in diesem Fall zutrifft, ist zwar nicht für die Gesundheit der Jungs, aber zumindest für die öffentliche Wahrnehmung scheißegal. Der Mann glorifiziert ohne klar erkennbare Ironie Heroin und Tausende sehen ihm dabei zu. Wenn nur ein einziger Zuschauer sich davon inspiriert fühlt, sein Leben durch Heroin wegzuwerfen, geht das nicht spurlos an Bonez' Karmakonto vorbei.

Parallel dazu spricht man in den USA mittlerweile von einer regelrechten Opioid-Epidemie. Von geschätzten 72.000 Toten durch eine Überdosis im Jahr 2017 kamen die meisten durch Opiate ums Leben.

Previously on Bonez' Instagram: Witze über häusliche Gewalt

Es ist nicht allzu lange her, dass Bonez seinen Instagram-Kanal nutzte, um sich über Opfer häuslicher Gewalt lustig zu machen. Erst letzte Woche veröffentlichte der Kollege Skinny bei Rap.de einen starken Meinungsartikel zu diesem Thema. Er fordert die Veranstalter der Hype Awards dazu auf, Bonez vom Voting auszuschließen. Neben anderen Kategorien (mit RAF Camora) ist er ausgerechnet in der Kategorie "Hype Instagram" nominiert. Skinny sieht Fehler bei Organisatoren und Jury.

"Falls euch irgendetwas an Werten wie Integrität oder Anstand liegt, disqualifiziert ihr Bonez MC nachträglich von der Abstimmung. Jetzt sofort. Es liegt in eurer Hand – ihr seid schuld, wenn dieser Mann für seinen Spott gegenüber Frauen, denen Gewalt angetan wird, wirklich einen Preis erhält. Euren Preis."

Laut Vice wird Bonez weiterhin nominiert bleiben, die Fans entscheiden per Voting, wer am Ende gewinnt.

Erfolge en masse, aber die Zeit läuft ab

Natürlich bedeuten Skandale auf Instagram nicht direkt das Ende einer Ära – für manche sind sie eher Öl ins Feuer als eine Decke, die der Flamme die Luft nimmt. Und 187 ist mehr als Insta-Stories von Bonez.

Was haben wir uns alle amüsiert über die direkte, authentische und oft unterhaltsame Art. Catchphrases, knallende Songs, rohe Action in den Videos, kreative Promo-Moves, eskalative Autogrammstunden – es war atemberaubend, wie die Hamburger Crew ihren Hype spätestens seit dem Erscheinen des Samplers Anfang 2015 Monat für Monat steigern konnte.

Was haben wir uns nicht über "Palmen aus Plastik" und frischen Wind in der Szene gefreut. Das Album wird auch in zehn Jahren noch als Meilenstein für deutschen Rap gelten und es wirkt angesichts der beeindruckenden Ausmaße der Tour zum Nachfolger nahezu absurd, das Ende der 187-Ära auszurufen. Doch das Ende einer Ära bedeutet nicht das Ende des Erfolgs.

Gzuz' Solodebüt "Ebbe & Flut", der erste vorläufige Höhepunkt eines Hypes wird im Oktober vier Jahre alt. Viel länger hielt kaum eine Ära im deutschen Rap, der außerdem noch nie so schnelllebig war wie heute. Aggros Zeit als das heißeste Label Deutschlands neigte sich vier Jahre nach "Vom Bordstein bis zur Skyline" (2003) bereits dem Ende zu. Selfmade rückte Ende der 00er-Jahre in das neue Vakuum. Nach "King" (2014) und der absurd opulenten Promophase trat dann auch das Düsseldorfer Label langsam den schleichenden Weg Richtung Irrelevanz an. Hafti muss noch beweisen, dass er dem vermeintlichen Opus Magnum "Russisch Roulette", das vier Jahre nach "Azzlack Stereotyp" (2010) erschien, einen würdigen Nachfolger widmen kann. Seinen Stempel hat er Deutschrap ohnehin schon lange aufgedrückt so wie alle der genannten Rapper und Labels.

187 war lauter und asozialer als Aggro und ist es bis heute – 2014 war das neu und aufregend, ein halbes Jahrzehnt später nicht mehr. Musikalisch anfangs radikal Straße, später dann auch mit den bekannten Genre-Ausflügen, die den weiter ausufernden Hype erst ermöglichten. "Palmen aus Plastik" war in vielerlei Hinsicht innovativ, auch wenn die Vorlage für den größten Hit geradewegs aus Paris' 19. Arrondissement kam.

Aber was kommt danach? Was willst du erreichen, wenn du die Szene bereits geprägt und du jeden positiv, negativ oder auf beide Arten beeindruckt hast? "Wolke 7" fehlten schon die Ideen, obwohl wie auch auf "Palmen aus Plastik 2" stabile bis gute Musik zu hören war. Die zündenden Impulse sind der 187 Strassenbande ausgegangen, wie aktuell auch "Obststand 2" demonstriert. 

Auch das Handling öffentlicher Konflikte wirkt längst nicht mehr so souverän wie 2016, als Bonez abgeklärt auf Flers Provokationen reagierte, anstatt sich in einen Beef ohne Gewinner locken zu lassen. 

Ausblick auf die Zukunft

Nach der großen Aggro-Ära konnte Sido noch erfolgreicher werden, Hafti schaffte erst nach "Russisch Roulette" sein erstes Nummer-1-Album ("Der Holland Job" mit Xatar) und Elvir hat bei seinem neuen Label mit RIN einen neuen Künstler unter Vertrag, der derzeit eine prägende Rolle spielt. Manche der 187-Jungs werden auch weiterhin Hits abliefern, Venues von Graz bis Kiel ausverkaufen und Merch an den Mann bringen. Die Straßenbande hat einen Platz in der deutschen Rapgeschichte sicher.

Die Pole Position müssen sie jedoch räumen. Die Zeiten, in denen man zum Release neuen Materials die F5-Taste auf dem Kanal "CrhymeTV" penetrierte, sind vorbei. Längst drängen andere Rapper an die Front, die teils Aspekte des Erfolgs der 187 Strassenbande in ihrem Schaffen unterbringen. Das beste Beispiel ist Capi, der sich ebenfalls seinen übermäßigen Drogenkonsum – mindestens musikalisch – stolz auf die Fahne schreibt.. Gleichzeitig profitiert er davon, dass man sowohl hart als auch Mainstream erfolgreich sein kann. Auch "Palmen aus Plastik" hat den Weg an diesen Punkt geebnet. Auch die Gzuz-Capi-Kollabo "Paff Paff & weiter" (2016) als Push für den Berliner unmittelbar nach dem Release von "High & Hungrig 2" ist nicht zu unterschätzen.

Obwohl Capital seit einigen Monaten von einem Zenit auf den nächsten zu klettern scheint: Inzwischen machen schon wieder neue Rapper auf Instagram Welle – mit Rap und Gesang statt Drogen. Womöglich beginnt mit Mero und Co gerade eine neue Ära, die Deutschrap wieder einmal auf ein neues Level hievt, wie es schon so oft geschehen ist. Eine endgültige Aussage lässt sich heute nicht darüber treffen. Nach "Obststand" (2015) hätte auch niemand die kommenden Jahre vorhersagen können. Die Übergänge sind fließend in dieser extrem vitalen Szene.

So ging auch die 187-Ära nicht mit einem lauten Knall zu Ende. Es waren Kleinigkeiten, die sich in den letzten Monaten zu einem klaren Bild zusammengefügt haben. Jetzt ist Zeit für die Helden von Morgen.

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Finde nicht, dass der Hype vorbei ist, Bonez wird zurückkommen und das Gegenteil beweisen. Und wer nicht erkennt, was Schein und was nicht ist, hätte sich auch von Scarface beeinflussen lassen.

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Album des Jahres? "Trettmann" lässt uns hoffen & zweifeln

Album des Jahres? "Trettmann" lässt uns hoffen & zweifeln

Von Michael Rubach am 11.09.2019 - 17:33

Am Freitag erscheint das neue Album von Trettmann und KitschKrieg. Wo geht die Reise für den Nachfolger von "#DIY" hin? Das Album nach einer der besten Platten der letzten Jahre steht natürlich unter besonderer Beobachtung. Auch innerhalb der Hiphop-Redaktion verfolgen wir aufmerksam Trettis Moves. Die Erwartungen an "Trettmann" driften dabei auseinander.

Michael: Trettmann wird eines der Alben des Jahres abliefern

Trettmanns Aufstieg ist fast zu schön, um wahr zu sein – er ist mit "#DIY" in einem Alter durch die Decke gegangen, als manche Kollegen schon lange jede Hoffnung begraben hätten. Wem muss er also etwas beweisen? Niemandem. Meine Erwartungshaltung an den Nachfolger des KitschKrieg-Tretti-Meilensteins ist bisher auf einem moderaten Level. Alles andere wäre ungerecht.

Es ist relativ einfach: Wenn es nur annährend gelingen sollte, das Niveau von "#DIY" zu halten, ist wieder eine der Platten des Jahres entstanden. Die Zeichen dafür stehen gut. Eine gelungene Mischung aus Bekanntem und Neuem stimmt mich im Großen und Ganzen zuversichtlich.

Trettmann & KitschKrieg schließen an "#DIY" an

Die Ästhetik spielt bei der Figur Trettmann eine elementare Rolle. Der Schwarz-Weiß-Film ist auch fester Bestandteil der aktuellen Kampagne. Es fällt daher leicht, den Anschluss an "#DIY" und die Bildsprache zu finden. Im "Intro" des Albums lässt der Don den Hörer an seiner fast schon kuriosen Erfolgsgeschichte teilhaben und schlägt auch textlich die Brücke zwischen "#DIY" und 2019. Seine Herangehensweise an die Musik hat sich dabei hörbar nicht verändert:

"Was mich zu Tretti macht / Ich tu' das, was mich happy macht"

Dazu zählt offensichtlich, gelungene Kunstgriffe zu wiederholen. Etwas anderes als die oft gespielte Gzuz-Karte hätten sich wohl viele – mich eingeschlossen – erhofft. Insofern die Gedanken nicht um Vorwürfe zu Trettis Feature-Partner kreisen, ist "Du Weißt" ein stabiler Song, der im Kontext des Albums noch mehr aufgehen könnte. Auch der deepe Vorabtrack im Geiste von "Grauer Beton" wirkt. Die "Stolpersteine" treffen genau ins Mark. Dabei wendet sich Tretti den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte zu. Er begegnet dem Grauen der Deportation mit großartigem Songwriting. Allein das geht schon inhaltlich tiefer als manche Diskografien und verdient tiefen Respekt.

Trettmann wird wieder zum "Raver"

Was Trettmann trotz dieser direkten Anknüpfungspunkte nicht tut, ist seine Erfolgsplatte Stück für Stück nachzubauen. Das Rave-Konzept, was er schon auf dem Frauenfeld angekündigt hatte, durchzieht die Tracks und erweitert die Figur Trettmann. Der Rauscherlebnis scheint die Platte zu einem homogenen Gesamtprodukt zu verbinden. Auch wenn ein Song wie "Stolpersteine" nicht nach kollektiver Ekstase klingen mag, so ist die Feierei doch auf textlicher Ebene präsent. Damit schmückt Trettmann eine Facette seiner Figur weiter aus, die schon 2016 auf der "KitschKrieg 2"-EP direkt auf dem Track "Raver" konkret zum Tragen kam. Apropos KitschKrieg: Die reduzierten Produktionen des Künstlerverbunds sind wieder über jeden Zweifel erhaben. Wer das hatet, dem ist nicht zu helfen.

Trettmann setzt auf weibliche Impulse

Mit KeKe und Alli Neumann schlägt Tretti auf der Feature-Seite einen neuen Kurs ein. Auf "#DIY" gaben sich vermehrt die großen Namen der Szene die Klinke in die Hand. Die Wienerin KeKe steht noch am Beginn ihrer Karriere und bekommt durch Tretti die Möglichkeit, ein größeres Publikum von ihrem Talent zu überzeugen. Alli Neumann scheint musikalisch direkt aus den Achtzigern entsprungen zu sein. Welchen Einfluss ihre Neue Deutsche Welle–Attitude auf einen ravenden Trettmann hat, wird spannend zu beobachten sein. Allein diese beiden weiblichen Gäste lenken das Trettmann-Album in eine neue Richtung. Von den vereinzelten "Palmen aus Plastik"-Tunes auf "#DIY" bleibt augenscheinlich wenig übrig.

FREITAG

25.4k Likes, 482 Comments - TRETTMANN (@realtrettmann) on Instagram: "FREITAG "

Trettmann & KitschKrieg machen Kunst

Kein Künstler will sich wiederholen. Trettmann und KitschKrieg bilden da keine Ausnahme. Sie haben klargemacht, dass das neue Album kein zweiter Teil von "#DIY" sein kann und wird. Statt jedoch einen harten Bruch voranzutreiben, vollziehen sie mehr einen gut überlegten Ausbau des eigenen musikalischen Universums. Dieser ist einerseits raffiniert genug gestaltet, um zu untermalen, das hier etwas Neues und Eigenständiges auf den Markt kommt. Andererseits reichen Tretti und KitschKrieg den Fans die Hand und erleichtern den Übergang zum Rave.

Alles läuft auf ein Stück Musik hinaus, das 2019 in dieser Form noch nicht zu bieten hatte, aber dennoch enorm vertraut wirkt. Erwartungsdruck scheint Trettmann und Kitschkrieg dabei nicht aus der Bahn geworfen zu haben – viel zu klar zeichnet sich die die Konturen eines in sich geschlossenen Albums ab. Es würde mich wirklich wundern, wenn "Trettmann" als Gesamtwerk nicht zündet.

David: Gzuz-Feature und "Stolpersteine" dämpfen die Vorfreude

Meine Hoffnungen im Hinblick auf das neue Trettmann-Album halten sich leider in Grenzen. Um das gleich vorweg zu sagen: Ich finde "#DIY" ist eines der besten Alben, die der deutschsprachige Hiphop-Kosmos hervorgebracht hat, ein rares Meisterstück. Gerade deshalb dürfte es aber eben auch extrem schwierig sein, daran anzuknüpfen, ohne die Erwartungen zu enttäuschen, beziehungsweise ein derart hohes Level zu halten.

Wird "Trettmann" wie die 3 "KitschKrieg"-Tapes?

Das "Intro" gefällt mir allerdings schon mal sehr gut. So gut, dass ich wirklich positiv überrascht war. Das klingt einerseits erfreulich stark nach dem alten Trettmann, bietet aber gleichzeitig auch genug frischen Wind. Bei mir weckt das sofort Erinnerungen an die drei grandiosen "KitschKrieg"-Tapes von Trettmann.

Auf denen wurde allerdings auch schon das Rave-Thema bereits ausgiebig beackert, und zwar mit Bravour. Ich kann mir irgendwie nicht recht vorstellen, dass dem noch etwas wirklich wertvolles Neues hinzuzufügen ist, das den Tapes gefehlt haben sollte, lasse mich aber natürlich wirklich gern eines Besseren belehren.

Auch stilistisch stimmt hier für mich alles, die Arbeit von awhodat ist sowieso über jeden Zweifel erhaben (was selbstverständlich auch für die KitschKrieg-Produktionen gilt). Obwohl ein Schwarz-Weiß-Look oder das Cover-Artwork zu "Trettmann" jetzt auch nicht unbedingt die größten Neuerfindungen des Jahres 2019 darstellen. Sei's drum, das zündet trotzdem alles und ergibt ein stimmiges Gesamtbild.

Gzuz-Feature? Du weißt, dass da mehr geht

Aber "Du weißt" mit Gzuz hat mir dann doch wieder einen gehörigen Dämpfer verpasst. Auch ich kann nicht so recht nachvollziehen, wieso Trettmann sich dazu veranlasst sieht, einfach nochmal dasselbe zu machen. Zumindest wirkt es im Hinblick auf den Track mit Gzuz so, als solle hier einfach schablonenartig der Erfolg von "Knöcheltief" beziehungsweise "Standard" wiederholt werden. 

Im Hinblick auf Gzuz hat es Trettmann leider versäumt, auf befriedigende Art und Weise Stellung zu beziehen. Was insbesondere deshalb so ärgerlich, frustrierend und enttäuschend wirkt, weil Trettmann sonst eigentlich nie darum verlegen ist, die richtigen Worte zu finden oder klare Kante (zum Beispiel gegen Rechts) zu zeigen. Wieso nicht auch hier?

"Stolpersteine" fehlt die emotionale Wucht

Der "Stolpersteine"-Funke will bei mir leider überhaupt nicht überspringen. Klar, ein derartiges Thema anzugehen, verdient Respekt. Aber ich frage mich ernsthaft, was die in diesem Zusammenhang doch arg simple Hook soll und vor allem: Wozu braucht es hier die Rave-Rahmenhandlung und diese Beziehungskiste? Auch wenn ich das Mahnende, das Warnende und den Bezug zur heutigen Zeit als wichtig erachte, passt das Ganze für mich nicht richtig zusammen und ich finde, das fällt zu eindimensional aus. Und das ist doppelt schade, weil doch gerade das unfassbar traurige "Geh ran" ein unglaublich starker Song (und vielleicht Trettmanns bester) ist. Vielleicht fehlt mir bei "Stolpersteine" das Persönliche, was "Geh ran" für mich so treffsicher gemacht hat.

Was zählt, ist das Gesamtkunstwerk

Andererseits: Vielleicht fügt sich das Ganze ja aber wirklich auch noch zu einem großartigen Gesamtbild zusammen, wenn der Song im Kontext des Albums zur Geltung kommt. Das ist einer der Punkte, die wir Trettmann und KitschKrieg definitiv zugutehalten müssen und etwas, das in den letzten Jahren gern vernachlässigt wird: Ein richtiges Album abzuliefern, als stimmiges Gesamt-Kunstwerk, mit Konzept und rotem Faden.

Trotz des Gemeckers auf hohem Niveau und einigen wenigen, vermeintlichen Haaren in der Suppe: Wenn alles gut geht, erreicht uns am Freitag von Trettmann und KitschKrieg das Album des Jahres 2019. Um genau diesen hohen Ansprüchen und der damit verbundenen möglichen Enttäuschung entgegenzuwirken, versuche ich meine Erwartungshaltung herunterzuschrauben.


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