Travis Scott in Fortnite: Der Urknall einer neuen Ära

Travis Scott und Epic Games haben mit ihrem Fortnite-Event alles richtig gemacht: Über 12 Millionen Menschen waren gleichzeitig bei dem Spektakel im Spiel dabei, knapp 28 Millionen einzelne Personen schauten insgesamt zu. Es gab zwar schon andere Events in Fortnite, aber noch keines wie dieses. "Astronomical" war Next Level, und zwar gleich auf mehreren Ebenen – erleben wir den Anfang einer neuen Ära?

Astronomical: Das Travis Scott-Event in Fortnite bricht Rekorde

Rund um das Travis Scott-Spektakel namens "Astronomical" gab es schon im Vorfeld unzählige Leaks und Gerüchte. Als das Event dann tatsächlich stattgefunden hat, konnte es trotzdem noch überraschen. Nicht nur die Ankündigung der kleinen virtuellen Tour schlug ein wie eine Bombe, sondern auch die fünf einzelnen Events.

Mittlerweile steht fest, dass das Ganze ein absoluter Erfolg war. Schon beim ersten Termin wurden Rekorde gebrochen: Über 12 Millionen Menschen haben sich den Spaß gleichzeitig gegeben. Insgesamt waren es laut Epic Games fast 28 Millionen einzelne Menschen, die sich das Travis Scott-Event zusammen 45,8 Millionen Mal angeschaut haben.

Travis Scotts episches Fortnite-Konzert mündet in Rekord

Travis Scott hat das Fortnite-Universum mit seinem "Astronomical"-Event auseinandergenommen!

Mehr als ein Konzert: Astronomical war eine echte Innovation

Virtuelles Spektakel: Es gab bereits unzählige Crossover-Events in Fortnite, zum Beispiel mit Avengers, Godzilla, Star Wars oder Marshmello. Vorher war also nicht nichts, daher passt die Urknall-Metapher vielleicht nicht zu 100 Prozent. Aber das alles wirkt jetzt nur noch wie Vorgeplänkel für das, was bei "Astronomical" von Travis Scott los war.

Während das Marshmello-Event noch sehr nah an einem echten Konzert war, haben Epic und Travis Scott hier etwas völlig Neues auf die Beine gestellt. In dieser Form hat es das noch nie gegeben.

Hier fand nicht einfach nur innerhalb eines Videospiels ein Konzert statt, nein: Hier wurde die komplette Spielwelt mit einbezogen. Wer live dabei war, sah einen riesigen Travis Scott herumstapfen und wurde von ihm durch die Luft geschleudert, während alle frei herumlaufen konnten.

Anschließend regnete es Licht und Feuer, wobei sich Travis Scott langsam aber sicher verwandelt hat. Kurz danach wurden auch noch sämtliche Regeln der virtuellen Welt außer Kraft gesetzt. Die Spielwelt geriet zuerst in Schräglage, bevor sie im wahrsten Sinne des Wortes komplett auf den Kopf gestellt wurde.

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Dann wurden die Spieler*innen vollends zum interaktiven Teil eines Musikvideos. Stellt euch die Visuals auf einem Techno-Festival vor, und ihr seid mittendrin. Nicht beim Konzert, sondern in den Visuals selbst, oder im Musikvideo. Astronomical war wortwörtlich abgespacet.

Das Event verfrachtete sämtliche Teilnehmer*innen unter Wasser zwischen leuchtende Quallen und letztlich sogar völlig schwerelos in den Weltraum. Währenddessen war Travis Scott in unterschiedlichsten Ausführungen zu sehen: Mal als leuchtender Taucher, mal als Figur mit Planetenkopf, um den Trabanten kreisen.

Völlig neu: So etwas ging bisher nur in Musikvideos oder eben Licht-Installationen. Aber wir konnten bislang nie wirklich Teil davon sein – und das auch noch zusammen mit anderen Menschen. Noch nie galt die Devise mittendrin statt nur dabei so sehr wie hier.

Tarik on Twitter

@FortniteGame This part of the event was so good, It's socking you guys managed to do this all at home https://t.co/mHXBVtCA3u

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Die Corona-Krise zerstört Live-Events

Das riesige Fortnite-Event war wohl schon eine ganze Weile geplant. Immerhin gab es die Gerüchte und Leaks schon vor Monaten. Die Vorarbeiten dürften dementsprechend auch schon vor der Coronavirus-Pandemie gelaufen sein.

Trotzdem passt der Zeitpunkt natürlich geradezu ideal, um neue Impulse zu setzen: Fast die gesamte Live-Branche befindet sich in einer der größten Krisen, seitdem es sie gibt. Artists, DJs, Veranstalter*innen, Promoter*innen und viele mehr fürchten um ihre Jobs ud Existenzen.

Aktuell schauen viele Menschen, was eigentlich noch so geht und suchen nach Alternativen. Streaming und der virtuelle Raum nehmen dadurch plötzlich sehr viel mehr Raum ein, als sie es bisher getan haben. Auf einmal merken alle, was technisch alles möglich ist.

Gaming ist im Allgemeinen und im Speziellen auf Steam, dem Xbox Game Pass, PS Plus und der Nintendo Switch massiv auf dem Vormarsch. Auch Twitch, Discord und Co gehen aktuell durch die Decke.

Da könnte so etwas wie dieses Fortnite-Event eine noch größere Vorbild-Funktion einnehmen, als es das sowieso schon tut.

Corona bedroht die Live-Kultur: Alternativen & Support-Möglichkeiten

Die Corona-Krise crasht den Festivalsommer. Aber nicht nur das: Bis Ende August sind alle großen Veranstaltungen abgesagt. Damit ist die Pandemie gleichzeitig eine Krise für die komplette Live-Musik und trifft damit natürlich auch Rapper...

Die Zukunft von Konzerten liegt vielleicht generell im Virtuellen

Crosspromo ist das Zauberwort: Bei Events wie diesen gibt es eigentlich nur Gewinner. Die Fanbase des Rappers wird erweitert um diejenigen, die sonst nur Fortnite gespielt hätten. Und Travis Scott lockt seine Fans auf den virtuellen Spielplatz, wo sie vielleicht bleiben und Geld ausgeben.

Da wir momentan nicht wissen, wie, wo und wann genau überhaupt wieder Konzerte stattfinden können, klingen virtuelle Events für viele Menschen wahrscheinlich noch interessanter, als sie es sowieso schon sind.

Unendliche Möglichkeiten: Die Optionen sind endlos. Nicht unbedingt nur in Fortnite, sondern generell mit Mitteln wie dem Grafikgerüst der Unreal Engine, vergleichbaren Werkzeugen oder ganz anderen Angeboten.

Hologramme, anyone? So können nicht nur lebendige Menschen per Motion Capturing in virtuelle Welten verfrachtet werden, sondern das ermöglicht natürlich auch Auftritte von 2Pac oder Biggie, wie sie bisher zum Beispiel schon mit Hilfe von Hologrammen bewerkstelligt wurden.

Der Fantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt, wenn wir das zu Ende denken. Viele Spiele funktionieren sowieso schon als Live-Service und bieten regelmäßig unterschiedliche Events und Aktionen. Da bieten sich eigentlich noch viel mehr und noch verrücktere Kooperationen an.

Beschleunigt durch Umstände wie die der aktuellen Pandemie bewegen wir uns also vielleicht wirklich immer schneller auf einen richtigen Cyberspace zu. Ein Metaverse, eine virtuelle Online-Umgebung, in der wir verschiedenste Events aller Art erleben können.

The Metaverse: What It Is, Where to Find it, Who Will Build It, and Fortnite - Matthew Ball

There's a reason every Big Tech CEO has a well-worn copy of "Snow Crash" in their office.

Fortnite Party Royale: Was hat Epic Games da vor?

Einfach gesagt: Weltherrschaft. Epic arbeitet mit Hochdruck daran, möglichst alle Menschen dazu zu bewegen, Zeit in ihren Welten zu verbringen. Dank des durchschlagenden Erfolgs von Fortnite beziehungsweise dessen Battle Royale-Ableger drängt die Firma nun auch in unzählige andere Business-Bereiche.

Mit der Unreal Engine bietet das Unternehmen sowieso schon ein Grafik-Gerüst an, auf das die halbe Spielewelt zugreift. Seit geraumer Zeit gibt es bereits den Epic Games Launcher, der Valves Platzhirsch Steam als Spiele-Plattform angreift. Gleichzeitig wird Epic jetzt auch noch als Publisher tätig. Das heißt, dort werden nicht nur Werkzeugkästen und Spiele entwickelt, sondern die Games gleich auch noch vertrieben und vermarktet.

Virtuelles Rumhängen: Währenddessen arbeiten die Fortnite-Macher auch daran, mehr als nur ein Battle Royale-Ballerspiel anzubieten. Seit Kurzem gibt es zusätzlich einen Party Royale-Modus in Fortnite, samt komplett neuer, eigener Insel. Darin existieren weder Waffen noch Kämpfe, ihr könnt weder bauen noch ballern.

Stattdessen soll die neue Map einfach nur dazu einladen, gemeinsam herumzuhängen, Quatsch zu machen, Spaß zu haben und ein paar Minispiele zu zocken. Es gibt einen Fußballplatz, eine riesige Hauptbühne (perfekt für zukünftige in Game-Live-Konzerte), eine riesige Kinoleinwand (perfekt für Film-Crossover), Rennstrecken, einen Hindernis-Parcour, Möglichkeiten für Bootsrennen, zum Angeln und Hängegleiter-Time Trials sowie Farbbomben und Tomaten, die ihr schmeißen könnt.

Matthew Ball on Twitter

Threaded thoughts on what Fortnite's new gun-free island means https://t.co/EWmDsH8UtU

Damit entfernt sich Epic noch weiter von dem ursprünglichen Spiel und natürlich auch vom Battle Royale. Gleichzeitig öffnet sich die virtuelle Welt von Fortnite aber auch für alle, die keinen Bock auf stressige Kämpfe, Waffen oder Zeitdruck haben. Über kurz oder lang will Epic einfach alle Ziel- und Altersgruppen bedienen – und letztlich vermarkten.

Wenn das so weiter geht, hängen wir vielleicht wirklich irgendwann alle nur noch in solchen virtuellen Welten ab und ziehen uns darin die Live-Events der Zukunft rein.

Haltet ihr das für realistisch?

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Zwischen Elektro & Drill: Yeezus ist Kanye Wests abgehobenstes Album

Zwischen Elektro & Drill: Yeezus ist Kanye Wests abgehobenstes Album

Von Alina Amin am 18.06.2020 - 14:57

Es ist der Geburtstag aller Geburtstage – Kanye Wests Manifest Yeezus ist heute sieben Jahre alt geworden und ist ziemlich gut gealtert. Das 10-Track Album hat eins seiner Versprechen wohl gehalten: Langweilig wurde es nicht. 

Rassismus, Hedonismus und Machtfantasien: Yeezus ist eine Achterbahn der Gefühle

Kanyes sechstes Album in ein paar Worten zu beschreiben, scheint auch Jahre später relativ schwer. Familiendramen, Gesellschaftskritik und Machtfantasien finden gleichermaßen Platz in seinen Texten und verschwimmen zwischen funkelnden Beats und Weltmusik-Samples. Während Kanye auf "New Slaves" noch über systematischen Rassismus rappt, widmet er sich auf "Guilt Trip" seinem Herzschmerz und vergleicht sich auf "I Am A God" kurzerhand mit Jesus. 

Wenn man dem Sound also immer noch nichts abgewinnen kann: Thematisch war wirklich für jeden was dabei. 

Die Yeezus-Zeit: Peinliche Instagram-Captions und High-Fashion-Ästhetik

Derweil konnte man schon 2013 Kanyes Faible für High-Fashion und abstrakte Kunst erkennen. Auf fast allen Konzerten zu Yeezus trug dieser nämlich obskure, steinchenbesetzte Maison Margiela-Gesichtsmasken und sorgte stets für eine abstrakte Bühnen-Inszenierung mit gesichtslosen Models, dessen Ästhetik er auch heute noch für seine Yeezy-Modenschau recycelt.

Welches Faible der Louis-Vuitton-Don schon damals nicht hatte, war das für komplexe Texte und Lyrik. Mit seichten Sprüchen wie "Success got 'em jealous" und "One good girl is worth a thousand b*tches" konnte er tiefgründige Denker nicht unbedingt abholen – dafür aber einen Haufen Instagram und Tumblr-User sowie Meme-Fans. Und immerhin gab es auch einzelne Highlights:

"You see it's broke-n*gga racism, that's that Don't touch anything in the store'/ And this rich-n*gga racism, that's that Come in, please buy more."

Von Elektro bis Dancehall: Genres haben für Yeezus keine Bedeutung

Yeezus war längst nicht jedermanns Sache. Kritiker*innen haben Kanyes Werk zwar hochgepriesen aber für viele Fans des Rappers galt das Projekt als eins seiner schwächeren. Grund dafür waren aber nicht die (für ihn typischen) Texte, sondern der genreübergreifende Anspruch. 

Mit Schwergewichten aus der progressiven Elektro-Szene wie Daft Punk und Gesaffelstein aber auch damaligen Newcomer*innen wie Arca und niemanden geringeren als Travis Scott hat er ein Potpourri an unterschiedlichen Musikrichtungen und Sounds kreiert. Mit dem Ziel etwas ganz neues, schockierendes zu erschaffen, hat sich Kanye aus jeder Ecke der Musiklandschaft einzelne Bausteine genommen. 

Aber nur weil etwas anders oder komisch ist, ist es nicht unbedingt revolutionär.

Yeezus ist nicht das neue 808s & Heartbreak geworden

Was Kanye mit dem disruptiven Sound von Yeezus angestrebt hat, war ihm kein Novum: Eine neue Ära einleiten und einen weiteren Höhepunkt in der eigenen Diskografie setzen. Das hatte er mit dem Klassiker 808s & Heartbreak schon mal geschafft. Dieses hat, gemeinsam mit Alben wie Drakes "So Far Gone", den Weg für eine ganze Rap-Strömung geebnet. Weiche Texte und ein romantischer Autotune-Sound – aber eben auch Rap und nicht RnB, Soul oder Pop. 

Dabei war der 808s & Heartbreak-Stil nicht allein Kanyes kreativen Genie geschuldet. Irgendwo zwischen Freundschaft, gemeinsamen Projekten und Feature-Parts hat sich Yeezy nämlich stark von Kid Cudi inspirieren lassen. Auch der krasse Sound von Yeezus war im Untergrund schon längst angekommen – und zu großen Teilen von Travis Scott instigiert. 

Hiphop gemischt mit Industrial und elektronischen Klängen – da war die Band Death Grips oder Rapperin M.I.A schneller. Für schockierende Texte waren Odd Future-Mitglieder Tyler, The Creator oder Earl Sweatshirt ebenfalls schon bekannt. 

So ganz neu war beides also nicht. Aber muss es das? Kanye hat wiederholt bewiesen, dass er ein unglaublich guter Dirigent ist (obwohl er sich selbst wohl eher als das Genie hinter der Idee bezeichnen würde). Er hat Elektrokünstler, Chicago-Drill und ein quasi-geklautes ungarisches Sample auf einem Projekt zusammengebracht, als wäre es das Normalste auf der Welt – und daraus ein unglaublich unterhaltsames Projekt geschaffen. Allein dafür bildet Yeezus einen musikalischen Höhepunkt in Kanyes Karriere ab.

Yeezus manifestiert zwar keine neue Ära, aber!

Eine komplette Yeezus-Revolution im Hiphop konnten wir so nicht erleben. Es haben sich zwar kleine sowie große Artists von sechsten Studioalbum des Chicagoers inspirieren lassen, darunter Vince Staples mit seinem Album "Big Fish Theory", Tyler, The Creator bei "Cherry Bomb" oder Jpegmafia in seiner ganzen Stilrichtung. Auch RnB-Prinz The Weeknd hat sich für seine jüngeren Projekte wie "Starboy" und den Daft Punk-Kollaborationen bei seinem Kollegen kreative Impulse geholt. Ein Klassiker ist Yeezus aber nicht. Wenn man überlegt, was für einen Kultstatus 808s & Heartbreak auch hierzulande genießt – da kommt Yeezus bei weitem nicht ran.

Natürlich könnte man sich nun fragen woran das liegt. Offensichtlich wäre dabei wahrscheinlich der doch eher sperrige Sound, welcher bei vielen Fans im ersten Moment (und auch in vielen Momente später) einfach nicht ankommt. Oder vielleicht das gewöhnungsbedürftige Video zu "Bound 2", das trotz vermeintlicher Progressivität weiterhin ein Like-to-Dislike-Ratio von 50 % verzeichnen darf.

Auch überzeugt Yeezus mit seinem Sound letztendlich nicht so ganz. Verglichen mit My Beautiful Dark Twisted Fantasy bietet es zu viele unsaubere Klänge und produktionstechnische Baustellen. Was ist Yeezus also? Besser gesagt: Wofür ist es da? 

Was das Album so einzigartig macht, ist die unglaublich abgehobene Haltung von Kanye, die sich durch die ganzen Tracks zieht. Auf Yeezus hat Kanye es geschafft, seine Celebrity-Persona in ein Musikprojekt zu gießen und gleichzeitig die Haltung von Hiphop als Ganzes zu manifestieren: Selbstbewusstsein, Überzeugung und das Ziel, Großes zu erschaffen. 

Und seiner Zeit voraus war das Album ohne Cover auf jeden Fall: Schon 2013 hat Kanye vermeintlich den Tod der CD vorhergesagt – das gesichtslose Projekt stelle einen offenen Sarg für das jüngst obsolet gewordene Medium dar. Kanye West wusste auf jeden Fall, was er mit Yeezus tut. 


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