Review: Ist Drakes "Certified Lover Boy" Merch besser als sein Album?

Kinda sexy, kinda verstörend. Eines sei zu Champagne Papis "Certified Lover Boy" vorab gesagt: Man ist sich uneinig. Das zeichnet sich für mich nicht nur in diversen Kommentarspalten, Tweets und Reviews rund um das Album ab, sondern auch in einem regelrechten Kampf mit mir selbst – liebe ich es jetzt oder hasse ich es? Und die viel wichtigere Frage: Kann Drake mit seinen eigenen Maßstäben, die er durch die ganze Teaserei und das wilde Merch gesetzt hat, musikalisch mithalten?

Drake is Daddy: Lyrics von Söhnen und Stöhnen

Auch wenn das Album beats-mäßig wenig experimentierfreudig ist: Die Lyrics nehmen einen durchaus mit auf eine Reise. Und die beginnt bei Drakes unehelichem Sohn Adonis. So lautet die erste Line des ersten Album-Tracks "Champagne Poetry": "I been hot since the birth of my son". An dieser Stelle soll mich bitte keiner falsch verstehen, absolut nichts an einem unehelichen Kind ist verwerflich. Aber es ist doch durchaus lustig, wie ein solches Kind bei einem männlichen Rapper zum krassen Flex wird, dem er sein ganzes Album widmet und seine ganze Sexyness – seine 'Big Daddy Energy', wenn man so will – zuschreibt, während eine alleinerziehende Mutter für viele heutzutage noch ein rotes Tuch ist. Aber das nur am Rande.

Der Track jedenfalls arbeitet mit einem Sample von Masegos Song "Navajo", der wiederum ein Sample von den Beatles aus den Sechzigern ist, was den Song irgendwie nostalgisch und dadurch sehr gefällig macht. Auf dem zweiten Track des Albums, "Papi’s Home", macht Drizzy dann basically noch mal das Gleiche, nur gibt sich diesmal nicht ganz als der 'Hot Dad", sondern wesentlich reflektierter in seiner Vaterrolle. So rappt er im gemeinsamen Intro mit R’n’B-Sänger Montell Jordan: 

"I was a child trying to be a man / To all my sons worldwide / I walked out on my only son / All my juniors / I left you in your mother's hands / I apologize for my absence"

Die Momente der Selbstreflexion gehen allerdings schnell vorüber: Mit "Girls Want Girls" featuring Lil Baby erschließt sich vielleicht, was ich eingangs mit 'kinda verstörend' meinte. Und übrigens: den nicen Beat, produziert von OZ und Ambezza, meine ich damit nicht. Insbesondere die queere TikTok-Gemeinde zeigt sich allerdings not amused sich über Drakes Lyrics "Yeah, say that you a lesbian, girl, me too" – Fetischisierung von Frauen, die Frauen lieben, im Jahr 2021? Come on, Drizzy, da hätte man echt mehr von dir erwarten können. Diverse Tweets und Memes dagegen machen sich aus einem ganz anderen Grund über die Line lustig und gratulieren Drake zu seinem Coming-out als Lesbe. Eine Twitter-Userin findet außerdem, dass der Track mit einer tatsächlichen Vertreter:in der LGBTQ+-Community, wie beispielsweise Sängerin Kehlani, glaubhafter gewesen wäre:

"Way 2 Sexy" oder: Selbstironie ist und bleibt hot

Wären wir bei 'kinda sexy' angekommen: Drake (jetzt auf Apple Music streamen) wäre nicht Drake, wenn nicht auch dieses Album-Release nur so von Selbstironie sprudeln würde. Selbstverständlich wird jemand wie Drake wohl wissen, wie krass er ist, aber das bricht er immer wieder mit ein bisschen Humor auf, was ihn für Fans als nahbarer erscheinen lässt. Und wie lustig ist es bitte, dass Drake Kondome als Merch für "Certified Lover Boy" verkauft, während er selbst wohl nur durch eine Verhütungspanne zum Vater wurde? 

Anyways, mit dem Feature-Track "Way 2 Sexy" mit Future und Young Thug bringt Champagne Papi nach seiner Panne mit "Girls Want Girls" gewissermaßen 'sexy back' auf das Album. Und das nicht nur, weil es buchstäblich mit im Titel steht, sondern auch, weil er für den Track einfach den Song "I’m Too Sexy" von Right Said Fred aus den Neunzigern gesamplet hat, der damals eine Satire der vorherrschenden Körper-Kultur darstellen sollte. Und auch Drake macht sich dieses Element für sein Musikvideo zunutze, das durchaus als pure Selbstironie gelesen werden kann. Tatsächlich sexy und dabei noch irgendwie selbstironisch sein? Finden das Internet (und ich) 'way 2 sexy'.

Im Musikvideo gibt es sogar eine Fake-Parfumwerbung für "Wet" by Drake, was er in Anbetracht seiner bisherigen wilden Merch-Releases in aller Konsequenz tatsächlich droppen sollte, finde ich. Ob das allerdings wirklich passiert, bleibt abzuwarten.  

Genug aber von der Auseinandernehmerei einzelner Songs von "Certified Lover Boy" und zurück zu meiner Kernfrage – hat Drizzy durch seine umfangreiche Promophase inklusive killer Merch inklusive Nike-Collab eventuell zu viel versprochen? Ich finde: irgendwie schon. Das Album ist zwar stabil, wenn auch etwas lang geraten, und hat einige nice Samples zu bieten. So richtig viele musikalische Twists, wie es die Vorab-Hörprobe vom gemeinsamen Song "Fair Trade" mit Travis Scott vermuten ließ, der für mich zu den besten Songs des Albums zählt, gibt es allerdings nicht. Ein weiterer meiner Favoriten: Der an das nigerianische Genre Alte Cruise angelehnte Tune "Fountains" mit Sängerin Tems. Und mit diesen wenigen Highlights bleibt es wohl bei der Hassliebe für das Album für mich. 

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