Iranischer Hiphop und seine Rolle in Zeiten der Revolution

 

Es ist einige Jahre her, dass ich als Praktikantin bei Hiphop.de mein Unwesen trieb. Ich erinnere mich gern‘ an Festivals mit dem Team, an die Diskussionen in der Redaktion und an das eine oder andere spicy Geheimnis, was ich aufgeschnappt habe. Vor Tagen erinnerte ich mich an einen Text aus dieser Zeit; über Revolution und Rap, genau genommen über den arabischen Frühling und Rap. Ich zitierte den ägyptischen Rapper Deeb, der sagte:

"Hiphop ist not dead, it just moved to the arab world."

Es sind Jahre vergangen, Hiphop.de hat sich verändert, Hiphop hat sich verändert. Wie so oft, ist die Aufmerksamkeit verflogen, während in der „arabischen Welt“ so viele Leben genommen wurden. Trotzdem ging der Kampf weiter. Und Hiphop ist in seine nächste Revolution gezogen. Seit über 80 Tagen befindet sich die iranische Bevölkerung im andauernden Widerstand. Mindestens 471 Menschen wurden in den Protesten ermordet, darunter 64 Kinder. Täglich steigen die Zahlen der Inhaftierten, heute sind es 18.210. (HRANA)

Während ihr diesen Text lest und euch wahrscheinlich immer noch fragt, welche spicy Geheimnisse ich wohl kenne, schaue ich alle fünf Minuten auf mein Handy. Hat jemand geschrieben? Hat das Internet gereicht? Gibt es Neuigkeiten? Wurde jemand verhaftet? Sind alle sicher? Und währenddessen in meinem Ohr Hiphop, die Stimmen von Toomaj Salehi, Shervin Hajipour, Sogand, Erfaan, Gdaal oder Shapur und vielen mehr. Es geht vielen wie mir, es ist eine Revolution, mit Hiphop in den Hauptrollen.

Toomajs Verhaftung

Vor einigen Wochen wieder der 5-minütliche Blick aufs Handy: „Sie haben Toomaj gekriegt, mein Gott, was werden sie ihm nur antun?“ Kurz darauf verbreitet sich ein Video, das den Rapper zeigen soll, die Augen verbunden, sichtlich geschwächt, eindeutige Anzeichen für Gewalt und Folter. Rettet Toomaj, sie werden ihn verschwinden lassen oder schlimmeres!“ Erneut folgt etwas später die Meldung auf iranischen Exil-Nachrichtensendern:

"Toomaj Salehi wurde verhaftet. Es droht die Todesstrafe."

Die iranische Rapszene

Ich will ehrlich mit euch sein: Ich habe keine Lust, einen Text zu schreiben, der eine kluge Analyse über die politische Situation im Iran bietet. Das tun klügere Köpfe wie Mina Khani, Gilda Sahebi oder Ali Fatollah Nejad und Omid Rezaee. Ich möchte euch lieber ein Gefühl für Hiphop im Iran geben. Iran hat über die Jahre, trotz Verboten und Verhaftungen, eine starke Rapszene aufgebaut. Einige Protagonisten wie z. B. Erfan, Gdaal oder Sogand leben heute nicht mehr im Iran, nicht zuletzt wegen des massiven Drucks, der auf ihnen lastete. Ein Video zeigt Gdaal, wie er von seiner Erfahrung berichtet:

"Ich hab seit 7 Jahren meine Familie nicht gesehen. Warum? Weil ich einen Song gemacht habe? Weil ich fragte Gerechtigkeit wo bist du? Weil ich über die reichen Kinder der Regierung im Ausland sprach?"

Shervin Hajipour und "Baraye" als Hymne der Revolution

Shervin Hajipour, veröffentlicht den Song „Baraye“, in dem viele Tweets zu den Lyrics zusammengefügt werden. Er wird kurz darauf verhaftet und erst mit einer erzwungenen Entschuldigung entlassen. Seitdem ist es still um ihn und „Baraye“ ist zur internationalen Hymne der Revolution geworden.

In einem anderen Song „Bahar Oomad“ thematisiert er die iranische Hiphop-Szene und träumt von Open-Air-Konzerten an öffentlichen Plätzen Teherans. Er erwähnt die heimlichen Hiphop-Kellerkonzerte, die trotz Gefahr von Räumung und Verhaftungen überall im Land stattfinden.
Er singt von einer Szene, die trotz aller Widerstände wächst und sich im Moment der Ungerechtigkeit auf die Seite der Unterdrückten stellt – im Fall von Toomaj sogar vor sie.

Toomaj und sein Weg politisch aktiv zu werden

Schon immer sind Toomajs Texte politisch gewesen. In seinen Songs verarbeitet er das Leid der Unterdrückten und die Schwere eines Lebens unter diesen Umständen, so klar wie kaum ein anderer. Als die Revolution begann, sprach Toomaj durch seinen Mut. Videos, die ihn auf der Straße zeigen, bereit für die Freiheit zu kämpfen. Er spricht durch Songs, die eine Revolution untermalen.

Der fehlende Rückenwind aus der Rapszene

Ich genieße Hiphop oft mit einer Leichtigkeit, an Momenten wie diesen will ich es hinterfragen. In einem Stream spricht Rooz über die drohende Todesstrafe Toomajs und klingt enttäuscht: „Ich hab immer gedacht, Hiphop ist für Menschen, Hiphop ist für Vielfalt, gegen Unterdrückung…aber ja…“ Viele sind enttäuscht, denn nur wenige wie z.B. Kool Savas solidarisieren sich öffentlich. So unterschiedlich die Erfahrungen in der Hiphop-Szene in Iran und hier sein mögen, sollte es uns nicht genau an solchen Momenten zusammenbringen? Wir hören Hiphop, wir gehen auf Konzerte und wir verfolgen alles drumherum. Warum ist es denn so still, wenn einem Rapper, einem von uns, die Todesstrafe droht? Toomaj sagte mal: „Wir haben nur uns selbst.“ Das Handeln jedes einzelnen Menschen bestimmt, wie wertvoll diese Community ist, von der er spricht.

"Ich bin die Armut der Belutsch / Ich bin der kurdische Warenträger / Ich bin die Muttersprache, ich bin arabisch / ich bin türkisch, ich bin der Sohn Irans"

#FreeToomaj

Verwendete Quellen:

Saman Arbabi

HRANA English

Toomaj

Change.org

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