Haftbefehls Welt in "Lass die Affen aus'm Zoo": Eine übertriebene Textanalyse

Haftbefehls Kunst wurde zu Beginn seiner Karriere fast höhnisch aufgenommen. Die Verweigerung von klar verständlichen Reimen, die stimmliche Präsenz eines Dons – das war erstmal zu viel für die Ohren einiger Rapfans. Irgendwann hat es jedoch kollektiv Klick gemacht und der Offenbacher Cho schlingerte sogar als "der deutsche Dichter der Stunde" durch das Feuilleton großer Tageszeitungen. Hafti Abis Texte sind voller Codes, Verweise und Slang. Das gefällt auch Redakteuren des Kulturteils.

Bevor irgendwann "DWA" erscheint (vielleicht ja Winter 2019) treiben wir die Faszination für Haftis Lyrik ein bisschen auf die Spitze. Bereits ein Part genügt nämlich, um das Tor in eine eigene Welt aufzustoßen. Haftbefehl gelingt es mit wenigen Worten, ein Universum zu erschaffen. Daraus lässt sich eine Systematik ableiten. Wie Baba Haft seine Kunst strukturiert und herstellt, haben wir anhand der Hook samt der ersten Strophe von "Lass die Affen aus'm Zoo" analysiert.

"Lass die Affen aus'm Zoo, cho / Lass die Affen aus'm Zoo, Blanco / Lass die Affen aus'm Zoo, cho / Lass die Affen aus'm Zoo, pu pu pu pu"

Ketten gesprengt: Zurück zum Natürlichen

Auf welchen Grundkonflikt setzt Baba Haft hier? Er greift auf Gegensatz zurück, der so alt ist wie die Menschheit selbst: Das Natürliche prallt auf das Künstliche. Haft zieht ursprünglich wilde Tiere heran, die vom Menschen aus ihrem natürlichen Lebensraum entfernt worden sind. Der ebenfalls direkt zu Beginn erwähnte "Zoo" ist ein Ort, der den Affen zwar ein Zuhause bietet, aber ebenso die Freiheit einschränkt.

Die höchst entwickelte Rasse demonstriert dort, dass sie in der Lage sein kann, die Umwelt zu kontrollieren. Haft eröffnet seinen Track also mit der Vorstellung von natürlicher Kraft und ihrer größten Gefahr – den kulturellen Errungenschaften des Menschen. Den Drang nach Freiheit setzt Haft durch die explosive Lautfolge "Pu pu pu pu" ins Spotlight, die für sich genommen keine eigenständige Bedeutung transportiert. Bei Hafti verstärkt sie den Aufschrei der Unterdrückten.

Direkt zu Beginn der Strophe kommt eine Warnung zum Ausdruck. Es heißt: "Attention". Schließlich kündigt sich der "Azzlack Stereotyp" an. Dieser hat keine Angst vor der entfesselten Natur, sondern sehnt den Ausbruch natürlicher Gewalten geradezu herbei. Er treibt dabei seine eigene Abgrenzung voran. Er inszeniert sich als "asozial wie nie zuvor" – er will gar nicht als Teil einer funktionierenden Ordnung wahrgenommen werden.

Haftbefehls Welt: Amerikas Mafiosi in FFM

Die Gesellschaft unterteilt der Text in zwei Teile. Einerseits etabliert Haftbefehl ein Deutschlandbild. Er spricht von "Germany", nennt seine Herkunft Offenbach und hat auch mehrere Verweise auf Frankfurt eingebaut. Auf der anderen Seite skizziert Haft auf ähnliche Weise Amerika. Er erwähnt die Städte Michigan und New York und reichert sein Amerika mit luxuriösem Alkohol wie "Hennessy", nationalen Symbolen (Freiheitsstatue) und US-Stars wie 50 Cent und Swizz Beatz an.

Schon in Haftbefehls Hinweisen auf seine deutsche Herkunft ist jedoch zusätzlich eine Aneignung des Amerikanischen angelegt. Er sagt "Germany" und nicht "Deutschland", Frankfurt mutiert in Anspielung auf Manhattan zu "Mainhattan". Hafti Abi holt sich bereits über den Sprachgebrauch ein Stück Amerika nach Hessen. Der Hang zur Räubermusik ist dabei in der Wortwahl selbst präsent.

Ordnung und Struktur in Haftbefehls Text
Foto:

Eigene Darstellung - 1. Strophe "Lass die Affen aus'm Zoo"
Ordnung und Struktur in Haftbefehls Text

Haftbefehls Übernahme als Gewaltexzess

Kein Rumgeplänkel. Haft geht direkt zur Attacke über. Um geltendes Recht schert sich der Babo nicht. Er erschießt "diesen Swizz Beatz", ohne ein erkennbares Motiv. Mit der Freiheitsstatue erhält zudem ein amerikanisches Wahrzeichen eine Abreibung. Haft dringt in Amerika ein, um zu zerstören und sich zu bereichern. Er befindet sich auf Beutezug.

Was Hafti an Amerika zu schätzen weiß, sind Mafiosi und Berühmtheiten, die mit der Mafia in Verbindung standen. Die Strophe ist durchzogen von bekannten Namen aus diesem Kosmos: Lucky Luciano, Teflon Don (John Gotti), Sinatra. Haft erwähnt diese Ikonen der Unterwelt jedoch nicht nur, sondern vereinnahmt sie für sich. Er hat den "Lucky Luciano Flow" – aber nichts für den Lebensraum in Übersee übrig: "f*ck New York". John Gotti wandelt er zu "Hafti Gotti" ab und Frank Sinatra, dem stets Kontakte zur Mafia nachgesagt wurden, singt nur, weil Haft ihn bedroht. Der "Original Gangster" ist nicht in Amerika zu Hause. Er lebt in "O-F Main".

Roh und gewissenlos beansprucht Haftbefehl diesen Status für sich. Die eingesetzten Mittel sprechen eine eindeutige Sprache. Swizz Beatz muss durch eine Schusswaffe dran glauben, Freunde von Reimketten kriegen ein "Messer in den Arsch" und bei Drive-bys kommen AKs zum Einsatz. Es regiert zügellose Gewalt. Fast alles, was gesellschaftlichen Normen, Regeln und Konventionen entspricht, besitzt keinen Wert mehr. Einzig der Kapitalismus darf als anerkanntes System existieren. "Kapital hardcore" fördert den Reiz am Verbrechen.

Haftbefehl: Eine Urgewalt verteidigt sein Revier

Wie der Affe, der sich instinktiv und triebgesteuert in der Welt behauptet, ist auch Haftbefehls Text angelegt. Neben dem Gesetz des Stärkeren hat der Urinstinkt schlechthin eine Daseinsberechtigung: S*x. Die Freiheitsstatue degradiert der Text zu einer "H*re". Haftbefehls Folgehandlung? "Ich f*ck sie". Andere Rapper würden zudem in Michigan "blasen" – also sich s*xuell unterwerfen. Haft sieht sich hingegen als dominante Urgewalt, die über alles hinwegfegt.

Verbunden ist Haftis Einritt in Amerika mit dem Bewahren der eigenen Realness. Frankfurt und Offenbach repräsentieren Orte, die keine Fakes erlauben. Außenstehende aus dem weniger urbanen Umland müssen draußen bleiben. Sie dürfen sich nur im Dorf sicher fühlen. Die Stadt und das Ghetto sind Hafts natürlicher Lebensraum. Diesen verteidigt er mit den Mitteln, die ihm auch in Übersee tauglich erscheinen.

All diese Gegensatzpaare erzeugen ein Spannungsfeld, in dem Haft sich austobt. Ausgehend von Frankfurt zersägt er amerikanische Träume und Ikonen, um sie sich anzueignen. Er jagt seine Beute wie ein hungriges Wildtier. Dies geschieht derart regel- und kontrolllos, das Haftbefehl fast entmenschlicht scheint. Ohne Gewissen oder einen moralischen Kompass zertrümmert er gesteuert von niederen Instinkten all das, was er nicht als seine Heimat wahrnimmt.

Haftbefehls permanenter Hinweis: Es ist nur Rap

Haft bricht die harten Ansagen damit auf, dass er immer wieder deutlich macht, um was es sich bei seinem Werk handelt: Rap. "Azzlack Stereotyp zwo" spielt auf dem Nachfolger zu seinem Debütalbum "Azzlack Stereotyp" an und die Selbstbetitelung als "Baba Haft" stellt heraus, dass es sich hier um lyrischen Kampfsport dreht. Der Lucky Luciano Flow wird ausgepackt, weil es in der Kunst des Rappens möglich ist.

Auch der Hinweis darauf, dass Haftis Produzent Benny Blanco (heute: Bazzazian) den Beat liefert, macht den Text zu etwas sehr Selbstreferenziellem. Darüber hinaus formuliert Haft noch eine Antihaltung gegenüber zu technikfokussierten MCs, die sich mit "Reimketten" den Gefahren der Straße nicht erwehren können.

Die Mischung aus Rap über Rap und dem Übertritt zu einem triebgesteuerten Wesen erzeugt eine brutale Energie. Halt findet der Hörer am Bewährten, nur um von Haft dann wieder durchgeschüttelt zu werden. Das dichte Netz aus Gewalt, S*x und Kriminalität generiert eine immense Wucht. Durch die Zusammenführung von Elementen, Szenarien und Handlungsweisen, die abseits des Alltags liegen und total überspitzt sind – Hafti hat Swizz Beatz nämlich nicht erschossen und ihm kann auch kein intimes Verhältnis zur Freiheitsstatue nachgesagt werden – entsteht etwas Rohes, Wildes und Unverfälschtes. Ganz so, als hätte Haft einfach seiner natürlichen Wut freien Lauf gelassen. Ein Räuber geht hier seinen Trieben nach und beansprucht seinen Platz als Oberhaupt der Unterdrückten und Eingesperrten.

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Alle neuen Songs: Karate Andi, Summer Cem, Max Herre, Azet & mehr im Deutschrap-Update

Alle neuen Songs: Karate Andi, Summer Cem, Max Herre, Azet & mehr im Deutschrap-Update

Von HHRedaktion am 08.11.2019 - 12:55

Das Kalenderjahr geht so langsam auf die Zielgerade und hat im November nochmal einige Kracher parat. Heute sind unter anderem die neuen Alben von Max Herre und Summer Cem erschienen, die ihren Fokus kaum unterschiedlicher setzen könnten, aber beide am Ende mit um den Titel Album des Jahres kämpfen könnten. Außerdem hat Yung Hurn sein neues Werk "Y" veröffentlicht und natürlich gibt es massenhaft Single-Neuerscheinungen. Wir bringen mit unserer Playlist Ordnung in die Flut:

Auf den vorderen Plätzen finden sich wie gewohnt die größeren Namen: Azet ist mit seiner bereits am Mittwoch erschienenen EP "Mango" vertreten und bekommt den Cover Spot. Dahinter gibt's die Kollabo "Fatality" von Summer Cem und Haftbefehl sowie eine Hälfte von Karate Andis Comeback in Form von "Zerre". Für entspannendere Klänge sorgen Yung Hurn und Reezy mit "Doppel C".

Ein paar Positionen weiter hinten finden sich mit Rapkreation die ersten MCs, die (noch) nicht zu den Großen gehören – aber es wird immer besser mit der Zeit. Straighten und modernen Rap mit authentischer Berliner Straßen-Attitude gibt es nicht nur auf der neuen Single "Tag Eins", sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch am 20. Dezember, wenn das Debütalbum der Jungs erscheint. Merkt euch den Namen!

Ohne sich an einen Trend zu hängen, zieht auch Estikay sein Ding durch. Ein zum Kopfnicken prädestiniertes Instrumental von Don Alfonso bietet die Grundlage für persönliche und reflektierte Lyrics über Estis Vergangenheit und Gegenwart. Einfach ein korrekter Rapsong.

Vom anfangs erwähnten Max-Herre-Album "Athen" haben wir "Siebzehn" und "Konny Kujau" für unsere Playlist gepickt. Mehr als einen kleinen Einblick in das vielfältige, lyrisch sowie soundtechnisch kreative und wunderbar produzierte Album können die beiden Nummer aber nicht liefern. "Athen" will am Stück und mit offenen Ohren gehört und nicht zwischen Pophit A und Pophit B auf locker wegkonsumiert werden.

Progressives Turn-Up-Material haben wir heute von Morris Oh ("Racks") geliefert bekommen. Das aggresivste Werk der Woche dürfte Massivs Track "Lativ" sein, der pünktlich zum Start der finalen Staffel "4 Blocks" erscheint. Außerdem gibt es neue Mucke von Negatiiv OG, Olson, Genetikk, Bosca und Vega, Sinan-G mit Mois, Litti, Roger Rekless, Greeen und vielen mehr. Abonniert unsere Playlist auf allen Plattformen, um immer die beste Mischung aus Hits und Geheimtipps im Überblick zu haben!

Alle neuen Songs

  • Karate Andi – EWJTNK/ Zerre
  • Kollegah – Alphagenetik
  • Sinan-G ft. Mois – Keine Schwäche zeigen
  • Brado ft. Mero – Kafa Leyla
  • Estikay – HMDG
  • Massiv – Lativ
  • Azet - Seele (6. Nov)
  • Kelvyn Colt – Miles Away
  • Morris Oh – Racks
  • Yun Mufasa ft. Mo$art – Dynamit (Deutscher Gunna)
  • King Khalil ft. Azan & Kay Ay - Kokain
  • Finch Asozial - Finchiboy
  • 1stTHEREWASDECEMBR ft. Manuellsen - Anders (Remix)
  • Dedo - Backstage
  • SDT & Cha Lee – Liter
  • Brecho - Dinero
  • Roger Rekless - Goma
  • Olson - Zenkichi
  • Fourty - Aperitif (Neues LIP-Signing)
  • Genetikk - Masters vom Mars
  • Eko Fresh – 1989
  • Gini – Bin dabei
  • Klapse Mane – Hand in Hand
  • Skinny Finsta – KOM
  • MC Bilal - Bye Bye
  • Bosca ft. Vega – Wieder auf Krawall
  • Montez – Autobahn
  • Litti ft. Peer Pressure & Camelmob – Beckstraße bis Stübenplatz (Mittwoch)
  • Beyazz – Weißgold (Mittwoch)
  • Marú – Filter (Mittwoch)

Alle neuen Releases

  • Summer Cem – Nur Noch Nice
  • Yung Hurn – Y
  • Max Herre – Athen
  • Greeen – Smaragd Plus
  • Tufu – Moorloch
  • Blokkmonsta & Smoky - Zu hart für den Staat
  • Mo-Torres – Rochuspark
  • Azet - Mango Ep (6. Nov)

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