Kritik oder Teil vom Zirkus? Wieso Banksys Schredder-Aktion genial ist

An Banksy scheiden sich wieder mal die Geister: Freitagabend wurde ein Bild von ihm zuerst für über eine Million Pfund versteigert – und direkt im Anschluss zur Hälfte zerschreddert. Das Ganze hat übers Wochenende die Runde gemacht und für ordentlich Gesprächsstoff gesorgt. Auch wenn die Aktion im Nachhinein einige Fragen aufwirft: Banksy ist offensichtlich wieder mal ein Geniestreich gelungen.

Banksy verarscht die Kunstszene...

Auf den ersten Blick wirkt der eingebaute Schredder wie eine sehr plakative Kritik an der Kunstszene und dem Markt, dem es nur ums Geld geht. Gerade, als der Hammer gefallen ist, ertönt ein Piepen und es geht los: Der sowieso schon absurd hohe Preis für ein ursprünglich vergängliches Straßen-Kunstwerk wird durch seine Vernichtung komplett ad absurdum geführt.

Das Bild wurde gerade erst für eine Unsumme verkauft, schon zerstört es sich selbst. Ein riesiger Mittelfinger an Käufer, Verkäufer und den Zirkus drumherum? Vielleicht, aber vielleicht auch nur auf den ersten Blick.

...oder ist er längst Teil von ihr?

Bisher ist Banksy eher dadurch aufgefallen, dass er sich gegen Ausstellungen seiner Kunstwerke sträubt. Dazu würde passen, dass er sein Bild vernichtet wissen will, um den Besitzern ein Schnippchen zu schlagen.

Dass weder Streetart noch Graffiti in Museen und Ausstellungen gehören, ist eine in der Szene weit verbreitete Überzeugung. Der Verkauf oder eine Versteigerung für Millionen-Preise widerspricht der ursprünglich öffentlichen, illegalen und vergänglichen Kunstform komplett.

Banksy scheint mittlerweile aber vielleicht einfach selbst Teil des kommerziellen Kunstmarktes zu sein, den er anprangert. Oder er will ihm einfach nur so viel Geld wie möglich aus der Nase ziehen. Je länger wir darüber nachdenken, umso mysteriöser wirkt das Ganze.

Going, going, gone...

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Wusste Sotheby's von Banksys Vorhaben?

Wahrscheinlich schon. Sotheby's freut sich seit Freitagabend über weltweite Publicity und den damit verbundenen Aufmerksamkeitszuwachs. Banksy macht vielleicht gemeinsame Sache mit dem Auktionshaus.

Dafür spricht zum Beispiel, dass sein Bild mit dem Ballon-Mädchen als allerletztes an diesem Tag versteigert wurde. Kann natürlich Zufall sein, wäre andersrum aber definitiv unpraktisch gewesen. Die vermeintliche Kritik am Millionen-Markt direkt zu Beginn zu bringen, hätte es schwieriger gemacht, danach einfach weiterhin Business as usual zu machen.

Normalerweise hängen Bilder dieses Formats nicht an der Wand, wenn sie bei Sotheby's versteigert werden. Sie stehen auf einem Gestell, einer Art Staffelei. Aber dann hätte man die ordentlich herab hängenden Streifen des Bildes nicht mehr so gut sehen können, wie es jetzt der Fall war.

Banksy-Kunstwerk im Wert von $45.000 offenbar gestohlen

Banksy erfreut sich so großer Beliebtheit, dass die Leute ihre Finger nicht von seinen Kunstwerken lassen können. Im wahrsten Sinne des Wortes...

Ebenfalls äußerst merkwürdig: Dass Sotheby's angeblich nichts von dem Schredder im Bilderrahmen wusste. Eigentlich sollten Kunstwerke vor ihrer Versteigerung eingehend untersucht werden. Das beinhaltet in der Regel auch, dass sie dafür aus dem Rahmen genommen werden. Wenn schon das Gewicht nicht aufgefallen ist, hätte das spätestens beim Herausnehmen der Fall sein müssen.

Wieso hat der Schredder nicht das ganze Bild geschreddert? Die obere Hälfte des Kunstwerks bleibt unversehrt. Die untere hängt jetzt aus dem Rahmen heraus. Allerdings sogar in so breiten Streifen, das alles noch perfekt zu erkennen ist. Zerstört sieht anders aus.

Banksys Bild ist jetzt wahrscheinlich das Doppelte wert

Es bleibt zwar nach offiziellen Angaben von Sotheby's erstmal unklar, wie es weitergehen soll. Aber erste vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass das Bild jetzt locker das Doppelte wert ist.

Spannend ist jetzt natürlich, ob das Bild dem Käufer gehört, der es ersteigert hat. Ist die Versteigerung trotz des Schredderns gültig, dürfte sich die Person freuen.

Wird das Ganze aber rückgängig gemacht, wechselt das Bild in seinem jetzigen Zustand für noch viel mehr Geld den Besitzer. Ob das im Sinne Banksys ist? Gut möglich.

. "The urge to destroy is also a creative urge" - Picasso

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Wer zuletzt lacht, lacht am Besten:

Und das ist Banksy, so oder so. Ein hübsches Sümmchen ist ihm für sein Kunstwerk wohl sowieso sicher. Höchstwahrscheinlich hat sich das durch seinen Streich mal eben verdoppelt. Dafür spielt es auch gar keine Rolle, ob die Sache mit Sotheby's abgesprochen war oder nicht.

Banksy hat sich einen Scherz erlaubt, soviel ist ebenfalls sicher. Auf wessen Kosten der jetzt genau geht, ist eigentlich auch egal: Er trägt in jedem Fall weiter zur Legendenbildung bei und stärkt den Mythos, der sich um den anonymen Künstler rankt.

Sollte er wirklich mit Sotheby's zusammenarbeiten, wäre es Banksy vielleicht zwar nicht gelungen, die Absurdität der Kunstwelt anzuprangern – er hat ihr aber definitiv ein weiteres, absurdes Kapitel hinzugefügt.

Banksy

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Banksy mit besonderem Statement zu seiner angeblichen Ausstellung

In Moskau soll offenbar wieder mal eine Banksy-Ausstellung stattfinden, die nicht vom weltberühmten, aber gleichzeitig unbekannten Künstler autorisiert wurde.Wie er dagegen protestieren soll, wo er doch selbst dazu neigt, sich über Eigentumsgrenzen hinwegzusetzen, beschäftigt Banksy offenbar selbst. Möglicherweise hat er jetzt einen adäquaten Weg gefunden...

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Wie Stormzy beim Glastonbury Festival Geschichte geschrieben hat

Wie Stormzy beim Glastonbury Festival Geschichte geschrieben hat

Von Michael Rubach am 30.06.2019 - 14:47

Grime-Rapper Stormzy hat auf dem legendären Glastonbury Festival in England einen Auftritt hingelegt, der noch lange im Gedächtnis bleiben dürfte. Der 25-Jährige war Freitag Headliner auf der Pyramid Stage und begeisterte mit einer außergewöhnlichen Show, die politische und künstlerische Statements setzte.

Stormzy lässt Zehntausende "F*ck Boris" brüllen

Als Stormzy seinen Track "Vossi Bop" performte, ließ er die riesige Crowd einen verbalen Mittelfinger an Boris Johnson richten. Der ehemalige Bürgermeister von London war eine der treibenden Figuren bei der Brexit-Kampagne. Stormzy positionierte sich bei seinem Gig deutlich gegen die Politik Johnsons.

"I could never die, I'm Chuck Norris / F*ck the government and f*ck Boris" 

James Melville on Twitter

Stormzy is so amazing that he made 100,000 people shout 'fuck Boris" live on the BBC. Fair play to all involved. #glastonburyfestival2019 https://t.co/HM0FVmH2ow

Dazu machte Stormzy auch auf die Diskriminierung von schwarzen Jugendlichen aufmerksam und nutzte die Bühne so für weitere politische Ansagen. Bereits im vergangenen Jahr bei den Brit Awards bezog Stormzy klar Stellung. Er kritisierte dort die britische Premierministerin Theresa May für fehlende Unterstützung nach einer Brandkatastrophe in einem Sozialbau.

Rap als Sprachrohr der Straße: Wie Stormzy die britische Regierung unter Druck setzt

Während deutsche Award-Shows im Verruf stehen, ziemlich langweilig zu sein, dürften sich die Briten über mangelnde Action nicht beklagen. Zumindest aktuell nicht. Das zeigte sich mal wieder am vergangenen Mittwoch, als in London die Brit Awards verliehen wurden. Neben Kendrick Lamar, der auf der Bühne einen Lamborghini zerlegte, sorgte vor allem UK-Rapper Stormzy mit politisch motivierten Lyrics für Aufregung.

Der Vorsitzende der Labour Party Jeremy Corbin zeigte sich von Stormzys Glastonbury-Auftritt überwältigt.

Jeremy Corbyn on Twitter

Tonight @Stormzy made history by being the first black solo British headliner at Glastonbury. The performance was political, iconic and the ballet was beautifully powerful. It won't just go down in Glastonbury history - it'll go down in our country's cultural history. #Glasto2019 https://t.co/pmRt5OuqBI

Stormzy geht als Headliner in die Geschichtsbücher ein

Der UK-Star sorgte allein durch sein Erscheinen für ein Novum in der Festival-Historie. Obwohl das Glastonbury seit 1970 existiert, war Stormzy nun der erste schwarze britische Solokünstler, der als Headliner auf dem Festival performte. Zudem zählt der 25-Jährige zu den jüngsten Headlinern überhaupt, die das Glastonbury bisher gesehen hat. Nur David Bowie war bei seinem Auftritt 1971 noch jünger.

CROWN OUT NOW on Twitter

I an first black British artist to headline Glastonbury. At 25 years old I am the second youngest solo act to ever headline Glastonbury, the youngest being a 24 year old David Bowie in 1971. I'm overwhelmed with emotions, this is the most surreal feeling I've ever experienced.

Banksy designt Stormzys Bühnenoutfit

Bei seinem Gig trug Stormzy unter anderem eine Weste. Diese hatte nicht irgendwer, sondern Streetart-Superstar Banksy entworfen. Auf Instagram bekennt sich der anonyme Künstler zu dem Bühnenoutfit

Auch Show-Elemente, die eher untypisch für Rap-Konzerte sind, baute Stormzy in sein Set ein. So gab es eine Ballettaufführung zum Track "Don't Cry For Me".Der Twitter-Account des Glastonbury beschrieb Stormzys Gig treffend als "Ein-Mann-Olympia-Eröffnungszeremonie".

Glastonbury Live on Twitter

No idea how it came across on telly but, live, Stormzy's headline set was an EXTRAORDINARY piece of stagecraft. Like a one-man Olympic opening ceremony. People around the crowd were literally in tears. First black British solo headline act and he totally aced it. JL

Wo Stormzys Aufstieg angefangen hat, ließ der UK-Star auch nicht unter den Tisch fallen. Bei seiner Show sprach Stormzy über Künstler, die ihm den Weg bereitet haben und zollte denjenigen Respekt, die indirekt an diesem ikonischen Moment beteiligt waren.


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