Eine Ohrfeige & Deutschrap steht unter Generalverdacht [Meinung]

Es dürfte fast jeder mitbekommen haben: Es war das große Wochenende der Ohrfeigen. In der Dortmunder Westfalenhalle hat Oliver Pocher eine Schelle von Samra-Kumpel Fat Comedy kassiert. Seit dem Vorfall bei einem Boxkampf des ehemaligen Weltmeisters Felix Sturm wird auffällig viel über Deutschraps Rolle gesprochen und geschrieben. Dazu tragen die Eheleute Pocher, der Veranstalter des Box-Events und auch etliche Medien bei. Die gemeinsame Message: Die Schuld liegt auch bei Deutschrap. Das ist absurd.

Eine Ohrfeige – und plötzlich geht es um Musik

Ist Gewalt geil? Definitiv nein. Sind Ohrfeigen eine Deutschrapsache? Sicher nicht. Ganz abgesehen davon, wie viele Gewalttaten tagtäglich stattfinden, hat auch Will Smith bei den diesjährigen Oscars gezeigt, dass die Hand selbst in noblen Hollywoodkreisen ausrutschen kann (Aber gut, der war ja schließlich auch mal Rapper). Sicher lässt es sich moralisch fragwürdig finden, wenn solche Attacken öffentlich beklatscht werden. Doch das steht nicht im Fokus der Berichterstattung.

Es gibt schließlich den offensichtlichen Täter Fat Comedy und der soll Rapper sein. Für die Bild-Zeitung wurde Oliver Pocher von einem "Prügel-Rapper" geschlagen. Laut Focus.de handelte es sich einfach nur um einen "Rapper" und Amira Pocher packt auf Social Media den "Möchtegern-Rapper" aus. Fat Comedy gehört zum Umkreis von Samra. Außerdem ist ein Song namens "Sugar Daddy" aus dem Jahr 2019 auffindbar. In diesem Moment könnte man schon die Frage stellen, inwiefern sich die Bezeichnung Rapper überhaupt für jemanden eignet, der den Comedy-Aspekt bereits im Namen betont. Aber egal. Denn von dort aus wird es noch zunehmend wahlloser.

Der Spiegel mischt munter mit und bringt bei einem Interview mit dem Veranstalter des Box-Events die Auftritte von Milonair und Schwesta Ewa mit der Ohrfeige in Verbindung. So sei es durch die Auswahl der Musik-Acts kein Zufall gewesen, dass sich "Menschen aus der Rapszene am Ring aufgehalten" haben. Was mitschwingt: Die Sicherheit vor Ort wäre dadurch generell gefährdet gewesen. Solche Personen würden so ein Event unsicher machen.

Der Box-Promoter steigt darauf ein und fühlt sich schlecht beraten. Er lässt wissen, was er von Rap eigentlich hält: "Als ich dann die Texte gehört habe, habe ich mich geschämt. Das ist sicher nicht mein Stil und nicht das, wofür ich stehen möchte." Was solche musikalischen Geschmacksfragen in der Berichterstattung zu einer Straftat zu suchen haben, bleibt schleierhaft. Im Hinblick auf zukünftige Veranstaltungen erklärt er: "Das mit den Rappern würde ich nicht noch einmal so machen."

Bei den Pochers wird es ähnlich wild: Amira Pocher meint, den Angriff auf ihren Ehemann in erster Aufregung auf die komplette Deutschraplandschaft zurückführen zu müssen. Per Insta-Story heißt es: "Natürlich weiß ich, woher dieser Wind weht, nämlich von dieser Rapszene. Oh Gott, ich verachte diese Szene immer mehr."

Der Schlag ins Gesicht ist vor allem die Tat eines Anfang Zwanzigjährigen, der es aus persönlichen Gründen für eine gute Idee hielt, Gewalt anzuwenden. Diese Aktion wird nun auf die gesamte Deutschrapszene abgewälzt. Seinen Gipfel erreicht das Ganze in dem Statement von Oliver Pocher. Der Betroffene holt selbst zum Rundumschlag aus. Er spricht Deutschrap-Künstler*innen ihren Erfolg ab, schwenkt zu Fake-Streams, die über "virtuelle Kreditkarten aus Holland" laufen sollen und bezeichnet "die meisten Texte" als "widerlich, menschenverachtend, frauenverachtend". Es gibt noch weitaus mehr, was an dem Statement für Stirnrunzeln sorgt. Was meint der 44-Jährige, wenn er sagt, dass er mal über die "Herkunft" von Deutschrap reden wolle? Oder: Warum vergleicht sich Oliver Pocher nach einer Backpfeife mit einem Vergewaltigungsopfer?

An der Deutschrapszene lässt sich natürlich einiges kritisieren. Aber was hat Deutschrap als Musikrichtung mit einer Ohrfeige zu tun? Weshalb wird ein Bild einer gemeingefährlichen Szene erschaffen? Wem sollen solche Generalisierungen helfen?

Letztlich wird Fat Comedy die Konsequenzen für sein Verhalten tragen müssen. Ob er nun in seinem Leben schon einmal über Süßigkeiten gerappt hat, tut dabei wenig zur Sache. Vielleicht kann man sich ja auch ganz allgemein bei Christoph Daum und der bundesweiten Trainerszene umhören, ob es dort ein Problem mit Zivilcourage gibt. Klingt ziemlich dämlich? Damit ist alles gesagt.

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