Generation Melancholie: Weibliche "Sad Vibes" für Deutschrap
Collage mit Babyjoy, Verifiziert und Paula Hartmann, melancholische Vibes vor Wolkenhintergrund

 

Der ewige Falk Schacht hat Ende 2011 (vielleicht auch zu seinem Leidwesen) mal die "neue Reimgeneration" ausgerufen. Ein Etikett, mit dem eine Gruppe von Künstlern um Cro, Ahzumjot oder Olson gelabelt wurde. Es galt ausschließlich jungen Männern, die mit ihrer Herangehensweise an Rap einen neuen Spin ins Geschäft brachten. Knapp zehn Jahre später hat Deutschrap sich mehrfach gehäutet, neu erfunden und sich in alle erdenklichen Richtungen ausgedehnt.

Ohne weibliche Künstlerinnen lässt sich in diesen Tagen keine Reimgeneration innerhalb der Deutschrapszene mehr beschreiben – außer man hasst Frauen. Dabei zeichnet sich eine Strömung ab, die sich neben den Chartstürmerinnen formiert. Es sind junge Künstlerinnen (meist Anfang/Mitte 20), bei denen Deutschrap als Begriff oftmals viel zu kurz greift und die mehr durch eine Stimmung zusammengehalten werden. Bevor es dorthin geht, noch ein kurzes Recap.

Aufräumen im Boss-Modus

Rapperinnen haben heute nicht nur ein Wörtchen mitzureden, sondern dominieren Rang- und Playlisten: Es gibt inzwischen jede Menge weibliche Persönlichkeiten, die den Mittelfinger in die Luft strecken und keinen Hehl daraus machen, dass sie nach der Krone greifen. Sie beanspruchen die endlich nicht mehr exklusiv für Männer reservierte Chef-Rolle in der Deutschrap-Arena für sich. Sie sind Boss. Was sie mit Deutschrap-Veteranen wie Kollegah eint, ist aber höchstens der Fokus auf ein Ziel.

Shirin David, Loredana, badmómzjay, Eunique, Schwesta Ewa, Juju, Katja Krasavice, LIZ oder auch Bounty & Cocoa lassen jeden wissen, dass sie sich holen werden, was ihnen zusteht. Sie nehmen die Competition nicht nur an, sondern stürzen sich regelrecht hinein. Künstlerinnen wie Nicki Minaj haben in den Staaten vorgelebt, wie man die männliche Dominanz in der Rapszene aufbricht. Der gesamte Baukasten, der einst nur den Herren am Mic vorbehalten schien, steht inzwischen allen zur Verfügung.

Es wird über Marken, Status, Sexualität oder auch einfach über das Rappen an sich gerappt. Die Selbstermächtigung läuft auf Hochtouren: Streaming-Rekorde, ein Following im Millionenbereich und ständig neue Marken-Kooperationen sprechen für sich. Deutschrap hat in den letzten Jahren ein weibliches Update bekommen, das in überdimensionalen Großbuchstaben funkelt. Dort, wo aber nicht jedes Detail ausgeleuchtet ist, geht es nicht weniger spannend zu.

Soft durch die Street

Es lässt sich eine Generation herausfiltern, die mit einer gänzlich anderen Attitüde an das Musikgeschäft herangeht. Bereits die Grundstimmung unterscheidet sich dabei deutlich von den Pop-Stars im Female-Rap-Sektor. Hier geht viel mit einer Portion Schwermut einher. Wer aggressiv gerappte Bars oder harten Straßenrap bevorzugt, ist bei Paula Hartmann, Babyjoy oder den Wiener Kolleginnen um Verifiziert und Eli Preiss an der falschen Adresse. Auch Rote Mütze Raphi, Céline, Aylo, Yecca und diverse andere Künstlerinnen bevorzugen eine weniger roughe Herangehensweise an das Genre. Bei Weitem fällt nicht jeder Song todtraurig aus, aber hier werden dennoch hörbar andere Töne angeschlagen.

Wenn Shirin David, badmómzjay, Loredana, Katja Krasavice und Co. Marvel-Blockbuster produzieren, führt die Spur nun eher in die Arthouse-Abteilung. Wer in seinem Tracktitel eine Referenz an einen Film mit Jim Carrey aus dem Jahr 1998 einbaut, möchte nicht auf Anhieb von jedem da draußen verstanden werden. Es ist in Zeiten von Reizüberflutung und schnellen Tiktok-Happen vielmehr eine Aufforderung sich mit der Kunst auseinanderzusetzen.

Der Duden beschreibt Melancholie als einen von "Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichnete[n] Gemütszustand". Naja, wie ließen sich Paula Hartmanns Zeilen in "Truman Show Boot“ pointierter zusammenfassen?!

"Keine Kraft, häng' am Tropf, schneide ab, was mich bindet /
Tret' in jeder Straße die Latern'n aus, dass mich keiner findet"

In den Endzügen von 2021 kürt Casper den Track der Schauspielerin und Jura-Studentin zum Song des Jahres. Ihr "Truman Show Boot" legt ebenso bei Haftbefehl, Vega oder Prinz Pi an, die auf Social Media Props verteilen. Paula Hartmann textet, wie man es selten gehört hat. Was sie mit poetischen Worten zum Ausdruck bringt, schlägt sich jedoch bei vielen Vertreter*innen ihrer Generation nieder. Ein Baustein aus der Hook von "Truman Show Boot" lautet schlicht "Lebe in die Nacht hinein". Was von diesem Leben zu erwarten ist? Worauf Studium, Ausbildung und all das letztendlich hinauslaufen? Wer soll es wissen? Paula Hartmann lässt sich in ihren Songs treiben. Ein Ziel ist nicht auszumachen. Dieses Storytelling läuft nicht auf das Etablieren von Street-Credibility oder das Betonen der eigenen Fähigkeiten hinaus. Die Künstlerin entwirft eher ein "Modernes Märchen in der Stadt", wie sie es in einem Interview bei der Backspin nennt. Nicht wenige Märchen sind eine düstere und ziemlich raue Angelegenheit.

Hinter den so traumartigen Schilderungen steht natürlich auch Arbeit. Zusammen mit Produzent Biztram arbeitet Paula Hartmann an ihrem Debütalbum. Der Producer ist außerdem das Bindeglied zwischen Paula Hartmann und dem Berliner Rapper Luvre47. Bei der Kollabo "Kein Bock" kommt die Angst auf dem Nach-Hause-Weg zum Vorschein. Ein Gefühl, dass nur ein Teil der Gesellschaft nachempfinden kann. Es sind "Dinge, die nur Mädchen kenn'n / Heimweg, immer letzte Meter rennen". Intime Bilder, die sich über Geschlechter- und Identitätsgrenzen hinweg einbrennen.

Kollabopartner Luvre47 ist ein allzu passendes Pendant. Auch er verpackt seine Abf*cks in kluge Worte, die nicht so abgenutzt und überbeansprucht erscheinen. Das setzt sich fest. Was so sanft vorgetragen wird, bringt eine unheimliche Schwere mit sich. Die Aufforderung "Fahr uns nach Hause, du bist betrunkener als ich" aus einem zweigeteilten Song von Paula Hartmann dürfte kaum jemanden euphorisieren. Hier punchen Lines anders.

Babyjoy trägt ebenfalls so eine Melancholie in ihren Songs. Zusätzlich vermengt sie mehrere Sprachen: Mal auf Französisch, mal auf Englisch, mal auf Deutsch lässt sie an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben. Dabei schwingt eine gewisse Orientierungslosigkeit mit. Realität und "Traum" (jetzt auf Apple Music streamen) verschwimmen. Es kommen zudem Perspektiven zum Vorschein, die dem privilegierten Teil der Gesellschaft verschlossen bleiben. Es ist irgendwo nach der Jahrtausendwende und: "Viele Leute gucken wegen meiner schwarzen Haut".

Aus solchen alltäglichen Erfahrungen, ungelösten Fragen zum Beziehungsstatus und authentischen Beobachtungen enstehen Songs. Der im Rap verankerte übergroße Verweis auf die eigenen Skills, die Claims ein "Bad Girl, Selfie-rich" zu sein, sind anderen vorbehalten. Stattdessen probiert man mit all dem klarzukommen, was sich Leben nennt. Nicht nur in den Straßen von Berlin.

Melancholie in der Großstadt

In Wien ist der Sound vielleicht ein gutes Stück weiter weg vom Kloß im Hals, aber dafür geht es nicht weniger verträumt zu. Künstlerinnen wie Eli Preiss oder Verifiziert fangen den Vibe der österreichischen Hauptstadt ein. Das Image als Hochburg der Melancholie wird so auch im neuen Jahrtausend gepflegt. Das bringt einen ganz eigenen Rap-Pop-Entwurf hervor, der im besten Sinne verschroben wirkt. Es kommt Musik heraus, zu der sich mit Kippe am Fenster hocken lässt. Das ist weniger greifbar, eher luftig und hat zeitweise den Charme einer privaten Momentaufnahme, die ausschließlich für die Homeboys und Homegirls bestimmt ist.

In der Mischung aus Gesang und Rap setzt sich bei Eli Preiss all das fest, was schier beiläufig abläuft. Futuristische Klänge mit Classic-Vibes einer vergangenen RnB-Ära gehen Hand in Hand. Die Wienerin balanciert auf der Grenze zwischen Traum und Realität. Einen lässigen Banger für die Hausparty muss das keineswegs ausschließen – "Lvl Up"!

Das Traumhafte umgibt auch die Tracks von Verfiziert. "Wir haben das als Cloud Pop definiert“, erklärt sie bei Diffus. Nicht nur Berliner Großstadtjungs wie die Boloboys oder BHZ können sich arg verpeilt durch die Straßen bewegen. Von Selbstoptimierung, Materialismus oder Effizienzgedanken nimmt diese Bubble Deutschraps deutlich Abstand. Bei Verfiziert hat der Weg nicht mal ein Ziel. Und die "Sad Vibes" ziehen sich nicht nur durch den Track "Schlaflos".

"Golf oder City-Bike, spät in der Nacht /
Flightmode, fahr' im Kreis, schlaflos in der Stadt"

Der Modus steht in Wien: Das Herz ist schwer und die Lebensrealität zwischen dem spontanen Rave und einem Verlängerten zum Klarkommen. Kein Wunder, dass hier Florida Juicy von Erotik Toy Records als Produzent aufkreuzt. Die Bremer Gang vermittelt Mut zur Zärtlichkeit. Sie ist nicht umsonst als "The most sensitive Rapcrew alive" unterwegs.

In der Nacht spielt sich ebenfalls der Schmerz von der Berliner Künstlerin Aylo ab. Sie passt sowohl ins Raster für den nächsten großen Mainstream-Act als auch in den Pool der scheinbar Ziellosen. Ihre Gefühle packt sie in Songs. Aufgeladen ist das meist mit einem gewissen Glamour-Faktor. Das macht Beziehungs-Pain und menschliche Enttäuschungen nicht weniger greifbar. Trotz spaßigem TikTok-Grind sind ihre Tracks gerne bittersüß und mellow. In-die-Fresse-Rap aus der Aggro-Ära ist erklärter Teil der Sozialisation, aber fließt in die eigene Kunst kaum mit ein.

Neben Aylo gibt es weitere Künstlerinnen, die sich in einer Art Zwischenwelt wiederfinden. Auch Yecca pendelt zwischen Highclass-Uptemposong und der nächsten diffusen On-Off-Beziehung ein. Sie hängt "lieber in den Wolken" als in einer harten Straßenrealität.

Pop-Appeal und Struktur wirken hier dennoch recht deutlich herausgearbeitet. Die Emotionen sind hingegen roh. Geschliffener Radio-Pop ist das nicht und will es gar nicht sein. Der großen Beliebigkeit setzt Yecca das kleine Chaos entgegen.

Künstlerinnen wie Lune oder Elif machen noch einmal eine andere Welt auf. Der kulturelle Background nimmt bei ihnen einen gesonderten Stellenwert ein. Auch sie sind dabei Teil der ausgeweiteten Deutschraplandschaft und zeigen, was heute künstlerisch möglich ist.

Was all diese Acts eint: Die große Selbstverständlichkeit, mit der die persönlichen Kopff*cks in Songs umgewandelt werden und schließlich auch bei einem immer größeren Publikum landen. Es sind Perspektiven, die es zu Zeiten der "neuen Reimgeneration" entweder noch gar nicht gab oder die ungehört versandeten. Das Spielfeld Deutschrap ist im letzten Jahrzehnt um einiges breiter geworden. Die neue Melancholie ist angekommen – und sie ist weiblich.

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