Interview: Fler & Staiger streiten über Demokratie & Verschwörungs-Erzähler

Fler und Marcus Staiger treffen in Spielfilmlänge aufeinander: Die beiden bekanntermaßen starken Charaktere haben sich für das neue Format "Bunkertalk" an einen Tisch gesetzt. Selten musste Fler in einem Interview wohl so um seine Rolle als Lautsprecher kämpfen. Das hängt vor allem mit seinen Darstellungen in den letzten 30 Minuten zusammen. Dort outet sich Fler als großer Fan der YouTube-Bubble, in die man gerät, wenn man sich auf die Suche nach Beweisen für Kinderblut trinkende Promis macht.

Fler fühlt die Verschwörungs-Bubble

Die erste Stunde des Talks verläuft noch einigermaßen harmonisch. Es geht um Hiphop in den Neunzigern, das Verhältnis von Kapitalismus und Kommunismus, Basketball und Flers heutige Sicht auf seine Reaktion auf die #Unhatewomen-Kampagne (Stichwort: Kopfgeld). Nach gut einer Stunde nimmt der unterhaltsame Schlagabtausch eine ungemütliche Wendung.

Dann eröffnet Fler seine Faszination für alternative Medien. Die Gestalten, die sich für die Verbreitung von Verschwörungserzählungen zuständig fühlen, beschreibt Flizzy wahlweise als "geil" oder "lustig". Ihm imponiere, dass es Typen seien, die auf "die Kacke hauen". Sein Konsum der Geschichtenerzähler mit starkem Hang zum Antisemitismus und rechten Weltbildern habe ausschließlich mit den Personen und nicht mit den dort transportierten Inhalten zu tun. Von diesen habe Fler schlichtweg "keine Ahnung". Videos aus der Verschwörungsszene seien für ihn "eine Alternative zum Rap" und eine willkommene Freizeitunterhaltung.

Ganz frei von den Ideologien der Ken Jebsens dieser Welt ist Fler jedoch offenbar nicht. Er betont gleich mehrfach, dass er zu "100 Prozent" an einen Staat im Staat glaube. Also eine Art Schattenregierung, die eigentlich die Geschicke der Republik lenken würde. Hinweise zum Output der alternativen Meinungsmacher streut er auch gerne in seiner Telegram-Gruppe. Von dem oftmals rechten Verschwörungsgeschwurbel scheint für Deutschrap eine gewisse Strahlkraft auszugehen. Beispiele gab es in den letzten Monaten genug.

Fler, Attila Hildmann, Xavier Naidoo & die Meinungsfreiheit

Aus dem Streitgespräch wird schließlich endgültig ein Schreigespräch, als es um die Bewertung von Demokratie und Meinungsfreiheit geht. Fler vertritt dabei den Standpunkt, dass wir nicht in einer Demokratie leben würden. Über sein Verhältnis zur geltenden politischen Ordnung sagt er: "Ich bin auf sowas nicht angewiesen". Einen funktionierenden Rechtsstaat gebe es nicht.

Fler argumentiert für eine Form der Meinungsfreiheit, die keine Grenzen kennt. Eine Freiheit, die es erlauben würde, ohne Konsequenzen die Reichskriegsflagge zu verwenden und sich mit Nazi-Rhetorik Gehör zu verschaffen. Attila Hildmann, Xavier Naidoo und weitere psychotisch agierende Figuren der Verschwörungsszene stilisiert er zu den Opfern des aktuellen Systems. Sie würden zwar nicht juristisch aber sozial für ihre bloßen Meinungen abgestraft werden. Unter diesen Voraussetzungen stuft Fler die Mythen, welche die rechten Ideologen streuen, gar als "mutig" ein. Das, was Fler hier als soziale Ächtung hinstellt, ist jedoch die Essenz von Meinungsfreiheit. Wer höchst fragwürdigen Mist in die Welt posaunt, muss mit dem Echo klarkommen.

Staigers permanente Gegenrede scheint an Fler abzuprallen. Auch Beispiele von Attentätern, die aufgrund von Verschwörungs-Threads in den Untiefen des Internets schießwütig in eine Pizzeria rennen, können Fler nicht von seiner Haltung abbringen. Davon, dass die Verbreitung von fremdenfeindlichen und rassistischen Standpunkten sowie das Geschwurbel darüber, dass die Juden im Zentrum allen Übels stünden, keine angemessene Diskussionsgrundlage bilden, will er nichts wissen. Was jedoch nicht heißt, dass Fler sich diesen Meinungen anschließen würde. Angesprochen auf die wirren Statements von Attila Hildmann und Xavier Naidoo gibt Fler an, dass diese natürlich "Schwachsinn" seien.

Attila Hildmanns Telegram-Gruppe startet "traurigsten Shitstorm aller Zeiten" gegen Fatoni-Video

2020 war bisher ein gutes Jahr für Verschwörungserzählungen. Xavier Naidoo hat endültig seine letzten Hüllen fallen lassen. Ex-Starkoch Attila Hildmann schmeißt regelmäßig alle Verschwörungen, die nicht bei drei auf den Bäumen sind, mit einer guten Prise Fantasie und drei Esslöffeln maximaler Verwirrung in den Thermomix, um das Ergebnis seiner Telegram-Gruppe vorzusetzen.

Bewusste Desinformation, die ohne tatsächliche Beweiskraft im Internet kursiert, ist gefährlich. Das sieht Fler offenkundig nicht so. Auch, dass die permanente Verfügbarkeit von dererlei Pseudo-Informationen eher ein Beweis für als gegen den Rechtsstaat ist, scheint nicht durchzudringen. Das alles macht Fler zu keinem Vorzeigeträger eines Aluhuts. Jedoch bietet er Rechten, Rassisten und Extremisten allzu leichtfertig an, es sich bei ihm und damit auch bei seiner Fanbase gemütlich zu machen. Letztendlich ist politisches Gequatsche aber eher nichts für Flizzy. Sein Hauptaugenmerk liegt woanders:

"Was interessiert mich? Dicke Autos, geile Weiber, Rap und Pateks"

In der Auftaktsendung des Bunkertalk ging es deutlich entspannter zu. Hier war Rooz zu Gast und gab einige interessante Einblicke in seine Arbeit und sein Leben:

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Bonez MC, Fler, Celo & Abdi, Kalim, Tua & mehr im Deutschrap-Update

Bonez MC, Fler, Celo & Abdi, Kalim, Tua & mehr im Deutschrap-Update

Von Till Hesterbrink am 23.10.2020 - 13:37

Die "Groove Attack by Hiphop.de"-Playlist bringt euch heiße Songs für die kalte Jahreszeit. Jede Woche sammeln wir für euch die neusten Tracks der Woche in einer Playlist. Diese Woche ist Loredana mit "Rockstar" auf unserem Playlistcover.

Neue Alben & EPs: Azzi Memo, Ace Tee & Binho

Azzi Memo hat mit "Gelato" sein bereits drittes Album veröffentlicht. Auf den insgesamt 13 Songs sind unter anderem die beiden Shootingstars Yung Kafa & Kücük Efendi vertreten und auch Labelboss Haftbefehl. Auf "Traphouse Freestyle" bekommt der Hanauer Unterstützung von Kalim. Der Song ist ein absolutes Brett.

Die Hamburgerin Ace Tee hat eine EP mit dem Namen "ACE X" rausgebracht. Der Sound ist erstaunlich modern, sodass es gut passt, dass Lucio101 und Nizi die einzigen Features sind. "Also Bitte" mal reinhören.

Binho wirft sein "Liveset" in den Ring. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich hierbei allerdings nicht auf Liveaufnahmen seiner Tracks. Auf sieben Tracks zeigt der Mannheimer, warum er aktuell zu den vielversprechendsten Newcomern zählt. In unsere Playlist hat er es mit "Jogga" geschafft.

Neue Singles: Bonez MC, Fler, Tua

Mit dem Release seines "Hollywood-Uncut"-Albums direkt vor der Tür, haut Bonez MC diese Woche noch eine Single raus. "Angeklagt" ist ein äußerst reflektierter Track darüber, welchen Einfluss Kriminalität auf das Leben der 187-Jungs hat. Im Video sind natürlich alle am Start – auch der frisch verurteilte Gzuz.

Fler und Katja Krasavice haben den möglicherweise kontroversesten Song des Jahres rausgebracht. "Million Dollar A$$" zeigt in jedem Fall mal wieder, dass Fler immer noch ein feines Gespür für Marketing-Moves hat. Zum Erstaunen vieler macht der Song wirklich Spaß und kommt auch bei den Fans besser an als erwartet.

Der Szeneliebling Tua verabschiedet sich mit "Sayonara". Zum Glück aber nur von seinem lyrischen Gegenüber, der "Bardame". Produziert hat der Chimperator-Artist den Track selber.

Celo & Abdi droppen weiter Singles für ihr "Mietwagentape II", als wäre es nichts. Diese Woche haben sie sich für "Zero Zero" den äußerst talentierten Newcomer NGEE rangeholt.

Außerdem sind diese Woche neu in der "Groove Attack by Hiphop.de"-Playlist: Mu$a386, Savvy, Pablokk, Undacava, morten, Lugatti, AK 33, Nate57 und viele mehr.

Hier kannst du die Playlist abonnieren!


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