Fler droht Comedian Prügel an – Polizei schaltet sich ein

Wo Fler ist, ist Stress meist nicht weit. Doch nicht etwa Bushido, sondern der Comedian Shahak Shapira hat Flers Zorn auf sich gezogen. Fler droht, "bleibende Schäden" bei seinem Kontrahenten zu hinterlassen. Eine dementsprechend wutentbrannte Sprachnachricht von Fler hat der 31-jährige Komiker auf Twitter gepostet. Flers Ausraster steht dabei im Zusammenhang mit der Kampagne #unhatewomen, die sich für das Sichtbarmachen von sprachlicher Gewalt gegenüber Frauen einsetzt.

Fler droht Shahak Shapira offenbar Schläge an

Shahak Shapira hat mit diversen Screenshots öffentlich gemacht, was Fler von besagter Initiative hält. Auf Instagram bezeichnet Shapira den Rapper zudem als "Sch*ißhaufen von einem Menschen". Unter mehrfacher Benutzung des Wortes "H*rensohn" reiht Fler daraufhin eine Drohung an die nächste. Das geht aus einer Audioaufnahme hervor. Er werde Shapira die "Nase brechen" und solange auf dessen Gesicht einschlagen, bis dieser "nie wieder reden" könne.

Shahak Shapira on Twitter

Eine junge Frau wird von @Fler auf Instagram mit privaten Nachrichten bedroht. Sie schickt mir Screenshots. Ich poste diese und bekomme dafür folgende Sprachnachricht von ihm. Enjoy! https://t.co/gPIxXMwWOM

Wie kommt Shahak Shapira zu den Screenshots? Eine Frau habe sich hilfesuchend an ihn gewandt. Sie werde von Fler auf Instagram bedroht.

#unhatewomen: Auslöser für Flers Wutanfall

Die Kampagne der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes stellt auch konkret Flers Lyrics als Beispiel für eine frauenverachtende Sprache vor. So wird eine Stelle aus dem Track "Fame" zitiert. Dort rappt der Berliner, dass er "H**s" gegenüber anderen Frauen bevorzuge. Die Initiative fordert, solche und ähnliche Texte mit dem Hashtag #unhatewomen kenntlich zu machen.

Folgerichtig wurde Fler im Zuge der Kampagne auf Instagram markiert. Das schmeckte dem Maskulin CEO wenig. Er reagierte damit, dass er in privaten Nachrichten in Aussicht stellte, ja mal wirklich "Täter werden" zu können, wenn man ihm "weiter auf die Eier" ginge.

magdaphileo on Twitter

@ShahakShapira @FLER

Noch mehr Details aus dem Chat-Verlauf hat unter anderem die Bild veröffentlicht. Wie Fler in seiner Insta-Story erklärt, seien hier jedoch bewusst manche Passagen weggelassen worden.

Fler setzt Kopfgeld aus & diskutiert mit Rezo

Zwischenzeitlich schaukelte sich die Situation so hoch, dass Fler ein Kopfgeld auf eine Frau aussetzte. 2000 Euro bot er an, wenn jemand die Feministin "ranbringe". Dieses absurde und makabere Verhalten von Fler rief auch CDU-Zerstörer Rezo auf den Plan, der sich auf Twitter in die Diskussion einschaltete. Er tweetete, dass es "stark und mutig" sei, Flers Entgleisungen nicht stillschweigend hinzunehmen. Der YouTuber könne nicht verstehen, dass ein erwachsener Mann "Kopfgelder auf irgendwelche Privatpersonen aussetze".

Rezo on Twitter

@FLER @magdaphileo @ShahakShapira Brudi du bist fast 40 und setzt Kopfgelder auf irgendwelche Privatpersonen bei Insta aus. Versteh einfach, dass Rap Kunst ist und deshalb ganz viele künstlerischen Freiheiten hat und das geil so ist aber trenn den Shit von der Realität.

Fler entgegnete, dass er sich selbst durch die #unhatewomen angegangen fühle, da seine Songs als diskriminierend eingestuft würden. Er sei zudem keine "Kunstfigur im Internet", sondern immer und überall die gleiche Person. Er wünsche sich eigentlich Ruhe:

"Man soll mich da rauslassen und dann wird auch keiner geärgert."

Der Austausch mit Rezo hat Fler offensichtlich gefallen. In seiner Insta-Story bestellt er Grüße und lobt die Art und Weise des Dialogs. Ganz anders verhält es sich mit Shahak Shapira, mit dem Fler eine Vorgeschichte verbindet.

Fler vs. Shahak Shapira: Die Berliner Polizei schaltet sich ein

Komisch fand Fler die Moves von Shahak Shapira wohl noch nie: "Seit mehreren Jahren probiert er witzig zu sein", lässt Fler verlauten. Er fühle sich durchgehend von dem Comedian provoziert und habe nun "wie ein Typ auf der Straße" reagiert.

Fler und Shahak Shapira sind in den vergangenen Jahren bereits öfter aneinander geraten. Shapira verglich Fler schon einmal mit AfD-Politiker Björn Höcke. Gegenseitige Verbalattacken haben eine gewisse Tradition und auch weiterhin kehrt an dieser Front kaum Ruhe ein.

Shahak Shapira on Twitter

Gestern noch 2000 Euro Kopfgeld auf eine Frau ausgesetzt, heute die Interneteier verloren. Maskulin.

Die Berliner Polizei reagiert auf all das auffällig launig und wittert Promo:

Polizei Berlin on Twitter

@ShahakShapira @FLER Hmm... Haben nur wir ein Déjà Vu, oder wird da tatsächlich bald wieder ein Album gedroppt? Als "Fanboys" müssen wir diese beleidigende aggro Ansage natürlich trotzdem zur strafrechtlichen Prüfung weiterleiten. ^tsm

Shahak Shapira fand sich nach einem Besuch auf der Wache nicht wirklich ernstgenommen.

Shahak Shapira on Twitter

@polizeiberlin @FLER War gerade bei euch in der Wache Eberswalderstrasse. Wurde vom Kollegen belächelt und weggeschickt, weil er der Meinung war, ich würde das ganze „konstruieren". Kennt man aber auch von weniger absurden Geschichten bei euch. Aber macht ihr mal eure witzigen Tweets weiter.

Dass die Ansagen von Fler jedoch jegliche Grenze des guten Geschmacks überschritten haben, ist mehr als deutlich. Das ist auch den Behörden nicht verborgen geblieben. Die strafrechtliche Relevanz des Ganzen werde nun geprüft, wie ein Polizeisprecher gegenüber der dpa mitteilte.

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Wenn man Musik den Krieg erklärt: Wie die Polizei Drill verbieten will

Wenn man Musik den Krieg erklärt: Wie die Polizei Drill verbieten will

Von Alina Amin am 26.10.2020 - 12:00

Drill: Das sind nihilistische Texte und ominöse Trap-Beats. Sie bilden die Grundbausteine der jungen Rap-Strömung, die von Gewaltszenen, Drogen, Geld und S*x geprägt ist. So rappt der verstorbene Pop Smoke in seinem Song "PTSD":

"N*ggas reden viel bis ich ihre Tür einbreche und in ihrem Haus bin. Hab ihre Mutter auf dem Boden mit einem Revolver in ihrem Mund."

('Nigg*s always talkin' hot and runnin' they mouth / Until I kick down they door and run in they house / Have they mother on the floor with the gun in her mouth')

Dabei sind die Bilder, die von Drill-Künstlern gemalt werden, nicht sehr viel anders als bekannte Themen im Mainstream-Rap. Ein verschwenderischer Lebensstil, Hedonismus und Kriminalität sind im Hiphop keine Seltenheit, das gilt beispielsweise auch für Deutsch-Rap. Die eigene Erfahrung vom Leben auf der Straße bis hin zum Aufstieg im Musikbusiness wird in der Kunst dokumentiert.

Als Identifikationsmerkmal von Drill gelten die Gang-Bezüge des Subgenres. Der Ursprung von Drill und der Hintergrund der einzelnen Künstler entspringt aus den jeweiligen Lebenssiutationen jener, die den internationalen Drill Sound prägen. Diese kommen häufig aus ärmlicheren Verhältnissen, geprägt von Kriminalität und Gewalt und sind oft Mitglieder von Gangs. In den UK sind einige bekannte Drill-Crews beispielsweise aus ebendiesen Gang-Strukturen erwachsen.

Im immerwährenden Kampf gegen Gewalt und Kriminalität hat das konkrete Folgen für Drill. Abgesagte Shows und ausgefallene Video-Drehs sind da nur der Anfang.

Drill: Von Chicago bis nach London

Drill hat seit seiner ungefähren Geburt um 2010 rum eine Wanderung um den Globus gemacht. Der bekannteste Begründer ist Chief Keef, der mit gerade mal 16 Jahren in seiner Heimatstadt Chicago das Subgenre mitprägte.

Gerade erst neulich hat einer der wichtigsten Vertreter des Chicago-Drills Lil Durk ein Feature mit Drake gehabt. In den letzten Jahren hat sich außerdem eine laute Szene in London gebildet. Noch prominenter aber ist der junge Brooklyn-Drill, welcher von Pop Smoke groß gemacht wurde und im Laufe der vergangenen Monate Rapper*innen auf der ganzen Welt inspiriert hat. Dabei hat jede Stadt ihren eigenen Stil ins Subgenre eingebracht. Was sie verbindet, sind die Hintergründe der Künstler. Eine Mischung aus Grime und Drill beispielsweise liefern britische Acts wie Harlem Spartans, 1101 oder Krept & Konan.

Ähnlich wie Grime in seinen Anfängen, findet UK-Drill im Londoner Untergrund der Musiklandschaft statt – drängt sich aber immer weiter in Mainstream Medien. Hauptsächlich mit rohen Texten, provokanten Videos und, wie so oft, mit der antizipierten Gefahr die Jugend zu verrohen. 

Drill-Künstler werden wie Terroristen behandelt

In der breiten Öffentlichkeit trifft der UK-Drill daher regelmäßig auf Widerstand. Das bedeutet verbotene Konzerte, Textzensur und rigorose Kontrolle von Musikvideos. Letztere gleicht inzwischen dem Umgang mit Terrorverdächtigen: In 2018 hat die britische Polizei die Berechtigung bekommen, den "Serious Crime Act" auch auf Drill-Content anzuwenden.

Dieser reglementiert die Strafverfolgung von Schwerverbrechern und bedeutet für die Musiker, dass jegliche Visualisierung von Waffen, Gewalt und Drogen der Polizei die Möglichkeit eröffnet, die Rapper zu verfolgen – ohne, dass eine Verbindung zwischen einer tatsächlichen Straftat und Künstler besteht. Eine reine Erwähnung reicht aus.

Dass die Strafbehörden es ernst meinen, sieht man in der Praxis: Es gibt kaum ein UK-Drill-Video, in dem Waffen oder waffenähnliche Requisiten zu sehen sind. Für eine Musikrichtung, die die unglückliche Lebensrealität vieler Menschen thematisiert, ein Schlag ins Gesicht.

Im Verlauf der letzten beiden Jahre wurden 30 Musikvideos von YouTube gelöscht und über 1400 werden zum Zwecke der Strafverfolgung in einer Datenbank der Londoner Polizei gelistet. Nebenbei müssen sich die Künstler 24 Stunden vor Video-Release mit der Polizei in Verbindung setzen und jegliche öffentliche Veranstaltung, sei es ein Videodreh oder ein Konzert, 48 Stunden vorher ankündigen. Oft werden die Events von der Behörde überwacht und kontrolliert.

Laut dem Guardian wurde der Gruppe 1101 untersagt, Musik zu produzieren wenn keine polizeiliche Erlaubnis vorliegt. Eine solche wurde ihnen seit dieser Auflage nicht erteilt. Sie konnten ihre Karriere damit aufs Eis legen.

Bandengewalt und Drill – geht das Hand in Hand?

Die Skepsis gegenüber Drill ist nicht exklusiv für England. Auch in der Geburtsstadt Chicago und nun auch New York, wird die Szene mit kritischen Augen betrachtet. Das nicht zuletzt, weil Bandengewalttaten in der Drill-Sphäre besonders präsent sind. Drill wird als besonders gefährliche Musikströmung wahrgenommen. Das ginge auf die Zunahme von Gewalt, mit der Etablierung von Drill, zurück. In England sind das Messerstechereien, für Chicago Schießereien.

Viele Künstler aus der noch recht kleinen Szene wurden bereits ermordet oder sind Gewalttaten zu Opfer gefallen. Mitglieder der Harlem Spartans, L’ A Capone und auch Pop Smoke. Dass diese zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben in lokaler Kriminalität eingebunden waren, lässt sich nur schwer von der Hand weisen.

Und nicht nur die Macher der Musik sind betroffen. Auch die Fangemeinden werden als besonders gewalttätig und aggressiv eingestuft, so dass unter anderem Pop Smoke vom Line-Up des Rolling Loud 2019 genommen wurde. Laut der NYPD eine notwendige Sicherheitsmaßnahme, nach dem Anstieg von Bandengewalt in New York.

Im Interview mit Vice berichtet Sheff G, ein junger Drill-Künstler aus Brooklyn, dass er aufgrund solcher Verbote nicht ein Mal in seiner Heimatstadt performen durfte. Gleiches gilt auch für Pop Smoke. Sheff bezeichnet das als Ungerechtigkeit. Immerhin habe ihm Rap und Drill so viel gegeben, ihn aus der Armut geholt und ihm sowie seiner Familie eine Perspektive geschaffen. Solche Verbote würden Musikern die Möglichkeit nehmen, etwas aus sich zu machen. Sie würden so zurückgedrängt und gezwungen werden, in der Welt zu bleiben, aus der sie kommen.

Inside the NYPD's War Against Drill Rap

Collage by Duanecia Evans Clark, The Creative Summer Company. Archival images via Unsplash, Creative Market, Dan Robinson, and Audible Treats. Sheff G says he's among those being unfairly targeted by the NYPD's "Rap Unit." It's costing him and rappers like him their livelihood.

Musik als Sprachrohr der Artists

All diese Maßnahmen sollen der Bekämpfung von Gewaltstraftaten dienen. Drill verherrliche Aggression und motiviere zur Kriminalität – und fördert diese daher auch. So lautet zumindest der Vorwurf. Reine Kunstfiguren seien die Künstler immerhin nicht. Wenn über Mord und Drogen gerappt wird, handele es sich häufig um wahre Erlebnisse.

Dabei spiegelt die Musik nur das wieder, was viele junge Männer aus ärmlichen Verhältnissen zu ihrem Alltag zählen.

"Vor der Musik gab es für mich nur Gefängnisse, Gangs und Verhaftungen. Ich weiß nicht, ob ich ohne die Musik heute noch am leben wäre."

("Before music, there was just jail, gangs and getting arrested. Without music, I do not know if I would be alive today.")

So erzählt Konan vom britischen Drill-Duo Krept & Konan dem Guardian, dass Musik sein Leben gerettet habe. Der Erfolg, den andere Rapper durch Storytelling verzeichnen konnte, habe ihn inspiriert nach einem Leben abseits von der für ihn alltäglichen Kriminalität und Armut zu streben.

Das Quasi-Verbot von ebendieser Musik würde die Probleme nicht lösen. Es nähme ihnen lediglich eine Kunstform, die in ihrer Sphäre gesellschaftlich akzeptiert ist und ihre oft tragischen Erlebnisse nach außen tragen kann. Denn als erstes kam die Gewalt und danach die Kunst.

Letztlich agiert die Musik für Künstler wie Pop Smoke oder Chief Keef lediglich als Sprachrohr für das, was ohnehin schon ist. Zensiert man Drill, würde das an der Realität der Künstler und ihrer Communities nichts ändern. Musik ist nicht die Quelle der Probleme, sie spricht nur über sie – und das gilt nicht nur für Drill.

Die Harlem Spartans erklären es schließlich in ihrem Song "No Hook":

"Ich bin im System gefangen."

('I'm trapped in the system.')


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