Deutschraps Aufstieg: Eine Geschichte in Nummer-1-Hits

Deutschrap boomt seit Jahren. Was man nur für ein Gefühl halten könnte, schlägt sich auch in Zahlen nieder. Viele Rapper sind dort angekommen, wo einst nur Schlagerstars und internationale Künstler standen – wer dieser Tage auf die Charts schaut, kommt an Deutschrap nicht vorbei.

Der Aufstieg eines Genres lässt sich eindrucksvoll anhand der Nummer-1-Singles nachvollziehen. Wir haben uns die Spanne von 1991 bis 2018 angeschaut und ein paar statistische Fakten herausgearbeitet. Um einen abgeschlossenen Zeitraum analysieren zu können, verzichten wir auf das laufende Jahr 2019. Am Ende des Artikels gehen wir noch kurz auf die aktuellen Chartentwicklungen ein.

Damit die Sache nicht übermäßig kompliziert wird, erlauben wir uns in der folgenden Infografik einen kleinen Kniff: Ein Feature-Beitrag auf einem Track zählt nicht als eigenständiger Nummer-1-Song (Beispiel: Capital Bra kommt in dieser Statistik auf sieben Nummer-1-Hits. Sein Feature auf dem Bushido-Song "Für euch alle" fällt aus der Wertung – der Track gilt in diesem Fall als #1 von Bushido). Dieser Schachzug dient einzig und allein der Übersichtlichkeit und soll keineswegs die künstlerische Leistung und den Erfolg der jeweiligen Artists abwerten oder schmälern.

1991-2018: 27 Nummer-eins-Songs

Infografik zu Nummer-1-Hits
Foto:

Eigene Darstellung
Infografik zu Nummer-1-Hits

In den Jahren nach der Wende ist Deutschrap noch fast nicht existent. Die Fantastischen Vier sind erwiesenermaßen die Ersten, die kommerziell mit ihrem Rap Erfolge feiern. 1995 holen sie mit "Sie ist weg" die Pole Position in den Charts.

Tic Tac Toe und Sabrina Setlur machen 1997 zu einem erfolgreichen Jahrgang. Dann folgt über zehn Jahre hinweg das große Nichts. Erst Azad erobert mit der Unterstützung von Adel Tawil und der "Prison Break Anthem" mal wieder den Thron. Dabei ist Azad der erste Rapkünstler, der es auf die #1 schafft und dessen Kredibilität von niemandem in der Szene angezweifelt wird.

Weitere fünf Jahre später lässt sich die Etablierung eines eher poppigen Rapentwurfs beobachten. Marteria, Cro und Sido führen hier - teilweise sogar mehrfach (Cro) - die Charts an. Rap zieht mehr und mehr in den Mainstream ein.

Nachdem die Tür erneut aufgestoßen ist, gibt 2017 ausreichend Hinweise, wohin die Reise geht. Sowohl Battlerap von Kollegah und Farid Bang ("Sturmmaske auf") als auch eine Ballermann-taugliche Version von Rap, wie Kay One sie mit "Senorita" anbietet, können auf der #1 landen. Nicht zu vergessen ist Bausa, der mit "Was du Liebe nennst" eine Diamantsingle vom Stapel lässt.

Deutschrap hat den Musikmarkt verstanden

Die sich mehrenden Erfolgsmeldungen hängen eng damit zusammen, dass Deutschrap sich am Markt nie statisch verhalten hat. Mit dem Einzug der Premium-Boxen schaffen es Rapper mit ihren Alben, eine hohe Chartplatzierung zu ergattern. Ab 2011 landen Deutschrapalben regelmäßig auf Spitzenpositionen und verfestigten so das Bild eines wachsenden Genres.

Wie groß Streaming einmal werden könnte, war sicherlich nicht im Detail absehbar – Deutschrap hat hier dennoch frühzeitig auf das richtige Pferd gesetzt. Abseits von Melodien und jenseits jeglicher Radiotauglichkeit konnte ein Antipop-Track wie "Sturmmaske auf" die #1 holen – so ein Move wäre vor der Streaming-Zeit wohl nicht möglich gewesen. Vor 2017 sind Nummer-1-Songs generell noch eine absolute Seltenheit. Inzwischen macht Streaming den Großteil des Umsatzes auf dem Musikmarkt aus – und Deutschrap profitiert.


Foto:

Bundesverband Musikindustrie | GfK Entertainment

Capital Bra als Symbol des Streaming-Booms

Allein für das Jahr 2018 können stolze 14 Nummer-1-Songs verzeichnet werden. Das sind mehr als doppelt so viele Songs dieser Sorte wie in allen hier betrachteten Jahren zuvor. Deutschrap ist zu einer unausweichlichen Mainstream-Erscheinung angewachsen. Kein anderes Genre kann eine solche Dominanz für sich beanspruchen.

Nummer-1-Hits pro Jahr
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Eigene Darstellung
Nummer-1-Hits pro Jahr

Eine der Hauptakteure bei diesem Siegeszug ist Capital Bra. Der unermüdliche Bratan kommt nach unserer Auslegung auf sieben Nummer-1-Hits. Das entspricht mehr als einem Viertel aller Nummer-1-Erfolge überhaupt. Capitals permanenter Output passt perfekt in diese Zeit und zu der Art und Wiese wie Musik konsumiert wird.

Anteil einzelner Künstler an Nummer-1-Hits
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Eigene Darstellung
Anteil einzelner Künstler an Nummer-1-Hits

Durch die Rundung auf ganze Zahlen ergibt sich eine geringe Abweichung von den 100 Prozent. Die Verhältnismäßigkeit bleibt davon unberührt.

2019 – und die Dominanz ist ungebrochen

In diesem Jahr scheint sich die starke Tendenz noch weiter zu bestätigen. In den ersten Wochen (Stand: 19.03.2019) sind die Singlecharts fest in der Hand von Deutschrap. Mit Shindy, Mero, Eno, Capital Bra, KC Rebell und Shirin David können sich insgesamt schon wieder sechs Vertreter Deutschraps ganz oben auf dem Siegertreppchen platzieren. Sollte sich dieser eingeschlagene Weg auch nur annährend fortsetzen, pulverisiert 2019 die Marke von 2018 spielend. Es ist nicht wegzudiskutieren: Deutschrap ist das prägende Genre auf dem hiesigen Musikmarkt.

GIB IHM IST GERADE IN DER ZWEITEN RELEASE WOCHE AUF PLATZ 1 DER DEUTSCHEN SINGLE CHARTS GECHARTET! MEINE ERSTE NUMMER 1 SINGLE - DER IST FÜR EUCH UND VOR ALLEM FÜR ALLE WEIBLICHEN ACTS IN DEUTSCHLAND UND GANZ BESONDERS FÜR ALLE RAPPER + BITCHES DIE NIE GEGÖNNT HABEN !!! DANKE

356.2k Likes, 3,156 Comments - Shirin David (@shirindavid) on Instagram: "GIB IHM IST GERADE IN DER ZWEITEN RELEASE WOCHE AUF PLATZ 1 DER DEUTSCHEN SINGLE CHARTS GECHARTET!..."

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Bushidos "Leben und Tod des Kenneth Glöckler": 5 Lines, die heute ganz anders klingen

Bushidos "Leben und Tod des Kenneth Glöckler": 5 Lines, die heute ganz anders klingen

Von Paul Kruppa am 22.11.2020 - 16:14

Wer, wenn nicht Bushido weiß: "Zeiten ändern dich" – und so wirkt der vermeintliche Realtalk auf früheren Disstracks einige Jahre später gar nicht mehr so real. Mit "Leben und Tod des Kenneth Glöckler" zog Bushido 2013 gefühlt die komplette Szene auf seine Seite. Zu hart und zu brachial ging Bushido mit Kay und seinem Abgang aus Berlin ins Gericht. Den Einfluss von Arafat Abou-Chaker hob Bushido damals noch lobend hervor. Er sei eine Art "Vater" für Kay One gewesen.

Ziemlich genau sieben Jahre später treffen sich Bushido und Arafat Abou-Chaker regelmäßig vor einem Richter. Nur sehr hartgesottene Sonny Black-Jünger dürften weiterhin bedenkenlos hinter der legendären "Ehrenmann"-Line stehen, mit der Bushido seinen Kay-Diss beendete. Auch an einer Reihe anderer Aussagen hat der Zahn der Zeit genagt.

Das Leben mit LKA-Beamten

"Früher war es 'F*ck die Polizei' oder Louis V / Heute sind es LKA-Beamte und Security"

2013 tat Bushido einiges dafür, Kay Ones Widersprüche aufzuzeigen. So lässt sich Kay One auf einem Track wie "Bis die Polizei kommt" (2010 von den Ordnungshüter*innen nicht wirklich irritierten – selbst auf der Polizeistation will er durchziehen und sagt: "Wir saufen weiter". Nach dem Bruch mit ersguterjunge nahm Kay jedoch Polizeischutz in Anspruch. Auch beim Dreh zu "Deutschland sucht den Superstar" wurde er damals von Personenschützern des Landeskriminalamtes begleitet, wie der Tagesspiegel berichtete.

Spätestens seit Bushido als Nebenkläger vorm Berliner Landgericht aussagt, ist gut dokumentiert, dass auch der 42-jährige Rapstar öffentliche Termine nicht mehr alleine wahrnehmen kann. Im Gerichtssaal sind Beamte anwesend, die für seine Sicherheit sorgen sollen. Dieser Personenschutz ist inzwischen derart zur Routine geworden, dass Bushido laut Spiegel vor Gericht lachen muss, wenn er rückblickend davon erzählt, dass Arafat Abou-Chaker ihn einst vor dem LKA beschützen sollte.

Der angebliche Sklave

"Ich bin angeblich Sklave der Familie Abou-Chaker / Schäm dich – Arafat war so was wie dein Vater"

Kay One hatte seinerzeit in Interviews mehrfach dargelegt, dass Bushido von Arafat Abou-Chaker wie ein Sklave oder Schoßhündchen behandelt worden sei. Für solche Äußerungen sollte Kay sich nach dem Geschmack von Bushido ausdrücklich schämen. Er forderte stattdessen Respekt für Arafat Abou-Chaker ein.

Inzwischen hat sich die Situation vollends ins Gegenteil verkehrt. Bushido beschreibt vor Gericht umfangreich, wie sehr Arafat Abou-Chaker von ihm finanziell profitiert habe. Er schildert ein Abhängigkeitsverhältnis und zieht als Vergleich eine "Zwangsheirat" heran. Schon 2018 auf dem Track "Mephisto" vermittelte Bushido den Eindruck, dass Kay mit seiner damaligen Einschätzung nicht so weit daneben gelegen haben könnte. Unter anderem ist dort von einem "Teufel und Diktator" die Rede, der "keinen Einwand" akzeptieren würde.

Bushido - Mephisto [Video]

Hund oder einer von uns?

"Er sagte nur: 'Der Junge ist jetzt einer von uns.' / 'Und einen von uns behandelt keiner wie 'nen Hund.' – yeah"

Um zu untermauen, wie sehr sich Arafat Abou-Chaker im Berliner Umfeld für Kay One eingesetzt habe, kramte Bushido auf "Leben und Tod des Kenneth Glöckler" eine kurze Anekdote hervor. Sein ehemaliger Geschäftspartner soll mit einer Ansage dafür gesorgt haben, dass sich keiner mehr über Kay lustig macht. Wer als Teil des EGJ-Teams gilt, werde respektiert und geachtet.

Schenkt man Bushidos Aussagen in einem Stern-Interview von vor zwei Jahren glauben, ließ Arafat Abou-Chaker ausgerechnet seinen Geschäftspartner Bushido jedoch sehr wohl spüren, wenn er mit Entscheidungen nicht einverstanden war. Dieser sei damals zu seiner Ehefrau zurückgekehrt. Laut Bushido beleidigte ihn Arafat daraufhin: "Er nannte mich einen Hund".

Schwindende Freiheit

"Wenn ich will, geh' ich spazieren am Alexanderplatz / Eine Freiheit, die du als ein Informant nicht hast"

In "LuTdKG" schaute Bushido auch auf die möglichen Konsequenzen, die Kay Ones Verhalten im Alltag mit sich bringen könnte. So sei ein einfacher Spaziergang nicht mehr drin. Schließlich habe Kay mit der Polizei zusammengearbeitet. Als Informant sei die Freiheit eingeschränkt.

In diesem Jahr agiert Bushido selbst wie eine Art Kronzeuge. Er sagte bereits an etlichen Prozesstagen gegen Mitglieder der Familie Abou-Chaker aus – zusätzliche Gerichtstermine werden folgen. Vom einstigen Gangstermythos ist nichts mehr übrig. Dass sich Bushido im Herbst 2020 allein und ohne Weiteres über den Alexanderplatz bewegen kann, ist ziemlich schwer vorstellbar.

Der "31er" kommt ins Spiel

"31er, hör zu, eine Line macht dich nicht cool / Deine Techno-Junkie-Fans seh'n so scheiße aus wie du"

Bushido trat mit seinem Kay One-Diss wohl das gesamte 31er-Ding los. Die Bezeichnung "31er" ist seither gleichbedeutend mit Verräter*in. Dabei geht es in dem entsprechenden Paragraphen eigentlich um die Möglichkeit von Strafminderung, insofern gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen wurde. Und das eint Bushido und Kay One: Es ist nicht bekannt, dass sie wegen solcher Delikte je strafrechtlich aufgefallen wären. Das juckt jedoch kaum jemanden und so begegnen wir einem "31er" immer wieder in Deutschraptracks.

Der sogenannte "Judas-Paragraf" flog Bushido im Januar 2019 musikalisch um die Ohren. Capital Bra und Samra machten mit "F*ck 31er" deutlich, dass sie sich nicht mehr als Teil des EGJ-Camps begreifen und Kooperationen mit der Polizei ablehnen. Das Blatt hat sich gewendet. Was Bushido einst an Kay One verachtete, wirft die Szene ihm nun vor.

Joker Bra ft. Samra - fick 31er [Video]


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