Über die Musik hinaus: 7 persönliche Rap-Highlights 2017

Es ist ein menschliches Bedürfnis Dinge einzuordnen, in Rangfolgen zu bringen und miteinander zu vergleichen. Was war der Beste Track des Jahres? Was war die heftigste Promophase? Wer hat im letzten Jahr eigentlich am meisten Mütter anderer Artists beglückt? Höher, schneller, weiter. Was für eine Zeit, um am Leben zu sein?! Und weil natürlich auch wir nur Teil eines Systems sind, das uns mal mehr und mal weniger Spielraum gibt, blickten wir für dich zunächst auf das Jahr zurück, um dir jetzt unsere Highlights vor den Latz zu knallen.

Dabei haben wir uns auf kein starres Muster festgelegt. Und meine Highlights kommen nichtmal in einem Ranking daher. Wie soll ich denn bitte Alben, einzelne Tracks und Kontroversen, die mich dieses Jahr irgendwie bewegt haben, sinnvoll miteinander vergleichen? Keine Ahnung. Deshalb habe ich dir hier einige Dinge zusammengetragen, die mich im (fast) abgelaufenen Jahr berührt haben. Kein Ranking, nur gute Dinge. So viel Freiheit muss sein. Viel Spaß!

Trettmann - "#DIY"

Ein Album, das vermutlich in fast jedem Jahresrückblick irgendwie Erwähnung findet. Aber was war denn das auch bitte für ein Album? Um ehrlich zu sein, hatte ich bisher keine besondere Verbindung zu Trettmanns Werken. Die Kitschkrieg EPs waren schon ziemlich fresh, Haiyti-Features sowieso immer on fleek und die "Herb & Mango"-EP war auch cool. Hab ich gehört, für gut befunden und Tretti als freshen Künstler abgespeichert. 

Aber was ging denn dann bitte mit "#DIY" ab? Eine Platte, die zehn Tracks hat. Für mich sowieso ein viel besseres Konzept als Alben, deren Trackanzahl sich irgendwo in den mittleren Zwanzigern bewegt. Dass von zehn Tracks dann aber jeder einen ganz eigenen Vibe entwickelt, das Werk soundtechnisch und inhaltlich aber eine dermaßene Stringenz hat, dass im Duden unter dem Begriff "roter Faden" für immer das "#DIY"-Cover prangen sollte, ist nur eines: Trettmann-Level. Sheesh!

Tretti schafft es, zeitgemäßen Sound mit Lyrics zu verbinden, die Gefühle erzeugen ohne kitschig zu wirken. Dazu eine Feature-Auswahl vom Allerfeinsten. Hut ab, Tretti. Im März darf ich dich dann endlich auch live erleben. 

 

#DIY

(null)

Wie ein Lastwagen: Gzuz rollt über das Feature-Game 2017

Auch Gzuz war auf Trettmanns "#DIY". Ein wohlüberlegter Move. Schließlich hat Gazo 2017 noch auf jedem Feature dermaßen geliefert, dass es kaum in Worte zu fassen ist. 2016 schon war Gzuz angetreten, um mal eben einen Beginner-Track an die U30-Generation zu bringen. 2017 war er dann aber in einem ganz anderen Feature-Modus. Ich habe dir hier mal die drei herausgesucht, die mich am meisten geflasht haben:

Im März holte ihn Ufo361 auf den Track "Für die Gang". Herausgekommen ist Ufos grandiose Mumblerap-Adaption, ein grandioses Video, in dem Bonez MC grade dabei war, liebevoll das Lean in die Sprite zu kippen, als Gzuz die Romantik zunichte machte und den Track übernahm. Gzuz hat sich die Tattoos definitiv verdient:

Ufo361 feat. Gzuz - "FÜR DIE GANG" (prod. von Nisionthetrack) [Official HD Video]

Channel abonnieren http://ytb.li/Ufo361 IB3B http://ufo361.fty.li/IchBin3Berliner Social Media http://ufo361.fty.li/social "IB3B" JETZT VORBESTELLEN!! 28.04.2017 ICHBIN3BERLINER!! Eskalation vorprogrammiert: Ufo361 auf großer "Berliner" Tour Tickets: https://krasserstoff.com/tour/157422 20.04. Leipzig, Täubchenthal 21.04. Wien (AT), Flex Halle 22.04. München, Feierwerk (Ausverkauft) 23.04. Zürich (CH), Komplex 24.04. Nürnberg, Z-Bau Halle 25.04. Dortmund, FZW Halle 26.04.

Mitten im Sommer standen Trettmann (Ja, ich weiß, dass ich ihn langsam genug abgefeiert habe) und Gzuz dann plötzlich "knöcheltief im Wasser in den West Indies" und feierten das Leben. In diesen Sommerhit, der vor Leichtigkeit nur so sprüht, brettert der 187er ebenso kompromisslos rein, wie er sein Leben nun mal lebt. Doch wenn wir den Lyrics glauben dürfen, kennt der Hamburger seine Fehler und Schwächen mittlerweile. Feature-Parts gehören definitiv nicht dazu:

TRETTMANN feat. GZUZ - Knöcheltief (prod. KITSCHKRIEG)

Shop & FanBOX: https://www.kitschkrieg.de/shop/ Spotify: http://spoti.fi/2fDP78Z AppleMusic: http://geni.us/TrettmannDIYAM iTunes: http://geni.us/TrettmannDIY Deezer: http://geni.us/DIYDeezer Amazon: http://amzn.to/2v49mmW Google Play: https://goo.gl/sLkAFr CD: http://amzn.to/2x1pbs0 Vinyl: http://bit.ly/2xfjHMj Info: http://phonofile.link/diy "Knöcheltief" wurde aufgenommen im G Shock x Splash! Mag Studio und dem KitschKrieg Studio in Berlin, Kreuzberg. Mastered by SoulForce Mastering: mastering@soul-force.com Cover Artwork und Photos: °awhodat° (KitschKrieg) Ich geh auf Tour, wer kommt ?

Und auch Kalim holte Gzuz auf sein "Thronfolger"-Album, das ich im Übrigen für eins der stärksten Straßenrap-Alben des Jahres halte. Was passt schon besser zusammen als Gzuz und Straßenrap? Dazu ein bisschen die Gang ehren, das Gaspedal des Mercedes durchdrücken und ein paar Flaschen mit dem Team köpfen. Macht einen Mix, der ballert:

KALIM feat. GZUZ & GRINGO - 38 Prod. von David Crates (Official Video)

KALIMS ZWEITE SINGLE ZU SEINEM NEUEN ALBUM „THRONFOLGER"!

2017: Deutschrap redet über S*xismus

Ich sehe ein, dass das Thema S*xismus in meinen persönlichen Highlights unerwartet kommt. Doch ich finde es natürlich nicht gut, dass es S*xismus in der Gesellschaft und im Rap gibt, sondern ich halte es für gut, wenn Rap darüber spricht.

Es wurde in diesem Jahr viel über das Thema geredet. Nicht nur im Rap, aber eben auch im Rap. Dabei geht es nie darum, den Zeigefinger mahnend zu erheben und die Kunst einzuschränken. Vielmehr sollten wir uns damit beschäftigen, warum es S*xismus gibt. Denn erst wenn wir wissen, wieso meist Männer in unserer Gesellschaft in Machtpositionen sind und wieso wir auch 2017 bestimmte Verhaltensweisen noch immer pauschal als männlich bzw. weiblich abstempeln, obwohl wir längst wissen, dass der Mensch deutlich vielfältiger ist, können wir das Thema vernünftig behandeln. Rap ist Teil der Gesellschaft und Gesellschaft lebt durch Entwicklung. Sookee ist da schon etwas weiter:

Sookee - "Queere Tiere"

Das Album "Mortem & Makeup" erscheint am 17.03.2017 über Buback Tonträger.

Und warum das Thema im #metoo-Zeitalter auch Rap betrifft, hat David Molke erst neulich aufgeschrieben:

#MeToo, Sexismus, Rap & Hiphop: Wieso uns das Thema alle angeht

Unter dem Hashtag #MeToo wenden sich Betroffene an die Öffentlichkeit, um deutlich zu machen, dass auch sie zum Ziel sexualisierter Gewalt geworden sind. Die massive Aufmerksamkeit verdankt das Ganze unter anderem der Schauspielerin Alyssa Milano: Sie hat in einem Tweet alle dazu aufgerufen, mit #MeToo zu reagieren, denen es auch so ergangen ist.

 

Battlerap war 2017 manchmal mehr als nur Punchlines und Rhymes

Im Battlerap geht es darum, den Gegner möglichst kreativ zu beleidigen und die eigene Person überhöht darzustellen. Dabei ist alles erlaubt. Es gibt keine Regeln. Nur: je härter, desto besser. Insbesondere das, was auf den Bühnen der großen Battlerap-Events abgeht, passiert im Sinne der Kunstfreiheit. Doch ist diese Freiheit so groß, dass wirklich jede Punchline darunter passt? Notyzze nahm sein Match in der Battlemania Champions League gegen Yarambo zum Anlass, um genau das zu diskutieren. Sind Lines wie "Ich mach' die Führerpose in der Synagoge" noch Kunst, wenn Worte wie "N*gger" zensiert werden und verpönt sind? Notyzze hat dazu eine klare Meinung, die er in einer emotionalen dritten Runde auf den Punkt bringt:

BMCL RAP BATTLE: YARAMBO VS NOTYZZE (BATTLEMANIA CHAMPIONSLEAGUE)

RAP AM MITTWOCH PRÄSENTIERT EUCH DAS BMCL - MATCH: YARAMBO vs. NOTYZZE Yarambo: www.facebook.com/yarambobbaofficial Notyzze: www.facebook.com/Notyzze MODERATION BEN SALOMO https://www.facebook.com/BenSalomo BATTLESCOUTS: CIHAN UND TIERSTAR GREMIUM: Cashisclay, Tobi Nice & Vyrus MIXED MARTIAL BARS! RAP ODER STIRB!

Was Battlerap weit über s*xistische oder antisemitische Lines hinaus leisten kann, bewies Oxxxymiron im Oktober in seiner dritten Runde gegen Dizaster. Nicht dass es schon krass genug wäre, dass er ein gesamtes Match außerhalb seiner Muttersprache bestreitet. Er wird in der letzten Runde auch noch verdammt politisch. Er erzählt von der verbindenden Kraft, die Battlerap entfalten kann. Da steht dann ein Russe jüdischen Glaubens auf der Bühne, um sich mit einem Amerikaner muslimischen Glaubens zu battlen. In weiten Teilen der Welt bekämpfen sich Juden und Moslems bis aufs Blut. Hier wird die Freundin des jeweils anderen beglückt, politischer Realtalk gemacht und am Ende liegen sich beide in den Armen. Gänsehaut:

KOTD - Oxxxymiron (RU) vs Dizaster (USA) | #WDVII

WDVII King Of The Dot Presents : OXXXYMIRON vs DIZASTER Tell us who won with or in the comments section below!

Spätestens nach der letzten Line gibt es aus meiner Sicht nichts mehr hinzuzufügen.

Der Boy kann es noch!

Money Boy war seiner Zeit immer etwas voraus. Doch es war zuletzt ruhiger geworden um den Boy, der seinen Namen in YSL Know Plug geändert hatte. Die Aufmerksamkeit für die Musik des Wieners drohte etwas nachzulassen. Im letzten Quartal drehte Beezy allerdings nochmal mächtig auf. Anfang November hatten wir bereits eine seriöse Wiedergeburt Money Boys ausgemacht. Da nannte sich Sebastian Meisinger längst wieder Money Boy und hatte mit seinem Track "Monte Carlo" kurz vorher die 1-Million-Views-Marke auf YouTube geknackt. Das war aber auch ein Hit, den Chicho da für den Boy produziert hatte:

Money Boy - Monte Carlo (Offizielles Musikvideo)

YSL Know Plug abonnieren: http://ytb.li/YSLKnowPlug Money Boy - Monte Carlo: http://moneyboy.fty.li/MonteCarlo Merchandise: http://www.gloupdinerogang.com http://www.gloupdinerogang.com Video by Mac Duke Prod.

Wir können uns also drauf freuen, dass der einstige Vorreiter in Sachen absurde Adlibs und Luxusmarken im deutschsprachigen Rapgame wirklich back am been ist. Beezy will schließlich immer den ganzen Cake. Einen ganzheitlichen Blick richtete er dann auch auf das Jahr 2017. Sein gerappter Jahresrückblick hatte alles: Selbstüberhöhung, Realtalk über Drogen, Trendanalysen und einen Flow wie aus 2018. 

Money Boy - Rap Up 2017 (Prod. by Chicho)

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Yung Hurn fährt den Arthaus-Film in der Rapszene

"Bianco" Reloaded gab es nicht. RIN ging eigene Wege und dabei ziemlich durch die Decke. Sollte es "Bianco"-Brudi Yung Hurn ihm da gleichtun? Nein. Der entschied sich für einen gänzlich anderen Weg und machte 2017 alles für die Kunst. Dabei haben Projekte wie die "Love Hotel"-EP oder Werbung für die Hurn-Partei nur bedingt Hiphop-Bezug. Dass Yung Hurn allerdings mehr Hiphop ist, als so mancher, der ihm seine Liebe für die Szene absprechen möchte, haben wir erst neulich erklärt. Und mit "Ok Cool" haute er auch einen der ungezwungensten Hits des Sommers raus:

Yung Hurn - Ok Cool (Official Video) (prod. Stickle)

https://livefromearth.lnk.to/YungHurn_okcool Text by Yung Hurn Produced by Stickle Video byTheodor Guelat Animation by Xavier Monney Live From Earth 2017 Ok Cool

Das Video ist natürlich auch 100 % das, wofür Hurn steht. Aus allem was er tut, sagt oder macht, spricht die Kunst. Sein Instagram-Account ist dermaßen abgedreht, dass einem manchmal die Worte fehlen. Ist er jetzt Rapper, Mode-Ikone, Design-Fan oder einfach nur abgedreht auf Endlevel? In erster Linie ist Yung Hurn Künstler. Das muss auch so bleiben. Denn so wie es ist, geht es ihm "GGGut":

Yung Hurn - GGGut (Official Video) (prod. Stickle)

Erstes Album „1220" kommt Frühjahr 2018. Streaming & Download: https://livefromearth.lnk.to/GGGut Text by Yung Hurn Produced by Stickle Video by Live From Earth Vfx by Elias Asisi Live From Earth 2017

Politischer Rap 2017: Antilopen Gang & Zugezogen Maskulin

Jaja, "Politischer Rap ist wig-wiggedy-wack". Nennt es wie ihr wollt, aber ich finde ihn auch 2017 immer noch gut. Rap muss und sollte nicht immer politisch sein und Rap mit erhobenem Zeigefinger möchte schon gar niemand hören. Doch Acts wie die Antilopen Gang und Zugezogen Maskulin haben es dieses Jahr erneut geschafft, politische und gesellschaftliche Analysen und Blickwinkel auf Bars zu packen. Herausgekommen sind zwei Alben, die musikalisch zwar wenig gemein haben, dem allgemeinen Trend, dass Rap weniger auf Inhalte setzt, jedoch entgegen stehen. Und auf diesen beiden Alben sind zwei Songs, die mir besonders im Kopf geblieben sind. Sie haben zwei Gemeinsamkeiten: beide sind keine Singleauskopplung und beide sind aus zwei Perspektiven erzählt.

Der Track "Tindermatch", der auf der "Anarchie und Alltag"-Platte der Antilopen zu hören ist, erzählt zwei Geschichten. Auf der einen Seite steht Dennis Cuspert, der ehemals als Deso Dogg rappte und sich später dem IS anschloss. Auf der anderen Seite Lutz Bachmann, der als einer der Initiatoren der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung gilt. Die Idee des Tracks ist so simpel wie tiefgründig: Die beiden lernen sich über Tinder kennen und stellen fest, dass Nazis und Islamisten, die sich gegenseitig hassen sollten, tatsächlich einige ideologische Überschneidungen aufweisen. Homophobie oder Antisemitismus sind Überzeugungen, die diese zwei rückwärtsgewandten Ideologien verbinden. Hier ein Track, der die politische Komplexität einer Zeit, in der an der Querfront (angeblich) Linke gemeinsame Sache mit Nazis machen, ziemlich pointiert beschreibt:  

Tindermatch

Tindermatch, a song by Antilopen Gang on Spotify

Zugezogen Maskulin widmen sich zwar einem anderen Thema, nehmen allerdings ebenfalls zwei Perspektiven ein und sind nicht minder politisch. Zunächst rappt grim104 von seinem Großvater und seinem Vater, die nach dem Krieg in der ehemaligen BRD lebten, bevor Testo die Perspektive seines Opas und seines Vaters auf Bars packt, die in der DDR wohnten. Beide Systeme werden eingehend beschrieben, kritisiert und verherrlicht. Die Gegenüberstellung zeigt, wie vielfältig der Blick auf beide Systeme aus den verschiedenen Blickwinkeln gewesen ist:

Steine & Draht

Steine & Draht, a song by Zugezogen Maskulin on Spotify

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Der Spiegel hat Rapper nach ihrem angeblichen Sexismus-Level sortiert

Der Spiegel hat Rapper nach ihrem angeblichen Sexismus-Level sortiert

Von Clark Senger am 27.07.2020 - 17:33

Rapper rappen immer wieder frauenfeindliches Zeug. No News. Alle Jahre rückt diese Tatsache mehr oder weniger intensiv im Fokus großer Medienhäuser. Gestern veröffentlichte der Spiegel einen Artikel zu einer Untersuchung von etlichen Songtexten aus unterschiedlichen Dekaden. Die Ergebnisse sind mit Vorsicht zu genießen.

Sexismus im Deutschrap: Spiegel erstellt Top 10 Rankings

Die Grafiken sollen Aufschluss über durchaus interessante Fragen geben. Welche Rapper*innen äußern sich am häufigsten sexistisch? Welche am intensivsten? Wie hat sich die Situation in den letzten drei Dekaden entwickelt? Wer kommt in seinen Song gut ohne Sexismus aus?

Als Grundlage für die vermeintlichen Antworten dient ein Datensatz von etwa 29.200 Songs. Diese wurden auf mehr als 300 Schlüsselworte und Varianten ebendieser geprüft. 

"Die reine Analyse des sexistischen Vokabulars kann bei Weitem nicht alle sexistischen Songs aufspüren. Stichprobenartig fanden sich allerdings in den meisten Songs mit subtilen sexistischen Zeilen auch beiläufig eingeflochtene Schlüsselwörter" (– Spiegel-Erläuterung zur Methodik)

Die Ergebnisse einer solchen Studie hängen maßgeblich mit der Methode zusammen, mit der untersucht wird. Gerade ein so komplexes Problem wie Sexismus lässt bei einer empirischen Analyse keine uneingeschränkt validen Ergebnisse zu. Subtiler Sexismus, Ironie oder vermeintlich sexistische Wörter, die in ihrem inhaltlichen Kontext nicht als solche einzuordnen wären, sind schwer bis unmöglich maschinell zu erfassen. Und auch einem Menschen können bei der Interpretation von Texten etliche Ausrutscher passieren – das werden die meisten aus der Schule wissen.

Die erste Grafik soll zeigen, welche Rapper*innen am häufigsten sexistisches Vokabular in ihren Songs benutzen:

Dass die Ergebnisse keine qualitativen Unterschiede zwischen der Benutzung bestimmter Begriffe machen, sehen informierte Raphörer auch in der zweiten Grafik, die sich mit der Frequenz sexistischer Begriffe pro Song beschäftigt:

Pole Position für SXTN: 7,6-mal pro Song sollen bei Juju und Nura als Duo sexistische Begriffe verwendet haben. Keine ganz große Überraschung bei einer Debüt-EP namens "Asozialisierungsprogramm", die bereits in der Tracklist mit "Hass Frau" eine Orgi-Referenz parat hält.

Frauen in der Szene: Empowerment durch explizite Lyrics?

Dass solche Lyrics bei den beiden anders zu deuten sind als im Normalfall bei männlichen Rappern, erwähnt auch der Spiegel-Autor:

"Rapperinnen nutzen sexistische Begriffe gezielt, um die Bedeutungshoheit über sie zu erlangen. Ein Beispiel hierfür ist SXTN. [...] Es waren die ersten Frauen mit einer wirklich großen Reichweite, die diese Begriffe für sich beanspruchten. Einige Feministinnen lehnen die Texte ab, weil sie sexistischen Bilder reproduzieren."

Bei der Einordnung hat die geschätzte Kollegin Salwa Houmsi dem Spiegel-Autoren geholfen. Sie führt den Zuwachs neuer Frauen im Game auch auf Juju und Nura zurück und glaubt, "dass SXTN unfassbar viele Frauen empowered haben". Ein Blick auf die Szene 2020 offenbart zumindest, dass derzeit mehr Frauen als je zuvor mit beiden Beinen im Spotlight der Rapwelt stehen.

Endgame: Wie Rapperinnen Deutschraps Sexismus therapieren

Captain Marvel, Black Widow, Nebula, Scarlet Witch und Gamora. Man könnte meinen, im Marvel-Universum werden Filme aktuell frei nach dem Motto „The future is female" produziert.

Sexismuswelle zur Jahrtausendwende

Eine weitere Grafik zeigt, wie sich das Vorkommen der als sexistisch eingestuften Vokabeln über die Jahre entwickelt haben soll. Hier liefert die Methodik wohl das stichhaltigste und aussagekräftigste Ergebnis: Ab 1999 war nichts mehr wie zuvor.

Savas und Taktloss brachten als Westberlin Maskulin kompromisslosen, bewusst expliziten Rap in die Hauptstadt und schufen ihre eigenen Regeln für ein Genre, das zuvor in Deutschland eher von vermeintlich lieben Jungs geprägt wurde. Aggro Berlin, Orgi, Frauenarzt und Co starteten um die Jahrtausendwende herum ebenfalls ihre Rapkarrieren. Von 1998 bis 2005 verzehnfachte sich der Anteil von Songs mit sexistischen Begriffen von 3 % auf das All-Time-Maximum von 30 %.

Den bislang deutlichsten Rückgang kann man von 2018 auf 2019 sehen. Von 26 % ging es runter auf 18 %. Das könnte beispielsweise an mehr Frauen im Game liegen, an Labels, die sich vor Release genauer anschauen, was die Künstler*innen so in ihren potenziellen Chart-Hits rappen, an einer tatsächlichen Veränderung zum Positiven oder etwa an einem Wandel in der Qualität von sexistischem Content. Die qualitative Ebene ist halt die Schwäche einer Untersuchung, die auf dem Zählen von Wörtern basiert.

Der Spiegel-Artikel kontextualisiert aber zumindest einige der Ergebnisse. Es ist kein klassischer Alle-Rapper-sind-blöd-Text, auch wenn genau das am Ende bei einigen genre-fernen Lesern hängenbleiben wird. Es wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass Sexismus selbstverständlich kein exklusives Problem der Rapwelt ist und einige Acts auch gut ohne bestimmte Begriff klarkommen. Unter anderem wird die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Heidi Süß zitiert:

"Die ganze Gesellschaft hat ein Sexismusproblem. Im Rap findet nichts statt, was es nicht auch woanders gibt."

Reaktionen von Juju, Frauenarzt, OG Keemo & Schwartz

Schon kurz nach der Veröffentlichung erreichten die Neuigkeiten über unliebsame Top-10-Platzierungen einige Rapper. Juju, die im Artikel ohnehin recht gut dasteht, freute sich auf Twitter:

Frauenarzt liefert mit seinem Tweet gleich neues Material für die Statistik. Wobei unklar ist, ob Schw*nzlutschen per se als sexistischer Begriff in der Analyse als sexistischer Begriff gewertet würde. Er fühlt sich durch die Methode der Untersuchung offenbar nicht fair behandelt und findet die Wortwahl "Zelebrierung von Sexismus" unpassend:

OG Keemo nimmt Platz #8 mit Humor und peilt sarkastisch die Pole Position für 2021 an. Danach hält er es ähnlich wie Frauenarzt:

Fler, den der Spiegel als Artikelbild benutzt, scheint zufrieden mit den Ergebnissen zu sein. Er taucht in keiner Top-10-Liste auf und teilte den entsprechenden Screenshot in seiner Insta Story.

Schwartz aus dem Hirntot-Camp belegt Platz #5 in der Statistik der meisten sexistischen Begriffe pro Song. Er erinnert an die Story der 2 Live Crew, die mit ihren expliziten Lyrics und dem kompromisslosen Miami Bass Sound unter anderem maßgeblichen Einfluss auf Frauenarzt hatte.

Sein Tweet deutet an, dass sich in den vergangenen 30 Jahren, in denen Hiphop omnipräsent in Popkultur, Charts und alltäglichem Leben war, nicht verändert hätte. Ganz so drastisch dürfte es nicht sein. Sich einem komplexen Thema wie Sexismus im Rap, bei dem die Grenzen zwischen Kunstfreiheit und Kunstfreiheit als Tarnung für misogyne Kacke fließend sind, über Wortzählerei zu nähern, ist durchaus eine Idee. Aber vermutlich nicht die beste.


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