Review: Marteria, Yasha & Miss Platnum – "Lila Wolken" EP
Eines vorab: Wer hier Boombap-Sound erwartet, der die Baggy wibbern lässt, der darf jetzt das kleine (rote) "x" klicken. Wer einfach generell auf gute Musik steht (und Scheuklappen vielleicht scheiße findet, weil die scheiße aussehen und ignorant sind und einem gute Musik vorenthalten), der kann sich den Rest ab jetzt gerne durchlesen. Denn meine Damen und Herren, auf dieser EP versammeln sich drei der talentiertesten Künstler und Songwriter des Landes auf den Produktionen von The Krauts , denen niemand ernsthaft einen eigenen, erfolgreichen Sound absprechen kann. Irgendjemand muss da bei Four Music oder bei den beteiligten Artists einen guten Draht Richtung Wettermacher haben. Gerade rechtzeitig zu den wahrscheinlich letzten Sonnenstrahlen des "Sommers" 2012 kam das Video zum Titeltrack der Lila Wolken -EP von Marteria , Yasha und Miss Platnum heraus. Genau richtig, um das Gefühl des Songs nachvollziehbar zu machen. Dieses Gefühl, das der Track Lila Wolken aufbringt, mit treibenden Keys und zurückgelehnten Snares, werden durch die Lines der Musiker verstärkt. "Wir trinken auf Verlierer, lassen Pappbecher vergolden - feiern hart, fallen weich auf die lila Wolken..." ( Marteria im Track Lila Wolken ) Yasha s Stimme, die zwischen jugendlich und kaputt vibriert, Miss Platnum s entspannter, leicht geschleppter Flow und Marteria s Part, der wieder einmal klar macht, worum es geht: den Moment leben, genießen und spüren – bis die Wolken wieder lila sind. Das alles fängt die Spätsommernacht und den darauffolgenden Morgen ein, den du dieses Jahr erlebt hast oder erleben wolltest. Für die Produktion des Tracks zeichnet sich neben The Krauts der spanische Lebemann Kid Simius verantwortlich. Der zweite Track Bruce Wayne kommt als klassischer Marteria -Solo-Track á la Zum Glück in die Zukunft (2) daher. Persönlicher als viele vielleicht dachten, erklärt Marten Laciny hier mal eben, was in den vergangenen Jahren so passierte. In der zweiten Strophe frühstückt er, wie nebenher, seine ihm selbst zugeflogene Klatsch-Sparten-Prominenz ab und schwankt wieder zwischen Geschäft und Privat, wenn er in einer Zeile einen Streit mit Casper andeutet, der für Fans bisher nicht mitzubekommen war. Persönliche Lines oder Kalkül? Der so Angesprochene sagte mir, er habe davon nichts gewusst und sei positiv bewegt gewesen, als er den Track auf dem Splash hörte: "Mal gab's Streit und mal gab's Stress - los vertragen jetzt, Mar und Cas!" Kann nur gut sein für Rap-Deutschland. Auch, wenn der letzte Vollidiot das noch nicht begriffen haben will: HipHop hat sich schon immer weiter entwickelt und den Sound variiert. Feuer macht sich ran, ein wenig Dancehall-Brennmaterial zu verbreiten. Für mich ist das der Track, dem man am ehesten Berechnung unterstellen könnte. Dieses Ding will in die Stadien, dieser Track will dir sowas von den Flammenwerfer in den Hintern rammen, bis du mehr Flammen rotzt als Feuerspucker. Wenn etwas mit so vielen Wortspielen daher kommt, wie das übrigens auf der gesamten EP der Fall ist, geht das klar. Wäre das nicht so, würde der Track aber Gefahr laufen, als Hephaistos in Streichholzgestalt zu erscheinen. Die Ode an Kreuzberg ( Kreuzberg am Meer ) ist ein Track, den man leicht nachvollziehen kann, wenn man in einer Gegend der kulturellen Vielfalt wohnt, denn genau diese und das Feeling davon wird vermittelt.  "Auf der Straße spielen die Kinder Baklava Baklava Kuchen" – so solls sein! Das ist der Humus, auf dem Kunst entstehen kann. So wird der Track auch für Menschen verständlich, die vielleicht noch nie den Flair von Kreuzberg aufgesogen haben. Augen zu, zuhören, mit dem richtigen Riecher bist du im Melting Pot. Der letzte Track Autoboy kommt eher als Miss - Platnum -Solo-Track mit Marteria -Feature daher. Dass Miss Platnum auch auf Deutsch kann, hat der Ein oder Andere vielleicht schon mitbekommen. Die Grand-Dame des Balkan-Pop wird übrigens irgendwann ein Album auf Deutsch hinterher schieben, wie Marteria im Interview mit 1LIVE mitteilte. Der Beat ist durch ein wiederkehrendes Gitarrenriff recht rockig, die western-stylische Bassline unterstützt das und macht klar: Du musst schon eine gehörige Portion Größenwahn und Masochismus an den Tag legen, wenn du dich mit Miss Platnum anlegen willst. "Ich weiß, wo dein Auto steht, Boy" .


Die EP hat mir den Soundtrack zum Spätsommer serviert. Wer hier über-derbe Flow-Wechsel erwartet, wird enttäuscht sein. Wer aber auf ziemlich runde Produktionen steht, die trotzdem noch genug Dreck haben, um dir nicht das Gefühl zu geben, du hättest die letzten Tracks mit Tante Erika geschmust, und wer dazu noch ein Ohr für gute Lyrics hat, der wird die EP lieben und die drei verfluchen, kein Album daraus gemacht zu haben. Ich finde es so gut! Ein Album hätte mehr Füllmaterial anspülen können. Diese EP ist als Lebenszeichen zu verstehen, das ankündigt, was die drei zusammen machen. Die Leute, die die EP mögen, freuen sich sicher zu erfahren, dass die Künstler sich auf ihren Alben, an denen alle drei arbeiten, gegenseitig unterstützen werden und mehrere Kollabos in der Pipeline sind.   9/10 Punkte