Review: Fler – Blaues Blut
Mit dem Nachfolger seines Albums Hinter blauen Augen hat Fler nun das zweite Album der von ihm kreierten Blue-Magic-Ära veröffentlicht. Was auf dem Vorgänger noch etwas holprig und sehr experimentell klang, ist nun deutlich klarer und runder. Einen großen Beitrag dazu leistet das verantwortliche Produzententeam Hijackers . Die drei Produzenten zeigen sich für jeden Song des Albums verantwortlich und verstehen es, Fler einen Soundteppich zu knüpfen, der komplett an dem amerikanischen Südstaaten-Rap angelehnt ist. Was das bedeutet? Trap, Dirty South-Sound und leichte Crunk-Einflüsse werden dir hier durchgehend auf die Ohren gegeben. Synthesizer und wummernde Drums bieten einen geeigneten Hintergrund für die neue Art zu rappen des Maskulin -CEOs. Langsamer Rap mit vielen Pausen (beispielhaft dafür steht der Song Pheromone ), Hashtag-Flow (" Man sagt, ich schwimme jetzt im Geld – Dagobert " – in Biggest Boss ) und nicht gerade umständliche Reimketten sind prägend für den neuen, den "amerikanischen" Fler . Dazu kommen einfach gehaltene Hooks, die besonders auf Wiederholungen einzelner Phrasen setzen (wie beispielsweise im Song Pheromone : " Der Geruch des Erfolgs... Pheromone ", oder die zerhackte " Barack Osama, Barack Osama "-Hook im gleichnamigen Track). Andere Hooks kommen fast komplett ohne Fler aus, wie bei Biggest Boss oder Chrome . Durch das gesamte Album zieht sich die beschriebene Art zu rappen. Das kann sicherlich als etwas eintönig, vielleicht sogar langweilig angesehen werden. Man wartet förmlich auf eine Abwechslung, die auch bei den Featuregästen G-Hot (aka Jihad ), Silla und Animus auf sich warten lässt, da diese sich Fler anpassen, dabei aber solide Leistungen abliefern. Allerdings weist der Künstler nicht umsonst in jedem Interview darauf hin, dass es gerade beim langsameren Rappen auf Präzision und gutes Timing ankomme. Natürlich muss man sich an diese Art Rap etwas gewöhnen, kennt man sie doch bisher aus Deutschland kaum, wenn überhaupt. Aber eindeutig präzise und relativ treffsicher versenkt Fler auf den Instrumentals seine Lines und Reime. Dies sollte Respekt und Anerkennung verdienen – zumindest aber verlangt es, dass man das Album nicht sofort wieder ausmacht, nur weil Doubletime, tiefsinnige Wortspiele oder emotionale Themen fehlen. Gleichzeitig kann es allerdings auch nicht sein, dass man sich auf amerikanische Vorbilder beruft und dabei außer Acht lässt, dass das Niveau sich beim deutschen Rap in den letzten Jahren enorm gesteigert hat. Wie beschrieben, ist das Besondere an dem Album der Sound und die damit verbundene, hierzulande wohl einzigartige Art zu rappen. Andere Aspekte, die man bei vielen aktuellen Alben in Deutschland vorfindet, gibt es jedoch kaum auf Blaues Blut . Hier geht es in erster Linie darum, zu repräsentieren und Macht und Reichtum zur Show zu stellen. Vor allem letzteres macht Fler schon seit einiger Zeit häufig und gerne, eine gewisse ironische Überspitzung dabei gehört für ihn jedoch dazu und ist zum Beispiel auf dem Song Neureicher Wichser unüberhörbar: " Rolls Royce in meinem Video – nenn' mich Ghost-Fler ", oder: " Filet-Mignon – ich ess' zwei, wer ist jetzt der Boss? ". Einige andere ironische oder humorvolle Zeilen lenken von der generell härteren und wütenderen Gangart des Albums ab und sorgen so dann doch für eine gewisse Abwechslung. Doch neben dem Schwerpunkt, angeberische und ignorante Ansagen zu verteilen und dies mit deutlich battle-lastigeren Aussagen als noch zuletzt, hat das Album noch eine weitere Seite. Fler möchte durch seine Songs andere Menschen motivieren und aufrufen, die eigenen Träume zu verwirklichen. Indem er allen zeigt, was er erreicht hat – trotz nicht einfacher Umstände – will er als Vorbildcharakter wahrgenommen werden. Tatsächlich finden sich sogar Anflüge von Sozialkritik bei Produkt der Umgebung : " Blicke […] dann aus dem Fenster, sehe keine Perspektive ", oder: " […] es ist für viele meiner Jungs zu spät ". Auf Meine Farbe kommt zwischen den typischen Ansagen zusätzlich eine recht deprimierte Stimmung rüber: " Vater Staat, er kann mir nicht meine Stimme nehmen/ Doch die Richter und die Zeugen wollen mich drinnen sehen ", oder: " […] disse meine eigene Mutter jeden Tag wie Eminem ". Auch durch die mit G-Funk-Sample unterlegte Hook wird deutlich, dass Fler nicht zu den glücklichsten Menschen zählt und selbst Geld nicht alles Leid beiseiteschaffen kann. Thematisch wird dieses auch bereits im Intro verarbeitet. Hier fasst Fler seine Vergangenheit kurz zusammen und erklärt, dass er seit seiner " Kindheit das schwarze Schaf " gewesen sei und immer schon eine gewisse Außenseiter-Stellung hatte. Mit Skrupellos schafft Fler zusammen mit Jihad einen amtlichen Battle-Track inklusive Spitze gegen Kollegah . Hier findet sich jedoch wieder einmal eine Auto-Tune-Hook, die einfach nicht passen möchte. Schon letztes Jahr wurde Fler oft darauf hingewiesen – bleibt zu hoffen, dass er bei kommenden Projekten noch vorsichtiger mit diesem Effekt umgeht, wenn er schon nicht darauf verzichten will.  Ebenso passt der schon bekannte Diss-Track Mut zur Hässlichkeit gegen Farid Bang und Kollegah nicht wirklich in das Konzept des Albums und hätte ein exklusiver Track bleiben sollen. Überhaupt wird den beiden Rappern aus NRW auf einigen Songs die eine oder andere Zeile gewidmet. Für kommende Produkte sollten beide Seiten das Thema endlich ruhen lassen, aber Streitereien unter Rappern ist ja bekanntlich Geschmacksache. Den einen freut’s, der andere empfindet Beef einfach nur als störend. Beeinflusst ja auch die Musik – möchte man denn immer wieder kleine Spitzen gegen Rapper auf einem Album hören? Ist Aussage an dieser Stelle nicht wichtiger als aktuelle, zeitgebundene Beefgeschichten? Ähnlich störend wirken auf Blaues Blut die Skits, die den Fluss des Albums stören. Anders sieht es aus mit zwei Einleitungen in Songs. So ist dem Intro eine Stelle aus dem Film The Fan und Blue Magic (auf der Bonus-Edition) eine Passage aus dem Denzel Washington -Streifen American Gangster vorangestellt – beides durchaus passend und verständlich.

Fazit:

Fler hat mit Blaues Blut – abgesehen von einigen kleineren Störfaktoren – ein strukturiertes Album geschaffen, welches in der Deutschrap-Szene eine Sonderstellung hat. Wer auf Südstaatenbeats, aggressiv-ignoranten Battlerap mit einem Schuss Humor und insgesamt auf die Maskulin -Mentalität steht, wird hier hervorragend bedient. Allein die Beats werden vielen sicherlich schon Spaß bereiten und im Rap geht es ja immer auch darum, Stimme, Reime und Beat zusammen zu bringen. Dies hat Fler durchweg recht erfolgreich gemacht und wird sicherlich einige Kritiker des Vorgängeralbums zufrieden stellen – insbesondere, weil er sich nun wieder deutlich mehr auf seine Straßen-Rap-Wurzeln berufen hat. Dass seine Art und Weise nicht jedermanns Sache ist, sollte mittlerweile klar sein. Aber Fler will es ja auch gar nicht jedem recht machen und bei Blaues Blut handelt es sich trotz aller Kritik um ein zufriedenstellendes Gesamtprodukt. Vor allem die Hijackers sollte man für die Zukunft im Auge behalten.

Bewertung:

7 von 10