RAF 3.0 – Hoch2 [Review]
Am 5. Juli ist es endlich soweit: RAF 3.0 aka RAF Camora veröffentlicht mit Hoch2 ( auf Amazon vorbestellen ) den heiß erwarteten Nachfolger zu seinem Top 10-Album RAF 3.0 über sein Label Indipendenza / BMG . Vorab wurde bekannt, dass die amerikanische Basketballprofiliga NBA seine Musik als Soundtrack für einen offiziellen Werbespot mit Dirk Nowitzki wählte. Im Interview mit Toxik lieferte der Wahlberliner dann sehr tiefgründige Einblicke in die Entstehungsphase von Hoch2 und beschrieb, wie das Album klingt. " Massentauglicher " soll es sein, eine Mischung aus Grunge und Trap mit Rap und Gesang. Ohne Autotune, dafür mit Vocaleffekten. Inhaltlich soll es nicht mehr um Roboter gehen, sondern um den Menschen, wie RAF weiterhin erklärt. Als Einflüsse für das Album zählt er u.a. Rage Against The Machine , Freundeskreis , Nirvana , Kendrick Lamar , A$ AP Rocky auf. Selten war vor dem Release eines Albums unklarer, wie das Ganze denn im Endeffekt klingt. Nun lüften wir für dich den akustischen Nebel... Ruhig und harmonisch erklingen die von RAF selbst eingespielten akustischen Gitarrentöne im Intro , die langsam von Violine und Cello überstimmt werden, bis RAF s altbekanntes " Eyyy " Phantom ankündigt. Hier hat der ursprüngliche Wiener seine markante Stimme wieder voll in Szene setzen können. Ein klanglicher Wirbelwind von live aufgenommenen Streicherinstrumenten trifft hier auf hallende Paukenschläge, künstliche Claps und Trap-typische Hi-Hat-Pattern.  Verzerrte E-Gitarren-Riffs, zerhackte Hi-Hat-Rhythmen, chromatische Snare-Rolls, Streicherklänge – auch auf dem von RAF , KD-Supier und Rooq produzierten Vergiss den Rest fährt RAF schweres Geschütz auf. Die Rafinesse des Wahlberliners zeigt sich hier unter anderem darin, dass der zweite Verse mit den Worten " ich bin wie ich bin, ein bisschen schizo " eingeleitet wird und sich der Rhythmus dementsprechend vom ersten Verse abgrenzt und in einen Reggae-typischen Rhythmus mit Achtelnoten im Offbeat und Dancehall-artigen Drums ändert. Diese Übereinstimmung von Text und Ton verdeutlicht ganz gut RAF s künstlerische Herangehensweise an die Musik und ist ein mustergültiges Beispiel dafür, dass sich der Wahlberliner nicht von Genre-eigenen Standards eingrenzen lässt. Sonst ist es ja Gang und Gebe, einen Verse an die Hook zu hängen und das dann zwei bis drei Mal zu wiederholen. Die halb gesungenen, halb gerappten Vocalspuren passen dabei voll ins Konzept. Weitere Tracks, die Reggae-Elemente aufweisen, sind zum Beispiel Schwarze Sonne mit ausdrucksstarken, pathetischen Verses von Prinz Pi (" Wir sahen durch's Teleskop Galaxien, riesengroße/ Durch's Mikroskop ins Allerkleinste – die Atome/ Nur das Richtige sah niemand/ Seit der Blitz von Hiroshima Seelen trank, ging es nur voran, solange Krieg war/ ") und Vega (" Und deshalb lassen sie's uns ausbaden/ Hatten alles, aber alles war nicht das, was wir gebraucht haben/ Herztod, Schmerz zog, Glaube verstummt/ Wir machen Wasser nicht zu Wein, nein, wir saufen uns dumm/ "), oder Schweigen , auf dem RAF verdeutlicht, dass Reden Silber, Schweigen aber Gold ist: " Wenn es keinen Grund zu Reden gibt, könntest du auch lediglich schweigen/ Spring und bewege dich, doch lass uns auch gelegentlich schweigen/ ". Statt wie auf RAF 3.0 mit Robotern und der digitalen Offenbarung befasst sich Hoch2 eher mit dem Menschlichen, wie RAF im Interview fortfährt. Tracks wie Freunde , Bis ich wieder genug hab und Treibsand befassen sich mit dem alltäglichen Lebensstruggle: Freundschaften, Beziehungen, Luxusartikel, Unzufriedenheit und die Einstellung der Menschen, dass man immer das möchte, was man gerade nicht besitzt. Hat man " Frauen ohne Ende ", möchte man wieder diese eine " Frau, die [einem] traut ". Andere streben ihr Leben lang nach Ruhm – wenn man ihn aber erreicht hat, möchte man wieder " im Club unerkannt abdancen ". Vorgetragen werden diese greifbaren Themen von RAF mit markanter Stimme und tiefem Stimmeinsatz. Textlich ist sein Raphintergrund an jeder Stelle des Albums erkennbar, sind die Texte doch trotz der vielen gesungenen Parts technisch stets anspruchsvoll und mit Metaphern und Mehrfachreimen geschmückt. Zuletzt erwarten den Hörer zwei Trilogien, beginnend mit den drei EVOL -Tracks: Hört man die Tracks in der gegebenen Reihenfolge, so zeigen sie den Verlauf einer zerbrochenen Beziehung. Dreht man die Playlist um, so beschreiben sie eine Beziehung mit Happy End. Aus EVOL , das, wie RAF erklärt , dem englischen Wort evil ähnelt, wird LOVE . Gibt wohl wenige Musiker – vor allem im deutschen Rap –, die sich so sehr den Kopf über die eigene Musik zerbrechen und Konzepte so liebevoll bis ins kleinste Detail ausarbeiten. Auch musikalisch ist das Ganze passend umgesetzt. Der erste Track, Gib mir deinen Namen (EVOL Pt. 1) , beschreibt das Gefühl der Liebe auf den ersten Blick auf einem von KD-Supier alleine produzierten, ruhigeren und leicht balladenhaft anmutenden Beat mit elektrischer Gitarrenmelodie und weiten Streicherklängen. Wie neu (EVOL Pt. 2) hingegen beschreibt die nächste Stufe, eine glückliche Beziehung, die auf Träumer (EVOL Pt. 3) ein abruptes Ende findet. Musikalisch untermalt wird dieses Ende mit einer Nirvana-ähnlichen Gitarrenmelodie und verzerrten Klängen. Auch hier hat RAF das Zupfinstrument selbst eingespielt. Unterstützt wurde er dabei von KD-Supier am Bass. Apropos Ende: Letzter Song , Endstation und Fort mit Tua sind die letzten Tracks der Deluxe Edition und befassen sich inhaltlich alle auf ihre eigene Art und Weise mit dem Ende. Letzter Song beschreibt das Gefühl, am frühen Morgen noch den letzten Song im Club zu genießen, bevor es wieder in den sorgenschweren Alltag geht. Auf Endstation beschreibt RAF , dass er seinen Weg stets ohne Rücksicht verfolgte: " Ich hielt mich selten an Regeln/ Jede rote Ampel ist für mich 'ne gelbe gewesen/ [...] Ich fahre, doch brems' nicht/ [...] Jetzt ist Endstation/ ". Letzter Ausweg Selbstmord? Der Track besitzt viele Soundeffekte, elektrische Gitarren und Offbeat-Achteln im Reggae-Rhythmus – zum Schluss gibt es sogar noch eine kleine Referenz an den 80er-Jahre-Popsound mit hohen Synthies und schnellen, synthetischen Claps. Das endgültige Ende des Albums stellt ein musikalisches Experiment dar, dessen kompliziertem Tempowechsel von Verse zu Hook ich trotz langjähriger Musikausbildung nicht ganz folgen kann. Erst dachte ich, dass Triolen den neuen Takt vorgeben, aber das scheint nicht ganz aufzugehen. Ein Geniestreich eben, Nerdmusik im positiven Sinne – wie man es eben erwarten würde, wenn RAF mit Tua ins Studio geht. An dieser Stelle soll mich keiner falsch verstehen: Trotz der komplexen Herangehensweise der Künstler ist das sehr leicht hörbare, angenehme Kost. Herausgekommen ist ein nachdenklicher Track mit Dubstep-ähnlichen Elementen und effektreichen, entfremdeten Vocalspuren im Refrain. Fast kaum wahrnehmbar ist übrigens auch, dass sich RAF und Tua in den Verses stellenweise gegenseitig die Silben ergänzen, sie quasi zusammen zu einer Stimme verschmelzen.

Fazit:

Verrückt. Mit Hoch2 sprengt RAF musikalisch alle Grenzen der Musik, vermischt die verschiedensten Genres zu einem Hybrid und erfindet einen neuen, in der Form noch nie vorhandenen und in sich stimmigen Musikstil. RAF ist weder Rapper noch Sänger, er ist Künstler durch und durch. Die von ihm im Interview angesprochenen Einflüsse von Rage Against The Machine und Nirvana sind voll erkennbar. Weniger Dancehall, mehr Grunge- und Rockelemente. Weniger Synthies, mehr Liveinstrumente und bearbeitete Gitarrenklänge. Musikalisch muss man das nicht mögen, denn Musik ist und bleibt Geschmacksache. Was man RAF nicht nehmen kann, ist, dass er Musik lebt, sie wie ein Puzzle auseinandernehmen und nach Belieben neu formen kann. Vergleichbar ist RAF s Musik – Achtung: sehr schlechter guter Vergleich – mit Cola: dem Entstehungsprozess kann ein Normalsterblicher nur bedingt folgen; keiner weiß so genau, wie sie entstand, aber dennoch schmeckt sie Jung und Alt. Trotz der musikalischen Komplexität korrespondiert Hoch2 also komplett mit der breiten Masse. Ehrlich gesagt habe ich noch nie ein Album gehört, dass mich vom musikalischen Standpunkt her so schwer beeindruckt hat und möchte an dieser Stelle Basti Trailerpark s Facebookkommentar zu Phantom zitieren: " Wenn jede Art von Popmusik so klingen würde, bräuchte man sich auch nicht zu fremdzuschämen, wenn man das Radio anmacht.
Groß!
"

Fazit:

Beats: 9 von 10
Texte: 9 von 10
Features: 9 von 10
Flow: 8 von 10
Insgesamt : 8,75 von 10
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