"Wenig Experimente": Warum sich Megaloh für "Drei Kreuze" auf seine Wurzeln zurückbesinnt [Interview]
Megaloh mit grauer Mütze sitzend vor einem dunklen Hintergrund

 

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Megaloh sein viertes Soloalbum "21", in dem er sowohl beim Entstehungsprozess als auch im Sound neues ausprobierte. Nun releast er "Drei Kreuze" und geht damit zurück zum Ursprung - und das nicht nur im Rapstil. Der 41-Jährige greift Themen vergangener Werke noch mal auf und gibt gleichzeitig einen tieferen Einblick in diese. Dabei lässt der "Regenmacher" seine Karriere Revue passieren und kombiniert das mit der gegenwärtigen Deutschrap-Situation. 

Unsere Redakteurin Christin hat sich mit Megaloh für ein Interview getroffen und über Kritik an der Hiphop-Szene in Deutschland, die Industrie an sich sowie die Hintergründe von "Drei Kreuze" gesprochen.

Megaloh im Interview über sein neues Album "Drei Kreuze"

Christin: Bei "21" lief der Entstehungsprozess anders ab als gewohnt. Du hast Songs nicht komplett zu Ende geschrieben und am Mikro teilweise gefreestylet. Wie war das jetzt bei "Drei Kreuze"?

Megaloh: "Drei Kreuze" entstand ziemlich mit dem Rücken zur Wand. Bei den Alben zuvor hatte ich quasi unbegrenzt Zeit, jetzt hatte ich nur drei Monate. Auch, weil es das letzte Album in meinem Vertrag ist und ich froh bin, zu einem Abschluss zu kommen. Ich war so richtig fokussiert wie in einem Tunnel. Man kann sich das vorstellen wie eine Abiklausur, die aber über Monate geht. Ich habe wenig experimentiert, sondern bin wieder zurück zu dem, was ich gut kann und habe versucht, das Beste aus den drei Monaten herauszuholen.

Christin: Ich kann mir vorstellen, dass der Zeitmangel auch gewisse Vorteile mit sich bringt und man nicht anfängt, alles zu überdenken, oder?

Megaloh: Genau! Also ich habe nicht viel überdacht. Ehrlich gesagt, wenn ich mehr Zeit habe, trödele ich. Gar nicht, weil ich alles durchdenke, sondern weil der Fokus dann nicht so da ist. Dann kommt ein Song und ein paar Monate vielleicht erst mal wieder nichts. Und jetzt zählte jeder Tag. Ich bin täglich ins Studio gegangen und in einen richtigen Workflow gekommen. Morgens habe ich meinen Sohn in den Kindergarten gebracht, danach bin ich ins Studio und kam erst abends wieder nach Hause. Ich habe jeden Moment genutzt, um Musik zu machen - teilweise sind sogar Texte draußen im Park im Suff entstanden (lacht)

Christin: Gleichzeitig hast du mal gesagt, du hättest "Drei Kreuze" mit dem Mindset gemacht, dass es das letzte Album sein könnte. Wieso?

Megaloh: Zum einen, weil mein Vertrag bei Universal endet. Zum anderen, weil man nie weiß, was das Leben bringt. Nichts ist garantiert, nichts versprochen. Spätestens jetzt, wo ich einen Sohn habe, setze ich mich immer mehr mit der Vergänglichkeit des Lebens auseinander. Ich hatte zum Beispiel vor Kurzem einen Fahrradunfall und echt Glück! Man weiß auch nicht, was morgen kommt. Und das sind alles Prozesse, die in das Album mit eingeflossen sind. Ich habe versucht, so präsent wie möglich im Moment zu sein. Und so hat sich immer mehr der Gedanke gefestigt, dass dieses Album ein Abschluss ist.

Christin: Im Pressetext stand auch, dass "Drei Kreuze" eine Art Kapitelabschluss darstellt. Welche Kapitel repräsentieren die anderen Alben für dich?

Megaloh: Ich habe insgesamt vier Soloalben mit Universal gemacht. Davon war "Endlich Unendlich" der Anfang. Da hatte ich das Gefühl, als Künstler eine Chance zu bekommen, mich mit meiner Arbeit zu verewigen. "Regenmacher" war dann eher der Titel, den ich mir als Figur gegeben habe und die Erkenntnis über mich selbst. "21" ist zum Teil eine Hommage an das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin. Es tanzt am meisten aus der Reihe, weil ich mit wenig Konzept herangegangen bin und einfach nur die Freude des Musikmachens haben wollte. Bei "Drei Kreuze" habe ich mich darauf fokussiert, die Stringenz der Geschichte zu vollenden. 

Christin: Mit "21" hast du bereits verraten einen Faible für Zahlen zu haben. Dabei steckten gleich mehrere Bedeutungen hinter dem Titel. Ist das bei "Drei Kreuze" genauso?

Megaloh: Natürlich, es muss bei mir immer viel Bedeutung sein (lacht). "Drei Kreuze" steht in erster Linie für das Sprichwort "drei Kreuze machen", was ausdrückt nochmal Glück gehabt zu haben. Das ist im Hinblick auf meine Erfahrungen in der Musikbranche so. Das Showbusiness kann einen echt schädigen, wenn man zu lange drinsteckt. Ich kenne viele Künstler, die Psychosen bekommen haben. Einfach, weil es ein Geschäft ist, bei dem jeder zuerst auf sich achtet und man mit verdeckten Karten spielt. So ein Label zum Beispiel würde auch nicht mit einem Vertrag kommen, der am besten für dich ist, sondern für sie. Wenn du keine Rechtsberatung hast, wird es nicht optimal laufen. Generell haben Leute früher auch Verträge mit drei Kreuzen unterschrieben, die nicht lesen konnten. So wurde vielen Menschen unwissentlich ihr Land genommen. Es soll eine Anspielung darauf sein, dass man innerhalb dieses Business’ einfach wissen sollte, was man unterschreibt. Bei mir war das halt nicht immer so. In der Bildsprache stehen "Drei Kreuze" auch für Jesus, neben dem zwei weitere gekreuzigt worden sind. Ich habe mich viel mit dem Tod beschäftigt, den man als Abschluss bezeichnen kann. Und danach folgt der Neuanfang wie eine Art Auferstehung - natürlich metaphorisch gesprochen.

Christin: Es scheint auch, als hätte das Album drei Themenbereiche, die es abdeckt: Die Vergangenheit, mit der du Frieden schließt, die Gegenwart, auf die du dich fokussierst und die Zukunft, die infrage gestellt wird. Stimmt der Eindruck?

Megaloh: Sehr interessant dargestellt und es stimmt auch. Obwohl das nicht bewusst passiert ist. Konzeptuell hat das Album eine Klammer mit dem ersten und letzten Song, da beide Songs um die Musikbranche gehen. In "Letztes Abendmahl" kritisiere ich meine Situation und in "Mach’s Gut" verabschiede ich mich von ihr. Innerhalb des Albums gibt es einen Handlungsstrang von der Heldenreise. Nicht, dass ich jetzt ein Held bin, aber der Protagonist geht durch verschiedene Phasen der Erkenntnis. Früher habe ich mir vorgestellt, dass ich eine supererfolgreiche und schnelle Karriere haben werde. In Realität ist dann alles ganz anders gelaufen. Das Einzige, was so war wie in meiner Vorstellung, war die Liebe zur Musik. Aber ich musste auch viele Opfer bringen und viel mit mir hadern. Jetzt akzeptiere ich die Vergangenheit und bin dankbar für die Gegenwart. Und auch für meinen Sohn, an dessen Zukunft ich denke. Diesbezüglich gibt es einiges am System zu kritisieren. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man Sachen hinterfragt.

Megaloh über die Deutschrap-Szene

Christin: Du hast bereits früher Kritik an der Deutschrap-Szene geübt und über die Vergänglichkeit gerappt. Nun räumst du dem scheinbar noch mehr Platz ein. Weshalb?

Megaloh: Je mehr man sich mit etwas auseinandersetzt, desto mehr kann man in die Tiefe gehen. Durch meinen Sohn habe ich mich mit der Vergänglichkeit befasst - auch mit meiner eigenen, denn mit neuem Leben fängt auch der Tod an eine Rolle zu spielen. Die Rapszene habe ich schon häufiger kritisiert, aber in jüngster Vergangenheit immer mehr mitbekommen, wie sich Leute in politischen Debatten wie der MeToo-Bewegung oder Rassismus positionieren. Ich hatte das Gefühl, dass sich viele nicht damit auseinandersetzen wollen, was enttäuschend war. Die HipHop-Kultur ist eine Schwarze Kultur, in der man ursprünglich Probleme angesprochen hat. Und das sollte man nicht vergessen. Natürlich kann jeder rappen, der darauf Lust hat! Aber man sollte sich auch mit den Wurzeln dieser Kultur beschäftigen. Es geht nicht darum, sich zu bereichern oder so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu bekommen. Dabei geht die Liebe verloren.

Christin: Ist das auch der Grund dafür, dass du "Statements" gemacht hast?

Megaloh: In "Statements" kommt eigentlich alles vor. Ich kritisiere sowohl die Leute, die Musik machen, als auch die, die sie hören. Und wie Leute zum Beispiel damit umgehen, dass ich Autotune benutze. Auch wenn ich als Hörer wahrscheinlich ähnlich wäre, würde ich mir wünschen, dass man dem Künstler mehr Freiraum gibt. Ihn Sachen machen lässt, die man vielleicht nicht von ihm erwartet und akzeptiert, dass nicht alles wie beim ersten Album klingen muss. Genauso thematisiert der Song aber auch zerbrechliche Männlichkeit, Ignoranz und dieses Clout chasen. Ich habe darin meinen ganzen Frust rausgelassen. Es ist im Endeffekt Battlerap und soll ein paar freundliche Schellen rechts und links verteilen.

Christin: Wie war denn das Feedback zu dem Song?

Megaloh: Ich habe das Gefühl, dass es mein erfolgreichster Song der jüngsten Zeit ist. Obwohl das Video dazu eher aus der Not entstanden ist. Das hat mir gezeigt, dass viele Hörer*innen das genauso sehen. Und es ist schön zu sehen, dass sie auch mit der Kritik an ihnen umgehen können und es mit Humor nehmen.

Christin: In "Letztes Abendmahl" sprichst du ebenfalls über die Musikbranche und erwähnst dabei die Pharisäer. Da kommt die Frage auf, ob du dich verraten fühlst?

Megaloh: Während es in "Statements" um die Szene geht, handelt es sich hier um die Industrie. Und ich habe das Gefühl, dass diese die Kunst verrät. Die Pharisäer sind die Leute in der Industrie, die davon profitieren, dass Künstler ihre Musik machen. Die sich auf irgendwelchen Echo-After-Show-Partys gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil sie ihre Künstler groß gemacht haben. Dabei haben sie keinen wirklichen Bezug zur Kunst, sondern wollen nur erfolgreich sein.

Christin: Du meintest mal in einem Talk, dass, wenn sich die Deutschrap-Szene als Hiphop bezeichnen möchte, es wichtig sei, sich mit der Kultur auseinanderzusetzen. Als Beispiel nanntest du das Nutzen von Samples aus dem deutschsprachigen Raum. Nun hört man in "Mach’s Gut" Die Prinzen. Wie kam es dazu?

Megaloh: Ich verfolge schon lange die Idee, deutsche Musik zu samplen - zum Teil habe ich das auch schon gemacht. Aber gerade weil ich mittlerweile selbst Beats baue, war die Herangehensweise bei dieser Platte anders. Bei dem Entstehungsprozess habe ich mich gefragt, welche Lieder meiner Meinung nach für die Musikkultur wichtig waren. Als Kind habe ich besonders das erste Album der Prinzen gehört. Deswegen war mir bei der Albumproduktion ziemlich schnell klar, dass ich ein Sample von ihnen nutzen werde. Dann hat Sebastian Krumbiegel die Strophe im Studio eingesungen, weshalb es nicht nur ein Sample, sondern ein Feature geworden ist. Das macht es noch mal besonderer.

Christin: Wie fühlte es sich für dich an als "Drei Kreuze" fertig war?

Megaloh: Es war auf jeden Fall eine Befreiung. Ich glaube, ich habe noch nie so eine Erleichterung gespürt, wie als ich das Album rechtzeitig abgegeben habe. Gerade, weil es noch bis zur letzten Woche unklar war, ob man es in dem gesetzten Zeitfenster schaffen und es meinen Anforderungen entsprechen würde. Denn mir war wichtig, dass es ein richtig starker Abschluss ist.

Hier könnt ihr in Megalohs neues Album "Drei Kreuze" reinhören:

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