Casper, RIN, AchtVier & mehr: Die Rap-Releases vom 1. September im Überblick

Ob kompromissloser Straßenrap, gefühlsbetonter Singsang-Rap der neuen Generation oder ein nie dagewesener Mischling aus den unterschiedlichsten Genres – wer heute kein Release für sich findet, hört nicht richtig hin. Neben RIN und Casper, die das Spotlight in den letzten Monaten oder Jahren auf sich gelenkt haben, haben auch das ehemalige 187-Mitglied AchtVier, die Gute-Laune-Kalifornier Audio Push und gleich zwei Audiolith-Künstler neue Platten veröffentlicht. Wir stellen die Neuerscheinungen kurz und knapp vor.

Casper - Lang lebe der Tod

Um fast ein Jahr hatte Cas sein heiß erwartetes neues Album 2016 verschoben, jetzt ist es da. Nach dem ersten Durchgang kann man bereits festhalten, dass der Rapper und sein Team mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit Einflüsse von Punk und Indie über Rap, Pop, Grime und Trap bis hin zu diversen elektronischen Subgenres unter einen Hut bringen. Und trotzdem klingt das Album kohärent – das ist Kunst.

Inhaltlich widmet Casper sich vorzugsweise dunklen Themen, was angesichts des Albumtitels kaum jemanden überraschen sollte. Mit Deborah zeichnet er ein intensives Bild davon, wie eine Depression sich anfühlen muss, Morgellon ist eine Abrechnung mit den Supportern, der Psychologie und den Ursachen von Verschwörungstheorien im digitalen Zeitalter, Alles ist erleuchtet übt Kritik am egozentrischen Lebensstil vieler Menschen. In den letzten Jahren hat sich einiges bei Casper angestaut und das wird er auf seiner neuen Platte los.

Dabei schmeißt er mit Referenzen auf Musik, Film, Literatur und Popkultur um sich, dass es den Fans eine Freude sein wird, Lang lebe der Tod in zahlreichen Sessions für Genius zu zerpflücken.

Casper - Lang Lebe Der Tod

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RIN - Eros

RINs Hype ist seit der Genesis EP (2016) gefühlt exponentiell angestiegen. Turnup-Anthems wie Blackout und Bros haben die Messlatte in den letzten Monaten hoch gelegt. Und wenn man mit den bisherigen Singles wenig anfangen konnte, wird man nur schwer Zugang zu Eros finden.

Wie der Albumtitel eigentlich schon verrät, stehen Gefühle im Mittelpunkt. Das zeigt sich nicht nur in den Lyrics, die um Shawty, RINs Donnerstagsgewohnheiten, seine Jungs aus Bietigheim und die nächste Packung Kippen kreisen. Die Instrumentals decken eine ganze Bandbreite von stilistischen Einflüssen ab, bekommen aber durch eine gewisse Verträumtheit und liebevoll inszenierte Synthies einen roten Faden – da können auch mal "Waka Flocka"-Adlibs auf einem Beat landen, der den frühen Funk von ATCQ aufgreift (Vagabundo), oder RIN sucht mit 80er-Jahre-Sound im Rücken Intimität mit Shawty (Sag mir wenn du high bist).

Eros bietet Musik zum Feiern, zum Lieben, zum Glücksein und auch zum Traurigsein. Damit bleibt RIN sich treu. Technik steht nach wie vor am unteren Ende der Nahrungskette, Melodie und Gefühl dafür ganz oben. Rap-Fans der alten Schule werden ungläubig mit den Köpfen schütteln. Parallel dazu dreht irgendwo ein feierwütiger Mob zum "neuen Sch*iß" komplett durch. Die Hype-Kurve dürfte nach Release weiter nach oben zeigen:

Rin - Eros

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AchtVier - Mr. F

AchtVier aka Fizzle alias Mr. F ist zurück! Der "alte Achti" bleibt sich wie immer treu und das hört man sofort. Klatschende Drums treiben die Platte von Anfang an nach vorne. Wenn man den Sound der neuen Platte mit einem Wort beschreiben sollte wäre dies "Straße"!

Lyrisch bewegt das ehemalige 187-Mitglied sich dabei meist auf gewohntem Terrain. Mal todernst, mal mit ein bis zwei zwinkernden Augen geht es um das Leben aufm Kiez, das AchtVier in- und auswendig kennt. Mit von der Partie ist die Steuerfreimoney-Gang mit Veli, TaiMO und Itan sowie der Berliner Mosh36:

AchtVier - Mr. F

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Audio Push - Last Lights Left

Nach haufenweise Mixtapes sind Audio Push jetzt auch bei "richtigen" Studioalben angekommen. Knapp ein Jahr nach 90951 legt das Duo aus Kalifornien seinen zweiten Langspieler nach. Von einem Großteil ihrer Kollegen unterscheiden sich Oktane und Price durch die Grundausrichtung ihrer Musik. Die beiden wollen gute Vibes rüberbringen und sich als die "letzten verbliebenen Lichter" gegen die Dunkelheit stellen. Man mag Bildsprache im heißen Südwesten der USA:

"In einer Generation, in der es cool ist, dunkel und satanistisch zu sein, den Anderen in jeder Line umzubringen, ohne Kreativität oder Originalität in der Musik, mit falschen Leuten und falschen Erfolgen, haben wir gemerkt, dass wir die letzten Lichter sind, die aus der Dunkelheit scheinen."

Ein ambitionierter Anspruch, den die beiden an sich selbst stellen. Trotz der offensichtlichen Abneigung gegen einiges, das in der Szene abgeht, kommt der Sound sehr modern. Wem 21 Savage, die $uicideboy$ und Konsorten zu düster sind, aber der aktuelle Style aus den Staaten zusagt, der sollte Last Lights Left eine Chance geben:

Audio Push - Last Lights Left

Stream, Videos und eine Doku.

Johnny Mauser - Mausmission

Im Intro brüllt eine Kinderstimme: "Anarchie!", und bei der zweiten Anspielstation stellt Johnny Mauser dann direkt die Fronten klar:

"Ok, ich gebe zu, ich laufe weiter mit dem schwarzen Block."

Mauser übt Kritik am Staat, an teils beschämenden Ereignissen der letzten Jahre, am Zeitgeist, an der Leistungsgesellschaft. Das passiert größtenteils auf Boombap-Instrumentals, aktuelle Einflüsse werden dann im zweiten Teil des Albums präsenter. Es wird etwas elektronischer und man kann auch mal ein paar hektische Hi-Hats durch den Beat fliegen hören oder durch runtergepitchte Vocals an den A$AP Mob erinnert werden.

Die LP ist wie gewohnt kein Easy-Listening-Material, sondern Musik zum Zuhören. Wer unbedingt will, kann zwar auch gedankenlos zu den meisten Songs mit dem Kopf nicken, aber dafür ist Johnny Mausers Musik eigentlich nicht gedacht:

Johnny Mauser - Mausmission

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Captain Gips - Klar zum Kentern

Captain Gips grenzt sich weiter ab. Wie sein Neonschwarz-Partner Johnny Mauser tritt er nach oben und reicht seine Hand nach unten. Dafür er sich selbst als "desillusioniert" bezeichnet, hat der Captain sich nach 20 Jahren Rap noch eine gute Portion bissigen Humor aufbewahrt, um dem Spießertum und dem Schwachsinn die Stirn zu bieten.

Dass er seine Inspiration offenkundig nicht nur aus dem Hiphop-Bereich bezieht, sorgt für eine musikalisch abwechslungsreiche Platte. Bauchige Bläser á la Seeed gehen hier und da gut nach vorne, Gips' Punk-Sozialisierung ist bei Menschheit und Wahwahwah unüberhörbar und auch moderne Einflüsse finden ihren Weg auf Klar zum Kentern (z. B. Cap is back, Kopfkino):

Captain Gips - Klar Zum Kentern

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EROS
Datum: 2017-09-01
Verkaufsrang: 1479
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Der erste Rückblick des Jahres: Die 15 meistgeklickten Videos im Januar

Der erste Rückblick des Jahres: Die 15 meistgeklickten Videos im Januar

Von Clark Senger am 01.02.2018 - 16:37

Nein, es ist nie zu früh für einen Rückblick – höchstens zu spät! Wir starten direkt im Januar mit der Bestenliste der erfolgreichsten Clips der Szene auf YouTube. Ende 2017 hatten wir 30 Videos, die mindestens 11,9 Millionen Aufrufe zu bieten hatten, und der Spitzenreiter stand bei 66,5 Millionen. Während wir auf die ersten Songs aus den neuen Alben von Ufo361 und Gzuz warten, gehen wir die Sache heute erstmal etwas gemächlicher an und starten unter der Millionenmarke.

15. Luciano - Jeden Tag (0,61 Mio | 24. Januar)

Luciano nimmt den Buzz von 2017 direkt mit ins nächste Jahr. Er promotet – passend zur Jahreszeit – weiterhin sein Debütalbum "Eiskalt", das bereits im November erschienen ist. Bei "Jeden Tag" treffen Grime-Anleihen im Beat auf Lucianos melodiös geflowte Parts. Dazu Turnup im Kiosk mit den Jungs wie jeden Tag. Verdiente Video-Auskopplung!

14. Kalim - Kodex (0,66 Mio | 14. Januar)

Ebenfalls nachträglich ausgekoppelt wurde dieser Clip zu "Kodex" von Kalims Album "Thronfolger". Im "Peeky Blinders"-Flair mit dem Charme des frühen 20. Jahrhunderts widmet der Hamburger damit einem der beliebtesten Songs seines Albums noch eine würdige Visualisierung.

13. Animus ft. MoTrip - Der stärkste Mensch (0,73 Mio | 13. Januar)

Zu den Gewinnern des Januars zählt zweifelsohne Animus. Schon im Dezember startete der Neue bei Bozz Muzik die Promophase zu seinem kommenden Album "Beastmode 3" und macht jetzt weiter reden von sich. "Der stärkste Mensch" richtet sich an die Mütter da draußen und hier kann Animus seine lyrischen Stärken natürlich wunderbar ausspielen. Auch der Clip dazu ist durchaus sehenswert und führt aus der Ich-Perspektive durch das Leben eines Jungen, der auf die schiefe Bahn gerät.

12. Olexesh - Pisdapüt (0,80 Mio | 12. Januar)

Fünf Jahre nach seinem ersten "HDF"-Video ist Olexesh für die Promophase zu "Rolexesh" wieder an den Ort des Geschehens zurückgekehrt. Die gleiche Passage, vor dem gleichen Hochhaus, mit dem gleichen Kerl. Aber jetzt ist die Rolex echt!

11. Animus - 4 Minuten Exclusive (JamFM) (0,82 Mio | 11. Januar)

Mehr Welle als mit seinen Songs konnte Animus mit seinen viralen Exclusives und Video-Statements machen. Manchen soll ja zwischen den ganzen Beefereien der letzten Jahre entgangen sein, dass sich hinter dem mittlerweile massiven Bart und den oft relativ harten Texten ein kluger und eloquenter Kerl verbirgt. Für "Beastmode 3" hat Animus sich wohl vorgenommen, das richtigzustellen. Das und viele andere Dinge!

10. Payy ft. Ardian Bujupi - Handschellen (0,89 Mio | 19. Januar)

Nachdem es mit Payy und Almaz Musiq nicht richtig geklappt hat, ist das ehemalige Kurdo-Signing jetzt auf eigene Faust unterwegs. Und das klappt offenbar ganz gut, denn die Zahlen auf YouTube und Spotify können sich sehen lassen. Anders als bei den vorherigen Auskopplungen aus "Zero" gibt es hier kaum gerappte Passagen, sondern fast ausschließlich Gesang – da hat Payy sich wohl seinem Gast angepasst, um ein rundes Ergebnis zu bekommen wie schon bei "Nur Bargeld" mit Nate57 und Remoe.

9. 18 Karat - Versace (0,94 Mio | 26. Januar)

Unmittelbar nach seinem Dortmunder Homie ist mit 18 Karat der nächste aus der Banger-Familie am Zug mit seinem neuen Release. Sein zweites Album über Farids Label hört auf den Titel "Geld Gold Gras", der hält, was er verspricht. 18 Karat bleibt seiner harten Straßenrap-Linie und der goldenen Optik treu.

8. RIN - Data Love (1,0 Mio | 15. Januar)

RIN widmet sich währenddessen wieder seiner emotionalen Seite. "Data Love" ist kein Turnup-Material, sondern ein Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen in der digitalen Welt – das Feuilleton kann wieder studieren und versuchen, zu verstehen, wie die Jugend tickt.

7. Yonii - Lampedusa (1,1 Mio | 26. Januar)

Yonii und Producer Lucry machen einfach da weiter, wo sie 2017 aufgehört haben, und liefern gemeinsam starke Musik, für die die Rap-Schublade nicht groß genug ist. Außer Bausa (der sich für "FML" explizit von Rap gelöst hat) kommt in Deutschland niemand an das Level heran, auf dem der Stuttgarter den Begriff Sprechgesang wortwörtlich umsetzt. Zu viele Talente in einem Körper.

6. Fard - Die Besten sterben jung (1,2 Mio | 5. Januar)

Für den Nachfolger von "Alter Ego" (2010) hat Fard sich der Herausforderung gestellt, an das alte Album anzuknüpfen, ohne dabei zu altbacken wirken zu wollen. Zum Ergebnis gehört auch, dass er mit neuen Storytellern seine vielleicht größte Stärke erneut ausspielt und die Lieblingsgeschichten seiner Fans fortführt. "Peter Pan" bekommt bald einen zweiten Teil und "Die Besten sterben jung" ist ein Brief von Rashid aus "Rashid & Jamal", den er an seinen verstorbenen Freund in den Himmel schickt.

5. 18 Karat - Hustla (1,2 Mio | 12. Januar)

In der Tradition von Cassidys "I'm A Hustla" samplen 18 Karat und Juh-Dee Jiggas "Dirt Off My Shoulder". Thematisch bewegt der Banger-Musiker sich auch hier im gewohnten Metier mit Fokus auf seine kriminelle Laufbahn, die er schon in junge Jahren startete, wie er hier fast schon stolz erzählt. Die Fans feiern es offenkundig.

4. Olexesh - Gopnik (1,8 Mio | 26. Januar)

Eins der dicksten Bretter des Januars kommt definitiv von OL und Bazzazian. Zu einem Beat, der die Vorfreude aus "Russisch Roulette 2" direkt wieder explodieren lässt, wippt Olexesh in der Hocke an der Konsti. Mit dem Titel "Gopnik" bezieht der in der Ukraine geborene Bratan sich auf den Lebensstil der desillusionierten Jugend im russischsprachigen Raum, die nur zum Zeitvertreib diverse Gesetze bricht.

3. Eno - Wäwä (2,2 Mio | 19. Januar)

Auch wenn das Kapitel Kopfticker Records relativ schnell wieder geschlossen war, kann Eno weiter auf den Support von Xatar zählen. Für den Soundtrack zu "Nur Gott kann mich richten" spittet der Wiesbadener auf ein Instrumental zwischen EDM und Afrotrap, als hätte er nie etwas anderes getan. Von der wachsenden Fanbase wird das mal wieder mit Klickzahlen in Millionenhöhe belohnt. Auf Enos erstes richtiges Studioalbum und seine neue Label-Situation darf man 2018 definitiv gespannt sein.

2. Azet - 9 Milly (3,6 Mio | 12. Januar)

Auf Azets Debütalbum warten Fans schon, seit der KMN-Hype 2016 richtig Fahrt aufgenommen hat. Ein Gefängnisaufenthalt machte ihm zwischenzeitlich einen Strich durch die Rechnung, aber nun ist es Ende März so weit. Die bisherigen Singles liefern das, was Anhänger sich gewünscht haben: Melodiöse Ohrwürmer mit harten Verses und der gewohnten Dosis Autotune, mit der Azet sich am wohlsten fühlt. Bei "9 Milly" sorgt DJ A-Boom mit dem markanten Flöten-Sample dafür, dass schon der Beat alleine verraten würde, dass das hier offenbar ein Azet-Song ist. Die größeren Hits aus "Fast Life" sind aber die ersten Auskopplungen "Gjynah" und "Qa Bone" mit RAF Camora.

1. Fler ft. Farid Bang - AMG (4,5 Mio | 11. Januar)

Wenn man jetzt schon einen Song des Jahres küren müsste, wäre "AMG" nicht nur aufgrund der meisten Klicks ein Topkandidat – die Geschichte hinter der Konstellation ist einfach zu groß, um diese Nummer zu ignorieren. Farid Bang und Fler, jahrelang erbitterte Feinde, haben zueinander gefunden und sind jetzt dicke Freunde. Dass die Vorgeschichte im ersten gemeinsamen Song kaum Erwähnung findet, kann man kritisieren oder feiern, weil so die Musik im Mittelpunkt steht.

Aussagekräftiger wird die Liste der meistgeklickten Clips sicher im Februar, wenn wir die ersten Auskopplungen aus anderen der am heißesten erwarteten Platten des Jahres serviert bekommen haben. Auf dem Plan steht so einiges:

15 Alben, die Deutschrap 2018 dominieren werden

Wir blicken voraus: Über welche Alben wird man Ende des Jahres sprechen, wenn 2018 zusammengefasst wird? Oder andersrum: Auf welche Alben kann man sich in den nächsten zwölf Monaten am meisten freuen?


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