OG Keemo landet nach 9 Monaten mit "216" in Modus Mio

Am heutigen Dienstag setzen viele Menschen infolge des gewaltsamen Todes von George Floyd durch einen Polizisten ein Zeichen gegen Rassismus. Manche tun es mit schwarzen Profilbildern und einem Social-Media-Blackout, andere wollen die volle Kraft des Movements gerade jetzt auch im Internet weiter nutzen. Die Menschen, denen etwas an Gerechtigkeit in unserer Welt liegt, finden viele Wege, um sich mit Floyd oder rassistisch diskriminierten Menschen ganz generell zu solidarisieren.

OG Keemo landet in Modus Mio

Deutschraps größte Playlist rückt Polizeigewalt und Rassismus heute mit dem Hashtag #BlackLivesMatters, einem schwarzen Cover und auch musikalisch in den Fokus. Selbst wenn der Rest der Playlist die übliche Kost von Mero, Bonez MC, Apache 207, Capital Bra und Co serviert, finden wir nämlich auf Platz 1 einen Künstler, der bislang alles andere als "Modus Mio"-Resident war: OG Keemo.

Dieser veröffentlichte vor knapp neun Monaten als erste Single aus seinem Debütalbum "Geist" den Song "216", in dem es um Angst vor den Cops, strukturellen Rassismus, Racial Profiling und die Form des schwarzen Widerstands geht. Für das untermalende Musikvideo von Breitband und Keemos Skills als Lyricist gab es bei den Hiphop.de Awards 2019 jeweils einen Preis. Auf Spotify ist die Nummer mit aktuell knapp 1,25 Millionen Aufrufen einer der erfolgreichsten Keemo-Tracks – seine Message sollten jedoch viel mehr Leute hören und verinnerlichen.

Dass die Kuratoren bei Spotify den Song heute an die Spitze packen, ist ein gutes Zeichen. Die aufgebaute Reichweite kann für mehr als den Soundtrack des Sommers genutzt werden. Es lohnt sich vor dem aktuellen Hintergrund, noch einmal einen genaueren Blick auf "216" zu werfen.

"216" Lyrics unter der Lupe

Viele Zeilen passen nahezu perfekt auf die aktuelle Situation in den USA und verdeutlichen, dass etwa Racial Profiling auch in Deutschland ein massives Problem ist.

Ich bin gepolt, um bei Sirenenlicht zu bangen /

also red' nicht, wenn du nicht verstehst, weswegen ich so handel', N**ga /

deshalb schrei' ich auch weiterhin: F*ck die Hundertzehn! – Ich /

bin ein junger König /

was weißt du von Polizeikontrollen, wenn ein junger N**ga spät im Dunkeln unterwegs ist /

und allein dein Hautton ist Grund genug, nicht lang rumzureden

Es ist beängstigend, traurig und leider nicht überraschend, dass diese Zeilen nur wenige Monate nach ihrer Veröffentlichung wieder aktuell sind und auch in kommenden Jahren noch aktuell sein werden. Der ohnehin dramatische Track spitzt sich in Bild und Sound zum Ende hin noch weiter zu. Keemo beschreibt eine Situation, in der ein junger Schwarzer von der Polizei kontrolliert wird und ein Gramm in der Tasche dabei hat. Die zwei Optionen, die er in diesem Moment sieht, zeigen deutlich, wie sehr er eine unverhältnismäßige Behandlung aufgrund seiner Hautfarbe zu befürchten hat:

Entweder küsst du die Motorhaube vom Streifenwagen /

oder guckst, wie weit dich deine Beine tragen /

(lauf!)

Diese Zeilen rappt er mit schweren Ketten und Strick um den Hals frontal in die Kamera. Millisekunden danach tritt ein weiß uniformierter und mit diversen Orden behangener Mann (ebenfalls gespielt von ihm selbst) die Kiste unter den Füßen weg und Keemo zappelt am Galgen. Der Mann in Weiß entfernt sich unbeeindruckt einige Meter vom Todeskampf und salutiert danach brav. Im Hintergrund sieht man noch seine Handlanger, die teilnahmslos neben dem Mann stehen, der gerade erstickt.

Die Parallelen zwischen "216" & George Floyds Tod

Die exakte Symbolik der einzelnen Menschen und Gegenstände in Keemos Video kann man sicher diskutieren. Vieles lässt sich aber im Nachhinein auf George Floyds Fall anwenden. Als sein endgültiges Todesurteil, den Tritt gegen die Kiste unter seinen Füßen, kann man das Knie des Polizisten Derek Chauvin in seinem Nacken sehen sowie dessen Ignoranz gegenüber dem Flehen des am Boden liegenden Mannes.

Der symbolische Strick, den die perlweiß gekleideten Helfer Keemo im Video umlegen, war für George Floyd wahrscheinlich schon das Aufeinandertreffen mit der Polizei. Eine falsche Bewegung, ein Satz, ein Blick – es kann dein Todesurteil bedeuten. Das ist die Realität, in der wir leben und die grade weltweit für wütende Proteste sorgt.

Am leichtesten fällt die Parallele zwischen den Helfer im Video von Breitband und den Cops, die Derek Chauvin 8:46 Minuten nicht daran hinderten, George Floyd zu töten. Die Botschaft hier lautet auch: Wer zusieht, macht sich mitschuldig.

Anders als Keemo im Song hatten George Floyd, Rodney King, Terence Crutcher, Trayvon Martin, Eric Garner und Co nicht die Option, einen Fluchtversuch zu starten. In diesem Fall hätten sie wohl auch ihr Leben riskiert. Man muss sich dieses Dilemma vor Augen halten, in dem du Todesangst hast, weil du von einem Polizisten kontrolliert wirst.

Eskalation & Gewalt in den USA: Nicht die andere Wange hinhalten

Bei der jahrhundertelangen Historie der Sklaverei, dem steinigen Weg in die normale amerikanische Gesellschaft und bis in die Gegenwart wurden unzählige friedliche Versuche unternommen, um für wirkliche Gleichberechtigung zu sorgen. Man will es besser machen als diejenigen, die einen unterdrücken.

Jesus' Ansatz mit der anderen Wange mag in Alltagssituationen bei manchen Menschen zur Vernunft führen. Als Schwarzer in Amerika die andere Wange hinzuhalten, wird dir im Zweifel sogar noch als Angriff ausgelegt, wenn grade nicht glücklicherweise eine Kamera mitgefilmt hat. Keemo rappt in "216":

Mein Vater sagte: "Halt ihn'n nie die andre Wange hin /

Martin Luther tat es, und guck, wie sie ihn behandelten, N**ga!"

Und:

Mein Vater sagte: "Ganz egal, wie sanft sie schlagen, geb ihn'n nie die andre Wange /

Mandela tat's und war fast drei Jahrzehnte lang gefangen"

Deshalb ist die gewaltsame Eskalation der Lage in den USA nicht gutzuheißen oder zu feiern. Unschuldige verlieren durch Plünderungen vielleicht ihre Existenz, was die Spirale von Hass und Verzweiflung nur noch weiter antreibt. Man kann aber nachvollziehen, woher diese physischen Reaktionen kommen.

Echte Veränderungen sind längst überfällig

Sich mit extremen Mitteln das Gehör zu verschaffen, das einem offenkundig nicht geschenkt wird, zählt seit mehreren Dekaden zum festen Repertoire der Rapwelt. "F*ck Tha Police" war der berüchtigte Slogan, als die Mitglieder von N.W.A sich nicht anders zu helfen wussten. Kendrick fügte 2015 (über ein Vierteljahrhundert später!) in seinem Song "Alright" bekanntermaßen hinzu: "Wanna kill us dead in the street fo sho'" – das sind nur zwei der prominentesten Beispiele.

Auch in Deutschland engagieren sich neben Keemo etliche MCs. Ganz aktuell wurden Racial Profiling und anderer Rassismus auch beim Hamburger Ansu ins Spotlight gerückt. In seinem Song "Bomberjacken" rappt er:

Schon wieder Kontrolle durch die Polizei /

Na klar hab' ich nichts dabei /

Verhalte mich nicht mal ein bisschen verdächtig, egal, die Hautfarbe reicht

Wer also einen Blick auf die Rapwelt der Gegenwart oder Vergangenheit wirft, bekommt einen intensiven Einblick in die Probleme und die Gefühle, die mit der aktuellen Situation verknüpft sind. In keiner anderen Musik oder Kultur werden diese Themen derart tiefgehend und vielfältig fokussiert.

Keemo hat mit "216" einen der besten deutschsprachigen Beiträge – vielleicht sogar den besten – zu diesem Thema abgeliefert. Die Positionierung an der Spitze von Deutschraps größter Playlist ist sicher eine schöne Geste, wie es auch solidarische, schwarze Profilbilder sind. Dieses kraftvolle Movement darf aber nicht zu temporärer Instagram-Kosmetik verkommen, die als 'chic' gilt. Es braucht echte Veränderungen in der Welt und Cole-Fans wissen: The only real change come from inside ...

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"Daystar": Tory Lanez äußert sich auf Albumlänge zu Schüssen auf Megan Thee Stallion

"Daystar": Tory Lanez äußert sich auf Albumlänge zu Schüssen auf Megan Thee Stallion

Von Michael Rubach am 25.09.2020 - 13:19

Tory Lanez hat sich erstmals ausführlich zu der Nacht mit den Schüssen auf Megan Thee Stallion geäußert – und in diesem Zusammenhang gleich ein komplett neues Album veröffentlicht. Der Kanadier tweetete gestern Abend, dass er sich für sein langes Schweigen entschuldige. Nun ist "Daystar" erschienen. Ein Album, an dem der Geschmack haftet, aus einem folgenschweren Vorkommnissen Kapital schlagen zu wollen.

"Daystar": Tory Lanez fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt

T.I. berichtete bereits im Vorfeld bei Complex von einem Gespräch mit Tory Lanez. Darin soll dieser zum Ausdruck gebracht haben, dass die Sache "nicht so passiert" sei, wie Megan Thee Stallion es darstellt. Die Rapperin aus Houston macht ihren Kollegen für die erlittenen Verletzungen verantwortlich. Zwischenzeitlich wurde eine angebliche Entschuldigung von Tory Lanez ins Internet gespült, von der er sich nun musikalisch zu distanzieren scheint und seinerseits Vorwürfe erhebt.

Die Konzept-Platte bringt jedoch auch keine wirkliche Klarheit in die undurchsichtige Angelegenheit. Dennoch wird deutlich, dass Tory Lanez versucht etwas geradezurücken, was eventuell gar nicht geradezurücken ist. Überall tauchen Zeilen auf, die wie Teile einer größeren Verteidigungsstrategie wirken. Die ersten Worte, die Tory Lanez selbst nach einer Montage von Sound-Schnipseln auf "Money Over Fallouts" wählt, kündigen die "Wahrheit" an. Aus seiner Sicht würden Megan Thee Stallion und ihr Team Lügen über ihn verbreiten.

"Megan people trying to frame me for a shooting / But them boys ain't clean enough"

Es tue ihm außerdem im Herzen weh, dass sich andere Künstler von ihm abgewandt haben. Im ersten Track seines Albums bezieht er sich dabei auf Kehlani und Kaash Paige, die sich auf Twitter deutlich positionierten. Das Album ist durchsetzt von Reaktionen auf Prominente, die sich auf die Seite von Megan Thee Stallion gestellt haben.

Auch hinterfragt Tory Lanez konkret die Art der Schussverletzungen von Megan Thee Stallion. So seien dabei weder Knochen noch Sehnen in Mitleidenschaft gezogen worden. Er möchte die US-Rapperin offenbar unglaubwürdig erscheinen lassen.

"Gotta see a couple questions / How the f*ck you get shot in your foot, don’t hit no bones or tendons?"

Weiterhin zweifelt er auf "Sorry But I Had Too..." weitere Details der Darstellung von Megan Thee Stallion an. So sei aus der Perspektive der US-Rapperin überhaupt nicht zu erkennen gewesen, wer denn da geschossen habe.

"Since the event, you never called me but you can't deny me / If you got shot from behind, how can you identify me?"

In einem weiteren Song namens "The Most High" sagt er unverblümt, dass er sich für unschuldig hält: "I walk away free 'cause I'm innocent".

Fans rufen zum Streamen von Megan Thee Stallions Musik auf

Auf Social Media regt sich direkt breiter Widerstand gegen "Daystar". Twitter-User*innen empfehlen, die Zeit nicht mit dem Album zu verbringen. Stattdessen solle man sich Megan Thee Stallions "Suga" anhören. Letztendlich bleibt weiterhin im Dunklen, was sich in der Tatnacht genau abgespielt hat. Laut Tory Lanez würden sowohl er als auch Megan Thee Stallion wissen, was passiert sei ("Friends Become Strangers"). Die Polizei von Los Angeles steckt wohl noch in den Ermittlungen.


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