Du hast nach dem Abend in Kreuzberg dein altes Leben beendet. Du hast dich stärker mit dem Judentum beschäftigt und bist schließlich nach Israel gezogen. Bist du dadurch, dass du unter Moslems aufgewachsen bist, eher als andere Israelis in der Lage, beide Seiten des Nahost Konflikts zu sehen?
Ich glaube schon, ich habe ja nicht nur schlechte Erfahrungen gemacht. Ich spreche in dem Buch ja auch von meinen muslimischen Freunde, die mir gezeigt haben, dass es auch anders geht. Wenn man gut und böse kennenlernt, ist es leichter zu verstehen, dass es mehr moderate- als terroristisch eingestellte Menschen gibt.

Du hast lange Zeit deines Lebens versucht dich nicht über deine Abstammung zu definieren, sondern andere Sachen in den Mittelpunkt zu stellen. Dass du Writer warst und dass du aus dem Wedding kamst hat dich ausgemacht, aber nicht deine persischen Wurzeln oder deine Religion. Von Belin Crime hast du erzählt, dass das gut funktioniert hat. Hast du den Ansatz inzwischen aufgegeben? Muss man sich am Ende doch über ethnische Herkunft definieren?
In bestimmten Gegenden geht es einfach nicht anders. Grade in Problembezirken geht es viel um "Nationalität" und "Ethnie" und "Rasse". Das ist da sehr zentral. Im Spandau, wo ich als kleiner Junge gelebt habe, ging es gar nicht um diese Themen. Da ging es für mich um Fußball und Freundschaft, egal welche Sprache der andere Zuhause sprach. Aber in den problematischen Gegenden sind die Menschen irgendwie so eingestellt, dass für sie ein Mensch durch seine Herkunft bestimmt wird. Das kann man so schnell nicht ändern.

Und wie kann man es auf lange Sicht ändern? Die Überbetonung der Herkunft kann einem Identität und Zusammengehörigkeit geben, aber sie schafft auch Abgrenzung zu anderen und oft Feindschaft.
So lange man Zuhause die falsche Erziehung bekommt und an Spinner glaubt die Propaganda verbreiten, solange ist es sehr schwierig das durchzubringen. Man muss den Dialog mit moderaten Leuten suchen, die bereit sind die andere Seite zu verstehen. Ich habe sehr viele kennengelernt, die schon mit 15 total überzeugt waren, die Wahrheit zu kennen. Es gibt eine ganze Menge radikale Leute auf der Welt, die kann man leider nicht so leicht ändern.

Heute definierst du dich auch über deine Herkunft. Ist es etwas Gutes oder etwas Schlechtes sich über seine Herkunft zu definieren, statt über persönliche Charaktereigenschaften, eigene Ansichten oder eine Subkultur, die man sich ausgesucht hat?
Viele verstehen nicht, wieso mich meine Eltern ohne Nationalitäten-Denken oder religiöse Identität erzogen haben - ich denke sie haben das Richtige getan. Sie haben das gemacht um mich von Hass und Vorurteilen fernzuhalten. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir keine Vorurteile beigebracht haben. Viele andere Eltern übertragen ihre fanatischen Einstellungen auf ihre Kinder. Wie kann es sonst sein, dass ich mit 14 neben einem muslimischen Inder sitze, der mir sagt: "alle Juden müssen verrecken" ? Woher soll diese Ansicht kommen? Das ist dumme Propaganda, die an ihn weitergeleitet wurde. Und plötzlich war sein bester Freund nicht mehr relevant für ihn. Das ist doch krank.

"Auf dem Höhepunkt meines Gangster-Daseins verkaufte ich Gras, ging fast jeden Abend raus, um zu sprühen, hatte jedes Wochenende Schlägereien mit anderen Gruppen und plante Überfälle und Einbrüche. Meine Eltern wussten nicht mehr aus noch ein. Entweder wurde ich von der Polizei nach Hause gebracht, oder ich kam ohne polizeiliche Begleitung, hatte aber stattdessen eine riesige Wunde am Kopf oder im Gesicht. Mein Vater warf mich zweimal aus dem Hause und schrie mir nach, ich sei nicht mehr sein Sohn. Beide Male kam ich wegen meiner Mutter zurück. Ich wusste, wie weh ihr das alles tat. Ich sah, wie sehr sie litt, weil unsere Familie wegen mir langsam zerbrach, und weil sie mit ansehen musste, wie ich mich in Richtung Knast bewegte."
(Auszug aus dem Buch Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude )

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