Zum 29sten Mal fand vom 4. bis zum 6. Juli das Summerjam Festival am Fühlinger See in Köln statt. Getreu dem Motto "Share your Love" trotzten knapp 30.000 begeisterte Reggea-Fans dem schlechten Wetter.

Die Wasserrettung der DLRG hatte dieses Mal wieder deutlich weniger zu tun als die Jahre zuvor. Wegen schlechtem Wetter und durchnässten Festivalbesuchern blieb der Fühlinger See die meiste Zeit leer. Trotz zahlreicher Regenschauer, die vor allem am Samstag für genug Platz vor den Bühnen sorgten, kam bei feinster Reggeamusik und hüftschwingenden Tanzeinlagen dennoch bestes Summerfeeling auf.

Am Freitagmittag startete das Festival bei fröhlichem Sonnenschein und heißen Temperaturen. In der Dancehall Arena kamen die Fußballfans beim Rudelgucken auf ihre Kosten. Beflügelt vom Sieg der deutschen Mannschaft ging es anschließend an beiden Festivalbühnen heiß her.

Während es an der Green Stage bei Christopher Martin zunächst entspannter zuging, brachten Kid Simius und Left Boy die Menge an der Red Stage zum Toben. Mit seiner grandiosen Showeinlage gab Marteria der Partymeute schließlich den Rest. Auf der Green Stage schloss die Powerfrau und Dancehallqueen Tanya Stephens einen perfekten Festivaltag. Wer danach noch nicht genug hatte, wurde im Anschluss von Dancehallgrößen wie Jugglerz und Pow Pow Movement in der Dancehall Arena bedient und konnte einer entspannten Akustik-Session von Randy Valentine lauschen.

Für viele eine Neuentdeckung, verzauberte Jah9 am frühen Samstagabend das Publikum mit ihrer Stimme. Die junge Jamaikanerin hat einen ganz eigenen Stil zwischen Jazz und Dub entwickelt, gepaart mit intelligenten und durchdachten Texten. Die Red Stage war währenddessen fest in französischer Hand. Neben Irie Revoltes begeisterten auch Chinese Man und Dub Inc die Besucher mit ihrer energiegeladenen Musik. Da blieb kaum Zeit, Kraft für den Abschlussact zu sammeln. Mit ihrer bassgeladenen Show sorgten Seeed für den krönenden Abschluss des zweiten Festivaltages. Andrew "Mister Summerjam" Murphy, der Moderator der Red Stage, freute sich sehr Seeed nach 8 Jahren Summerjam-Abstinenz endlich wieder auf der Bühne begrüßen zu dürfen und feiert sie als die beste Band Deutschlands. Das Publikum bedankte sich mit bester, ausgelassener Partystimmung.

Am Sonntag katapultierten Acts wie SAM, Dilated Peoples und Die Orsons die Hiphop-Fans unter den Besuchern in den siebten Musikhimmel. Die beiden Brüder von SAM mischten sich nach ihrem Auftritt gleich wieder selbst unters Publikum und genossen gemeinsam mit ihren Fans die ausgelassene Stimmung auf dem größten Reggeafestival Europas. Dilated Peoples, bestehend aus dem Trio DJ Babu, Evidence und Rakaa Iriscience, zog am Sonntagnachmittag das Publikum vor die Green Stage und war für viele Hiphopfans der Höhepunkt des diesjährigen Summerjams.

Während Maxim auf der kleinen Bühne von seinen Soldaten sang, begeisterte Barrinton Levy im Deutschlandtrikot die Menge bis in die letzten Reihen. Als absoluter Höhepunkt kam schließlich die Kultlegende Jimmy Cliff auf die Bühne. Er konnte mit seinem Hit I can see clearly now den Regen zwar nicht zum Gehen bewegen, aber die Menge zum gemeinsamen Schwärmen. Ganz getreu dem Motto: "Share your Love".

Text: Katharina Böndel
Fotos: Katharina Böndel


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Katharina Böndel

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Stuttgarts Rap-Ikonen vereinen sich gegen "Querdenker 711"

Stuttgarts Rap-Ikonen vereinen sich gegen "Querdenker 711"

Von HHRedaktion am 08.11.2020 - 16:23

Covid-19 bringt Deutschland weiter außer Atem. Erst gestern zeigte sich in Leipzip mal wieder, dass sich auf den Corona-Demos nicht nur Menschen herumtreiben, die Kritik an den Maßnahmen der Bundesregierung üben wollen. Rechtsextreme mit Hitlerbärtchen auf ihrer Maske, "Reichsbürger*innen" und Verschwörungstheoretiker*innen ziehen die nachvollziehbaren Sorgen vieler Menschen in den Dreck und versuchen, die aufgeheizte Situation für sich zu vereinnahmen. In Stuttgart wehrt sich dagegen ein Zusammenschluss etlicher Persönlichkeiten, zu denen auch viele Rapper zählen.

Kolchose wehrt sich gegen "Querdenker 711"

Ins Leben gerufen wird die Initiative von der Kolchose, einem lockeren Zusammenschluss von Künstler*innen, der in den 90ern gleichbedeutend mit der Stuttgarter Rapszene war. Die Vorwahl 0711 war und ist bis heute so eng mit dem Kollektiv und seinen Überzeugungen verknüpft, dass sie sich gegen die Vereinnahmung wehren wollen, die den Eindruck der stillen Zustimmung einer ganzen Stadt vermittelt.

Auf der Website kolchose.tv ist ein offener Brief zu lesen:

"In den 1990er Jahren, der goldenen Ära der deutschen Hip-Hop-Kultur, wurde aus 0711, der Vorwahl Stuttgarts, ein Symbol für eine weltoffene, verbindende und tolerante Stadt. Seit Dekaden steht 0711 für ein Stuttgart der Solidarität und der Gemeinschaft, für ein Konzept von Stadt, [in dem] Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Hintergründe friedlich miteinander leben. Die Inhalte und Bestrebungen der Initiative 'Querdenken 711' stellen diese Idee von Gemeinschaft in Frage. Die Initiative benutzt und gebraucht ein Symbol, das für das Überwinden von Grenzen und Unterschieden steht, für ihre spalterischen Zwecke. In Zeiten, in denen unsere Demokratie zerbrechlich wirkt, gefährden die sogenannten 'Querdenker 711' den sozialen Frieden."

Zu den Unterzeichner*innen gehören Max Herre, Kaas, Maeckes, Jopez (Jugglerz), Chimperator-Chef Sebastian Andrej Schweizer, Mitglieder von Fanta 4 und den Massiven Tönen sowie andere Kulturschaffende, Unternehmer*innen, Journalist*innen, Menschen aus der Gastronomie und, und, und. Es sind also viele dabei, die selbst unter den Maßnahmen teils existenziell leiden:

"Die Corona-Maßnahmen kritisch zu hinterfragen, ist wichtig. Auf Demos Seite an Seite mit Reichskriegsflaggenträgern zu marschieren, ist dagegen untragbar."

Das Zitat zeigt auch, dass man bei diesem Reizthema – und ganz generell bei vielen gesellschaftlichen Phänomenen – Graustufen erkennen muss. Das Bild ist nicht nur schwarz oder nur weiß. Kritisch zu sein und sich gleichzeitig von denjenigen abzugrenzen, deren Ideologien nicht ansatzweise mit der eigenen Einstellung vereinbar sind, ist ein möglicher Weg. Auch wenn es nicht der gemütlichste sein mag.

Das komplette Statement und die Liste aller Unterzeichner*innen findet man auf kolchose.tv.


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