Gentleman - The Germaican
Erzähl doch einfach mal von Deinem neuen Album!

Beim ersten Album war es ja noch so, dass ich echt alles ausprobiert hab und dass die Facetten noch viel breiter waren. Ich bin damals mit Freundeskreis viel getourt und da war natürlich ein HipHop-Einfluß da und es sind dann auf der Tour Songs entstanden, Ideen, die wir dann auf "Troding on" manifestiert haben. Beim zweiten Album hab ich noch mehr gefunden, was ich eigentlich selber machen will. Ich hab mir auch eine kreative Auszeit gegönnt, um einfach zu gucken was ich machen will und wo´s hingehen soll. Ich will weg von den digital programmierten Riddims hin zu den Live-Sachen. Das ist auch ein bischen das Bewußtsein, was sich in Jamaika in den letzten Jahren in meinen Augen so ein bischen geändert hat. Es kommen immer mehr Livebands wieder. Die klassische Art und Weise wie ein Song entsteht, nicht mit Samples sondern durch Musicians, die die Sachen einspielen, kommt wieder. Das war irgendwie eine Art und Weise, die mir sehr zugesagt hat. Wo ich gemerkt hab, dass sich ein Song langsam aufbaut. Also ich hatte ne Idee für ne Hookline und hab dann irgendwie angefangen zu singen und der Keyboarder hat die Akkords zugespielt und dann kam ne Base dazu und so. Das war ne ganz andere Arbeitsweise als diese klassische "Ey Producer laß mal hören, was du für Beats hast". Der zeigt dir dann seine Beats und du suchst dir einen aus und dann paßt du ja schon so ein bischen deine Melodie und deine Vorstellung dem vorgefertigten Beat an. Das kann einengen, was aber nicht heißt, daß ich das irgendwie verurteile. Ich will auch weiterhin noch auf die Art und Weise arbeiten. Aber jetzt bei dem Album war halt echt das Livedingen so im Vordergrund und ich bin echt zufrieden mit dem was bei rausgekommen ist. Ich hab das komplett in Jamaika aufgenommen, weil ich mich da in letzter Zeit am meisten befunden hab. Ich war zwar schon mehr hier, aber die Einflüsse aus Jamaika waren einfach so stark. Ich hab da eine Menge gelernt und es war klar, dass ich mein Album da komplett machen wollte.

Wie lange hast Du jetzt gebraucht für das Album?


Kann ich schwer sagen. Es ist so über die Jahre entstanden. Im Grunde wirklich dran gearbeitet haben wir so im letzten Jahr. Ideen hat man halt vorher schon gesammelt und es ist dann so peu a peu Zustande gekommen. Als ich das erste mal hingefahren bin nach Jamaika hab ich erstmal nur die Musik gemacht und hab dann die Texte hier in Deutschland auf die Musik geschrieben. Also ich bin nicht in einem nach Jamaika hab das Album da fertig gemacht und bin zurück sondern es war jetzt drei- viermal.

Bei einem Interview, das ich in der Riddim gelesen habe, hast Du versucht den Titel des Albums zu erklären. Da hast Du gemeint "Journey to Jah" meine tiefer ins Leben zu gucken und den Jugendlichen andere Werte zu vermitteln als sie im Moment haben. Was meinst Du damit genau?

"Journey to Jah – Die Suche nach Gott" ist einfach ein Thema gewesen, das so in den letzten Jahren immer klarer wurde. Ich hab einfach gemerkt, dass wird mir das persönlich immer wichtiger wird. Das muß noch lange nicht Dein Ding sein und ich sag auch nicht "Die Jugendlichen müssen jetzt auf den Trichter kommen" sondern ich versuch einfach nur meine eigene Wahrheit zu finden und ich glaube, dass das widerrum dann reflektiert. Ich bin ja auch noch auf der Suche. Ich würd jetzt nicht von mir sagen "Ich weiß Bescheid und hab den Durchblick" sondern ich rauch selber Zigaretten, spiel Playstation und trink Bier und weiß, dass es nichts damit zu tun hat, aber es geht halt um diesen Zustand, der auch in der Biografie beschrieben ist. Der Zustand von der totalen Ausgeglichenheit, von der totalen Zufriedenheit und einer totalen Leichtigkeit ohne dass eigentlich etwas passiert. Zum Beispiel, wenn ich in Afrika bin und den Weg verliere und ich will zur Schule zurück und frag jemanden "You know the way to the school" und der sagt "there´s always a way". Dann reden wir erstmal so 5 Minuten über "the way" und dann gehst du weiter und hast so das Gefühl "ey, ich bin voll ausgefüllt". Das ist so das Ding, das ich immer mehr leben will, wo ich merke "Ey da fühl ich mich am meisten". Wie gesagt: meine Wahrheit muß nicht Deine sein, aber ich denk mal, dass gerade in der westlichen Welt die Leute einfach mit 180 km/h in der Gegend rumrennen und wo eigentlich gar kein Platz mehr ist für so ganz elementare Sachen.
Was sind so Deine Erfahrungen, wenn Du in Jamaika bist? Wie war das früher, bist Du da sofort akzeptiert worden oder hat das auch sein Zeit gebraucht bis die einen deutschen mit seiner Musik angenommen haben?

Was heißt akzeptiert? Das ist ja auch ein langjähriger Prozeß gewesen. Ich bin ja nicht das erste mal nach Jamaika gegangen, hab gesagt "ich bin Gentleman, gib mir das Microphone". Das hat sich über die Jahre da immer mehr entwickelt. Es ist einfach so, dass in Jamaika die Musik im Vordergrund steht. Ich hatte eher Probleme mit dem was ich mache hier in Deutschland akzeptiert zu werden als in Jamaika. In Deutschland ist es doch oft so, dass die Leute versuchen die Musik zu analysieren und intellektuell zu erklären und das funktioniert oft nicht mit der Musik, weil es ein Ding ist, das aus dem Bauch rauskommt. Manche Sachen lassen sich nicht erklären und in Jamaika hatte ich das gar nicht so. In Jamaika ist es auch so, daß die Songs teilweise im Radio laufen und die Leute auch nicht wissen, dass das jetzt ein Weißer ist, der singt, das ist dann auch sekundär. Ich glaub in dem Moment, wo Du was machst, was authentisch ist und du es von Herzen machst, spielt die Hautfarbe keine Rolle mehr. Und Arschlöcher gibt es in Kingston genau wie in Köln, aber ich hab eigentlich noch nie irgendwelche Erfahrungen in die Richtung gemacht mit diesem umgedrehten Rassismus von dem immer so oft gesprochen wird.

Kannst Du Dir vorstellen mal ein Lied auf deutsch auszunehmen?

Also im Moment nicht so. Ich weiß zwar, dass es funktioniert, aber ich denke das haben andere mehr drauf als ich. Das Ding ist einfach so: ich bin da ja reingewachsen und ich hab das in Jamaica kennengelernt. Hab mich ja in Jamaika in die Musik verliebt und damals gab´s hier in Deutschland noch gar keine Soundkultur. Wir hatten damals die Platten aus Jamaica haben wir uns hier ne PA gemietet und haben am Rhein irgendwie die Boxen aufgebaut, haben Rum getrunken und hatten unter uns unseren Spaß. Es war gar nicht die Absicht jetzt die Musik an den Mann oder an die Frau zu bringen sondern es hat sich über die Jahre so entwickelt.

Ist es denn eine gute Entwicklung, die Raggae in Deutschland gemacht hat. Wie siehst Du Acts wie Seeed oder Jan Delay beispielsweise?

Ja, auf jeden Fall. Ich find das nur gut, weil dadurch einfach mehr Leuten die Musik zugänglich gemacht wird. Auch, wenn es hier in der eigenen Sprache passiert. Ist ja super, wenn die Leute das doch verstehen. Für mich ist es aber so, dass die Grenzen auch immer mehr verfließen, weil es sich um das gleiche Ding dreht. Ich seh das immer mehr als unsere Kultur und immer weniger Deine-Meine. Ich bin nunmal in einer multikulturellen Stadt, hab eine jamaicanische Freundin, pendel oft hin und her. Wenn ich auf deutsch singen würde, würden mich in New York wahrscheinlich nicht so viel Leute verstehen, wie wenn ich auf Patois singe. Da sehe ich meinen Vorteil. Ich will halt auch irgendwann mal über den Teich. Ich hab mir in Deutschland den Arsch abgespielt, ich kenn jedes Dorf und hab auch noch Bock drauf, aber irgendwann kommt natürlich so der Wille, dass man auch mal in Amerika ne Tour spielt. Und da glaube ich, wenn ich auf deutsch singen würde, wäre das nicht so einfach wie wenn es auf Patois ist. Ich bin halt dran gewohnt, ich kann mir das nicht anders vorstellen, weil das hab ich ja gelernt.

Kommen wir mal zu den Features auf Deinem Album. Die Liste liest ja fast wie ein who-is-who der internationalen Szene. Wie kam es zu den Zusammenarbeiten? Sind das schon langjährige Freundschaften?

Mit Jack (Radics) bin ich schon super lange befreundet. Wir kennen uns echt seit Jahren. Ich hab mich aber jetzt nicht irgendwie hingesetzt in Deutschland und hab gesagt so mit dem und dem will ich nen Song machen sondern ich finde es unglaublich wichtig, dass auch neben dem musikalischen Respekt ein menschlicher Respekt da ist und wenn Bounty Killer ein Arsch gewesen wäre, hätt ich mit ihm keinen Song aufgenommen. Umgekehrt genauso. Es muß schon auch ein Vibe da sein. Ich steh auch nicht auf diese Vocal Hin- und Herschickerei, wo die Künstler sich teilweise gar nicht sehen und trotzdem nen Song zusammen machen. Mir war es echt wichtig, dass mit jedem, der auf dem Album drauf ist, irgendwie ne Connection da ist. Die war da und es war nichts geplant, weil das kannst du eh vergessen: nach Jamaika fahren und dir nen Plan machen, weil das da alles so intensiv und teilweise auch so konfus ist, aber ein geiles Chaos da herrscht, dass Songs alle so entstanden sind ohne, dass ein großer Plan dahinter gesteckt hätte. Das kam eher so aus dem Moment raus. Das klingt alles auch sehr persönlich. Was bedeutet es Dir denn jetzt schon das zweite Album zu veröffentlichen und auch Erfolg damit zu haben und zu wissen, die Leute mögen die Musik, die Leute können damit was anfangen?

Das ist natürlich nice. Was soll ich dazu sagen? Es ist cool, klar, aber ich glaube der Erfolg ist ein relatives Ding, auch, wenn ich jetzt vielleicht nicht in den Charts wäre. Für mich ist die Musikindustrie, so groß sie auch scheinen mag, immer nur so ein ganz kleiner Teil vom Ganzen. Ich will es auch nicht zu wichtig und zu ernst nehmen, weil es gibt auch noch wichtigere Sachen im Leben. Ich sehe die Musik für mich als Werkzeug, um mich einfach auszudrücken, aber es gibt echt noch andere Sachen.

Zum Beispiel?

Mein Sohn, das Essen, der Atem oder die Luft. Das ist nicht alles immer Musik. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass nach anderthalb Jahren touren, wir haben so ca. 150 Konzerte gespielt, und du hast nur mit Plattenfritzen zu tun und bewegst dich von einem Festival zum anderen und gibst nur Interviews, irgendwann ein Punkt kam, wo ich mich einfach super ausgelaugt gefühlt hab. Das war dann auch ein Punkt, wo ich gesagt hab, ich mach das Album in sechs Monaten, wollte dann anfangen und hab gemerkt, dass da gar kein Platz jetzt für da ist. Dann so auf Teufel komm raus zu versuchen ein Album zu machen, ist kacke und deswegen hab ich mir die kreative Auszeit gegönnt bzw. ich hab nen totalen Cut gemacht, hab eigentlich losgelassen und dann hatte ich auch wieder Energie für ein Album.

Bei der Promoversion Deines Albums werden die Lieder ja nur sehr kurz angespielt, damit das Album nicht Wochen vor der Veröffentlichung im Internet steht. Wie siehst Du die Sache mit MP3 runterladen?

Ich kann das verstehen. Natürlich ist es cooler, wenn die Kids sich meine CD kaufen anstatt nach dem Konzert zu mir zu kommen und zu sagen „Gentleman, ich hab mir Deine CD gebrannt", aber ich kann die Kiddies auch verstehen. Wenn Du 37 DM hast, dann holst du dir eher Weed als dass du dir eine CD holst, weil du die ja brennen kannst. Auf der einen Seite kann ich es verstehen, auf der anderen Seite leb ich ja auch davon und muß meine Familie ernähren.
Das Blumentopf-Album war sechs Wochen vor Veröffentlichung schon im Netz und Afrob war der most downloaded Artist. Seine CD ist fünfmal gebrannt worden, d.h. er verkauft 100.000 und 500.000 haben die CD, das ist dann schon etwas, wo man merkt, dass die Industrie da total verkackt hat. Ich will mich jetzt aber auch nicht zu deren Plattenverkäufen und Charts aufhängen, mir geht´s um das Unmittelbare und das ist für mich das Live-Ding. Wenn ich merke, die Leute kommen nicht mehr auf die Konzerte, dann ist das schlimm, aber wenn die Leute die CD brennen, das kann ich ihnen nicht übel nehmen.
Und wenn gar nichts mehr geht in der Musikindustrie, kann man immer noch auf der Schildergasse singen. Das unmittelbare Ding zwischen Publikum und Sänger kann einem keiner nehmen.

Thema: Weed. Denkst Du nicht, dass Du eine Vorbildfunktion gegenüber der Jugend hast?

Ich hab viel gelernt und hab auch viel falsch gemacht. Ein Schlüsselerlebnis für mich war in Dinslaken. Ich geh immer mit meinem Spliff auf die Bühne, weil ich da persönlich entspannter bin und Musik mehr empfinden kann, was nicht immer so ist – es gibt auch Dinger, die gehen nach hinten raus. In Dinslaken hatte ich halt so 12/13jährige Kiddies vor mir, die Jägermeisterfläschen getrunken haben, hatten dicke Haschisch-Joints und haben meine Texte mitgesungen. So wollte ich das aber gar nicht. In dem Moment, wo man ein paar Platten verkauft und die Leute einem zuhören, wird man auch mehr als nur sich selbst gegenüber verpflichtet. Das ist eine ganz gefährliche Sache mit dem Skunk hier in Deutschland, weil ich hab das Grasrauchen in Jamaica ganz anders kennengelernt als ich das hier beobachte. Wenn ich in Jamaica mit einem Rastamann Gras rauche, dann ist das eher Meditation. Hier geht es so ein bischen in die Richtung „Verdrängung" und wenn eh schon eine Leere vorhanden ist, sich dann mit Skunk zu zu dröhnen ist der falsche Weg. Es sind zwei komplett verschiedene Sachen: das Gras in Jamaica und das Gras, was hier in den Gewächshäusern hochgezüchtet wird. Ich gehe auf jeden Fall bewußt damit um.

Würdest Du Dich denn für die Legalisierung einsetzen? Auf jeden Fall!!Könntest Du Dir vorstellen, irgendwann mal komplett nach Jamaika zu gehen?Ich bin ein Mensch, der nie gerne lange an einem Ort ist. Jamaika ist sicherlich ein Ort, der mir sehr zusagt. Ich hab früher oft gesagt, dass Deutschland scheisse ist ,die Mentalität und dass ich nach Jamaika will, aber es ist zu leicht, das auf seine Umgebung zu schieben. Es hängt auch immer mit einem selbst zusammen. In dem Moment, wo du länger in Jamaika bist, wird die erstmal bewußt, wie gut es uns hier eigentlich geht.Mein Sohn geht hier zur Schule und wir sind in das System hier auch integriert. Das ist nicht so einfach und ich pendel ja sowieso immer hin und her. Ich will einfach beides nicht missen. Wenn ich länger in Jamaika bin, vermisse ich etwas, was in Deutschland ist und umgekehrt. Irgendwas ist immer und wenn du auch nur beim heißesten Sex merkst, dass du kalte Füße hast. Du mußt einfach für dich in dem Moment die Prioritäten setzen und checken was gerade wichtiger ist.Ich fahr von Hamburg nach Köln 5 Stunden mit dem Zug, bin aber in 9 Stunden auch schon in Jamaika. Habt ihr denn keine Probleme hier in Deutschland mit dem Rechtsextremismus? Du hast eine jamaicanische Freundin und ein Kind... Ja, ich bekomm das mit, aber ich hab das zum Glück mit meiner Freundin noch nicht wirklich erfahren. Es gibt immer irgendwelche komischen Blicke, aber ich denke mal gerade Köln ist eine Stadt, wo das nicht so Thema ist wie jetzt in Hoyerswerda.Rassismus ist aber kein deutsches Problem. Das gibt es ja überall.

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