Geld = Religion: Graffiti auf Pariser Luxus-Store steht für einen Krieg der Welten

Der Rapkosmos ist hin- und hergerissen zwischen dem Abfeiern überteuerter Luxusartikel von Designern und der Kritik am kapitalistischen Exzess. Graffiti und Street Art existieren 2017 längst im gleichen Spannungsfeld, wie ein neues Werk von Kidult in Paris besonders deutlich zeigt.

Der Writer hat an der Fassade der Boutique des deutschen Designers Philipp Plein einen Monopoly-Mann angebracht, der dicke und giftgrüne Dollarzeichen mitten auf die Fenster pinkelt. Mit dem roten Schriftzug darunter, liest man:

$$ is the new religion

"The New Reli6ion" KIDULT 2017 Poverty of spirit @philippplein78 #culturevulture #kidult #graffitinotstreetart #illegal #consume #calumniator

4,055 Likes, 68 Comments - KIDULT (@kidultoneofficial) on Instagram: ""The New Reli6ion" KIDULT 2017 Poverty of spirit @philippplein78 #culturevulture #kidult..."

Kidult übt damit Kritik am Künstler Alec Monopoly, der für eine aktuelle Kollektion mit Plein zusammengearbeitet hat. Der Artist aus New York ist der Sohn reicher Bankiers, Botschafter der Uhrenmarke TAG Heuer, verkauft seine Werke unter anderem an Leute wie Snoop Dogg und posiert auf seinem Insta mit weiteren Rappern, Sportlern, Designern und Luxusobjekten. Er ist quasi ein Superstar der Kunstszene.

Die Hashtags, die Kidult für seine Beiträge benutzt, sprechen da eine deutliche Sprache der Abgrenzung. Mit #culturevulture stellt er den Vorwurf in den Raum, Leute wie Monopoly würden die Ausdrucksform einer Kultur für sich vereinnahmen und kommerzialisieren. #Graffitinotstreetart soll deutlich zwischen zwei Termini differenzieren. #Illegal macht einen expliziten Unterschied zwischen den beiden Begriffen deutlich. Kidults These dürfte in etwa so lauten: Graffiti ist illegal und dagegen – Street Art ist lieb, steht im Spotlight, wirft sich wohlhabenden Freiern um den Hals und zweckentfremdet das Werkzeug der Graffiti-Künstler. Den Kapitalismus hat Kidult zuvor schon etliche Male mit seinen Aktionen kritisiert:

1997-2017. One less Vulture... KIDULT @colette #culturevulture #hellyeah #kidult

3,157 Likes, 107 Comments - KIDULT (@kidultoneofficial) on Instagram: "1997-2017. One less Vulture... KIDULT @colette #culturevulture #hellyeah #kidult"

because the time is near... #kidult #propagandaseason

2,494 Likes, 4 Comments - KIDULT (@kidultoneofficial) on Instagram: "because the time is near... #kidult #propagandaseason"

Im neuesten Fall kann man aber nichtmal den guten alten Sellout-Vorwurf aus der Mottenkiste holen – Rapper kommen meistens ursprünglich aus dem Dreck, bevor sie sich irgendwann verkaufen können. Alec Monopoly nicht, was ein zusätzlicher Grund für Kidults Aktion gewesen sein dürfte. Das Problem: Graffiti ist cool und angesagt in der Modewelt – deshalb wird der Style von Alec Monopoly ja gefeiert. Und deshalb ist man geneigt, Philipp Plein zu glauben, wenn er sich über das "coolste Fenster ever" freut. Entweder provoziert er hier relativ klug, indem er das Ganze auch noch "Street Art" nennt, oder er checkt tatsächlich nicht die Kritik und findet es toll, ein Prophet dieser noch relativ neuen Religion zu sein.

Money is the new religion !!! PARIS STREET ART COOLEST WINDOW EVER .....thx to the #PARISGraffitiGANG78

15.3k Likes, 274 Comments - Philipp Plein (@philippplein78) on Instagram: "Money is the new religion !!! PARIS STREET ART COOLEST WINDOW EVER .....thx to the..."

Die Spannung zwischen der konventionellen Kunstwelt, Graffiti und Street Art können Netflix-User sich seit einigen Tagen in der Doku "Saving Banksy" detaillierter erklären lassen. Banksys illegale und subversive Kunstwerke haben mittlerweile einen derartigen Kultstatus bekommen, dass sie der Öffentlichkeit gestohlen und teuer verkauft werden. Das widerstrebt natürlich allem, wofür diese Kunstform steht.

"Saving Banksy" Documentary (Official Trailer) Please Share

"Saving Banksy" is an acclaimed documentary film that explores the evolution of graffiti into street art and that collision with commerce. Saving Banksy dives deep into ethical questions of this movement including whether or not art dealers have the right to remove public graffiti and sell it at high-end auctions.

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Kommentare

Schöne aktion in einer zeit wo jedes dumme kind nach hässlichen überteuerten klamotten giert nur weil iwelche verblendeten neureichen es vorleben, den kackladen sollte man abfackeln..

nett :)

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Kunstfreiheit ist auch für Rapper keine Einladung zum Sexismus

Kunstfreiheit ist auch für Rapper keine Einladung zum Sexismus

Von HHRedaktion am 03.03.2020 - 20:03

Es ist ein komischer Reflex, den wohl jeder von uns kennt. Innerhalb der Szene gibt es Spannungen, Abneigungen und Kleinkriege. Man teilt aus und steckt ein. Wenn jedoch Kritik von außen kommt, sind sich auf einmal alle einig und wollen Rap verteidigen. Rapper fordern selbst in den hirnrissigsten Situationen, dass die Rapmedien sie gegen den Druck von außen verteidigen müssten. Wir müssten denen da draußen erklären, was Rap überhaupt ist und wofür er steht.

Wofür Rap nicht steht: frauenfeindliche Lyrics. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Sexismus schon viel zu lange seinen festen Platz in unserer Lieblingsmusik hat. Etwas Dummes wird nicht besser, nur weil man es schon lange aushält. Kunstfreiheit schön und gut. Aber wenn du dumme Kunst machst, dann machst du eben dumme Kunst.

Deshalb ist es gut, dass das Thema wieder auf den Tisch kommt. Die Intensität ist grade bedrückend, aber notwendig, um Bewegung in eine Szene zu bringen, die oft konservativer ist, als man es sich wünschen würde.

Im Zentrum der aktuellen Debatte steht Fler. Zugegebenermaßen: Seine Line zählt zu den weniger schockierenden im Video der #unhatewomen-Kampagne. Und allein, dass ich das schreibe, ist symptomatisch und entlarvend zugleich. Frauen machen auf frauenfeindliche Texte aufmerksam und der Rapfan legt sich schon beim peripheren Lesen der Headline die ersten Relativierungsversuche im Hinterkopf zurecht. Was Schwachsinn ist.

Zu Terre Des Femmes, den Initiatoren der Kapmagne, muss allerdings angemerkt werden: Von ihrem Einsatz für Verbote von Kopftüchern für Kinder oder von Prostitution möchten wir uns ausdrücklich distanzieren. Für die aktuelle Thematik spielt das allerdings kaum ein Rolle.

Zurück zum Thema: Dass man Zeilen oftmals einordnen und manches relativieren kann, müssen wir niemanden erklären. Auch das muss jeder 2020 verstanden haben. Fler rückt aber gar nicht primär durch seine Zeile in den Fokus, sondern durch seine Reaktion auf das Video. Dass er mit seiner Wortwahl gerne über das Ziel hinausschießt, ist keine Neuigkeit. Drastische Worte und Ausdrucksformen sind tatsächlich Hiphop. Kopfgelder auf Menschen auszusetzen, die nachvollziehbare Kritik an dir haben, ist es nicht. Das ist auch nicht lustig, sondern schlichtweg gefährlich.

Dann schaltet Shahak Shapira sich ein und mit Hilfe der in diesem Fall sehr unglücklich agierenden Kollegen von 16bars driftet der Diskurs ab. Plötzlich geht es um Shapira und um Sympathien. Es ist komplett scheißegal, ob wir den Kerl jetzt cool finden oder nicht. Er steht für das Richtige in dieser Sache, Fler für das Falsche.

Heute versucht er, seine Line schönzureden: "Die Bezeichnung Hoe [gilt] im Rap-Jargon für das pe[r]fekte Schönheits-Ideal", schreibt er auf Instagram. Einfach nein. Es ist ein abwertender Begriff für eine Frau. War es 1997 und ist es auch 2020 noch.

Muss man wirklich darauf hinweisen, dass es bescheuert ist, sexistische Lines zu rappen? Dass "Bitch", "Hoe" und "Schlampe" kein hiphop-kulturelles Gut sind, sondern Beleidigungen? Muss man explizit erwähnen, in welchem Maße es gegen moralische Grundprinzipien verstößt, wenn man eigenmächtig ein Kopfgeld auf Menschen aussetzt, die einen kritisieren? Einfach weil man es sich leisten kann? Dass es bescheuert ist, jemanden zu bedrohen, der die Stimmen und Ängste einer Gruppe sichtbar machen möchte? Dass das eher das Gegenteil von dem ist, was wir unter Hiphop verstehen?

Die traurige Antwort, die sich in den letzten Tagen mal wieder herauskristallisiert hat, lautet: anscheinend ja.


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