Deutschrap-Update mit Kool Savas, Sinan-G, Chima Ede & mehr

Dass die Welt da draußen heruntergefahren wird, bedeutet nicht, dass es in der Rapszene genauso läuft. Wie jede Woche gibt's auch an diesem Freitag haufenweise neue Musik, von der ihr eine Auswahl in unserer Playlist mit Groove Attack findet. Auf dem Cover gibt Chima Ede fast so etwas wie ein kleines Comeback, der unter anderem nach dem gemeinsamen Projekt mit Shirin David nun wieder eigene Musik releast.

Neben seiner locker-poppigen Single "Toxisch" gibt es heute auch neue Musik von Sinan-G, der keinen Geringeren als Kool Savas für den Song "No Mercy" an Bord hat. Straighten Rap gibt's auch in der ersten offiziellen Single von Eno-Signing Xidir. Der 19-Jährige wird auf IG von Xatar und Eno insbesondere für seine Lyrics gefeiert.

Auch von Schulter139, der aktuell zu unseren Favorites im Untergrund zählt, gibt heute frischen Sound auf die Ohren. Nach "GRDT" gibt's die zweite Single des Dortmunders im laufenden Jahr. Der Beat von CHRS pusht den Rapper auch dieses Mal wieder zu rasantem Flow, der immer wieder stabile Punchlines im Gepäck hat.

Geradewegs nach vorne geht es auch bei Brudi030 und Olexesh. Das Duo jagt in "Addoom" mit wilder Energie über ein Instrumental, das selbstredend von SLS-Mastermind Goldfinger kommt. Von den Berliner Crew Rapkreation gibt's heute die erste Single seit dem Debütalbum "Obskur", das Ende 2019 erschienen ist.

Mit KEZ und Sierra Kidd hat sich ein spannendes Duo bereits zum zweiten Mal zusammengefunden. Kidd nutzt den hörenswerten Song "Wunden" (prod. Nico Chiara), um gewisse Entwicklungen um seinen ehemaligen Mentor RAF Camora zu thematisieren:

Ansonsten gibt es Neues von Plusmacher, badmómzjay, Ra'is, Goldroger, Kasimir, Prettyfacecapi, Edo Saiya, Chefket, Cr7z, Shrimp Cake und vielen mehr. Abonniert die Playlist auf der Plattform eurer Wahl!

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Berlin Calling: Wie die New Wave Deutschraps wichtigstes Movement wurde

Berlin Calling: Wie die New Wave Deutschraps wichtigstes Movement wurde

Von Julius Krämer am 10.04.2021 - 11:30

Lange noch als Untergrund bezeichnet, spielt die neue Generation des deutschen Hiphops spätestens seit dem letzten Jahr ganz oben mit. Was sie verbindet: Wenig Respekt vor den Regeln des Genres, ein ungebrochener DIY-Ethos und ein Sound, der das Lebensgefühl von Schöneberg, Steglitz und Kreuzberg atmet.

Ein paar Freunde in Berlin, viel Freizeit und das Talent, eben jenen Lebensstil zwischen Crewlife, Spätis und Wake&Bake auf minimalistisch-zurückgelehnten Trap-Beats zu zelebrieren. Das dürften die Hauptzutaten der Berliner Rapcrew BHZ sein, die bereits 2016 dem neuen Sound von Berlin aus den Weg bereiteten. Anfangs noch mit Kopfnicker-Boombap, öffneten BHZ in den kommenden Jahren mit ihrer Authentizität die Tür zu den großen Massen, durch die ihre Weggefährten im Vollsprint durchsprangen.

Ihr 2020er-Album bringt den Vibe und die Faszination ihrer Musik auf den Punkt: Kiezromantik. Gleichzeitig nehmen sich die sieben Jungs nicht zu ernst, der Spaß steht im Vordergrund und damit auch eine angenehme Unbekümmertheit, die im durchkommerzialisierten Promo-Game des deutschen Hiphops extrem erfrischend wirkt.

Vielfalt und Community

Die große stilistische Diversität, mit der die jungen Musiker ihren Sound bedienen, ist außerdem bemerkenswert. Sogar eng befreundete Rapper wie Pashanim und Kasimir1441 machen Musik, die unterschiedlicher nicht sein könnte: Auf der einen Seite die entspannt-melancholische Straßenpoesie von Pashanim, auf der anderen der extrem aggressive Schrei-Rap Kasimirs. Unterm Strich produzieren viele Artists dieser Szene aber frischen Südstaaten-Sound auf einem Niveau, das in Deutschland lange Zeit eher die Ausnahme war.

Der Beat von Yin Kalles "Lila Racks" legt sich mit seinem leicht groovendem Gitarrensample perfekt kopfnickend unter Drugtalk des 20-Jährigen: "Ja ich poppe eins, zwei, drei Pill'n oder vier / Ich hab' Drip, rolle Jibbit und ich inhalier'" – KazOnDaBeat lässt grüßen.

Derart breit aufgestellte Klangsprachen haben Hiphop eh und je ausgezeichnet. Überhaupt zeigt sich nicht nur bei Kaz, sondern auch bei anderen New Wave-Producern wie Jaynbeats oder Endzone die Tendenz, mit Feature-geladenen Soloalben eigene Releases zu veröffentlichen und so einen weiteren Schritt in Richtung unabhängige Musiker zu gehen.

Auch darüber hinaus scheint die New Wave Welten zu vereinen: Die Themen sind voller authentischer Straßenbezüge, viele der Künstler*innen haben aber einen Mittelstands-Background. Es wird geflext mit Altbauwohnungen und Markenklamotten, trotzdem "stinken alle morgens schon nach Bier" – zumindest bei BHZ und den 102 Boyz. Die Inszenierung sieht oft nach Planlosigkeit und Drogeneskapaden aus, Rapper wie Symba, Pashanim oder Dead Dawg sind aber allesamt auch im Musikvideo- oder Filmgeschäft aktiv und zeichnen sich so auch auf dem Papier als die mehrdimensionalen Künstler aus, die sie sind.

Anders als noch zu Aggro-Zeiten sind die meisten Artists bei unterschiedlichen Labels, es herrscht aber ein großer Zusammenhalt in der Szene. Beef wie in anderen Teilen des Deutschrap Games? Fehlanzeige. Die ganze Bewegung ist eine große Community, die sich nicht nur innerhalb von Berlin, sondern auch mit den Brüdern im Geiste aus Köln, Lugatti & 9ine, Features liefert: "Von Kölle 5-0 bis Berlin / 0221, 030 bald Repeat"

Von Soundcloud in den Streaming-Olymp

Wahrscheinlich trifft die New Wave auch deshalb den Zeitgeist in Deutschland so sehr, weil sie nicht nur den Sound aus Atlanta auf ihre ganz eigene Weise verarbeiten, sondern auch die Veröffentlichungsstrategie aus den USA übernehmen: Anders als Hiphop-Künstler*innen, die vor ihrem Aufstieg zu galaktischen Streaming-Zahlen bereits auf Majors releast hatten, erreichten BHZ, Pashanim oder Yin Kalle eine riesige Fanbase über Soundcloud-Releases – ähnlich wie XXXTentacion, 6ix9ine oder Lil Pump Mitte der 2010er.

Der älteste Beitrag auf der BHZs Soundcloud Page ist mittlerweile sieben Jahre alt und zeugt von den Anfängen. Yin Kalle, damals noch schlicht und ergreifend als Karl, teilte ebenfalls lange vor seinem ersten Spotify Release Musik auf der Plattform. Pashanims Songs dort wie "Saka Wasser" oder "fühlst du mich" haben reihenweise siebenstellige Aufrufzahlen erreicht:

Diese Vorschusslorbeeren zahlten sich aus: Von sieben Pasha-Tracks auf Spotify haben drei mehr Plays als jeder einzelne Song von Bushido – ausgenommen das Feature "Für euch alle" mit Capital Bra und Samra. Kasimir1441 hat mit seinen 2,7 Millionen monatlichen Hörer*innen sogar schon Künstler wie Mero überholt.

Zwischen Fortschritt und Macho-Klischee

Eine andere Neuheit, die für viele Künstler*innen der New Wave ganz selbstverständlich ist, spricht der mit über 10.000 Likes am besten bewertete YouTube-Kommentar unter Pashanims Hitsingle "Hauseingang" an: "Wie schön zu sehen, dass einfach mal mit Girls gechillt wird." Auch bei BHZ, Lugatti & 9ine und vielen mehr sind Mädels ganz natürlicher Teil der Gang, zumindest in manchen Songs und Videos:

"Trink ne Flasche Luft in der S-Bahn / Steilgang mit den Brüdern und den Schwestern"

Dieser für Rap-Verhältnisse progressiven Entwicklung steht die immer noch hohe weibliche Stereotypisierung gegenüber, wie sie den Berliner Sound nach wie vor kennzeichnet – allen voran bei Kasimir1441, aber auch die zahlreichen extrem übersexualisierten Lines Yin Kalles.

Dennoch geht die New Wave in puncto Diversity ein eindeutigen Schritt nach vorne und das fühlen ihre meist gleichaltrigen Fans wohl genauso. Leider lässt sich das nicht für die Frauenquote innerhalb der Kollektive selbst behaupten, die nach wie vor vollständig männlich geprägt sind.

Ausnahmen bilden interessante junge Künstlerinnen wie Layla, Babyjoy und natürlich Badmómzjay aus dem Berliner Umland, die den hochkarätigen Ami-Swag noch eine gute Spur weitertreibt und damit seit 2019 große Erfolge feiert. Dahinter steht grade eine ganze Generation bereit, für die Rapperinnen im Game absolut selbstverständlich sind.

New kids on the block

"Wir sind Engel, doch gefall'n, 2000 in Berlin / Heut fahr'n wir durch Hood und woll'n Tausender verdienen"

Neben dem klassischen Hiphop-Traum ist auch das junge Alter von Pashanim, Yin Kalle oder Symba entscheidend. Denn als Millenials sind sie nicht nur die erste Generation, die eine Welt ohne Social Media nie kennengelernt hat (entsprechend sicher gehen sie mit ihren Kanälen um), sondern auch die erste, die sich musikalisch vollständig mit Trap und Cloud Rap sozialisieren konnte.

Die klassische Realness-Frage älterer Szene-Veteranen, wie viel Autotune guter Rap verträgt und ob Hiphop nicht mehr Inhalte braucht als Drogen und Party, stellt sich der New Wave daher nicht einmal. Diese von Musikern wie LGoony oder Money Boy hart erkämpfte Narrenfreiheit lebt der Hiphop Berlins in vollen Zügen aus: "Airwaves in mein' Jeans und Trikot von Zizou / Original Berliner Boys, nein, wir sind nicht wie du" – Und das ist auch gut so.


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