"Xatar rief uns aus dem Knast an und..." - AoN-Produzenten im Interview

Kaum ein deutsches Camp hat in den vergangenen Jahren einen solch einzigartigen Sound geschaffen, wie Xatars Label Alles oder Nix. Für diesen mitverantwortlich sind Thai und Timo, besser bekannt als Enginearz. So entstand unter anderem das Brecher-Instrumental von Xatars Iz da in der Schmiede der beiden und auch auf dem kommenden Coup-Album sind sie mit einem Beat vertreten. Zeit, sich mit den beiden Ausnahmeproduzenten zu unterhalten.

Dem gemeinen Rap-Hörer seid ihr allerspätestens seit euren Produktionen auf Schwesta Ewas Album Kurwa ein Begriff. Die Wenigsten wissen allerdings, welche Personen sich hinter dem Pseudonym „Enginearz“ verbergen. Wie habt ihr beide euch kennengelernt und wie habt ihr entschieden, dass ihr zusammen Musik machen solltet?

Thai: Ich habe Timo damals 2007 auf Myspace bezüglich Beats kontaktiert. Zu der Zeit habe ich nur ein bisschen gerappt und noch keine Beats gemacht. Erst im Jahre 2010, als diese Rap-Sache dann komplett im Sande verlaufen war, habe ich meine ersten Gehversuche mit FL Studio und meinen legendären Logitech-Boxen gestartet. 

Timo: Bis 2013 waren wir eigentlich nur privat befreundet und haben nur hin und wieder mal gegenseitig Songs sowie Drumkits und Tipps für FL Studio ausgetauscht. Irgendwann haben wir uns dann ein paarmal zusammengesetzt, Musik gemacht und dann beschlossen, die Sache gemeinsam als Enginearz anzugehen.

Wie entstand dann letztlich der Kontakt zu Xatar und dem AoN-Camp und was schätzt ihr an diesem?

Thai: Kurz nach dem Spezial Material-Mixtape habe ich SSIO einfach paar Beats von uns über Facebook geschickt. Zu dem Zeitpunkt hatte er glaube ich noch nicht so viele Mails im Postfach wie heute (lacht). Ich habe ehrlich gesagt auch nicht damit gerechnet, dass er sich meldet. Es kam aber eine positive Rückmeldung seinerseits. 

Timo: Irgendwann kam dann aus heiterem Himmel eine WhatsApp-Nachricht von Thai, in der er mir mitteilte, dass SSIO an unseren Beats interessiert sei. Nach diversen Telefonaten mit SSIO sowie unserem Placement auf seinem Bb.u.m.ss.n.-Album kam dann automatisch der Kontakt zu Xatar zustande. Xatar rief uns aus dem Knast an und hat gefragt, ob wir Lust haben, Mucke für ihn zu machen. So fing alles an!

Thai: Ich habe Xatar schon seit seinem allerersten Alles oder Nix-Album von 2008 auf dem Schirm. Deren gesamte Musik war zu dem Zeitpunkt schon anders als der damals allgegenwärtige und gleichklingende Deutschrap-Sound. Das hat mir gefallen und sich bis heute nicht geändert.

Timo: Wenn ich Mucke von AoN höre fühle ich mich, als hätte man mich musikalisch mit einer Zeitmaschine zurück in die 90er geschickt. Musik mit Charakter und Musik mit Flavour! Das touched einen!

Das AoN-Camp ist dafür bekannt, detailversessen an Produktionen zu arbeiten und großen Wert auf den Sound des Endproduktes zu legen. In wie weit nehmen die Künstler Einfluss auf die Instrumentals?

Thai: Manchmal bekommen wir eine Richtung vorgegeben, in die es gehen soll. Daran können wir uns dann orientieren und versuchen, wenn notwendig, auf Änderungswünsche von den Künstlern, in der Regel von Xatar, einzugehen und diese einzuarbeiten. Manchmal sitzen wir aber auch ohne Plan im Studio, bestellen Sucuk-Pizza und ballern einfach Beats, auf die wir Bock haben. Auch wenn wir wissen, dass einiges davon garantiert nicht gepickt wird.

Timo: Kam auch schon vor, dass wir Skizzen hatten, aber nicht weiterwussten. Dann haben die AoN-Hausproduzenten bzw. Produzenten aus dem AoN-Umfeld (Reaf und The Breed, Anmerkung der Redaktion) das nochmal gepimpt. Bei Iz da war das beispielsweise der Fall.

Bevor dir die Jungs auf der nächsten Seite erzählen, woher sie ihre Inspirationen ziehen und was ihrer Meinung nach die besten Rap-Alben aller Zeiten sind, kannst du dich hier von ihrem außergewöhnlichen Talent überzeugen:

Woher zieht ihr eure Inspiration und was sind eure Einflüsse?

Timo: Mein ganzes Umfeld inspiriert mich. Auch die verschiedensten Alltagssituationen liefern mir teilweise Vorlagen für Beats. Da kann ich zum Beispiel schon mal aus einer quietschenden Tür eine Melodie heraushören. Krank! Musikalisch inspiriert mich zum Beispiel das Infamous-Album von Mobb Deep richtig krass. Das ist für mich DER Hip-Hop-Meilenstein. Auch Alben wie In the Mid-Nite Hour von Warren G, Guilty by Affiliation von WC oder Tha Last Meal von Snoop haben mich musikalisch geprägt. Um nur ein paar Alben zu nennen.

Thai: Das mit der Inspiration wirkt bei mir eher unterbewusst, glaube ich. Mein Umfeld, meine Familie und so weiter tragen wahrscheinlich einen großen Teil dazu bei. Ich suche jetzt keine bestimmten Orte oder so auf und sage: "Okay, jetzt lasse ich mich inspirieren". Alben, die mich inspiriert haben, waren unter anderem Doctors Advocate von The Game, das für mich das heftigste Hiphop-Album aller Zeiten ist, The Chronic 2001 von Dr. Dre und Doggystyle von Snoop Dogg. Ich zieh mir aber auch Unmengen an RnB, Soul, Funk und anderem Zeugs rein. Die hier genannten Beispiele waren jetzt halt speziell auf Rap bezogen.

Demnächst erscheint das gemeinsame Album von Xatar und Haftbefehl, an dem auch ihr beteiligt seid. Könnt ihr bereits etwas zum Sound des Albums sagen?

Thai: Wir kennen bisher nur den von uns produzierten Song Tach Tach. Ist ein toller Song mit sehr positiven Vibes! Mit diesem Song lässt sich definitiv jede noch so schwer erscheinende Lebenssituation bewältigen. 

Timo: Stimmt! Hätten nicht gedacht, dass die Jungs so einen fröhlichen und positiven Beat für ihr Kollabo-Album picken. Das war eine ganz neue Erfahrung für uns!

Lasst uns gemeinsam in die Zukunft blicken: welche Projekte möchtet ihr in Zukunft angehen und was ist in naher Zukunft geplant?

Timo: Fest geplant ist aktuell nichts. In erster Linie wollen wir die Arbeit als Enginearz vertiefen und verstärken. Einfach das Maximum an Produktivität und Qualität rausholen.

Thai: Ich würde gerne ein Comeback-Album für Tic Tac Toe oder die Kelly Family produzieren (lacht). Nein, quatsch! Fest geplant ist nichts. Wir lassen einfach alles auf uns zukommen.

Gibt es außerhalb eures Camps deutsche Rapper, mit denen ihr gerne zusammenarbeiten würdet? 

Timo: Aktuell ist nichts geplant. Mal schauen was sich in Zukunft ergibt.

Thai: Nö, nix geplant und auch nicht unbedingt heiß drauf. Diese Enginearz-Sache beansprucht ohnehin sehr viel Zeit, auch wenn das eventuell nach außen hin so "locker flockig" rüberkommt. Wir kommen da schon gut an unsere Grenzen, da wir das ja auch nicht hauptberuflich machen und anderen Verpflichtungen ebenso nachgehen müssen. Aus Amerika gibt’s aber den ein oder anderen Künstler, für den ich gerne mal was machen würde.

Könnt ihr mir zum Abschluss des Interviews verraten, welchen eurer Beats ihr nach wie vor am meisten feiert?

Thai: Poah, da gibt`s einige (überlegt). Also meine Lieblingsbeats wurden noch nicht released und liegen auf unseren Festplatten. Einen kleinen Eindruck davon kann man sich auf unserer Facebook-Seite verschaffen.

Timo: Wie von Thai schon erwähnt, liegen die heftigsten Beats noch auf unseren Festplatten. Von den Beats, die released wurden, habe ich es aber bisher noch nicht geschafft Boomerang von Schwesta Ewa totzuhören!

Alle weiteren Infos zu der Arbeit der Enginearz findest du auf deren Facebook-Seite.

Marc Schleichert

Autoreninfo

Marc Schleichert ist seit Anfang 2014 ein Teil von Hiphop.de und leitet hier den Textinterview-Bereich. In dieser Funktion spricht er regelmäßig sowohl mit hungrigen Newcomern als auch mit alteingesessenen Künstlern.

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