Im Jahre 2015 scheinen es absatzstarke deutsche Zeitungen immer noch für einen sinnvollen Aufmacher zu halten, der aktuellen Generation Heranwachsender einen besonders originellen Namen zu geben und zu sinnieren, wie gravierend sich diese von den vorangegangenen unterscheidet. Rapper tun es diesen Zeitungen häufig gleich und stilisieren sich in den eigenen Pressetexten zu den Sprachrohren ganzer Generationen hoch. Pimf hält von all dem nichts. Er möchte nur für sich sprechen, seine Geschichte erzählen und so sein ganz persönliches Memo hinterlassen. Ich habe sein Album zu Anlass genommen, mich mit ihm über Selbstzweifel und Geltungsdrang zu unterhalten und die Frage zu klären, wer denn nun das Wohnzimmer abgefackelt hat.

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Das Album wirkt trotz des recht melodischen Klangbildes recht getrieben und durch einige Songs zieht sich der Drang, etwas zu erreichen und sich dadurch von der Masse abzuheben. Woher kommt dieses Bedürfnis, etwas darzustellen?

Pimf: Ja, du hast grundsätzlich Recht, aber ich bin niemand, der sich krampfhaft profilieren möchte. Das kam einfach mit der Zeit, da mein Umfeld den "normalen" Weg gegangen ist, Ausbildungen gemacht hat und so weiter. Ich habe dadurch, dass ich schon immer Rap-Mucke gemacht habe, gemerkt, dass mein Weg zwar ein bisschen ungewöhnlicher ist, ich aber dadurch viel mehr erlebe. Ich sehe mehr von der Welt, komme einfach raus und für manche Leute in meinem Sportverein tut es mir einfach Leid, dass die so wenig mitbekommen. Die sind irgendwie ein Leben lang in der Provinz gefangen und das will ich eben nicht. Das war aber keine grundsätzliche Entscheidung und ich sag' gar nicht, dass ich krasser bin als andere. Das liegt mir eben einfach nur mehr als dieses "Nine to Five"-Ding. 

Trägt das Aufwachsen in einer biederen Kleinstadt wie Hofgeismar möglicherweise dazu bei, dass man sich dort von der "langweiligen" Masse abheben möchte?

Pimf: Nee, nicht unbedingt. Die Möglichkeiten sind dort ja sogar eher begrenzt, aber die Stadt hat natürlich dazu beigetragen, dass ich so bin wie ich bin. Es gibt dort auch nicht so viele kreative beziehungsweise künstlerische Menschen und ich bin einer der wenigen Künstler dort. Das hat mich natürlich zu dem gemacht, der ich heute bin, aber ich wollte nie das Aushängeschild von Hofgeismar werden oder so.

Dieses unpräzise Gefühl, sich von der Masse abheben zu wollen und einen anderen Weg zu gehen vereint ja einige Künstler, von Olson bis hin zu Casper. Kannst du dir erklären, woher dieser Drang nach Individualismus in unserer Generation kommt?

Pimf: Ach, ich glaube, das ist gar kein Generationen-Ding, sondern etwas sehr menschliches, da man immer mehr erreichen möchte als andere. Ich glaube, das ist ein sehr natürlicher Drang. Für mich ist das auch nicht so krampfhaft. Ich wünsche mir manchmal, ich könnte einen ganz normalen Weg gehen und finde es manchmal echt beneidenswert, wie happy die Leute manchmal sind mit dem was sie haben. Ich kann das leider nur eben einfach nicht. Ich muss nicht auf Teufel komm raus mehr sein als andere und finde mich auch nicht cooler oder so. Ich hab' auf meinem Album auch bewusst nur von mir erzählt und nicht versucht, für andere zu sprechen. Es gibt ja viele Rapper, die im übertragenen Sinne sagen: "Wir gehen raus und fackeln das Wohnzimmer ab!" Ich sage eben: "Ich gehe raus und fackel das Wohnzimmer ab. Ob du das auch machst, weiß ich nicht." Ich bin hier bewusst im Singular geblieben. Der Drang, jemand sein zu wollen, ist aber, um zurück zur Frage zu kommen, sehr menschlich.

Andere Jungs auf Hofgeismar gehen einen anderen Weg um "jemand zu sein" und studieren oder machen Ausbildungen. Warum war dieser Weg nie etwas für dich?

Pimf: Das war nie eine Option für mich. Nach meinem Fachabi habe ich zwar noch ein Jahr an einer Behindertenschule gearbeitet, was mir auch Spaß gemacht hat, aber ich habe mich schon immer lieber in diesem Musikkosmos bewegt. Ich war schon immer eher ein Freigeist und kann mir das momentan auch gar nicht anders vorstellen. Vielleicht sieht das aber in fünf Jahren auch wieder völlig anders aus. Im Augenblick genieße ich aber meine Freiheit.

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Bis 14 Uhr schlafen klingt für viele Menschen sicher traumhaft. Warum es auch eine Belastung sein kann, verrät dir Pimf auf der nächsten Seite.

Kann es nicht auch belastend sein, keinen geregelten Tagesablauf zu haben?

Pimf: Ja, das kann auf jeden Fall auch frustrierend sein. Momentan ist es so, dass ich bis auf einen kleinen Nebenjob, in dem ich einen behinderten Jungen betreue, nur Musik mache und mich voll darauf konzentrieren kann. Da kann es furchtbar frustrierend sein, wenn du einfach mal bis 14 Uhr pennst, einfach, weil du es kannst und die ganze Nacht nur Mucke gemacht hast. Da fühlst du dich derbe schlecht, weil du aufstehst, während deine ganzen Freunde gerade von der Arbeit kommen. Deshalb kann es sein, dass ich das irgendwann mal ändern werde. Noch gibt es aber kein Bestreben in diese Richtung.

Sorgt dieser Frust dafür, dass du dich ein Stück weit nutzlos fühlst?

Pimf: Ja, genau. Da kommen einfach ganz ekelhafte Selbstzweifel auf, wenn ich mal wieder den ganzen Tag verschlafen habe und ich frage mich, was ich überhaupt schon erreicht habe. Alle gehen arbeiten, verdienen ihr Geld und du bist einfach Rapper. Das fühlt sich irgendwie manchmal komisch an.

Hast du in all den Jahren, in denen du an deinem Debüt-Album geschraubt hast, Zweifel, dass dieser Weg der richtige ist und du möglicherweise einfach vergessen wirst? 

Pimf: Gut, ich war in den drei Jahren immer noch ein bisschen live unterwegs und konnte mich dadurch ein bisschen ins Gedächtnis rufen. Natürlich habe ich in den Jahren daran gezweifelt, ob das alles richtig läuft und mir gedacht: "Man, das muss jetzt aber endlich rauskommen!", aber letztendlich wollte ich das Album immer dann rausbringen, wenn es fertig ist und meinen Vorstellungen entspricht. Ich habe mir so viel Zeit genommen wie ich gebraucht habe und ich bin jetzt komplett glücklich mit dem Album. Ich würde es auf jeden Fall wieder genauso machen. Es fühlt sich einfach richtig an.

Drei Jahre sind eine lange Zeit für 13 Songs. Ist die meiste Zeit ins Sounddesign geflossen?

Pimf: Ja, das Sounddesign hat auf jeden Fall viel Zeit gekostet, aber die längste Phase war wohl das eingrooven. Ich hatte ja nichts, nachdem ich aus dem Videobattle rausgekommen bin. Ich wusste nicht, wie ich ein Album machen könnte, wusste nicht mit wem ich das umsetzen könnte und weiß der Geier was noch. Dann hat sich auch erst mit der Zeit herauskristallisiert, wie mein Album klingen soll und mit wem ich das machen werde. Geschäftlich gesehen wäre es aber wahrscheinlich sinnvoller gewesen, das Album direkt nach Alt & Jung zu bringen (lacht). Aber nochmal, ich würde es jederzeit wieder genauso machen.

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Pimfs Bezug zu Graffiti und weshalb ihn dieser sogar in die Zeitung brachte, erfährst du auf der letzten Seite.

Auf dem Album, das in diesen drei Jahren entstanden ist, ist Hofgeismar sehr präsent. Allerdings schimmert auch immer wieder die Sehnsucht nach dem Unbekannten durch. 

Pimf: Ich mag den Kontrast aus beidem. Ich bin gerne unterwegs, komme dann aber auch immer wieder gerne nach Hause. Ich kann auf keinen Fall ein Jahr am Stück unterwegs sein, aber mal immer wieder drei bis vier Wochen weg sein und etwas erleben, um dann wieder nach Hause zu kommen, ist für mich das Größte. Philadelphia ist auf meinem Album die Metapher für das Ungewisse, das ich kennenlernen möchte, aber das heißt nicht, dass ich meine Wurzeln vergessen könnte.

Zu deinen Wurzeln scheint auch Graffiti zu gehören. Zumindest findet dieses auf deinem Album immer wieder statt und ist recht präsent.

Pimf: Ich habe das früher mal versucht, war aber leider katastrophal darin und hab es schnell wieder sein lassen. Allerdings hatte ich immer Freunde, die gemalt haben und ich bin einfach auch ein Hiphop-Fan und fand Graffiti deshalb immer cool. Außerdem fahr ich einfach gerne durch die Stadt und schau mir ein paar coole Graffitis an. Meine Schule habe ich auch mal angemalt, was dann auch in der Zeitung stand (lacht). Das war auf jeden Fall ein geiler Adrenalin-Kick. 

Wir haben jetzt viel über die Entstehung und die Inhalte von Memo gesprochen. Welche Ziele hast du dir denn konkret mit diesem Album gesetzt?

Pimf: Die Erwartungshaltung ist, dass einige Leute das Album geil finden werden und dass die Leute, die das geil finden, das Album einfach raus in die Welt tragen, es weiterverbreiten und ich so die Möglichkeit bekomme, ein paar Shows zu spielen. Bis jetzt bin ich sehr zufrieden, die Videos sind sehr geil geworden und kamen auch gut an. Besonders Horizont gefällt mir sehr gut.

Kannst du uns zum Abschluss des Interviews das Grundgefühl, das Memo vermitteln soll, anhand einer exemplarischen Zeile des Albums zusammenfassen?

Pimf: "Hallo ich bin Jonas." Das Album ist einfach sehr autobiographisch und deshalb fasst diese Zeile das ganze Album super zusammen. Danke für das Interview und ich wünsche dir das Beste für die Zukunft, Marc.

Marc Schleichert

Autoreninfo

Marc Schleichert ist seit Anfang 2014 ein Teil von Hiphop.de und leitet hier den Textinterview-Bereich. In dieser Funktion spricht er regelmäßig sowohl mit hungrigen Newcomern als auch mit alteingesessenen Künstlern.

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Weekend ft. Pimf – Geh weg [Video]

Weekend ft. Pimf – Geh weg [Video]

Von Michael Rubach am 03.07.2020 - 12:57

Weekend und Pimf führen auf "Geh weg" so einige Dinge an, auf die sie - aus Gründen - gut verzichten könnten. Darunter wären unter anderem politische Lieder von Kollegah, Nazis, Til Schweigers Mitwirken am Tatort – das Spektrum der Ablehnung ist groß. Für den Beat zeigt sich Friedrich VanZandt verantwortlich. Weekends neues Album "Lightwolf" soll am 11. September erscheinen.


WEEKEND FEAT. PIMF - GEH WEG (prod. Friedrich VanZandt)

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