Die Musik von Hiob und Morlockk Dilemma ist wahrlich keine leichte Kost und es ist kaum möglich, die kantig-druckvollen Flowpassagen der Jungs in ein Raster jedweder Art zu pressen. Ich habe mich mit den zwei in Berlin lebenden Rappern über Kapitalismus, politische Ideale und das Talion 2-Projekt von Snaga und Fard unterhalten. Zum Abschluss des Interviews werden auch gleich noch zwei Alben angekündigt.

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Geht man chronologisch an euren Releases entlang, folgt auf den Kapitalismus der Kannibalismus. Verstehe ich das richtig, oder ist Kannibalismus eine Form des Kapitalismus, in der Menschen sich bildlich gesprochen gegenseitig aufzehren?

Hiob: Im Endeffekt sehen wir den Kannibalismus in diesem Kontext als Steigerung des Kapitalismus. Der Mensch wird nun eben nicht mehr lediglich ausgebeutet und abgezogen, sondern aufgefressen.

Morlockk: Kannibalismus ist hier der Superlativ.

Ihr gebt zudem an, dass sich die Welt gerade bereits in einer Art Apokalypse befindet und niemand etwas dagegen unternimmt. Ist der Kapitalismus die Vorstufe des Kataklysmus, eine Art Vorhölle?

Morlockk: Da sind wir wohl bei Focus Money gelandet. (lacht) Es gibt hier zwei Varianten. Man könnte die Alben thematisch in der Reihenfolge Kapitalismus, Apokalypse, Kannibalismus anordnen und so einen roten Faden da rein bringen. Grundsätzlich macht die albumchronologische Reihenfolge aber auch als solche Sinn. Wir hatten auf Postapokalypse Jetzt einen Song, der mehr oder weniger das Apokalypse-Thema abschließt und erklärt, dass die Apokalypse überstanden ist und die Tyrannen besiegt sind. Eigentlich geht aber alles wieder von vorne los. Man könnte sagen, wir befinden uns in einem Zyklus, der sich immer wiederholt. Auf Kapitalismus Jetzt sind wir in die Rolle eines hedonistischen, sich selbst feiernden und den Untergang vor Augen habenden Akteurs gekommen, der weiß, dass morgen alles vorbei sein kann, aber trotzdem den Hedonismus lebt.

Hiob: In Wahrheit ist aber jede Deutung an den Haaren herbei gezogen. (Gelächter)

Morlockk: Nimm einfach nur den letzten Satz! Das wird Teil unserer großen Grimmepreisrede.

Auf Kapitalismus Jetzt karikiert und kritisiert ihr den Kapitalismus, indem ihr in die Rolle des angesprochenen Akteurs schlüpft. Was genau stört euch an dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Wo seht ihr Potential, diese zu verbessern?

Morlockk: Ach, grundsätzlich ist das alles ja ein gelebter Widerspruch, zu sagen, dass da draußen etwas falsch laufe und irgendjemand etwas ändern solle. Man ist ja selbst Teil des Ganzen und somit eben auch Teil des Kapitalismus.

Hiob: Zudem haben wir die Texte in einer Zeit geschrieben, in der wir viel wegen Musik unterwegs waren und eben auch viel gefeiert haben. Das alles ist eben auch eine Momentaufnahme des Lifestyles, den wir 2012 und 2013 eben hatten.

Morlockk: Bei Apokalypse Jetzt war unsere Situation dagegen eine ganz andere. Wir haben finanziell in ganz anderen Umständen gelebt und waren dadurch auch deutlich grimmiger als wir es jetzt sind.

Hiob: Das war auf jeden Fall ein ganz anderer Hustle. Apokalypse Jetzt ist daher die deutlich wütendere Platte. Die Musik ist immer den Umständen geschuldet, in denen man gerade lebt.

Ihr lebt und feiert in diesem System. Was stört euch dennoch daran?

Hiob: An sich ist dieses System und diese Form der Marktwirtschaft ja nichts Schlechtes. Was ein Problem ist, ist, dass die Leute, die von diesem System profitieren, auch diejenigen sind, die die Spielregeln festlegen. Wäre das ganze System ein gerechter Wettbewerb, in dem jeder die gleichen Chancen hat, dann wäre daran auch nichts Verwerfliches. Das ist aber eben nicht so. Du kannst natürlich einen Straßenkapitalismus leben, wie das im Gangsterrap auch immer propagiert wird, aber dafür gehst du halt in den Knast. Und im Endeffekt tust du dann auch nichts anderes als Leute, die an der Börse mit Aktien handeln.

Morlockk: Im Endeffekt hat auch jeder Dreck am Stecken. Nur eben in seinen Relationen.

Hiob: An sich sind die Probleme dieses Systems, dass das Geld so im Vordergrund steht und so Gier und Neid als menschlicher Wesenszug begünstigt werden. Das gravierendste Problem ist für mich allerdings, wie bereits gesagt, dass die Spielregeln nicht für alle gleich sind.

Morlockk: Unser Anspruch ist auch gar nicht, hier konkrete Lösungsvorschläge zu geben. Wenn du Texte schreibst, dann verarbeitest du ja im Endeffekt die Situation und reflektierst diese dann. Alles, was wir jetzt zeichnen würden, wären Utopien. Man kann lediglich sagen, man entzieht sich den Mechanismen ein Stück weit und entzieht sich hierarchischen Strukturen. Indem wir Musik machen, entziehen wir uns solchen Hierarchien. Wobei die Leute, mit denen wir arbeiten, natürlich auch wieder Teil des kapitalistischen Systems und zwar meines kapitalistischen Systems sind. Mit denen können wir fair umgehen und so innerhalb unseres Mikrokosmos etwas besser machen.

Auf der nächsten Seite sprechen Hiob und Morlockk Dilemma über Talion 2 von Snaga und Fard. 

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Stuttgarts Rap-Ikonen vereinen sich gegen "Querdenker 711"

Stuttgarts Rap-Ikonen vereinen sich gegen "Querdenker 711"

Von HHRedaktion am 08.11.2020 - 16:23

Covid-19 bringt Deutschland weiter außer Atem. Erst gestern zeigte sich in Leipzip mal wieder, dass sich auf den Corona-Demos nicht nur Menschen herumtreiben, die Kritik an den Maßnahmen der Bundesregierung üben wollen. Rechtsextreme mit Hitlerbärtchen auf ihrer Maske, "Reichsbürger*innen" und Verschwörungstheoretiker*innen ziehen die nachvollziehbaren Sorgen vieler Menschen in den Dreck und versuchen, die aufgeheizte Situation für sich zu vereinnahmen. In Stuttgart wehrt sich dagegen ein Zusammenschluss etlicher Persönlichkeiten, zu denen auch viele Rapper zählen.

Kolchose wehrt sich gegen "Querdenker 711"

Ins Leben gerufen wird die Initiative von der Kolchose, einem lockeren Zusammenschluss von Künstler*innen, der in den 90ern gleichbedeutend mit der Stuttgarter Rapszene war. Die Vorwahl 0711 war und ist bis heute so eng mit dem Kollektiv und seinen Überzeugungen verknüpft, dass sie sich gegen die Vereinnahmung wehren wollen, die den Eindruck der stillen Zustimmung einer ganzen Stadt vermittelt.

Auf der Website kolchose.tv ist ein offener Brief zu lesen:

"In den 1990er Jahren, der goldenen Ära der deutschen Hip-Hop-Kultur, wurde aus 0711, der Vorwahl Stuttgarts, ein Symbol für eine weltoffene, verbindende und tolerante Stadt. Seit Dekaden steht 0711 für ein Stuttgart der Solidarität und der Gemeinschaft, für ein Konzept von Stadt, [in dem] Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Hintergründe friedlich miteinander leben. Die Inhalte und Bestrebungen der Initiative 'Querdenken 711' stellen diese Idee von Gemeinschaft in Frage. Die Initiative benutzt und gebraucht ein Symbol, das für das Überwinden von Grenzen und Unterschieden steht, für ihre spalterischen Zwecke. In Zeiten, in denen unsere Demokratie zerbrechlich wirkt, gefährden die sogenannten 'Querdenker 711' den sozialen Frieden."

Zu den Unterzeichner*innen gehören Max Herre, Kaas, Maeckes, Jopez (Jugglerz), Chimperator-Chef Sebastian Andrej Schweizer, Mitglieder von Fanta 4 und den Massiven Tönen sowie andere Kulturschaffende, Unternehmer*innen, Journalist*innen, Menschen aus der Gastronomie und, und, und. Es sind also viele dabei, die selbst unter den Maßnahmen teils existenziell leiden:

"Die Corona-Maßnahmen kritisch zu hinterfragen, ist wichtig. Auf Demos Seite an Seite mit Reichskriegsflaggenträgern zu marschieren, ist dagegen untragbar."

Das Zitat zeigt auch, dass man bei diesem Reizthema – und ganz generell bei vielen gesellschaftlichen Phänomenen – Graustufen erkennen muss. Das Bild ist nicht nur schwarz oder nur weiß. Kritisch zu sein und sich gleichzeitig von denjenigen abzugrenzen, deren Ideologien nicht ansatzweise mit der eigenen Einstellung vereinbar sind, ist ein möglicher Weg. Auch wenn es nicht der gemütlichste sein mag.

Das komplette Statement und die Liste aller Unterzeichner*innen findet man auf kolchose.tv.


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