LIA: "Als Frau muss ich mich im Rap hier und da durchkämpfen" (Interview)

"Shindy als Frau" – das hat ein Youtube User unter unsere Okay-Videopremiere gepostet. Kann man machen? Vielleicht. Muss man hier Vergleiche ziehen? Vielleicht. Aber warum zu einem Mann? Gibt es im Frauenrap keine Konkurrenz? Das haben wir LIA im Interview gefragt. Frauenrap ist ja schließlich ein heißes Thema. Zuletzt hat sich Edgar Wasser auf seinem Track Bad Boy drastisch überspitzt mit den Klischees auseinandergesetzt – und dafür Prügel einstecken müssen. Er fühlte sich dazu berufen, seine Kunst anschließend auf 14-11-14 zu erklären. Seine Hörer hätten die Message nicht verstanden, argumentiert Edgar. LIA ist allerdings eine starke Frau, die sich von solchen Kommentaren gar nicht beeindrucken lässt. Sie zeigt sich selbstbewusst und sie kann geil rappen. Also wirklich geil! 

Du hast deine EP Action vor Kurzem exklusiv auf Hiphop.de veröffentlicht. Wie würdest du dich selbst als Künstlerin für jemanden beschreiben, der deine Musik noch nicht kennt?

LIA: Echt, fresh und mit einem sehr guten Beatgeschmack. Als Frau muss ich mich im Rap hier und da durchkämpfen, da werden auch mal härtere Töne angeschlagen. Ich lasse mich nicht so schnell unterkriegen und mache einfach Musik, die ich auch gerne selbst hören würde.

Du rappst sehr selbstbewusst. Triffst du da als weibliche Rapperin auf überraschte Gesichter und Verständnislosigkeit? Oder ist Deutschrap mittlerweile so open-minded geworden, dass du endlich das Gefühl hast, ausschließlich an deinen Skills gemessen zu werden?

LIA: Natürlich treffe ich auf Verständnislosigkeit. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute sehr eingefahren sind und sich an Neues erst gewöhnen müssen. Ich habe definitiv das Gefühl, dass ich mich doppelt anstrengen muss und dass man bei männlichen Kollegen eher ein Auge zudrückt und bei mir eher noch nach Fehlern sucht. Auf der anderen Seite bekomme ich auch sehr viel Zuspruch, sei es von Fans oder auch von sehr vielen Leuten aus der Szene, die selbst Musik machen.

Wie reagierst du auf extreme Hate-Kommentare? Speziell in einer so männlich dominierten Branche zeigen sich leider hier und da noch sehr traditionelle Denkweisen. Was erwiderst du solchen Leuten?

LIA: Ich bin irgendwas zwischen amüsiert und entsetzt, aber was soll man großartig erwidern? Es ist sehr einfach, vor dem PC zu sitzen und etwas in seiner Anonymität runterzutippen. Ich war schon sehr viel mit meiner Musik unterwegs – in der Realität ist mir noch niemand so respektlos entgegengetreten. Außerdem stelle ich mich alleine in die Öffentlichkeit, habe keinen offiziellen "Rücken", da biete ich natürlich Angriffsfläche ohne Ende. Man muss die Musik nicht mögen, man kann auch gern schreiben, dass man sie Scheiße findet, aber wie man den Menschen aufs Übelste beschimpfen kann, weil er MUSIK macht, kann ich absolut nicht verstehen. Aber gut, soll jeder machen wie er denkt.

Du bist im strengeren Sinne ja keine Newcomerin. Du veröffentlichst schon länger Musik. Von den letzten drei Jahren sagst du selbst, dass der "kreative Fluss" gefehlt hat. Deswegen gab es keine Musik. Was hat sich in den letzten Monaten geändert und was war der Auslöser dafür, deine kreative Linie zu finden?

LIA: Die Pause kam durch privaten Stress zustande und sagen wir es mal so – diesen Stress bin ich dann wieder los geworden. Zu dieser Zeit war einfach zu viel los in meinem Leben und ich hatte keinen Kopf für die Musik. Das war auch die einzige Pause, die ich bisher gemacht habe und das war richtig schlimm. Jetzt kann ich mich wieder zu 100% auf die Musik konzentrieren, so kommt man dann wieder in seinen "Workflow".

Dein Sound klingt sehr frisch und – ohne es negativ zu konnotieren – amerikanisch. Woher nimmst du konkret deine musikalische Inspiration? Gibt es als weibliche Vertreterin des Genres vergleichsweise wenige Künstler, mit denen man sich identifizieren kann?

LIA: In musikalischer Hinsicht kann man sich natürlich auch als Frau von jeglicher Art von Musik inspirieren lassen oder im Bezug auf Flows und Reimtechnik gibt es da ja keine Unterschiede. Natürlich kann ich mir bei Rappern thematisch nicht viel abschauen, aber eigentlich suche ich auch nicht aktiv nach Inspiration. Ich denke, dass entsteht eben durch den Musikgeschmack. Ich höre sehr gerne amerikanischen Rap, vielleicht klingt deswegen meine Musik auch so. 

Von Cosmopolia sagst du selbst, du hättest sehr pop-lastige Musik gemacht, weil es zu der Zeit die Richtung deines Produzenten war. Allerdings wurdest du damit nicht zufrieden. Wie sehr bist du seitdem selbst in den Schaffensprozess deiner Beats involviert?

LIA: Das ist ganz unterschiedlich. Ich arbeite zur Zeit mit verschiedenen Produzenten zusammen. Mit einigen gehe ich ins Studio und bin beim Produzieren dabei und sage dann, in welche Richtung das Ganze gehen soll oder vereinzelt fange ich Beatgerüste an und man baut diese dann zusammen aus. Die anderen schicken mir Beats zu, weil es aufgrund der Entfernung nicht möglich ist, zusammen ins Studio zu gehen. Aber wenn man mit guten Produzenten arbeitet, hören die natürlich sehr schnell raus, welche Beats zu mir passen und man bekommt dann schon gemeinsam ein Gefühl für den Sound.

Mit den Fanta 4, Freundeskreis und neuerdings Cro hat Stuttgart nicht die allerhärteste Reputation auf der deutschen Rap-Landkarte. Wie sehr identifizierst du dich mit der Stadt? Und wirst du versuchen, das Image der Stadt ein Stückweit zu verändern?

LIA: Naja, vielleicht sind wir nicht breit aufgestellt, jedoch hat die Stadt richtig große Erfolge zu verbuchen. Die Künstler, die du aufgezählt hast, sind wohl aus dem Deutsch-Rap oder der Pop-Musik, wo man es einordnen will, in Deutschland nicht mehr wegzudenken. Von der Musik her fühle ich mich mit Stuttgart nicht unbedingt verbunden, ich weiß auch gar nicht, ob man Stuttgart einen gewissen Sound zuordnen kann. Vielleicht sieht es nach außenhin so aus, als wäre Rap aus Stuttgart eher "alternativ", wenn man das so sagen kann, aber hier gibt es eigentlich alles und auch gute Musiker, die eher in meine Richtung gehen. Ich habe jetzt nicht direkt vor das Image der Stadt zu verändern. Das ist ein Prozess der automatisch entsteht, aber definitiv nicht mein Ziel. Ich will einfach meine Musik machen, eigentlich egal in welcher Stadt.

Welchen Sound können wir in Zukunft von dir erwarten? Wird er sich weiterverändern und dem Puls der Zeit anpassen? Hast du dementsprechend schon eine Ahnung, wie dein Album sich anhören wird und wann es an die Arbeit geht?

LIA: Es wird auf jeden Fall weiter in die Richtung gehen wie auf der Action EP mit Beats, die nach vorne gehen. Ich habe ein paar neue Sachen fertig und arbeite schon auf ein Album hin, aber da ist jetzt noch nichts konkret, dass man schon ein Zeitraum für ein Release abstecken könnte. Wenn man auf dem aktuellen Stand bleiben will, sollte man auf meiner Facebook-Seite vorbeischauen. Es wird sicher schon bald Neuigkeiten geben.

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In unserer Release Section kannst du dir kostenlos ihre Action EP runterladen. Hinterlasse uns dort deine Meinung!

Interview: Aria Nejati/Erich Unrau

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Kommentare

Ich finds cool ;D Verstehe die Hater nicht - wenn mir was nicht gefällt hör ichs mir nicht an - fertig. Manche feierns , und das reicht schon um weiterzumachen. Je mehr Auswahl es gibt, desto besser, isso :DD

Diese stimme geht mir persöhnlich auf den sack aber so ansich kann sie ja rappen sie sollte wirklich mal was mit ihr stimmte machen da fällt was najaWenn sie das ändert dann würde ich villt sogar ihr album kaufen aber auch nur villt. Da muss mehr passieren das ich mir ihr album kaufe

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Stuttgarts Rap-Ikonen vereinen sich gegen "Querdenker 711"

Stuttgarts Rap-Ikonen vereinen sich gegen "Querdenker 711"

Von HHRedaktion am 08.11.2020 - 16:23

Covid-19 bringt Deutschland weiter außer Atem. Erst gestern zeigte sich in Leipzip mal wieder, dass sich auf den Corona-Demos nicht nur Menschen herumtreiben, die Kritik an den Maßnahmen der Bundesregierung üben wollen. Rechtsextreme mit Hitlerbärtchen auf ihrer Maske, "Reichsbürger*innen" und Verschwörungstheoretiker*innen ziehen die nachvollziehbaren Sorgen vieler Menschen in den Dreck und versuchen, die aufgeheizte Situation für sich zu vereinnahmen. In Stuttgart wehrt sich dagegen ein Zusammenschluss etlicher Persönlichkeiten, zu denen auch viele Rapper zählen.

Kolchose wehrt sich gegen "Querdenker 711"

Ins Leben gerufen wird die Initiative von der Kolchose, einem lockeren Zusammenschluss von Künstler*innen, der in den 90ern gleichbedeutend mit der Stuttgarter Rapszene war. Die Vorwahl 0711 war und ist bis heute so eng mit dem Kollektiv und seinen Überzeugungen verknüpft, dass sie sich gegen die Vereinnahmung wehren wollen, die den Eindruck der stillen Zustimmung einer ganzen Stadt vermittelt.

Auf der Website kolchose.tv ist ein offener Brief zu lesen:

"In den 1990er Jahren, der goldenen Ära der deutschen Hip-Hop-Kultur, wurde aus 0711, der Vorwahl Stuttgarts, ein Symbol für eine weltoffene, verbindende und tolerante Stadt. Seit Dekaden steht 0711 für ein Stuttgart der Solidarität und der Gemeinschaft, für ein Konzept von Stadt, [in dem] Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Hintergründe friedlich miteinander leben. Die Inhalte und Bestrebungen der Initiative 'Querdenken 711' stellen diese Idee von Gemeinschaft in Frage. Die Initiative benutzt und gebraucht ein Symbol, das für das Überwinden von Grenzen und Unterschieden steht, für ihre spalterischen Zwecke. In Zeiten, in denen unsere Demokratie zerbrechlich wirkt, gefährden die sogenannten 'Querdenker 711' den sozialen Frieden."

Zu den Unterzeichner*innen gehören Max Herre, Kaas, Maeckes, Jopez (Jugglerz), Chimperator-Chef Sebastian Andrej Schweizer, Mitglieder von Fanta 4 und den Massiven Tönen sowie andere Kulturschaffende, Unternehmer*innen, Journalist*innen, Menschen aus der Gastronomie und, und, und. Es sind also viele dabei, die selbst unter den Maßnahmen teils existenziell leiden:

"Die Corona-Maßnahmen kritisch zu hinterfragen, ist wichtig. Auf Demos Seite an Seite mit Reichskriegsflaggenträgern zu marschieren, ist dagegen untragbar."

Das Zitat zeigt auch, dass man bei diesem Reizthema – und ganz generell bei vielen gesellschaftlichen Phänomenen – Graustufen erkennen muss. Das Bild ist nicht nur schwarz oder nur weiß. Kritisch zu sein und sich gleichzeitig von denjenigen abzugrenzen, deren Ideologien nicht ansatzweise mit der eigenen Einstellung vereinbar sind, ist ein möglicher Weg. Auch wenn es nicht der gemütlichste sein mag.

Das komplette Statement und die Liste aller Unterzeichner*innen findet man auf kolchose.tv.


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