Hits, Disstracks und Überraschungsgäste: Sido vs. Haftbefehl im Soundclash

 

Am vergangenen Donnerstagabend stiegen Haftbefehl und Sido in der Essener Grugahalle in den Ring, um sich zu duellieren. Promiboxen? Beef? Battle? Alles nicht: Es ging um ein unterhaltsames Konzert mit Wettbewerbscharakter.

Zum Einstimmen auf den Soundclash und ja, als Promotion, wurden im Vorfeld gegenseitige Pranks veröffentlicht. Sido sah sich mit abwegigen Fragen eines gefakten Journalisten konfrontiert, Haftbefehl sollte einen Tag lang glauben, es gebe einen neuen Rapstar am Himmel, dessen Style seinem mehr als ähnlich ist. Im Soundclash, veranstaltet von Red Bull, wurde die zuvor inszenierte Fehde dann ausgefochten.

Keine Jungfernfahrt für Rap in diesem Format der Schweizer Firma. Schon 2012 traten dort K.I.Z. und Kraftklub gegeneinander an. Wer das bereits kannte, wusste: Es wird durch verschiedene Kategorien gebattlet, sechs an der Zahl, beginnend mit einem Warm-Up und endend in einem Finale, bei dem beide Artists gemeinsam auf der Bühne stehen. Wem das Konzept bereits bekannt war, dem sollte auch bewusst gewesen sein, dass ihn beim Soundclash keine groß aufgezogene Kopie von Rap am Mittwoch erwartet. Stattdessen werden die eigenen Hits unterhaltsam verpackt und auf den Gegner abgestimmt. Soundclash statt Battle, eher Kingston als Bronx und defintiv mehr Spaß als Ernst. 

Ins Warmup startete Sido mit Fuffies im Club und Schlechtes Vorbild. Ein gelungener Anfang, den Haftbefehl mit Lass die Affen ausm Zoo und Ihr H*rensöhne zu kontern wusste. An Hits mangelt es den beiden definitiv nicht. Das Publikum in der Halle war nun warm. 

Weiter gings mit Cover-Versionen. CroEasy wurde zur Freude der Crowd mit Hilfe von Celo & Abdi zu Locker Easy. Die beiden Azzlack-Kollegen lieferten zwar nicht ihren besten Auftritt, AbdiJames Brown-Tanzschritte ließen aber darüber hinweg sehen. Die Überraschung war gelungen. Sido entschied sich für einen Disstrack und textete die Easy-Hook in "Hafti Haha" um. Auch das Meme von Haftbefehl als Bert aus der Sesamstraße auf der Videoleinwand sorgte für Lacher. Die holte sich Team Haft dann mit Olli Schulz und der Takeover-Version von Einer dieser Steine zurück. Einen Spagat des Böhmermann-Kumpels gabs obendrauf. 

Weitere Highlights waren Haftbefehls Drum and Bass-Version von Saudi Arabi Money Rich und Ich rolle mit mei'm Besten. Zwar war Marteria nur auf der Videoleinwand zu sehen, weil er am gleichen Abend eine Marsimoto-Show in Bremen spielte, dafür performte Hafti inmitten seiner Besten im Publikum. Zuvor hatte schon Xatar mit seinem Part auf CopKKKilla einen weiteren Punkt für das Konto seines Kumpels erspielt.

Sido schaffte mit seiner Punk-Version von Carmen eine durchgehende Wall of Death. Die Stimmung war auf dem Höhepunkt. Wahrscheinlich war es auch daher zunächst irritierend, als Laas Unltd. die Bühne betrat, um in bester A-capella-Battle-Manier ein paar harte Lines gegen Haftbefehl zu droppen. An den Kommentarspalten unserer Posts zum Soundclash kann man ablesen, wie stark sein Auftritt polarisiert hat. Im Stream wirkte der mehrere-Minuten-lange Part von Laas wie ein K.O.-Sieg für Team Sido. Live dauerte es allerdings ein wenig, bis das Publikum sich darauf eingestimmt hatte, das nun kein Beat kommt, sondern ein schlaksiger Madrapper der Leben zerf*ckt. War das jetzt der Real-Rap-Moment des Abends oder über das Ziel hinaus geschossen?

Generell scheint der Soundclash vor Ort und im Live Stream einen unterschiedlichen Eindruck hinterlassen zu haben. Vor Ort beeindruckte die Stimmung, die Team Haft mit einer Power Show erzeugte. Sidos, oft langsame, Hits blieben dahinter zurück. Im Stream überzeugte dagegen Sido mit seinem Special Guest Laas Unltd. und seiner Erstliga-reifen Profi-Performance.

Befremdlich war die Moderation nach jeder abgeschlossenen Kategorie. Der irritierende Faktor waren nicht Charlotte Würdig und Enissa Amani selbst. Sie ließen sich von der Stimmung mitreißen und stichelten gegeneinander und gegen die Rapper. Als Stream-Zuschauer fühlte man sich davon unterhaltsam durch den Abend geführt. In der Halle wirkte das aber eher wie ein coitus interruptus: Man verstand nur Wortfetzen der Moderatorinnen und musste warten, bis es endlich wieder losging. 

Für die abschließende Ausraster-Stimmung sorgten Sido und Haftbefehl dann gemeinsam auf einer Bühne. Russisch RouletteMein Block und Chabos wissen wer der Babo ist wurden zusammen performt. Als Zugabe belohnte Sido das Publikum noch mit einem weiteren Klassiker, dem Arschf*cksong.

Wer am Ende gewonnen hat, ist schwer zu beantworten. Vor Ort wurde kein Gewinner gekührt, was der witzigen Veranstaltung die Pointe nahm. Sicherlich ist es so aber einfacher, gestandene Rapper zum Mitmachen zu bewegen (falls es jemandem nicht reicht, Red Bull Money rich zu werden). Ein gelungener, unterhaltsamer Abend war es trotzdem. Schließlich bleibt das Gefühl, zwei individuelle und einzigartige Shows von Haftbefehl und Sido gesehen zu haben.

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