Ungehypt & dope: 5 Deutschrap-Tipps unter 25.000 Klicks

Der Untergrund hat, was der Mainstream vermissen lässt. Deshalb braucht man nicht jammern, sondern man kann sich auf die Suche machen nach den Artists, die nur darauf warten, gefunden zu werden. Wir präsentieren euch regelmäßig eine kleine aber feine Auswahl dieser Perlen. Einzige Regel: Die Videos müssen noch unter 25.000 Klicks liegen. Einen Überblick über die bisherigen Artikel aus dieser Reihe gibt es hier.

Lugatti & 9ine – Error 404 (prod. Traya)

Bei diesen Jungs haut die Einordnung "ungehypt" zwar nicht mehr ganz hin, aber sei's drum. Das Video zur aktuellen Single des Kölner Duos Lugatti & 9ine, natürlich produziert von Traya, liegt mit derzeit knapp 15.000 Views auf dem JUICE-Kanal bei YouTube und verdient definitiv mehr Aufmerksamkeit.

Wie von den Jungs gewohnt gibt es humorvolle Punches, sicheren, modernen Flow und ein wunderbar sphärisches Instrumental von Traya, dessen Bassline man beim genauen Hinhören einfach lieben muss. La kölsche Vita, inszeniert mit der richtigen Portion Bounce.

"Error 404" ist die erste Single aus der kommenden EP "Man kennt sich 3.0", die am 9. November erscheint. Die Release Party am 6. Dezember in Köln ist schon jetzt ausverkauft und der kleine Hype der Jungs ist derzeit auf dem besten Weg, auch andere deutsche Großstädte zu erobern. Mit Longus Mongus von BHZ, den Hamburgern Jace und Cha Lee sowie Opti Mane und Donvtello als Gästen zeigen die beiden sich bestens connectet. Parallel dazu knacken Lugatti & 9ine (@_lugatti_ & @9inebro) mit "Salty" auf Spotify ihre erste Mio – es ist angerichtet!

Maxmustermann069 – Mit Links (prod. Khronos Beats)

069 kann auch anders. Maxmustermann (@maxmustermann069_original) bringt in seinen Songs selbstironische Punchlines direkt aus dem Leben auf Kopfnicker-Beats von Khronos. Dazu gibt's oft auch starke Reimtechnik, die den Hörer in Kombination mit den kuriosen Lines immer wieder zum Schmunzeln bringt. Die Hooks, die Beats, der Humor und die teils amtlichen Reimketten erinnern teils stark an SSIO. Nur eben als Alman-Version, wie Max schon mit seinem Künstlernamen klarstellt.

Erst vor zwei Wochen hat der Frankfurter sein Debütalbum mit dem Titel "Normal" (Stream) veröffentlicht und sich damit quasi für's Camp von Audio88 und Yassin beworben. "Mit Links" ist zugegebenermaßen nicht der stärkste Track der Platte, aber die drei anderen Auskopplungen liegen alle zwischen 25.000 und 30.000 Views auf YouTube.

Olson – Altstadt (prod. AgaJon & knd)

Olson hatte vor Jahren mal so etwas wie einen Hype, von dem er sich bis heute einige treue Hörer bewahrt hat. Seine gefühlvolle Mischung aus Rap und Gesang hat ihr Potenzial für Ohrwürmer nicht verloren und lyrisch hat er ebenfalls einiges anzubieten.

Auf Spotify nehmen auch heute noch 100.000 Leute im Monat dieses Angebot wahr. Die 10.800 Views für "Altstadt" auf YouTube nach anderthalb Monaten sind aber ein klarer Indikator dafür, dass der unfassbar smoothe Track längst nicht alle erreicht hat, die ihn feiern können.

In dem Song erinnert Olson (@olsonofficial) sich an seine wilden Partyzeiten in der Düsseldorfer Altstadt, die er passenderweise im Video von der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee bis zum Rhein durchstreift. Der Musiker demonstriert dabei sowohl seine Skills als Reimer als auch als Songwriter. Vor knapp zwei Wochen erschien mit "LA Lights" eine weitere hörenswerte Single.

Binho – Für den Mobb (prod. Funkvater Frank & ZNKMO)

Es ist kaum überraschend, dass der Zonkeymobb mehr als einen talentierten MC in seinen Reihen hat. Binho (@langfingerbinho) teilt mit seinem Homie OG Keemo ein Faible für durchdachte Patterns, bei denen sich nach dem vermeintlichen Vorbild MF Doom nicht nur die letzten Silben jeder Zeile reimen. Die Texte sind voll von Assonanzen, die seinen Rap von der Masse abheben.

Bei "Für den Mobb" gibt's außerdem ein Breitband-Video sowie unverkennbaren Sound von Funkvater Frank und ZNKMO. Das Ergebnis ist einfach doper Rap, der auch visuell passend in Szene gesetzt wurde und von mehr Leuten gehört werden sollte.

Der Track stammt aus der aktuellen EP "Segen oder Fluch", die letzten Freitag erschienen ist (Stream).

Blvth x Ahzumjot – Tunnel Life (prod. Blvth)

Dieses Video sollte mit größter Vorsicht konsumiert werden. Konzertszenen werden hier mit Aufnahmen aus "Need for Speed Underground 2" zu einer mächtigen Provokation für Epileptiker verschnitten. Deutlich genießbarer ist der Song, den die beiden äußerst talentierten Produzenten gemeinsam auf die Beine gestellt haben.

Blvth (@_blvth_), der als Executive Producer für das frisch erschienene Kummer-Album "Kiox" verantwortlich ist, überzeugt Fans ausgefallenen Sounds schon seit vielen Monaten mit Produktionen für diverse Rapper. Außerdem liefert er immer wieder eigenes Material, das oft Gesang und vor allem viel progressives Elektronisches beinhaltet, aber in keine Schublade passen will. Dermaßen böse und düster wie in "Tunnel Life" geht es jedoch selten zu. Brutaaale Nummer!

Dazu feiert Ahzumjot (@ahzumjot) seinen Lifestyle, der nur eine Richtung kennt: Nämlich pausenlos nach vorne. Machen, machen, machen. Und er macht es gut.

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OG Keemo landet nach 9 Monaten mit "216" in Modus Mio

OG Keemo landet nach 9 Monaten mit "216" in Modus Mio

Von Clark Senger am 02.06.2020 - 15:57

Am heutigen Dienstag setzen viele Menschen infolge des gewaltsamen Todes von George Floyd durch einen Polizisten ein Zeichen gegen Rassismus. Manche tun es mit schwarzen Profilbildern und einem Social-Media-Blackout, andere wollen die volle Kraft des Movements gerade jetzt auch im Internet weiter nutzen. Die Menschen, denen etwas an Gerechtigkeit in unserer Welt liegt, finden viele Wege, um sich mit Floyd oder rassistisch diskriminierten Menschen ganz generell zu solidarisieren.

OG Keemo landet in Modus Mio

Deutschraps größte Playlist rückt Polizeigewalt und Rassismus heute mit dem Hashtag #BlackLivesMatters, einem schwarzen Cover und auch musikalisch in den Fokus. Selbst wenn der Rest der Playlist die übliche Kost von Mero, Bonez MC, Apache 207, Capital Bra und Co serviert, finden wir nämlich auf Platz 1 einen Künstler, der bislang alles andere als "Modus Mio"-Resident war: OG Keemo.

Dieser veröffentlichte vor knapp neun Monaten als erste Single aus seinem Debütalbum "Geist" den Song "216", in dem es um Angst vor den Cops, strukturellen Rassismus, Racial Profiling und die Form des schwarzen Widerstands geht. Für das untermalende Musikvideo von Breitband und Keemos Skills als Lyricist gab es bei den Hiphop.de Awards 2019 jeweils einen Preis. Auf Spotify ist die Nummer mit aktuell knapp 1,25 Millionen Aufrufen einer der erfolgreichsten Keemo-Tracks – seine Message sollten jedoch viel mehr Leute hören und verinnerlichen.

Dass die Kuratoren bei Spotify den Song heute an die Spitze packen, ist ein gutes Zeichen. Die aufgebaute Reichweite kann für mehr als den Soundtrack des Sommers genutzt werden. Es lohnt sich vor dem aktuellen Hintergrund, noch einmal einen genaueren Blick auf "216" zu werfen.

"216" Lyrics unter der Lupe

Viele Zeilen passen nahezu perfekt auf die aktuelle Situation in den USA und verdeutlichen, dass etwa Racial Profiling auch in Deutschland ein massives Problem ist.

Ich bin gepolt, um bei Sirenenlicht zu bangen /

also red' nicht, wenn du nicht verstehst, weswegen ich so handel', N**ga /

deshalb schrei' ich auch weiterhin: F*ck die Hundertzehn! – Ich /

bin ein junger König /

was weißt du von Polizeikontrollen, wenn ein junger N**ga spät im Dunkeln unterwegs ist /

und allein dein Hautton ist Grund genug, nicht lang rumzureden

Es ist beängstigend, traurig und leider nicht überraschend, dass diese Zeilen nur wenige Monate nach ihrer Veröffentlichung wieder aktuell sind und auch in kommenden Jahren noch aktuell sein werden. Der ohnehin dramatische Track spitzt sich in Bild und Sound zum Ende hin noch weiter zu. Keemo beschreibt eine Situation, in der ein junger Schwarzer von der Polizei kontrolliert wird und ein Gramm in der Tasche dabei hat. Die zwei Optionen, die er in diesem Moment sieht, zeigen deutlich, wie sehr er eine unverhältnismäßige Behandlung aufgrund seiner Hautfarbe zu befürchten hat:

Entweder küsst du die Motorhaube vom Streifenwagen /

oder guckst, wie weit dich deine Beine tragen /

(lauf!)

Diese Zeilen rappt er mit schweren Ketten und Strick um den Hals frontal in die Kamera. Millisekunden danach tritt ein weiß uniformierter und mit diversen Orden behangener Mann (ebenfalls gespielt von ihm selbst) die Kiste unter den Füßen weg und Keemo zappelt am Galgen. Der Mann in Weiß entfernt sich unbeeindruckt einige Meter vom Todeskampf und salutiert danach brav. Im Hintergrund sieht man noch seine Handlanger, die teilnahmslos neben dem Mann stehen, der gerade erstickt.

Die Parallelen zwischen "216" & George Floyds Tod

Die exakte Symbolik der einzelnen Menschen und Gegenstände in Keemos Video kann man sicher diskutieren. Vieles lässt sich aber im Nachhinein auf George Floyds Fall anwenden. Als sein endgültiges Todesurteil, den Tritt gegen die Kiste unter seinen Füßen, kann man das Knie des Polizisten Derek Chauvin in seinem Nacken sehen sowie dessen Ignoranz gegenüber dem Flehen des am Boden liegenden Mannes.

Der symbolische Strick, den die perlweiß gekleideten Helfer Keemo im Video umlegen, war für George Floyd wahrscheinlich schon das Aufeinandertreffen mit der Polizei. Eine falsche Bewegung, ein Satz, ein Blick – es kann dein Todesurteil bedeuten. Das ist die Realität, in der wir leben und die grade weltweit für wütende Proteste sorgt.

Am leichtesten fällt die Parallele zwischen den Helfer im Video von Breitband und den Cops, die Derek Chauvin 8:46 Minuten nicht daran hinderten, George Floyd zu töten. Die Botschaft hier lautet auch: Wer zusieht, macht sich mitschuldig.

Anders als Keemo im Song hatten George Floyd, Rodney King, Terence Crutcher, Trayvon Martin, Eric Garner und Co nicht die Option, einen Fluchtversuch zu starten. In diesem Fall hätten sie wohl auch ihr Leben riskiert. Man muss sich dieses Dilemma vor Augen halten, in dem du Todesangst hast, weil du von einem Polizisten kontrolliert wirst.

Eskalation & Gewalt in den USA: Nicht die andere Wange hinhalten

Bei der jahrhundertelangen Historie der Sklaverei, dem steinigen Weg in die normale amerikanische Gesellschaft und bis in die Gegenwart wurden unzählige friedliche Versuche unternommen, um für wirkliche Gleichberechtigung zu sorgen. Man will es besser machen als diejenigen, die einen unterdrücken.

Jesus' Ansatz mit der anderen Wange mag in Alltagssituationen bei manchen Menschen zur Vernunft führen. Als Schwarzer in Amerika die andere Wange hinzuhalten, wird dir im Zweifel sogar noch als Angriff ausgelegt, wenn grade nicht glücklicherweise eine Kamera mitgefilmt hat. Keemo rappt in "216":

Mein Vater sagte: "Halt ihn'n nie die andre Wange hin /

Martin Luther tat es, und guck, wie sie ihn behandelten, N**ga!"

Und:

Mein Vater sagte: "Ganz egal, wie sanft sie schlagen, geb ihn'n nie die andre Wange /

Mandela tat's und war fast drei Jahrzehnte lang gefangen"

Deshalb ist die gewaltsame Eskalation der Lage in den USA nicht gutzuheißen oder zu feiern. Unschuldige verlieren durch Plünderungen vielleicht ihre Existenz, was die Spirale von Hass und Verzweiflung nur noch weiter antreibt. Man kann aber nachvollziehen, woher diese physischen Reaktionen kommen.

Echte Veränderungen sind längst überfällig

Sich mit extremen Mitteln das Gehör zu verschaffen, das einem offenkundig nicht geschenkt wird, zählt seit mehreren Dekaden zum festen Repertoire der Rapwelt. "F*ck Tha Police" war der berüchtigte Slogan, als die Mitglieder von N.W.A sich nicht anders zu helfen wussten. Kendrick fügte 2015 (über ein Vierteljahrhundert später!) in seinem Song "Alright" bekanntermaßen hinzu: "Wanna kill us dead in the street fo sho'" – das sind nur zwei der prominentesten Beispiele.

Auch in Deutschland engagieren sich neben Keemo etliche MCs. Ganz aktuell wurden Racial Profiling und anderer Rassismus auch beim Hamburger Ansu ins Spotlight gerückt. In seinem Song "Bomberjacken" rappt er:

Schon wieder Kontrolle durch die Polizei /

Na klar hab' ich nichts dabei /

Verhalte mich nicht mal ein bisschen verdächtig, egal, die Hautfarbe reicht

Wer also einen Blick auf die Rapwelt der Gegenwart oder Vergangenheit wirft, bekommt einen intensiven Einblick in die Probleme und die Gefühle, die mit der aktuellen Situation verknüpft sind. In keiner anderen Musik oder Kultur werden diese Themen derart tiefgehend und vielfältig fokussiert.

Keemo hat mit "216" einen der besten deutschsprachigen Beiträge – vielleicht sogar den besten – zu diesem Thema abgeliefert. Die Positionierung an der Spitze von Deutschraps größter Playlist ist sicher eine schöne Geste, wie es auch solidarische, schwarze Profilbilder sind. Dieses kraftvolle Movement darf aber nicht zu temporärer Instagram-Kosmetik verkommen, die als 'chic' gilt. Es braucht echte Veränderungen in der Welt und Cole-Fans wissen: The only real change come from inside ...


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