Wenn man Musik den Krieg erklärt: Wie die Polizei Drill verbieten will

Drill: Das sind nihilistische Texte und ominöse Trap-Beats. Sie bilden die Grundbausteine der jungen Rap-Strömung, die von Gewaltszenen, Drogen, Geld und S*x geprägt ist. So rappt der verstorbene Pop Smoke in seinem Song "PTSD":

"N*ggas reden viel bis ich ihre Tür einbreche und in ihrem Haus bin. Hab ihre Mutter auf dem Boden mit einem Revolver in ihrem Mund."

('Nigg*s always talkin' hot and runnin' they mouth / Until I kick down they door and run in they house / Have they mother on the floor with the gun in her mouth')

Dabei sind die Bilder, die von Drill-Künstlern gemalt werden, nicht sehr viel anders als bekannte Themen im Mainstream-Rap. Ein verschwenderischer Lebensstil, Hedonismus und Kriminalität sind im Hiphop keine Seltenheit, das gilt beispielsweise auch für Deutsch-Rap. Die eigene Erfahrung vom Leben auf der Straße bis hin zum Aufstieg im Musikbusiness wird in der Kunst dokumentiert.

Als Identifikationsmerkmal von Drill gelten die Gang-Bezüge des Subgenres. Der Ursprung von Drill und der Hintergrund der einzelnen Künstler entspringt aus den jeweiligen Lebenssiutationen jener, die den internationalen Drill Sound prägen. Diese kommen häufig aus ärmlicheren Verhältnissen, geprägt von Kriminalität und Gewalt und sind oft Mitglieder von Gangs. In den UK sind einige bekannte Drill-Crews beispielsweise aus ebendiesen Gang-Strukturen erwachsen.

Im immerwährenden Kampf gegen Gewalt und Kriminalität hat das konkrete Folgen für Drill. Abgesagte Shows und ausgefallene Video-Drehs sind da nur der Anfang.

Drill: Von Chicago bis nach London

Drill hat seit seiner ungefähren Geburt um 2010 rum eine Wanderung um den Globus gemacht. Der bekannteste Begründer ist Chief Keef, der mit gerade mal 16 Jahren in seiner Heimatstadt Chicago das Subgenre mitprägte.

Gerade erst neulich hat einer der wichtigsten Vertreter des Chicago-Drills Lil Durk ein Feature mit Drake gehabt. In den letzten Jahren hat sich außerdem eine laute Szene in London gebildet. Noch prominenter aber ist der junge Brooklyn-Drill, welcher von Pop Smoke groß gemacht wurde und im Laufe der vergangenen Monate Rapper*innen auf der ganzen Welt inspiriert hat. Dabei hat jede Stadt ihren eigenen Stil ins Subgenre eingebracht. Was sie verbindet, sind die Hintergründe der Künstler. Eine Mischung aus Grime und Drill beispielsweise liefern britische Acts wie Harlem Spartans, 1101 oder Krept & Konan.

Ähnlich wie Grime in seinen Anfängen, findet UK-Drill im Londoner Untergrund der Musiklandschaft statt – drängt sich aber immer weiter in Mainstream Medien. Hauptsächlich mit rohen Texten, provokanten Videos und, wie so oft, mit der antizipierten Gefahr die Jugend zu verrohen. 

Drill-Künstler werden wie Terroristen behandelt

In der breiten Öffentlichkeit trifft der UK-Drill daher regelmäßig auf Widerstand. Das bedeutet verbotene Konzerte, Textzensur und rigorose Kontrolle von Musikvideos. Letztere gleicht inzwischen dem Umgang mit Terrorverdächtigen: In 2018 hat die britische Polizei die Berechtigung bekommen, den "Serious Crime Act" auch auf Drill-Content anzuwenden.

Dieser reglementiert die Strafverfolgung von Schwerverbrechern und bedeutet für die Musiker, dass jegliche Visualisierung von Waffen, Gewalt und Drogen der Polizei die Möglichkeit eröffnet, die Rapper zu verfolgen – ohne, dass eine Verbindung zwischen einer tatsächlichen Straftat und Künstler besteht. Eine reine Erwähnung reicht aus.

Dass die Strafbehörden es ernst meinen, sieht man in der Praxis: Es gibt kaum ein UK-Drill-Video, in dem Waffen oder waffenähnliche Requisiten zu sehen sind. Für eine Musikrichtung, die die unglückliche Lebensrealität vieler Menschen thematisiert, ein Schlag ins Gesicht.

Im Verlauf der letzten beiden Jahre wurden 30 Musikvideos von YouTube gelöscht und über 1400 werden zum Zwecke der Strafverfolgung in einer Datenbank der Londoner Polizei gelistet. Nebenbei müssen sich die Künstler 24 Stunden vor Video-Release mit der Polizei in Verbindung setzen und jegliche öffentliche Veranstaltung, sei es ein Videodreh oder ein Konzert, 48 Stunden vorher ankündigen. Oft werden die Events von der Behörde überwacht und kontrolliert.

Laut dem Guardian wurde der Gruppe 1101 untersagt, Musik zu produzieren wenn keine polizeiliche Erlaubnis vorliegt. Eine solche wurde ihnen seit dieser Auflage nicht erteilt. Sie konnten ihre Karriere damit aufs Eis legen.

Bandengewalt und Drill – geht das Hand in Hand?

Die Skepsis gegenüber Drill ist nicht exklusiv für England. Auch in der Geburtsstadt Chicago und nun auch New York, wird die Szene mit kritischen Augen betrachtet. Das nicht zuletzt, weil Bandengewalttaten in der Drill-Sphäre besonders präsent sind. Drill wird als besonders gefährliche Musikströmung wahrgenommen. Das ginge auf die Zunahme von Gewalt, mit der Etablierung von Drill, zurück. In England sind das Messerstechereien, für Chicago Schießereien.

Viele Künstler aus der noch recht kleinen Szene wurden bereits ermordet oder sind Gewalttaten zu Opfer gefallen. Mitglieder der Harlem Spartans, L’ A Capone und auch Pop Smoke. Dass diese zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben in lokaler Kriminalität eingebunden waren, lässt sich nur schwer von der Hand weisen.

Und nicht nur die Macher der Musik sind betroffen. Auch die Fangemeinden werden als besonders gewalttätig und aggressiv eingestuft, so dass unter anderem Pop Smoke vom Line-Up des Rolling Loud 2019 genommen wurde. Laut der NYPD eine notwendige Sicherheitsmaßnahme, nach dem Anstieg von Bandengewalt in New York.

Im Interview mit Vice berichtet Sheff G, ein junger Drill-Künstler aus Brooklyn, dass er aufgrund solcher Verbote nicht ein Mal in seiner Heimatstadt performen durfte. Gleiches gilt auch für Pop Smoke. Sheff bezeichnet das als Ungerechtigkeit. Immerhin habe ihm Rap und Drill so viel gegeben, ihn aus der Armut geholt und ihm sowie seiner Familie eine Perspektive geschaffen. Solche Verbote würden Musikern die Möglichkeit nehmen, etwas aus sich zu machen. Sie würden so zurückgedrängt und gezwungen werden, in der Welt zu bleiben, aus der sie kommen.

Inside the NYPD's War Against Drill Rap

Collage by Duanecia Evans Clark, The Creative Summer Company. Archival images via Unsplash, Creative Market, Dan Robinson, and Audible Treats. Sheff G says he's among those being unfairly targeted by the NYPD's "Rap Unit." It's costing him and rappers like him their livelihood.

Musik als Sprachrohr der Artists

All diese Maßnahmen sollen der Bekämpfung von Gewaltstraftaten dienen. Drill verherrliche Aggression und motiviere zur Kriminalität – und fördert diese daher auch. So lautet zumindest der Vorwurf. Reine Kunstfiguren seien die Künstler immerhin nicht. Wenn über Mord und Drogen gerappt wird, handele es sich häufig um wahre Erlebnisse.

Dabei spiegelt die Musik nur das wieder, was viele junge Männer aus ärmlichen Verhältnissen zu ihrem Alltag zählen.

"Vor der Musik gab es für mich nur Gefängnisse, Gangs und Verhaftungen. Ich weiß nicht, ob ich ohne die Musik heute noch am leben wäre."

("Before music, there was just jail, gangs and getting arrested. Without music, I do not know if I would be alive today.")

So erzählt Konan vom britischen Drill-Duo Krept & Konan dem Guardian, dass Musik sein Leben gerettet habe. Der Erfolg, den andere Rapper durch Storytelling verzeichnen konnte, habe ihn inspiriert nach einem Leben abseits von der für ihn alltäglichen Kriminalität und Armut zu streben.

Das Quasi-Verbot von ebendieser Musik würde die Probleme nicht lösen. Es nähme ihnen lediglich eine Kunstform, die in ihrer Sphäre gesellschaftlich akzeptiert ist und ihre oft tragischen Erlebnisse nach außen tragen kann. Denn als erstes kam die Gewalt und danach die Kunst.

Letztlich agiert die Musik für Künstler wie Pop Smoke oder Chief Keef lediglich als Sprachrohr für das, was ohnehin schon ist. Zensiert man Drill, würde das an der Realität der Künstler und ihrer Communities nichts ändern. Musik ist nicht die Quelle der Probleme, sie spricht nur über sie – und das gilt nicht nur für Drill.

Die Harlem Spartans erklären es schließlich in ihrem Song "No Hook":

"Ich bin im System gefangen."

('I'm trapped in the system.')

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Posthume Alben: Der schmale Grat zwischen letzter Ehre und Geldmacherei

Posthume Alben: Der schmale Grat zwischen letzter Ehre und Geldmacherei

Von Leon Schäfers am 23.07.2021 - 17:01

Am vergangenen Wochenende haben gleich zwei neue posthume Releases das Licht der Welt erblickt. Auf der einen Seite wurde mit "Faith" das zweite posthume Album von Drill-Rapper Pop Smoke veröffentlicht. Am Tag darauf erschien "Archiv", das erste Projekt des deutschen Hiphop-Duos SAM nach dem Tod von Samson Wieland, der der Rapper des Duos war. Die bis dato unveröffentlichte Musik des jeweils verstorbenen Künstlers wurde bei den beiden Alben jedoch grundverschieden behandelt und aufgearbeitet. Das lässt eine in der Musikwelt – in den vergangenen Jahren vor allem im Hiphop – anhaltende Debatte über das moralische Grunddilemma posthumer Musik wieder aufflammen: Wie sollte man mit unreleaster, oftmals auch unfertiger Musik verstorbener Artists umgehen? Und wo verläuft die schmale Grenze zwischen ehrenvoller Würdigung und dreistem Cash Grab?

"Archiv" von SAM: Das Musterbeispiel eines posthumen Releases

Das Duo SAM setzte sich aus den beiden Brüdern Samson und Chelo Wieland zusammen. Am 9. November 2018 ist Samson Wieland jedoch überraschend im jungen Alter von 28 Jahren verstorben. Im letzten Jahr wäre er 30 Jahre alt geworden. Pünktlich zu seinem Geburtstag am 17. Juli wurde damals ein Remix des Tracks "Da wo du herkommst" mit Künstlerinnen und Künstlern aus seinem engeren Kreis veröffentlicht.

Auch in diesem Jahr hat Chelo seinem verstorbenen Bruder zum Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk gemacht: "Archiv", ein posthumes Album mit bis dato unveröffentlichter Musik der beiden.

Chelo, der in dem Duo für die Beats und die Produktion zuständig war, kündigte das Projekt relativ kurzfristig via Instagram an. Dort widmete er Samson ein paar Zeilen und schrieb auch etwas über den Entstehungsprozess des Albums:

"Ich habe deine alten Kopfhörer aufgesetzt und dann ging über mir die Sonne auf. Leider kannst du nicht mehr miterleben, wie dieses Album veröffentlicht wird. Wir haben alles roh und unverstellt gelassen: Den Sound, deine Aufnahmen, damit die HörerInnen nochmal nachempfinden können, wie es für mich war, mit dir arbeiten zu dürfen, dein Feuer, deinen Spaß mitzuerleben. Danke für alles."

Chelo war vor Kurzem außerdem zum Interview mit Aria bei HYPED Radio zu Gast, wo er einen noch tieferen Einblick in die Arbeiten an dem Projekt gegeben hat. Bei einem Blick auf die Tracklist fällt schnell auf, dass viele Songs noch mitsamt ihrer Versionsnummer releast wurden. Das deutet an, dass die Tracks zwar noch nicht in ihrer finalen Fassung waren, deswegen aber auch noch genauso klingen, wie die beiden es sich damals zusammen ausgemalt hatten. Lediglich Mix und Master wurden im Nachhinein von Chelo erledigt.

Damit zeigt "Archiv", wie posthume Alben in ihrer ehrwürdigsten Form möglich sind: Angefertigt mit dem Wissen, dass der verstorbene Künstler es genauso gewollt hätte. Zwischen Samsons Tod und Albumrelease liegen nun mehr als zweieinhalb Jahre; eine vorschnelle Veröffentlichung im Sinne des Kommerzes kann hier niemandem vorgeworfen werden. Hinter dem Projekt stecken eine Menge Gedanken und Emotionen. Das Album erhält entsprechend viel Liebe – nicht nur von Fans, auch von nahestehenden Leuten aus der Szene.


Foto:

Screenshot - Instagram (https://www.instagram.com/samswelt/)

Neues Pop Smoke-Album sorgt für gemischte Gefühle

Im direkten Vergleich dazu fällt das Feedback zu "Faith" von Pop Smoke eher negativer aus. Der Nachfolger von "Shoot for the Stars, Aim for the Moon", das im letzten Sommer releast wurde und einen riesigen kommerziellen Erfolg erzielte, ist am vergangenen Freitag erschienen. In dieser Woche wurde sogar die Deluxe-Version mit vier weiteren Tracks nachgeliefert. Das komplette Album ist nun also insgesamt 24 Songs stark.

Ende Juni wurde der Ankündigungstrailer zum neuen Pop Smoke-Album ins Internet gestellt. Steven Victor und Rico Beats, die für das Management von Pop Smoke zuständig waren (und sind), bestätigten in dem Zeitraum ebenfalls die aufkommenden Gerüchte um das neue Projekt und produzierten unter Fans einen gewissen Hype. Schaut man sich auf Twitter um, macht es aber den Anschein, als würde das Album dem Hype nicht gerecht werden.

50 Cent, der als Co-Executive Producer maßgeblich am Erfolg des ersten posthumen Albums beteiligt war, hatte vor Albumrelease bereits angekündigt, nicht an "Faith" mitzuarbeiten. Wieder mal zeigt der Blick auf die Tracklist, warum er sich gegen die Arbeit an dem zweiten posthumen Album entschieden haben könnte. 

Wie Fans schon kritisierten, ist die Featureliste sehr lang ausgefallen. Das war bei "Shoot for the Stars, Aim for the Moon" zwar auch der Fall, jedoch wirkten die Songs dort weitaus fertiger und ausgefeilter. Auf dem neuen Album beinhaltet jeder Track maximal eine Hook und einen Verse von Pop Smoke, in den meisten Fällen wird die restliche Laufzeit des Tracks mit anderen Artists aufgefüllt, nicht wie beim Vorgänger erweitert. Die Featureliste liest sich dadurch zwar ziemlich stark, hinterlässt aber trotzdem einen faden Beigeschmack. Denn selbst wenn das Album mit besten Intentionen produziert worden ist – es ist fraglich, ob Pop Smoke dieses Feature-Fest so gedroppt und für gut befunden hätte. Und genau ab dem Zeitpunkt, wo man dies nicht hundertprozentig beantworten kann, sollten die Verantwortlichen und Nahestehenden darüber nachdenken, ob die Musik unter diesen Umständen überhaupt veröffentlicht werden sollte.

Viele Fans beziehen sich nun außerdem auf ein älteres Interview von Pop Smoke, in dem er begründet, warum er auf seinen Projekten nicht viele Featuregäste haben wollen würde. Ein Projekt wie "Faith" würde damit im Kontrast zu seinen Werten als Musiker stehen. Der Ausschnitt ist hier etwa ab 9:20 zu sehen:

Das erste posthume Album von Pop Smoke, an dem auch 50 Cent mitwirkte, wurde von Fans noch deutlich besser aufgenommen.

Unterschiedliche Herangehensweisen für posthume Rap-Alben

Der Vorwurf der "Resteverwertung" gegenüber dem Team von Pop Smoke ist leider kein Einzelfall im Hiphop. Gerade in den letzten Jahren sind viele Rapper in oftmals sehr jungem Alter von uns gegangen. Lil Peep, XXXTentacion, Mac Miller, Juice WRLD, Nipsey Hussle, DMX – die Liste hört hier bedauerlicherweise nicht auf. Die Frage nach der Legacy des Künstlers müssen sich die Hinterbliebenen aber in jedem Fall stellen. Oftmals werden die Herangehensweisen jedoch kritisch beäugt.

In der teils hörbaren Unfertigkeit der Tracks erinnert das neue Pop Smoke-Album an die beiden posthumen Alben von XXXTentacion: "Skins", das noch in seinem Todesjahr 2018 erschienen ist und "Bad Vibes Forever", das 2019 als sein letztes Album erschienen ist. Zu letzterem wird in den sozialen Medien gerade auch der Vergleich mit "Faith" gezogen.

Generell verlief das Wahren der Legacy des umstrittenen Künstlers ziemlich problematisch: Neben den eher skizzenartigen posthumen Releases wurde beispielsweise das Auto, in dem er erschossen wurde, in einem Museum ausgestellt. Eine ziemlich makabere Aktion. Des weiteren steht Cleopatra Bernard, die Mutter von X, in starker Kritik. Nicht nur verhielt sie sich fragwürdig, als sie auf dem Instagram-Account ihres toten Sohnes live ging, um einen neuen Song zu promoten – sie musste auch gegen ihre eigene Familie vor Gericht gehen, da ihr vorgeworfen wurde, das Erbe ihres Sohnes unrechtmäßig zu verteilen.

Die reine Quantität von Releases kann ebenso den Anschein erwecken, Geldmacherei auf Kosten eines verstorbenen Künstlers zu betreiben. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Westcoast-Legende 2Pac, von dem es mittlerweile weitaus mehr Output gibt, der nach seinem Tod herausgekommen ist.

Wenn sich aber ein posthumes Release als Positivbeispiel herauskristallisiert hat, dann ist das wohl "Circles" von Mac Miller. Das Album diente als Komplementärwerk zu "Swimming", das im August 2018 und damit noch kurz vor Mac Millers Tod erschienen ist. An beiden Alben hatte der Rapper zu seinen Lebzeiten zusammen mit Producer Jon Brion gearbeitet. Leider konnte er nur den Release des ersten Albums mitbekommen. In einem Interview mit Vulture erzählt Jon Brion unter anderem davon, wie ihn die Familie von Mac Miller bat, die übrigen Songs durchzuhören und "Circles" fertigzustellen.

"Ganz ehrlich, während ich daran gearbeitet habe, habe ich sie [die Familie] genauso stark im Hinterkopf behalten wie Mac. Ich habe auf das Studio gewartet, in dem ich arbeiten wollte, um alle extra Songs durchzuhören und alle Dateien zu bekommen. Das dauerte ein paar Monate. [...] Ich habe schrecklich langsam gearbeitet. Es klingt vielleicht komisch, aber die einzelnen Arbeiten an jedem Song dauerten länger als sonst, da ich versucht habe, einen Weg zu finden, so wenig wie möglich an den Songs verändern zu müssen."

("It's quite honestly them as much as Mac that I kept in my mind while I was working. I waited for the studio I wanted to work in to become available to listen through the extra songs and to get all their files. That took a few months. [...] I worked painfully slowly. It may sound odd that this took longer on some individual jobs for each song than it normally would, because I was trying to figure out the way to change it as little as possible.")

Ähnlich wie bei "Archiv" von SAM wurde hier also die oberste Priorität darauf gelegt, dass das Album so klingt, wie es sich der Künstler vorgestellt hätte. Die Familie von Mac Miller geht ohnehin sehr behutsam mit dem Vermächtnis ihres verstorbenen Sohnes um: So haben sie sich zuletzt gegen eine Biographie über ihren Sohn ausgesprochen und den Titel eines Films mit Machine Gun Kelly kritisiert, der nach dem Mac Miller-Song "Good News" benannt werden sollte.

Posthume Alben: Ein Fazit

Ja, es klingt absurd: Viele Musikerinnen und Musiker, nicht nur im Hiphop, erlangen ihren großen Hype erst nach ihrem Tod. Doch auch wenn so vielleicht ein paar Parts, Verses und Melodien nie die Welt erblickt hätten: Wenn die Situation es erfordert, bedeutet weniger manchmal eben mehr. Nicht unbedingt mehr Geld, dafür aber mehr Respekt und Würde. Posthume Releases mussten in der Vergangenheit, müssen in der Gegenwart und auch in der Zukunft immer eine gute Balance zwischen Fanservice und Ehre finden. Dass diese Gratwanderung auch gut und würdevoll geschehen kann, zeigen nun etwa die hier positiv erwähnten Releases von Mac Miller und SAM.

Je nach Situation sollte man den Hinterbliebenen manche Fehltritte dennoch nicht zu stark verübeln. Sie haben nicht nur mit Trauer zu kämpfen, es lastet auch eine Menge Druck auf ihnen. Während sich die Öffentlichkeit fragt, wie die unveröffentlichte Musik verwertet wird, gibt es für die Familien auch in Bezug auf das Erbe rechtlich eine ganze Menge zu klären. Wie dies in einzelnen Familien geschieht, hatten wir bereits in einem früheren Artikel thematisiert:

Wie das Erbe von Mac Miller, Michael Jackson, Nipsey Hussle & mehr geregelt wird

Mac Miller hat zu Lebzeiten offenbar ziemlich exakt darüber nachgedacht, was nach seinem Tod geschieht. Das ging aus einem Artikel von TMZ hervor. Der im September 2018 verstorbene Rapper ließ Vermögenswerte von insgesamt 11 Millionen Dollar an seine Freunden sowie seine Familie verteilen. So soll ein Homie fast alle elektronischen Geräte aus Mac Millers Besitz geerbt haben.


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