Kölns Rap-Untergrund lebt: 4 Acts, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben

 

Die Zeiten, in denen Deutschrap in lokale Lager unterteilt war, sind weitgehend vorbei. Klar ist das ganze Netzwerk in Berlin etwas enger – die Hauptstadt hat nach wie vor die meisten Rapper zu bieten. Der Ruhrpott ist ein weiterer Hotspot, Hamburg ist längst wieder auf der Karte, der Süden entsendet gerade einige der heißesten neuen Gesichter in die Szene und Frankfurt/Offenbach steht wie keine zweite Region für harten Straßenrap. Alles cool. Aber was ist mit Köln?

Eko Fresh spielt schon länger nicht mehr die ganz große Rolle im Game. Xatar und SSIO representen durchaus mit ihrer Sprache den rheinischen Lifestyle, treiben sich auf den Ringen rum oder führen dort sogar eine Shishabar und haben den AON-Sitz am Kölner Rheinauhafen. Bonn ist trotzdem nicht Köln. Veedel Kaztro trifft man schon seit Jahren im Untergrund beim Über-Wasser-Halten – dope, aber zu bekannt für die folgende Auflistung. Der Retrogott sollte schon längst Heads im ganzen deutschsprachigen Raum sein. LGoony zählt zu den ganz Wenigen, die aus Köln kommen, gute Musik machen und dazu auch noch so etwas wie einen Hype haben.

Das hier wird keine Abhandlung darüber, warum selten jemand aus Köln so richtig explodiert. Hier geht es darum, ein paar Artists aus dem Untergrund der Domstadt vorzustellen, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Denn der Untergrund lebt! Köllefornia on ze mäpp!

Stabile kölsche Assis mit Humor

Den Anfang macht die "falsche" Rheinseite, die sogenannte "Schäl Sick", nach der diese Jungs hier ihre Crew Schälsick benannt haben. Und um das direkt klarzustellen: Assis soll hier nicht offensiv klingen. Assi ist eher eine Art Lebensgefühl, das die Kölner verkörpern. Es geht um Suff, Kiffen, Rap und den effzeh:

Die Selbstironie, die Aussprache, die Vorliebe für den Sound der 90er-Jahre – wer die rheinische Lebensart nicht selbst kennt, wird sich hier schnell an SSIO erinnert fühlen. In den meisten Fällen dürfte das ein gutes Zeichen sein. Fans des Bonners werden mit diesem "Köln-Porz-Reissdorf-Funksh*t" voll auf ihre Kosten kommen.

Benyo und Fly verstehen ihr Handwerk genau wie ihr Produzent DJ Mecnics. Dass die Kerle nicht erst seit gestern Rap machen, ist unüberhörbar. Manchem könnte die Crew Komekaté noch ein Begriff sein – die Jungens kennen Toxik noch ohne Bart!

Der Lokalpatriotimus steckt nicht nur im Namen, sondern auch in den Lyrics. Auf der ersten Schälsick-EP Zwei bärenstarke Typen (Stream & Videos), die erst kürzlich im April erschienen ist, widmen Benyo und Fly der Liebe für Kölle gleich einen ganzen Song:

Wohlgemerkt Lokalpatriotimus!

"Schreibe diese Parts für das Rheinland, mein Land / multikulturell Brudi, so muss das sein Mann!" – So muss das sein, Mann!

Rap mit Message und Vielfalt

Der Orb hat zum ersten Mal als Pestdoktor von sich reden gemacht, der den musikalischen F**ker Richtung Pegida und Co ausgestreckt hat. In dem Song hat er auch direkt klargestellt, dass er eigentlich eher Reggae macht. Aber der Weg zwischen diesen beiden Genres ist bekanntlich mit einigen Gemeinsamkeiten gepflastert.

Eigentlich ist der Orb als Brother Charity unterwegs – als MC der Bassliebe-Crew oder solo als Reggae-Artist. Orb ist einfach ein umgedrehtes "Bro". Die Übung merkt man seinen Songs besonders in den Hooks an, die oft sehr musikalisch und mit Gesang aus den Boxen kommen:

Der Kölner macht seine Songs vom Beat über die Lyrics und den Rap bis hin zur Mische selbst. Mal setzt er dabei auf Boombap-Sound mit alten Samples, mal hört man deutlich Bassliebe heraus. Neben diesen Skills ist der Junge aber auch ein guter Texter, der nicht die 15738. Formulierung dafür sucht, dass jemand Weed raucht oder in der Hood Stoff vertickt. Nichts gegen Straßenrap, aber vieles hat man schon zigmal gehört.

Der Orb hat etwas zu erzählen. Er zieht mit Selbstironie über seine Generation her, die im Konsumwahnsinn versinkt, er bekennt politisch Farbe, fordert mehr Liebe unter den Menschen und er kann auch noch Geschichten erzählen:

Wenn du Musik zum Zuhören magst, die unterschiedliche Genres vereint, bist du beim Orb an der richtigen Adresse. Seine beiden 2015 erschienenen EPs Kein Kokolores und Rap ohne Grund kannst du bei Bandcamp streamen und kaufen oder gratis runterladen. Von der neuen EP, die Mitte 2016 angekündigt wurde, fehlt bis jetzt jede Spur. Vielleicht hilft ihm ein bisschen Liebe wieder auf die Sprünge – zum Beispiel bei Facebook.

"Der kölsche Nate Dogg"

Es wird nie einen zweiten Nate Dogg geben. Safe. Aber du wirst verstehen, warum dieser Vergleich aus den YouTube-Kommentaren bei Baci zumindest nachvollziehbar ist:

 

Textlich liefern Baci und seine Jungs vom 4Squad (Baci, Ricline, Deno 469) weitestgehend Bekanntes. Videotechnisch sieht es ähnlich aus. Das ist nicht schlecht, aber damit ist 2017 bei unzähligen Konkurrenten voraussichtlich nicht mehr allzu viel zu holen. Das Alleinstellungsmerkmal sind Bacis Hooks. Bisschen Nate Dogg, bisschen Sexion d'Assaut – Baci lässt sich offenbar von großen Hook-Experten inspirieren und setzt die Einflüsse in der eigenen Musik interessant um.

Eigentlich dürften die aktuellen Trends aus den Staaten dem Kerl in die Karten spielen. Wer weiß, ob nicht bald ein größerer Name auf Bacis Talent aufmerksam wird und die richtigen Weichen für die Zukunft stellt. Eine Bomben-Hook bei einem bekannten Rapper könnte alles ändern:

Online läuft fürs 4Squad jedenfalls besser als für Schälsick oder Orb. Baci steht nach nicht mal einem Jahr auf Facebook bei 10.000 Likes, die drei YouTube-Videos (Januar, März und April 2017 veröffentlicht) vom 4Squad gehen allesamt auf die 200.000 zu. Der nächste Schritt der Crew dürfte ziemlich sicher ein Release sein.

Auf dem gemeinsamen Facebook-Kanal hört man außerdem schon Afrotrap-Anleihen. Wer ohnehin auf aktuellen Straßenrap im modernen Sound-Gewand steht und nicht unbedingt die Neuerfindung des Rads braucht, wird auch in Köln fündig – und bekommt schnell infizierende Ohrwurm-Hooks obendrauf, die das Potenzial haben, noch größer zu werden.

Einer von der jungen alten Schule

MNero kommt ursprünglich aus Baden-Württemberg. Über den Kontakt zum mittlerweile bei Xatar gesignten Sylabil Spill und eine Unterschrift bei dessen Label Lourd Records hat es ihn nach Köln verschlagen. Den Durchbruch hat ihm dieser Schritt bislang nicht gebracht, aber das könnte auch besser so sein. Der Sound atmet Hiphop-Flavor, wie er nur im Untergrund gedeiht:

Im Interview mit Rap.de nannte er 2015 Black Thought und Mos Def als Vorbilder – zwei Rapper, die viele seiner Altersgenossen wohl erstmal googlen müssten. Zwei Denker ihrer Zunft, die ihre Stimme genutzt haben, um ihren Hörern etwas mitgeben, woran sie sich orientieren können.

Auch für MNero sind seine Texte ein Ventil. Ebenfalls bei Rap.de erklärt er, seinen ersten Text in jungen Jahren über Krieg geschrieben zu haben. Seitdem sind Stift und Papier (ich tippe mal darauf, er ist eher der Typ, der diese Variante dem Smartphone vorzieht) seine ständigen Begleiter. Neben Raptexten haben er auch anderen Dinge wie zum Beispiel Geschichten geschrieben:

"Und da hat irgendwie immer mitgespielt, dass ich ein bisschen sozialkritisch gedacht habe. Es ist auch nicht das einzige, worüber ich schreibe, aber es ist schon ein großer Teil meiner Kunst."

Trotz seiner unüberhörbaren Liebe für humorlose Sample-Beats mit Kopfnick-Faktor hat er sich auf seiner letzten EP, Zwischen Tür und Kopf II, auch an moderneren Sound-Entwürfen probiert, um seine Vielfältigkeit unter Beweis zu stellen. Diese stammt aus dem November 2015:

Seitdem war es etwas ruhiger bis im März die sommerlich-fröhliche Nummer Sonnenstrahlen erschienen ist. Ganz subtil ließ er seine Follower kürzlich wissen, dass bald mehr neue Musik folgen soll. Wer feiert, kann hier auf Facebook folgen.

Das war nur eine kleine Auswahl nennenswerter Artists aus Kölle. Wer mehr sucht, kann noch den ambitionierten Telson abchecken oder einfach Peti Free auf Facebook liken – die Jungs sind bestens connectet und von ihrem Profil aus findet man gut einen Einstieg in den Kölner Untergrund. Wenn du noch heiße Tipps hast, die uns entgangen sind, pack einfach einen Link in die Kommentare und wir bekommen einen noch besseren Überblick über die lokale Szene auf die Beine gestellt.

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