Vom Skateshop zur heißesten Brand der Welt: So erzeugte Supreme den Hype

Big Ben, Buckingham Palace oder das London Eye sind Dinge, die genannt werden, wenn es um Londoner Sehenswürdigkeiten geht. Samstags mit hunderten anderen Touris Schlange stehen? "Besser nicht", dachte ich mir und machte mich auf, um mir den Londoner Supreme Store anzusehen. Immerhin gibt es davon in Europa nur zwei, während es dutzende Kirchtürme, Riesenräder und Paläste gibt. Also ab in die Peter Street im Stadtteil Soho. Ich hatte mich immer schon gefragt, wie Läden von Brands aussehen, deren Sortiment online in Sekunden vergriffen ist und anschließend zu astronomischen Reseller-Preisen gehandelt wird. Das herauszufinden war schwieriger als gedacht. Denn es gab zwei Schlangen, die passiert werden mussten, um sich in der letzten Schlange anstellen zu "dürfen". "An hour fourtyfive, i guess" sagte ein Security-Mitarbeiter auf die Frage nach der Wartezeit. Ein zweiter sprach uns ungefähr eine Minute später an, als wir vor dem Laden überlegten, wie wir nun vorgehen würden.

Zwischen Kindern, die mit Eltern warteten, jungen, fashionaffinen Touris und Menschen, die ich optisch nicht unbedingt zur Supreme-Kundschaft gezählt hätte, wurde mir klar, wie real der Hype ist. Hypes faszinieren mich. Wie schafft es eine Marke, die 1994 als Skateboard- und Skatermarke gegründet wurde, weit über die ursprüngliche Zielgruppe hinaus verehrt zu werden? Ich glaube, es geht um Marketing, die Kombination des Besten aus zwei Welten und Hiphop.

Marketing im Grenzbereich

Als James Jebbia den Laden 1994 in der New Yorker Lafayette Street eröffnete, vertrieb er Skateboards, Kleidung und Zubehör anderer Skatermarken. Eigene Designs entwickelte Jebbia, der selbst nie Skater war, erst als der Laden zum Szenetreffpunkt wurde und Strahlkraft in der New Yorker Subkultur entwickelt hatte. Das heute ikonische Boxlogo entwickelte ein Freund Jebbias. Die beiden druckten es auf T-Shirts, Hoodies und Sticker, die schon bald auf Plakaten einer Calvin Klein-Kampagne in ganz New York klebten. Bei Calvin Klein hielt sich die Begeisterung über die im Intimbereich der Models angebrachten Sticker in Grenzen und es kam zur Unterlassungsklage. Ein erster Schritt raus aus der Nische und rein in die Wahrnehmung der Indutrie war geschafft.

Es sollte nicht die einzige Klage bleiben, mit der Jebbia konfrontiert wurde. Besonders der Rechtsstreit mit Louis Vuitton erregte große Aufmerksamkeit. Im Jahr 2000 bedruckte Supreme Skatedecks, Shirts und Mützen mit einem Logo, das verdächtig nach dem Louis Vuitton-Monogramm aussah. Der französische Luxushersteller reagierte ebenfalls mit Klage und Supreme musste die Kollektion - die längst ausverkauft war - zurückrufen. Wenig überraschend, dass die meisten Kunden von diesem Rückgaberecht keinen Gebrauch machten. Skatedecks der Kollektion gehen bei grailed.com immer wieder für knapp 10.000 Dollar über die virtuelle Ladentheke.

A Supreme / Louis Vuitton deck from 2000 recently sold on eBay for $10,000 making the set worth around $30,000 This isn't an official collaboration and was taken off the shelfs due to Louis Vuitton filing a cease and desist against Supreme These decks also retailed for $60 each...

13.6k Likes, 370 Comments - Supreme Leaks News (@supreme_leaks_news) on Instagram: "A Supreme / Louis Vuitton deck from 2000 recently sold on eBay for $10,000 making the set worth..."

Es waren bei weitem nicht die einzigen Rechtsstreitigkeiten, die sich Supreme mit namhaften Brands lieferte. Vor Gericht unterlag Jebbia meist - in der Fashionwelt fasste er so Fuß.

Das Beste aus zwei Welten

Ironischerweise sind es genau die Firmen, die Supreme einst vor Gericht brachten, mit denen heute gehypte Kollaborationen bestehen. Insbesondere Jebbias gemeinsame Historie mit Louis Vuitton steht exemplarisch für das erfolgreiche Marketig Supremes, das die Marke aus dem New Yorker Untergrund bis auf die Pariser Laufstege brachte. 17 Jahre nachdem Louis Vuitton gerichtlich erwirkt hatte, das Supreme die Kollektion zurückrufen musste, weil das New Yorker Label Urherrecht verletzt hatte, liefen bei der Pariser Fashionweek Männer mit Ledertaschen über den Laufsteg - nichts Ungewöhnliches. Doch die roten Taschen trugen den Supreme-Schriftzug. Sie waren Teil einer gemeinsamen Kollektion, über die seit Monaten spekuliert worden war. 

Die beiden Labels ergänzen sich - obwohl sie so verschieden sind - nahezu perfekt. Jede Marke liefert der anderen etwas, das sie vorher nicht hatte. Supreme bekommt den Zugang zu einer Käuferschicht, die die Marke sonst wohl eher abschätzig beäugt. Louis Vuitton steht für Luxus, Handwerkskunst und Tradition. Was dem Pariser Luxuslabel lange fehlte, waren Innovation und die Credibility auf der Straße - Dinge, die sich mit Geld nicht kaufen lassen. Supreme hatte all diese Dinge. 

Tyler, the Creator, die MTV Music Awards und Cro - Rap erledigt den Rest

Supremes Anerkennung in der Fashionwelt ist die eine Sache. Sie alleine ist aber noch nicht unbedingt Grund dafür, dass vor den Stores stundenlanges Anstehen angesagt ist und die Pieces im Netz in Sekunden vergriffen sind. Dass Supreme es geschafft hat, auch über absolute Fashion-Nerds hinaus, Kultstatus zu erreichen, hat auch mit Rap zu tun. Insbesondere US-Rapper erreichen weltweit täglich mehrere Millionen junge Menschen - die genau in die Zielgruppe fallen, die Mainstream-Hypes auszulösen vermag.

Da Rapper aber ebenso gerne laute Statements verbreiten, gibt es gleich mehrere US-Acts, die sich um den Titel des Early-Adopters in Sachen Supreme streiten. Anfang Januar war es Chance The Rapper, der beim Packen seines Koffers behauptete, er habe Champion und Supreme zurück gebracht. Er sei nicht der Typ, der darüber den ganzen Tag rede, aber das wisse eigentlich jeder. Auch wenn Chance nicht den ganzen Tag über seine Rolle als Trendsetter redet, tat er es ausgerechnet, als die Kamera lief:

DJ Akademiks on Twitter

Chance The Rapper says he brought Supreme and Champion back. FAXXX or fiction ? https://t.co/z4uXhPJZIt

Doch schon Jahre vorher hatte Tyler, The Creator behauptet, nur wegen ihm trügen Kids weltweit Supreme. Bereits 2010 forderte er via Twitter deswegen natürlich auch sein Hak von James Jebbia ein:

Tyler, The Creator on Twitter

When The Fuck Is Supreme Gonna Cut Me A Fucking Check. You Know How Many Black Kids Is Buying That Shit Now Because Of Me? Jebia, Stop Playn

Normales öffentliches Gepose unter Rappern. Doch wie war es wirklich? Zur finalen Klärung der Frage - die nach Chance The Rappers Statement einen von Hypekids losgetretenen Shitstorm ins Rollen gebracht hatte - gibt es eine eigene kleine Studie des thdr-Labs. Herausgekommen ist eine Visualisierung mit Hilfe der Google-Trends, die eigentlich nur den Schluss zulässt, dass Tyler, The Creator tatsächlich der Mann ist, dem Supreme dankbar sein sollte:

Tyler trug beispielsweise 2011 bei den MTV Music Awards Supreme - für viele Fashionheads im Internet eine Art Zeitenwende.

Ein Blick auf Deutschland zeigt recht schnell, dass spätestens seit dem letzten Jahr - als RIN extrem durch die Decke ging - Supreme eigentlich zum Rapgame dazu gehört wie ein anständiger Tweef oder Realtalk in Interviews. Pionier in Sachen Supreme ist aber ein ganz anderer, der das New Yorker Label bereits 2011 in den Mainstream und die Kinderzimmer einer Generation spülte, die heute mit Mitte zwanzig genau die Generation der Trendmultiplikatoren in den urbanen Hotspots ist. Die Rede ist von Cro und seinem Debüt-Hit "Easy", der ihn Ende 2011 wie aus dem Nichts in den Mainstrem katapultierte. Im Interview mit der Juice beschreibt Cro 2012 wenige Monate später, wie er Supreme-Pieces zusammenkratzte, um die Ästhetik des Videos nach dem eigenen Lifestyle auszurichten. Aus heutiger Sicht haben sich einige Trends zwar wieder deutlich erneuert, die Supreme-Klamotten sind aber geblieben:

Letztendlich ergänzen sich die beschriebenen Ereignisse, Moves und Einflüsse wechselseitig und machen Supreme so zu der Brand, die sie heute ist. Solche popkulturellen Phänomene lassen sich vermutlich sowieso nie absolut greifen. Es ist sicher auch einfach ein menschliches Verhalten, sich immer auf die Dinge zu stürzen, die besonders limitiert sind. Als "limitiert" würde James Jebbia die Auflagen seiner Pieces im Übrigen nie beschreiben. Sie erscheinen nur in geringen Stückzahlen, um überflüssige Produktionen zu vermeiden. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Jebbia und sein Team seit 1994 verdammt viel richtig gemacht haben, ohne die konventionellen Wege der Branche zu gehen. Auch das wird immer Teil des Erfolgrezepts bleiben. Wie lange der Hype noch anhält, vermag niemand zu sagen.

Ich habe mich im Übrigen keine zwei Stunden in die Schlange gestellt, sondern bin weitergezogen. Bei aller Faszination für die Brand und die ausgelösten Hypes, war mir das doch ein wenig viel Schlange stehen. Gekauft hätte ich am Ende sowieso nichts. Das New Yorker Skaterlabel wird es verkaften. 

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Ein paradebeispiel für die dummheit der menschen, ein 0815 pulli mit nem standard logo kostet halt mal n paar hundert eus, why not?

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Keinen Respekt vor Hiphop? Diddy setzt den Grammys ein Ultimatum

Keinen Respekt vor Hiphop? Diddy setzt den Grammys ein Ultimatum

Von Michael Rubach am 27.01.2020 - 21:32

Diddy hat im Rahmen der Grammy-Verleihung eine bemerkenswerte Ansage gemacht. Bei einer Pre-Party spricht er von systematischer Diskriminierung in der Musikindustrie, die er so nicht länger hinnehmen könne. Er setzt den Verantwortlichen der Grammys daraufhin eine Frist, um etwas an den von ihm ausgemachten Missständen zu beheben: 365 Tage gewährt Diddy Aufschub.

Diddy wettert gegen die Industrie

Diddy, der kurioserweise kurz vor seinem längeren Statement selbst einen Grammy erhalten hat, wirbt vor versammelter Saal-Prominenz für einen Wandel. Bis 2021 soll der Preis diverser, transparenter und nicht zuletzt fairer gestaltet werden.

"Die Künstler müssen wieder Kontrolle erlangen, wir brauchen Transparenz, wir brauchen Diversität."

Wie so oft sitzen bei dem Musikpreis alte weiße Männer im Zentrum der Macht. Ihre Entscheidungen förderten in den letzten zehn Jahren genau einen dunkelhäutigen Sieger hervor, der in der prominentesten Kategorie bedacht wurde. Bruno Mars gewann 2018 mit "24K Magic" die Trophäe für das Album des Jahres. Ansonsten fristen schwarze Artists zumeist ein randständiges Dasein in allerlei Nischenkategorien.

Weiße Männer bestimmen größtenteils darüber, welche hellhäutigen Artists den wohl bedeutsamsten Preis der Industrie mit nach Hause nehmen dürfen. Die kurzzeitig installierte Chefin Deborah Dugan, die dem Vernehmen nach einen Wandel in der Akademie in Gang setzen wollte, ist vor den diesjährigen Awards suspendiert worden. Sie hatte unter anderem Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben. Eine weibliche Führungsfigur war also nur von kurzer Dauer.

Diddy wünscht sich, dass die Künstler wieder die Kontrolle erlangen und sich nicht länger den Strukturen ergeben. Strukturen, die bewusst gegen schwarze Artists arbeiten würden.

Diddy wirft den Grammys vor, keinen Respekt vor Hiphop zu haben

Obwohl Rap und RnB weltweit auf dem Siegeszug sind und kein Musikstil in den USA eine größere Zuhörerschaft erschließt, gehen die entsprechenden Künstler und Künstlerinnen in den Königskategorien der Grammys meist leer aus. Jedes Jahr werde die schwarze Community regelrecht "getötet", sagt Diddy. Hiphop und schwarzer Musik bekomme nicht den gebührenden Stellenwert eingeräumt. Deckungsgleich sei dies auch in der Filmindustrie und beim Sport festzustellen.

"Um ehrlich zu sein: Hiphop wurde noch nie von Grammys respektiert. Schwarze Musik wurde noch nie von den Grammys respektiert."

Das soll nun ein Ende haben. "Ihr habt 365 Tage, um den Kram zu regeln", mahnt der Multi-Millionär an. Zum Finale seiner Reformrede zählt er diverse schwarze Künstler auf, denen er seinen Grammy widmet. Darunter: Prince, Michael Jackson, Beyoncé, Missy Elliott, Snoop Dogg, Kanye West und Nas.

Diddy steht mit seiner Haltung nicht alleine dar. Tyler, The Creator konnte sich einerseits über die Auszeichnung für sein Album "IGOR" freuen. Andererseits kritisierte er, dass man sein Werk nicht in einer der populären Kategorien nominiert hat. Auch für ihn fühlt es sich offensichtlich so an, als dürfe er nicht im Konzert der Großen mitspielen.

Grammys 2020: Rassismusvorwürfe, Tribut für Nipsey Hussle & Gedenken an Kobe Bryant

Von Michael Rubach am 20.01.2020 - 17:18 Eminem hat sich auf seinem neuen Album " Music To Be Murdered By" zum Totengräber erklärt. In dieser Funktion ruft er zur Beerdigung - und packt dafür auch ein paar Disses aus. Em dreht dabei nicht im " Kamikaze"-Modus durch, aber weiß den einen oder anderen Langzeitkontrahenten lyrisch abzustrafen.


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