Es ist 2016 und Gangsta-Rapper sind die besseren Politiker

"Tief gespalten" hat wohl beste Chancen, 2016 das (Un-)Wort des Jahres zu werden. Deutschland ist tief gespalten, Großbritannien ist tief gespalten, die EU sowieso und in der Türkei solltest du gerade besser auf Erdogans Seite des tiefen Spalts stehen, wenn du nicht weggesperrt werden willst.

Aber die guten alten USA sind der Inbegriff von "tief gespalten". Dank der Amerikanophilie der westlichen Welt bekommt man das politische Geschehen von der anderen Seite des Atlantiks auch hier in Echtzeit und sehr detailliert mit. Wenn man will.

Mit ScHoolboy Q und YG haben in den letzten Wochen zwei der aktuell wichtigsten Rapper von der West Coast die heiß erwarteten Nachfolger ihrer Alben Oxymoron und My Krazy Life abgeliefert. Auf Blank Face und Still Brazy gibt es dabei Rap erster Güteklasse auf oft großartigen Beats. Der hier – im Gegensatz zu Oxymoron – häufig sehr reflektierte Q und der um einiges offensivere, direktere YG geben aber auch immer wieder wertvolle, ehrliche und authentische Einblicke in die Realität von Millionen Amerikanern.

YG & Nipsey Hussle "FDT (Fuck Donald Trump)" (WSHH Exclusive - Official Music Video)

YG's new album "Still Krazy" coming soon. Directed by Austin Simkins (Salty State) http://Twitter.com/yg http://Twitter.com/nipseyhussle http://instagram.com/yg http://Instagram.com/nipseyhussle http://Fb.com/yg400 http://Fb.com/nipseyhussle Shop: http://www.4hunnid.com http://www.themarathonclothing.com SUBSCRIBE to the Official WorldStarHipHop Channel for more original WorldStar material, music video premieres, and more: http://goo.gl/jl4las More WorldStarHipHop: http://worldstarhiphop.com https://twitter.com/worldstar (Follow) https://fb.com/worldstarhiphop (Like) http://instagram.com/worldstar (Photos) http://shop.worldstarhiphop.com (Shop)

Der Song mit dem vielsagenden Titel FDT (F*ck Donald Trump) von Bloods-Mitglied YG und Crips-Mitglied Nipsey Hussle hat schon genug Symbolcharakter, bevor man ihn überhaupt gehört hat. Es gibt verdammt nochmal größere Probleme als die Leute aus deiner Nachbarschaft, die sich viel zu früh für eine andere Farbe entschieden haben als du. Das dürfte schon der größte Unterschied zwischen den konkurrierenden Gangs sein, die sich in amerikanischen Großstädten Tag für Tag gegenseitig in die Quere kommen.

"Ain't nothin' changed but the change / Let's put our brains away from gangs / Crips and Bloods the old and new slaves / Sh*t we even changed our names", rappt Q in Black THougHts und stößt damit ins gleiche Horn wie YG. Für ihn gehört das Gang-Leben allerdings schon seit über 5 Jahren der Vergangenheit an.

"On gangsta Crip, my poppa was a b*tch / Left me where hope just don't exist", rappt er im selben Song und spricht damit einen Punkt an, der nicht nur den 12-jährigen Quincy Matthew Hanley (so sein bürgerlicher Name) ins Gang-Leben abdriften ließ. Auch für die armen Würstchen, die die laufende Lachnummer Donald Trump wählen, haben oft in ihren entlegenen Gegenden ganz einfach keine Aussicht auf Hoffnung. Was für American Dream!? Der Staat hat uns hier ganz unten vergessen, also müssen wir zu extremen Mitteln greifen.

ScHoolboy Q - Black THougHts (Pt. 3)

ScHoolboy Q "Blank Face LP" Album iTunes: http://smarturl.it/BlankFaceLP Apple Music: http://smarturl.it/BlankFaceLP.ap Google Play: http://smarturl.it/BlankFaceLP.gp Amazon: http://smarturl.it/BlankFaceLP.amz Spotify: http://smarturl.it/BlankFaceLP.sp ScHoolboy Q News: http://smarturl.it/SchoolboyQ.News Email Opt-In: http://smarturl.it/SchoolboyQ.News Directors: Jack Begert & Dave Free of tHe little Homies Producers: Top Dawg, Dave Free, CHristian Sutton, Tyler Sobel-Mason, & Sam Canter Production Co: Top Dawg Entertainment / PsycHo Films Music video by ScHoolboy Q performing Black THougHts.

Und dann wären da noch die Geschichten von Polizeigewalt, die Tausende auf die Straßen treiben. Black Lives Matter – traurig, dass das 2016 extra betont werden muss. Die wohl am häufigsten zitierten Zeilen aus Blank Face behandeln genau das:

"Still nervous as drivers /You see them lights get behind us / They pull me out for my priors / Won't let me freeze 'fore they fire / You say that footage a liar"

Er hatte die Lines vermutlich schon Monate zuvor geschrieben. Als Philando Castile zwei Tage vor der Veröffentlichung des Albums erschossen wurde, während er seinen Führerschein herausholen wollte, teilte Q die Bars schon vorab auf Twitter. Irgendwie erschreckend, dass man sowas fast vorhersagen kann.

23 Ways You Could Be Killed If You Are Black in America

Beyoncé, Alicia Keys, Rihanna, Jennifer Hudson, Pink, Bono, and others explain why it's time to take action to heal the long history of systemic racism in America. #23Ways In collaboration with Alicia Key and the We Are Here Movement, with original reporting from Mic's Jamilah King. Go to WeAreHereMovement.com to find out more.

YG ist da noch direkter: Er nennt den letzten Song auf Still Brazy ohne große Umschweife Police Get Away wit Murder. Siehe Tamir Rice (12!). Siehe Freddy Gray. Entweder lügt das Beweismaterial oder die Vermutung, dass jemand eine Waffe ziehen wollte, reicht vor Gericht. Der Rapper spricht in dem Song konkrete Fälle an, wirft ein ernstes Dilemma in den Raum und liefert mit der letzten Zeile auf Still Brazy die Erklärung für das Cover Artwork der Platte:

"Black males in a hoodie [Trayvon Martin - Anm.d.Red.] that’s a target to them / They say he oversized and choked him out [Eric Garner - Anm.d.Red.] that was harmless to them"

"They give us years for guns and we can buy 'em off the shelf / But you’ll get life in the coffin if you don’t protect yourself"

"And they wonder why I live life looking over my shoulder"

Rap wird noch immer unterschätzt

ScHoolboy Q und YG sprechen auf ihren neuen Alben in den Worten der wirklich Betroffenen Themen an, die Politik und Gesellschaft in Atem halten. Sie plädieren für die Stärke als Einheit. Sie kritisieren das ihnen mehr als bekannte Gang-Wesen und sie erklären authentisch, was in ihren Köpfen vorgeht, wenn wieder unbewaffnete Schwarze von Polizisten erschossen werden.

Ob der Sprach- und Medienwissenschaftler Jannis Androutsopoulos auch Phänomene wie dieses meinte, als er eine mögliche "Renaissance von Volksdichtung" mit Rap in Verbindung brachte? Dichtung, die aus dem Volk kommt – es würde zumindest passen.

In der Literaturwissenschaft wird von Volksdichtung gesprochen, wenn man "vom Geist und von der Überlieferung des Volkes getragene Dichtung" meint. Nichts anderes haben wir hier in gerappter Form: Zeugnisse des frühen 21. Jahrhunderts. Während Pop-Songs oft zeitlose Themen wie den nächsten schnellen F**k in der Disko zum Fokus machen, liefert Rap (oft) sehr wertvolle soziologische und psychologische Einblicke in die Welt der Menschen, die ganz unten sind – schon seit Jahrzehnten.

Vielleicht sollte man diesen Menschen besser zuhören, wenn man eine gesunde Gesellschaft etablieren möchte. Dafür gibt's einen Euro ins Phrasenschwein, aber es hängt schlichtweg alles irgendwie zusammen. Deshalb meine ich es todernst, wenn ich sage: Politiker sollten mehr Rap hören und lernen, zu verstehen.

"Most of us caught before we can expand our thoughts", bringt Q hier und jetzt das vielleicht größte Problem der Gang-Kultur auf den Punkt. Wenn man schon mit 12 keine Perspektiven hat und Gangs und Gewalt allgegenwärtig sind, rutscht man vielleicht bei den Crips oder Bloods rein. Dann wird es nahezu unmöglich, sich selbst und seine Gedanken frei zu entfalten.

Wie eine Raupe, die erst noch zum Butterfly gepimpt werden muss, bleiben viel zu viele am Boden kleben. Wenn die wichtigsten Rapper als die großen Stars unserer Zeit jedoch aktuelle Entwicklungen weiterführen, dann hat das vielleicht/hoffentlich eine tiefere, nachhaltigere Wirkung für die afroamerikanische Community als der erste schwarze Präsident.

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"Ich habe keine Zeit dafür": Zuna bezieht Stellung zu Loredana & der KMN-Gang

"Ich habe keine Zeit dafür": Zuna bezieht Stellung zu Loredana & der KMN-Gang

Von Alina Amin am 20.12.2020 - 18:00

Zuna hat nach längerer Stille ein ausführliches Interview gegeben und sich zu aktuellen Themen positioniert. Er sprach mit Watson über seine Beziehung zu Loredana, der KMN-Gang und Nash. Anlässlich des Releases seiner Biografie "Richtung Paradies" berichtete er außerdem ausführlich über seine Erfahrung als Migrant in Deutschland. 

Zuna spricht über Loredana & Nash

Zuna spricht erstmals über die angebliche Trennung der KMN-Gang. Er stellt klar, dass er und die Jungs weiterhin eine Gang seien. Sie verbinde neben des gemeinsamen Geschäfts eine langjährige Freundschaft. Dass er und einige Mitglieder keinen Kontakt hätten, bedeute nicht automatisch, dass es Streit gebe.

Nash erklärt, warum er die KMN-Platte verbrannt hat

Nash hat im Video zu " Volles Magazin 2" eine Goldene Platte der KMN Gang abgefackelt. Da auf der Platte ausschließlich ein Bild von Zuna zu sehen war, dachten viele Beobachter*innen, dass Nash eine Auszeichnung seines Crew-Kollegen einäscherte. Die Trennungsgerüchte lodern ohnehin seit geraumer Zeit und erhielten bereits mit dem Trailer zu "Volles Magazin 2" reichlich Futter.

Vielmehr sei er einfach mit sich selbst, seiner Karriere und seiner Familie beschäftigt. Er habe schließlich nicht mit der Musik begonnen, um sich "dann vollzudröhnen und Groupies hinterherzujagen", sondern damit es seiner Familie besser ginge. Das hätte für ihn oberste Priorität.

"Wir sind alle erwachsene Männer und keine kleinen Kinder mehr, die jetzt jeden Tag miteinander chillen müssen, um die Freundschaft zu beweisen."

Er hat sich auch zu Loredana geäußert. Zunächst erzählt er, noch nie eine richtige Freundin gehabt zu haben. Die Gerüchte um eine romantische Beziehung zwischen ihm und Lori seien falsch. Seiner Aussage nach handele es sich hierbei um eine rein geschäftliche sowie freundschaftliche Basis. Er konzentriere sich auf seinen Job und ginge seinen Weg. Ausschließen tut er eine zukünftige Romanze jedoch nicht explizit.

"Sag niemals nie. Ich kann nicht sagen, es wird niemals passieren, ich kann aber auch nicht sagen, es wird jemals passieren."

Wenn sich doch etwas zwischen den beiden entwickeln sollte, würde die Öffentlichkeit früher oder später davon erfahren. 

Darüber hinaus berichtet er von negativen Erfahrungen mit anderen Rappern, die er während der Anfänge von KMN machen musste. Über die Identität dieser Künstler wolle er nicht reden, um keine "alten Türen einzutreten". Sie seien aber unhöflich und respektlos zu ihm und seinen Kollegen gewesen, als sie als Vorgruppe auftraten. Diese Dinge könne er nicht vergessen.

Zuna im Interview mit "Watson" über Rassismus, Polizeigewalt und Nash

Der Rapper spricht des Weiteren ausführlich über Rassismus und Polizeigewalt. Er berichtet von seiner Fluchterfahrung und der Abschiebung, die er als 10-Jähriger erleben musste. Er erläutert, dass er sich bewusst in der Öffentlichkeit weitestgehend aus dem Thema Rassismus raushalte, weil er es schade fände, dass diese Themen nur dann an Relevanz gewinnen würden, wenn ein Hype entstehe.  

"Die Leute beschäftigen sich dann damit, wenn es zu einem sogenannten Hype kommt und jeder möchte dann quasi ein Teil davon sein und sich dazu äußern. Ich finde sowas falsch. Wenn man sich mit solchen Themen auseinandersetzen will und was dagegen machen möchte, dann sollte man auch außerhalb von solchen Schlagzeilen dagegen kämpfen."


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