Review: Chakuza – Magnolia

 

Wer die ersten Videoauskopplungen aus Magnolia gesehen hat, weiß, dass Chakuza s Comeback in einem musikalisch für ihn ungewohnten Gewand präsentiert wird. Mit Four Music ist er nun auch bei einem neuen Label untergekommen. Alles neu also? Nein, schon als Beatlefield waren Chakuza und Stickle ein Dream Team und verantwortlich für den Sound von vielen ersguterjunge -Instrumentals. Für Magnolia arbeiten Stickle und der sympathische Österreicher erneut zusammen – Steddy macht das Produktionsteam komplett. Entstanden ist ein nachdenkliches, hinterfragendes Konzeptalbum, das sehr gekonnt den täglichen Lebensstruggle des Rappers beschreibt. Stell dir vor, du stehst an einer Abzweigung: Links ist dein altes Leben voller Fehltritte und falschen Entscheidungen, der Weg bequem zu gehen. Rechts ist ein dunkler, schwer zugänglicher Tunnel mit Hoffnung versprechendem Licht am Ende – welchen Weg wählst du? " Ich lauf', ohne zu fragen/ Ich lauf', soweit die Sohlen mich tragen/ Ich lauf', über alte Ruinen/ Und falle nicht, ich bin mit allem zufrieden " – Chakuza auf Ich lauf Chakuza entscheidet sich für die zweite Option: Der Opener des Album heißt Ich lauf und thematisiert die Flucht aus seinem alten Leben, in dem er " viel Mist gebaut " und sein Dasein von Neid, Missgunst, Gewalt und Alkoholkonsum geprägt war. Der Beat wird getragen von einem unruhigen, perkussiven Drumset und sehr harmonischen Akustikgitarren-Klängen. Die musikalische Untermalung verdeutlicht sehr gekonnt Chakuza s innere Unruhe und durch den Verzicht auf viele Instrumente die Leere in ihm. Auch Übers Meer und Windmühlen behandeln das Abschied nehmen vom alten Leben. Das Ziel steht, es gibt kein Zurück mehr. Es ist Zeit zum " Flagge hissen, ohne Abschied [zu] nehmen ", Chakuza lässt " Gras wachsen über [sein] verlassenes Haus ". Er lässt alles liegen und flieht. Weg von den Lügen, dem Alkohol und dem " falsche[n] Lachen ". Windmühlen fällt im Vergleich zu den anderen beiden Liedern rockiger aus. Der Text drückt Einsamkeit und Unzufriedenheit aus, was auch im weiteren Verlauf des Albums immer wiederkehrende Motive sind. Wie beispielsweise auch bei Kopf unter Wasser und Decke : " Kinder haben bleibt ein Wunsch ", " die viele Arbeit macht verrückt, doch wird kaum belohnt " und die " Wohnung [ist] zwangsgeräumt " – Chakuza steckt im übertragenen Sinne mit dem Kopf unter Wasser . Bleibt also nur noch die Decke , die über den Kopf gezogen wird, um Probleme zu verdrängen. Beide Instrumentals sind sehr ruhig gehalten, klingen melancholisch und fast schon depressiv. Der dezente Gebrauch von Synthesizern und die hallenden Drums setzen die Einsamkeit und scheinbare Ausweglosigkeit in den Texten auch musikalisch um. " Das Klingeln des Weckers, der übliche Trott/ Da zieh' ich mir lieber die Decke über den Kopf " – Chakuza auf Decke Auch die Beziehung zur Freundin ( Hollywoodliebe ) oder das Verhältnis zur Stadt Berlin ( Notlandung auf Berlin featuring Sebastian Madsen ) wird auf dem Album aufgegriffen. Die Beziehung ist schwierig, es wird viel gestritten. Auch hier kommt keine Ruhe in Chakuza s Leben, dafür aber streift in Notlandung auf Berlin ein Hauch von Hoffnung seinen Horizont: Obwohl Berlin als sehr düster und rau beschrieben wird, ist es sein neues Zuhause. Der Track dient als logische Verknüpfung zu  Ich lauf und Übers Meer – die Reise ist nun zu Ende, die Notlandung überlebt. Noch gibt es aber kein Happy End: Mit Schneekugel , Berge verschieben , Dieser eine Song und Soundtrack deines Lebens widmen sich gleich vier Tracks dem alltäglichen Lebensstruggle. Auf Beklemmung folgt Ernüchterung, im Leben herrscht " für immer Winter ". Als Ausflucht wird der Alkohol gewählt: " Bier " und " schlechter Wein ", auf den ein " hässlicher Kater " folgt. Wer kennt das nicht? Langeweile, Midlife Crisis, Unzufriedenheit, Einsamkeit, Misserfolge, ein schweres Schicksal. Dennoch – wie auch auf Notlandung auf Berlin übrigens – hat Chakuza alles in eine wunderschöne Bildsprache gepackt, die die Texte fast schon wie einen Film vor dem geistigen Auge erstrahlen lässt. Die musikalische Untermalung fällt dabei elektronisch aus: Analoge Synthesizer und hallende Drums treffen hier auf dezent im Hintergrund laufende E-Gitarren. " Ich setz' mich hin und nun beginnt ein neuer Part meines Lebens/ Nehme alle alten Dinge, mal 'nen Grabstein daneben/ Grabe alles das, was etwas Schlimmes ist, ein/ Ich habe so viel falsch gemacht, aber so will ich nicht sein " – Chakuza auf Berge verschieben Der letzte Teil des Albums beginnt mit Sanduhr und einer Referenz an die Musik der 80er Jahre. Dumpfe Snares, analoger Sound, ein geslappter Bass und sogenannte E-Drums als Fill Ins, wie sie früher benutzt wurden. Produktionstechnisch ist das alles wieder auf höchstem Niveau. Thematisch passiert auch ein Umschwung. Das schlechte Leben ist Vergangenheit, nun wird alles gut. Gestern zählt nicht. In dem Track versöhnt sich Chakuza mit seinen Liebsten, sagt " zum ersten Hallo " und " wie geht’s dir? ". Das endgültige Ende stellt das Lied Alles gut dar, das den roten Faden des Albums zu Ende spinnt. Plötzlich ist die Laune gut, denn Geld ist da und die Probleme aus dem vergangenen Leben weit, weit weg. " Keine Mahnung " im " Briefkasten ", der lange ersehnte " Tapetenwechsel " ist endlich da.

Fazit:

Mit Magnolia gelingt Chakuza ein gutes, in sich stimmiges Album. Noch nie war der Österreicher mit sich so sehr im Reinen, nie stand ihm Musik besser. Er zeigt sich reifer, was sich auf selbst-reflektierte, tiefgründige und vor allem persönliche Lyrics auswirkt. Die Produktion ist für ein Rapalbum sehr außergewöhnlich und hätte kaum besser ausfallen können. Viele Liveinstrumente, ungewöhnliche Drumsets, Gitarren und Synthesizer definieren das Soundbild. Einziger Kritikpunkt: Thematisch fällt bis aufs Ende alles sehr düster und bedrückend aus, was sich auch auf die Stimmung des Hörers auswirken mag. Inhaltlich gleichen sich einige Tracks zu sehr, etwas mehr Vielfalt hätte dem Album in der Hinsicht gut getan. Nichtsdestotrotz, ein sehr gutes Album. Mit Magnolia hat Chakuza auf keinen Fall einfach nur ein zweites XOXO geschaffen, obwohl gewisse Parallelen nicht von der Hand zu weisen sind, was wohl aber in erster Linie an der Produktion von Stickle und Steddy liegt, die ja auch mit Casper zusammengearbeitet haben. In diesem Sinne: Ende gut, Album gut.

Bewertung:

7 von 10

Groove Attack by Hiphop.de