Rap und Antisemitismus – Was wir aus der WDR-Doku mitnehmen können

 

In der Doku "Die dunkle Seite des deutschen Rap" analysiert der WDR Antisemitismus in der deutschen Rapszene. Rapper, Manager, Journalisten und Wissenschaftler kommen zu Wort. Haftbefehl, Kollegah und PA Sports werden kritisiert. 

Die Kritik an der Doku stimmt: Der Titel unterstellt, Rap habe ein Antisemitismusproblem. Ein größeres als der Rest der Gesellschaft. Antisemitismus sei eine Seite von Rap. Die These geht deutlich zu weit und verunglimpft eine ganze Subkultur. Zumal das Fazit der Doku nach knapp 45 Minuten lange nicht so eindeutig ist, wie ihr zugespitzter Aufhänger: "All diese Probleme, die du in der Gesamtgesellschaft findest, die findest du auch in Hiphop. [...] In einer antisemitischen Gesellschaft wirst du halt auch antisemitische Rapper finden", darf Koljah von der Antilopengang richtigerweise feststellen.

Weil sich viele Acts der deutschen Rapszene von den Mainstreammedien unfair behandelt fühlen, verlieren sie jede Selbstkritik. Ob etwas im Namen der Freiheit der Kunst erlaubt sein sollte und ob etwas antisemitisch ist, sind zwei unterschiedliche paar Schuhe. Durch den berechtigten Kampf gegen Echo-Ausschlüsse und Bild-Schmutzkampagnen darf nicht jede unaufgeregte Diskussion unmöglich werden. Es muss möglich sein, einfach mal darüber zu reden, ob man Aussage XY antisemitisch findet oder nicht. Wenn man das Gefühl, als Rapfan regelmäßig zur Gruppenhaft vorverurteilt zu werden, wegschiebt, hat die Doku Relevantes zu sagen.

Dass Antisemitismus nicht nur in allen anderen Teilen der Gesellschaft, sondern auch in der Rapszene existiert, zeigt die WDR-Doku am Beispiel der jüdischen Promoterin Marina Buzunashvilli. In einer langen und erfolgreichen Karriere hat sie mit den verschiedensten Rappern zusammengearbeitet. Marina berichtet im WDR, dass sie erlebt habe, wie Menschen anfingen, sie anders zu behandeln, als sie von ihrer Religion erfuhren. Derartig eindeutige Judenfeindlichkeit ist allerdings nicht das eigentliche Thema der Doku. Sie existiert, sie ist ekelhaft und passt null zu Hiphop. Ob sie in der Rapszene häufiger ist als anderswo, beantwortet der WDR nicht. Dafür wird etwas anderes deutlich: Das Problem unserer Szene ist ein zu kurz greifendes Verständnis davon, was Antisemitismus ist.

Die Dokumentation des WDR zeigt das an drei Beispielen:

Haftbefehl und die "Juden von der Börse"

Der Fall ist mittlerweile sieben Jahre alt und geht auf den Song "Psst" zurück, den Haftbefehl zusammen mit der Modemarke Thug Life veröffentlichte. Erfan Bolourchi war damals Haftbefehls Manager. Er erklärt: Als Haftbefehl rappte, er ticke "Kokain an die Juden von der Börse", sei das eine Beschreibung seiner damaligen Kundschaft gewesen - nicht mehr und nicht weniger. Da mag er Recht haben. Es ist aber legitim, zu fragen, wieso Haftbefehl die Religionszugehörigkeit seiner Kundschaft erwähnte. Er benutzt das Klischee, Juden seien meist reich, Börsianer seien vorrangig Juden. Das nennt man, auch das erklärt die Doku, "strukturellen Antisemitismus". Eine Form des Antisemitismus, die sich oftmals als Kapitalismuskritik tarnt und Juden unterstellt, gierig und geldgeil zu sein. Diese Unterscheidung zwischen raffendem und schaffendem Kapital gibt es seit Jahrhunderten. Insofern reproduziert Haftbefehl dieses antisemitische Klischee mit seiner Textzeile.

Haftbefehls Reaktion auf die Kritik war damals richtig: Er reagierte selbstkritisch, erklärte in einem Interview mit Welt Online, wie er umgeben von diesen Vorstellungen aufwuchs und stellte klar, dass er kein Antisemit ist. 

Haftbefehl: Aykut Anhan über Islam und Antisemitismus - WELT

Rapper Haftbefehl „Ich bin genauso deutsch wie mein Nachbar Marius" Niemand erfindet so schöne Wörter wie der Rapper Aykut Anhan alias Haftbefehl. Auf seinem neuen Album sind die Babos und Azzlacks wieder da. Ein Gespräch über Migranten und bürgerliche Träume. Der Babo hat ein neues Album aufgenommen.

PA Sports, Kollegah und das Wort "Holocaust"

Auch PA Sports sagt in der WDR-Doku, er glaube, dass es im deutschen Rap keinen Antisemitismus gebe. Denn Antisemitismus bedeute für ihn, dass man die Religion des Judentums hasse und diesen Menschen den Tod wünsche. Das Wort Holocaust, dass er im gemeinsamen Track mit Kollegah "HS.HC" verwende, bedeute in erster Linie "totale Vernichtung". Das stimmt sogar. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutet "vollständig verbrannt". Nun wird mit dem Song aber unter anderem SpongeBozz aka Sun Diego – ein Rapper jüdischer Herkunft – gedisst. Wenn man einen jüdischen Rapper mit dem Wort Holocaust disst, ist das dann nur sehr hart und vielleicht geschmacklos oder auch antisemitisch? Es ist Battle Rap. Man kann daraus nicht schließen, dass PA Sports ein Problem mit Juden habe. Es ist auch kein Fall von strukturellem Antisemitismus. Man kann aber diskutieren, ob so eine Line in einem Battle erlaubt sein sollte.

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Kollegahs "Apokalypse"

PAs Mitstreiter auf dem Track "HS.HC" wird im Rahmen der WDR-Doku ebenfalls kritisiert. Es geht um den Track "Apokalypse", in dem Kollegah im Stil der aus dem Internet bekannten postfaktischen Verschwörungstheorien die Geschichte der Menschheit auf einen Kampf "Gut" gegen "Böse" herunterbricht. Kolle muss sich fragen lassen, wieso das "Böse" in Form des Teufels im Video einen Ring mit Davidstern trägt, wieso die Schlacht ausgerechnet in Ostjerusalem auf dem Tempelberg stattfindet, der zu besiegende Bösewicht in einem Bankenturm sitzt, das Video in einer Bücherverbrennung gipfelt und nach der Befreiung vom Bösen nur "Buddhisten, Muslime und Christen" in Frieden weiterleben.

Der Davidstern ist Symbol des Judentums, Ostjerusalem und der Tempelberg sind Orte, die für das Judentum und den Nahost-Konflikt stehen, das antisemitische Bild des jüdischen Bankers oben beschrieben, die Bücherverbrennung erinnert an die Nazis. Kollegah erklärte dazu in einer Instagram-Story, das Sechseck auf dem Ring – das wohl eindeutigste Indiz für die These, das Video sei antisemitisch gemeint – sei ein "magische[s] Symbol", das "weit über die Anfänge des Judentums" zurückdatiere.

Vielleicht ist der Song ja eher als Unterhaltungswerk, denn als politische Botschaft gemeint und Kollegah bedient sich dafür wie ein rappender Dan Brown an Verschwörungstheorien. Damit wiederholt und verbreitet er dann aber trotzdem die antisemitischen Bilder, die in diesen Theorien üblich sind. 

KOLLEGAH - Apokalypse

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Noisey hatte zu dem Video 2016 die Bewertung eines Religionswissenschaftlers der FU Berlin veröffentlicht: "Damit liebäugelt er mit rechtskonservativen und extremen Tendenzen, obwohl er selbst – der Mensch jenseits des Künstlers – diese Positionen gar nicht vertreten muss."

Wir haben Religionswissenschaftler gefragt, was sie von Kollegahs „Armageddon" und „Apokalypse" halten

Unter all den Songs des Rappers Kollegah gibt es zwei, die deutlich herausstechen: „Armageddon" und „Apokalypse". Da lässt er all die Geschichten über Zuhälterei, Fitnessstudios, Luxusmarken, Drogendeals und Bosslife hinter sich, um Geschichten epischen Ausmaßes zu erzählen. Es geht jedes Mal um nichts Geringeres als die Rettung der Welt durch einen übermenschlichen Helden.

Es ist wichtig, dass Kollegah, als einer der bedeutendsten deutschen Rapper der Gegenwart, aktuell immer wieder zu derartigen Vorwürfen Stellung nimmt und erklärt, wie er sie meint. Vielleicht könnte er selbstkritisch wie einst Haftbefehl die Bilder hinterfragen, die er verwendet. Der Verwendung von antisemitischen Klischees macht noch keinen Judenfeind – ist aber eben auch nicht harmlos. Dass er sich der Diskussion aktiv stellt, ist wichtig, wenn sich in seinem Kampf mit den Boulevardmedien nicht die Deutung der Bild Zeitung durchsetzen soll, Kollegah sei ein Antisemit, der völlig bewusst solche Feindbilder transportiere. Von einer antisemitischen Karikatur, die der YouTuber Mois in sein Stellungnahme-Video geschnitten haben soll, hat sich Kollegah grade erst distanziert.

Antisemitismus oder Battlerap? Beides!

Die Antwort der Rapper auf die Vorwürfe in der WDR-Doku ist immer gleich. Sie sagen: "Ich bin nicht antisemitisch." Das sollte aber auch gar nicht der Vorwurf gewesen sein. Der Vorwurf muss lauten: "Diese Line oder diese Aktion war antisemitisch." Das ist ein sehr wichtiger Unterschied, den viele Ankläger ebenso vergessen, wie die Angeklagten.

Zunächst sollten alle anerkennen, dass es Antisemitismus im Rap gibt – auch die Acts. Erst dann können Fans und ihre Idole besprechen, was problematisch ist und was im Rahmen des Raps – in dem eben andere Umgangsformen herrschen – einfach nur Kunst ist. Darf man sexistische, homophobe, rassistische oder antisemitische Lines bringen? Das kann man erst diskutieren, wenn man anerkennt, dass manche Sprüche tatsächlich antisemitisch sind.

Dass es Antisemitismus oder zumindest antisemitische Aussagen im Rap gibt, bedeutet etwas völlig anderes als "alle Rapper sind Antisemiten". Es beutetet nicht einmal, dass derjenige, der an einer Stelle etwas Antisemitisches gesagt hat, Juden hasst. Rap ist, war und sollte für alle Zeit gegen jede Diskriminierung stehen. Ob Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie in absichtlich provokativen Lines trotzdem erlaubt sein können, ist die Frage, die man eigentlich diskutieren müsste. 

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