Glaubst du Rap und Graffiti sind für jemanden, der heute 15 ist, ein guter Weg, eine Hilfe?
Och... Na ja... Das ist schwierig. Ich habe mich am Ende zum Guten entwickelt, aber es hätte auch anders kommen können: Ich hätte auch für lange Zeit in den Knast gehen- oder getötet werden können. Es gab Situationen, in denen es gefährlich war. Ich wünsche das keinen jungen Mann. Es gab auch aus der Sprüherszene viele im Wedding, die im Knast gelandet- oder auch gestorben sind. Das war ja fast Alltag. Es ist okay, wenn Jugendliche Breakdance machen und vielleicht auch mal hier und da ein Tag setzen. Aber man darf auch da nicht zu weit reindriften, sonst versaut man sich sein Leben.

Graffiti funktioniert ja auch meist ohne Gewalt. Wenn du an einen Jugendlichen denkst, der heute so ist, wie du damals warst: Welche Stelle in deinem Buch sollte er lesen?
Ich denke die in Kreuzberg, die zeigt, wie schnell man wegen irgendwelchem Quatsch sterben kann. Das war damals sehr knapp, ich hätte leicht ein Messer in den Kopf bekommen können. Ich glaube das zeigt, dass man für Quatsch sterben kann. Und die Geschichte zeigt, was es wirklich heißt, Gang Mitglied zu sein: Dass man in einer Gang keine wirklichen, hundertprozentigen Freunde findet.
Hätte dieser Abend nicht genauso laufen können, wenn du kein Jude wärst?
Vielleicht, aber als sie mich im Stich gelassen haben und auch an der Zeit nach dem Abend habe ich deutlich gemerkt, dass ich nie wirklich dazu gehört habe. Es gab ja auch vorher Judenwitze und dumme Sprüche. Da habe ich dann mitgelacht, auch wenn es sicherlich nicht immer freundschaftlich gemeint war.  Solange ich cool mit ihnen war, war ich den Weddinger und der Rest wurde verdrängt. Als ich dann von ihnen im Stich gelassen wurde, war ich plötzlich wieder der dreckige Jude.

Du beschreibst in deinem Buch sehr oft wie Freundschaften kaputt gingen, als dein Gegenüber herausfand, dass du Jude bist. Hast du die Geschichte auch mal andersrum erlebt? Dass jemand antisemtisch war und seine Einstellung geändert hat, weil er dich kennengelernt hat?

Gute Frage. Ich kann mich nicht dran erinnern, dass das mal passiert wäre. Auch wenn es traurig ist, das so zu sagen, aber ich glaube nicht, dass je jemand zu mir gekommen ist und gesagt hätte, er hätte durch mich seine Einstellung gegenüber Juden geändert. Wenn überhaupt haben Leute mich da einfach ausgeklammert: "Juden sind kacke aber Aro ist ja kein Jude, der ist ja Iraner, der ist mit uns im Wedding" .  Manchmal stand ich neben ihnen, wenn sie Judenwitze gerissen haben oder über Israel hergezogen sind, ohne dass sie daran gedacht haben, dass ich auch Jude bin. Das war das Maximum.


"Man fragte mich, ob ich einen Einzelkampf haben wollte. Ich wusste genau, dass man mir mitten im Kampf ein Messer in den Rücken stechen würde, und sagte ab. Da forderten auch die Weddinger mich zum Einzelkampf auf, obwohl sie genau wussten, wie das enden würde. Plötzlich war ich nur noch von Feinden umgeben. [...] [A]uf dem Heimweg machten mir alle schwere Vorwürfe. Ich allein sei schuld an dieser Blamage. Es sei die größte, die die Weddinger je erlebt hätten. Ich sagte, ich hätte keine Lust Selbstmord zu begehen, indem ich in Kreuzberg in einen Einzelkampf ging. »Was ist dir wichtiger, die Ehre des Wedding oder dein Leben. Du bist kein Weddinger mehr, ich will dich in den Straßen Weddings nicht mehr sehen«, sagte einer aus der Koloniestraße, der sich vorher vor Angst fast in die Hosen gemacht hatte. [...] Viele sahen mich gar nicht mehr an. Manche wechselten die Straßenseite, wenn sie mich kommen sahen. Andere sagten »Verräter« und »Jude« zu mir."
(Auszug aus dem Buch Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude )

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