Berlin Crime hat mehr als einen bekannten Namen in der deutschen Rap Welt hervorgebracht. Frauenarzt und Manny Marc , MC Bogy , MC Basstard , MOK und Tony D haben allesamt Wurzeln in der Berliner Writer Crew, die einst im RTLII Hartz IV TV mit den Worten "bei ihren Streifzügen tragen sie Waffen und schrecken nicht davor sie abzufeuern" [sic] charakterisiert wurde. Ein anderer echter Atze ist heute Sprecher der israelischen Armee. Und er hat ein Buch geschrieben. Wir sprachen mit ihm und holten ein Statement von MC Basstard über die alte Zeit ein.

Arye Sharuz Shalicar wuchs als Sohn jüdischer Deutsch-Perser in Berlin auf. Über den Iran wusste er so wenig wie über das Judentum, nach der Schule spielte er mit seinem besten Freund Sahin Fußball. Dann zog er von Spandau in den Wedding. Rein äußerlich schien hier jeder wie er zu sein. Ihm fiel auf, dass alle "Nachbarn schwarze Haare und dunkle Haut hatten" . Da viele der Jungs in seinem Alter Goldketten trugen, kramte er seine aus der Schublade und trug sie stolz zur Schule. Was ein Davidsstern ist und wieso der einen von anderen unterscheiden soll, wusste er damals noch nicht. Merkte er dann aber.
Wedding war schon in den Neunzigern ein Auffanglager für Menschen aus aller Welt, die vor schlechten Lebensbedingungen geflohen waren. In einem Land, dass sich nicht grade als neue Heimat aufdrängte, in einer Gegend mit Menschen aus allerlei Kulturen, die oft keinerlei Perspektive für sich sahen, definierten sich viele Kids über ihre Abstammung. Manche hatten offensichtlich auch gelernt, dass es zu ihrer nationalen Identität gehören würde, Juden zu hassen. In seinem Buch Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude beschreibt Aro , wie er versuchte im Wedding dazuzugehören und immer wieder mit Judenfeindlichkeit konfrontiert war. Er beschreibt, wie er sich jahrelang nicht über Nationalität oder Religion identifizierte, aber trotzdem oft auf das Letztere reduziert wurde. Er beschreibt, wie er sich später doch mit seiner Abstammung auseinandersetzte, begann, sich vor allem als Jude zu fühlen und Deutschland verließ, um in Israel zu leben. Er studierte, leistete seinen Grundwehrdienst ab und heute ist er israelischer Militärsprecher für Europa, Lateinamerika und Asien.
Was in seinem Buch und den vielen Zeitungsartikeln nicht erwähnt wird, ist Aro s Zeit als Writer und Rapper. Um dazu zu gehören, begann Aro mit dem Malen. Er sprühte sich seinen Weg in Straßengangs und die Graffiti Crew ASP und wurde Gründungsmitglied von Berlin Crime . Sein Leben bestand aus Bombings, Tagging und Randale. Er kam in der Schule nicht mehr klar, landete wegen Graffiti im Knast, er stach jemanden ab. Er war aber auch mit Frauenarzt im Studio, nahm den Song Echte Atzen (von Der Untergrundkönig ) auf oder schrie Skits auf CDs von Arzt ( BC ) und Manny Marc ( Doberman Demotape Part 1 ).

Du beschreibst in deinem Buch, dass du als Neuankömmling im Wedding zuerst wenig Freunde hattest. Dass du Jude warst hat es dir dann noch weiter erschwert. Du hast dann angefangen zu malen, um dir Respekt zu verschaffen. Bist du so dann auch zu Berlin Crime gekommen?
Ja, ich habe mir durch die ganzen Tags einen Namen gemacht. Ich beschreibe ja in dem Buch auch, wie ich dadurch die Black Panthers kennengelernt habe und angefangen habe, auch für sie zu sprühen. Zu genau der Zeit war ich auch bei ASP , meiner ersten Sprüher Crew, die später Teil von Berlin Crime wurde.

Wie eng befreundet warst du denn mit den Berlin Crime Mitgliedern, die man heute durch Rap kennt?

Frauenarzt , Manny Marc , Bogy , Jope all diese Jungs, waren immer wirklich enge Freunde von mir. Basstard war wie ein kleiner Bruder für mich. Ich hab immer auf ihn aufgepasst damals. Wir waren der harte Kern von BC . Ich war ja von Anfang an dabei. Berlin Crime entstand damals als Zusammenschluss verschiedener kleinerer Crews. MOK oder auch Tony D kamen dann später dazu, das war schon eher eine Generation nach mir. Tony D war damals mit Basstard befreundet, die sind so eine Altersklasse.

"Alle waren Araber, Kurden, Bosnier oder Türken. Alle waren entweder bei den »Kolonie Boys« oder Mitglieder der anderen Weddinger Jugendgangs, der »Streetfighters«, der »Black Panthers«, »Kangals« oder von»TNF«. Täglich saßen wir mit bis zu 50 Jugendlichen in der Mitte des Schwimmbads auf mehreren riesigen Decken, mit mehreren bis zum Anschlag aufgedrehten Kassettenrekordern, aus denen Hip-Hop- oder Breakdance-Musik schallte, und spielten Karten und Fußball. Einige von den Jungs waren ziemlich gute Breakdancer. Sie wurden oft aufgefordert zu tanzen, während der Rest zum Beat klatschte und einen riesigen Kreis um die Tänzer bildete. Jeden Tag lernte ich neue Leute kennen. [...]
Ich dachte darüber nach, wie man in so eine Gang hineinkam. Husseyn zu fragen traute ich mich nicht. Er hätte mich wahrscheinlich ausgelacht. So beschloss ich meinen eigenen Weg einzuschlagen, wie schon viele andere vor mir, um auf mich aufmerksam zu machen. Ich fing an zu sprühen. Das nächste halbe Jahr wanderte ich fast jede Nacht alleine auf den Straßen Weddings umher und sprühte meinen Namen auf alles, was mir in den Weg kam. Bald fragten sich alle, wer dieser verrückte ARON1 [Name leicht geändert, Anm.d.Red.] war, der alles zusprühte. Im Winter fing ich dann an mich wie ein Gang-Mitglied zu kleiden, schwarze Diesel, schwarze Reebok-Running-Schuhe und eine schwarze Leder- oder Bomberjacke. So passte ich sehr gut ins Bild des Standard-Weddingers. Ich ließ mir auch einen Pullover bedrucken, mit ARON1 auf der Brust und der Zahl 65 auf der Seite. Die Rückseite blieb noch frei. Wenn ich gefragt wurde, ob ich ARON1 sei, bejahte ich voller Stolz und erntete Respekt für meine Weddinger Fat-Cap-Tags."
(Auszug aus dem Buch Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude )

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