Toxik vs. Lil B - Kommentar zu "I'm Gay"
Lil B hat Recht. Er sagt die Hiphop-Community ist kleingeistig, engstirnig, hasserfüllt, gewalttätig... "People use evil words, money, separation, stuff like that" ! Wir sollten uns schämen. Das Zitat zeigt nicht nur, dass auch Lil B Hiphop gerne schlecht redet, in dem er sich auf den kleingeistigen, engstirnigen, hasserfüllten, gewalttätigen Teil konzentriert. Es zeigt auch, dass Lil B einige tatsächliche Probleme erkannt hat, die von seiner Generation erfolgreich bekämpft werden. Dank dieser Generation steht Rap wieder für mehr als Unterhaltung durch Geld-, Erfolgs-, und Gewaltphantasien. Geld und Erfolg feiern auch die 2011er Hipster unablässig, aber ohne Gewalt. Es geht um Gefühle, um Sonne, Mond und Sterne! Lil B s kritischer Satz zeigt aber auch das Problem seines neuen Albums (und seiner Generation): Er ist geistig in der achten Klasse sitzen geblieben und weiß nicht mehr über sein Thema, als das "stuff like that" voll doof ist. Bekannt wurde Lil B als Teil von The Pack , einer Gruppe aus der Bay Area, die zur Hyphy -Hoch-Zeit mit Vans einen Überraschungs-Hit landete: Einem Song über Schuhe, von Jungs, deren Leben sich offensichtlich nur um Skateboards und Klamotten dreht. Dumme Hipster-Rapper , das war damals die Meinung. Nach dem Hit ging die Gruppe wieder skaten. Zumindest spielte sie musikalisch keine Rolle mehr. Solo veröffentlichte Lil B dafür Tonnen kostenloser Musik, gerne gefreestylt, auf 155 MySpace -Profilen, wegen der begrenzten Anzahl an Tracks, die man in ein  Profil laden konnte. Das steht jetzt in jedem Artikel und verhalf Lil B wohl auch wirklich zu seinem Erfolg. Die Strategie ist aber natürlich wenig neu. 50 Cent und Dipset überfluteten die Straßen schon mit Songs, als man Mixtapes noch auf Kassette kaufen konnte. Lil Wayne und zahlreiche andere überfluteten das Netz später mit Free-Download-Mixtapes und Twitter -Songs. Lil B muss also schon interessant sein, wenn die Freestyle-Flut zum Erfolg führte. Was hat er getan? Zunächst erklärte er, sein Album I'm Gay nennen zu wollen. Nicht weil er schwul wäre, sondern um zu zeigen, dass Wörter nichts bedeuten. Hier liegt auch wirklich das Geheimnis seines Erfolgs: Lil B rappt einen Haufen verrückten Schrott! Auch damit knüpft er an Lil Wayne an, der im Hustensaftrausch die abgedrehtesten Gedankengänge in den Computer rappt. Nicht zuletzt nennt man Rapper wie Lil B in manchen Artikeln einen " Post-Lil Wayne "-MC. Lil B empfanden manche sogar noch als Steigerung, denn während Lil Wayne s abgedrehte Sätze meist noch irgendwo Sinn haben, rappt Lil B komplett Zusammenhangloses auf die wehrlosen Beats. Wenn man ihm wohlgesonnen ist, kann man sagen, dass er Rap damit weiter führte: Er wurde vom amerikanischen Meinungsführer-Magazin XXL zu einem der aussichtsreichsten Newcomer für das Jahr 2011 ernannt. Mit dem I'm Gay -Konzept gab Lil B dem Ganzen dann auch noch einen tieferen Sinn. Dadaismus! "[Totaler] Zweifel an allem, Zerstörung von gefestigten Idealen und Normen, willkürliche, meist zufallsgesteuerte Aktionen", wie Wikipedia den Schulschwänzern unter uns erklärt. Lil B reißt die Grenzen in unseren Köpfen ein! Er befreit die Homosexuellen, die sich in der Hiphop-Welt nicht outen können! Er befreit uns aus dem Hamsterrad des Kapitalismus! Das Marvin Gaye -inspirierte Cover von I'm Gay geht in genau diese Richtung. Wir sehen die drei Stadien der Sklaverei: körperliche Sklaverei, geistige Sklaverei und geistige Freiheit. Da soll es hingehen. Zur Sonne, zur Freiheit, wo keine Regeln gelten und alle glücklich tanzen. Es hätte auch kontroverser kommen können auf dem Cover: halbnackte Homoerotik, um zu zeigen, dass auch Bilder nichts bedeuten. Allerdings liegen zwischen Titel-Wahl und Cover-Gestaltung angeblich mehrere Morddrohungen von Homosexuellen-feindlichen Wirrköpfen. Und Ablehnung aus der Homosexuellen-Community, die dem neuen Fürsprecher unterstellte, sie nur vor den Marketing-Karren spannen zu wollen. Daher verwässerte Lil B den Titel durch den Zusatz I'm Happy und erklärte, dass "gay" ja auch mit "lustig" und "vergnügt" übersetzt werden kann. Der Albumtitel bedeutet also einfach nur Ich bin glücklich ! Was bekommen wir jetzt mit I'm Gay (I’m Happy) ? Ein Album von einem glücklichen Hipster-Skater in Vans oder anarchische Sozialkritik, die Rap auf ein neues level hebt?


Am 7. Juli hat uns Lil B die Antwort ohne Vorwarnung vor die Füße geschmissen, ganz dadaistisch, ohne Promophase und Langsam-auf-den-Höhepunkt-steuernde-Hype-Anheizung. Moment - eigentlich war natürlich genau das der optimale Promomove, das Album ohne Vorwarnung zu veröffentlichen, es auch noch selbst zu leaken. Das passt ja zum Stil des Based God , den seine Fans für genau solchen Wahnsinn verehren. Lupe Fiasco hat einen langen Blog über I'm Gay geschrieben. Er will sich nicht in Details verlieren, er feiert Lil B vor allem für den Album-Titel. Außerdem hebt er eine Line hervor: "The Hood Is A Lie!" Offensichtlich nimmt sich Lil B also nicht nur all die Negativität in unserer Gesellschaft vor, sondern auch das kapitalistische System. Das Problem: Das komplette Album I'm Gay hat wirklich nur so viel Tiefgang wie Lupe Fiasco uns glauben machen will, wenn ein schlauer Mensch es als Inspiration nimmt, sich eine Menge schlaue Gedanken zu machen. Lupe Fiasco s Blog-Post hat mehr Inhalt als das Album. Inspirierend ist Lil B s Musik offensichtlich, weil sie so punkig, anarchisch ist. Aber mehr ist sie nicht. Beweise? Das im Cover dargestellte Albumthema greift Lil B mit Trapped in Prison auf: die bekannte Metapher vom mentalen Gefängnis, in dem wir uns alle befinden. Trommeln und ein Sample versprühen Conscious Rap-Atmosphäre, dann setzt Lil B mit dem Intro ein: Er will Freiheit, geistige und physische. Er freestylt "me and you we gotta - get one thing together – and that thing I don’t know – but peace is the first step". Ja genau. Liebe und Frieden und so. "Du hast nur ein Leben, leb es" , und zwischendurch auch mal "Ich hab Ice wie Ice-T".   Ja nee, is klar, Lil B . Ebenso wie Lil Wayne , schreibt Lil B offensichtlich keine Texte, er freestylt. selbst wenn er sie aufschreiben sollte, sein Stil ist Freestyle. Aber während Lil Wayne Dekaden-lange Erfahrung am Mic hat, die es ihm ermöglicht, sich ganz auf den Flow zu konzentrieren und auch in Trance noch mit genialen Wortspielen aufzufallen, labert Lil B einfach nur Scheiße. Seinen unbearbeiteten Freestyles zuzuhören, erinnert an... schlechte Freestyle-Sessions. Weil sich der MC darauf konzentriert, den nächsten Reim zu finden, springt er von Thema zu Thema und reiht hohle Phrasen aneinander. Wie es sich für einen Freestyler gehört, schwankt das Niveau beträchtlich. Lil B kann sich auch in angenehme Höhen aufschaukeln. Sein Style ist durchaus eigen und es macht Spaß ihm zuzuhören. Die übersichere Flowbeherrschung, auf desen Basis Lil Wayne dem Wahnsinn seinen Lauf lässt, fehlt Lil B aber vollkommen. Auf vielen Songs klingen die langen Pausen nicht wie ein Stilmittel, sondern wie die Suche nach dem nächsten Satz. Auch die Silbenanzahl und der Rhytmus sind, wie das bei Freestyles nun mal so ist, zu oft in den Beat improvisiert. Natürlich ist es aber kein Zufall, dass man Lil B so gut zuhören kann: Auf My Last Chance , einem ernsten Song, der kaum Platz für Flow-Experimente lässt, setzt er in der ersten Strophe immer einen Tick nach dem ersten Schlag ein. Nice, das macht es interessant. Das ist aber kein Geniestreich, das darf man von einem Rapper auf diesem Level erwarten. Fazit zum Post- Lil Wayne -Rap auf diesem Album: Während Lil Wayne klingt, wie der Mensch-gewordene Rap-Gott auf Crack, klingt Lil B wie ein mitteltalentierter Anfänger im Jugendzentrum.
Dass Lil B seinem Album ein Konzept gegeben hat und sich durch die Tracks wohl von einem mentalen Gefängnis zur Freiheit gräbt, ist cool. In der Review des Magazins ology.com wird das besonders lobend erwähnt. In einer Zeit, in der das Format Album keinen materiellen Sinn mehr macht, macht es umso mehr Sinn, es künstlerisch auszufüllen. Nur, selbst wenn man der Meinung ist, das sich Lil B mit My Last Chance zu "mental freedom" vorgearbeitet hat: Der Song bleibt inhaltlich mager. Vielleicht hat Lil B ja allein durch den Titel etwas gegen Homophobie getan. Seine Generation allgemein, und dieser Titel im Speziellen, liefern Wegmarken zu einer Hiphop-Welt, in der es keine Heimlich-Homos mehr gibt, die offene Homos mit dem Tod bedrohen. Die ganze Hipster/Emo-Generation, die seit vorgestern die USA beherrscht und heute auch Deutschland, war schon in ihren frühsten Tagen, als Pharrel Williams und Kanye West ihr den Weg bereiteten, metrosexuell. Dann kam der neue Lil Wayne dazu, der auf Tha Carter II geboren wurde, mit genialen Wahnsinnsraps und einem selbstbewusst vorgetragenen Gay-Thug-Stil. Er ist die Stil-Ikone für all die, die sich nicht an Kanye orientieren. Die, die das Gucci-Halstuch mit Straßentattoos konterkarieren. Die Wiz Khalifa s, nicht die Kid Cudi s. Wohl auch für Lil B .
Der Weg zum ersten, erfolgreichen offen-schwulen Rapper scheint bereitet. Einige Jahre später könnte das Thema dann durchgekaut und bereit für den Hintergrund sein. Wahrscheinlich ist in zehn Jahren Bi-Sexualität sowieso das angesagte Ding bei der Jugend der westlichen Welt. Aber all das ist ja nicht wirklich das Thema von Lil B . Sein Album hätte auch I'm Miley Cyrus heißen können. Er ist einfach ein Typ der gerne freestylt und hofft, dass jemand das für Kunst hält. Klar, man müsste sich ja nicht auf diesen Aspekt des Albums konzentrieren. Man sollte es sogar lassen! Aber das ist der Herr Lil B ja selbst in Schuld, wie man so sagt, unter Schulschwänzern! Weil das jetzt ein Album ist, gibt sich der Freestyler Mühe, die Unterstellung von Tiefgang zu erzwingen. Immer der größte Fehler von guten Freestylern, sich von anderen erzählen zu lassen, sie müssten jetzt mal was Sozialkritisches machen. Solche Kandidaten gibt es ja auch in Deutschland... Den Höhepunkt der kitschigen Scheiße bekommen wir auf The Wilderness : Weil hier auch der Beat so beschmiert klingt, wie Lil B s Sätze: "People dying every day - Just to buy a T-shirt - And why college is so expensive?" Das ist doch traurig. Nachdem Conscious Rap einen zu Anfang des Jahrtausends nur noch genervt hat, wegen all der weltverbessernden Klugscheißerei, wurde Hiphop wieder ignorant, bis uns zuletzt auffiel, dass Prollen und Ignoranz nicht alles sein können. Und dann kommt so ein I'm-Happy -Skateboard-Boy mit so viel hirnverbrannter Positivität um die Ecke, dass man ihm sein Weltretter-Album gleich wieder zurück ins Gesicht kotzen möchte! Sowas macht einen doch erst kleingeistig, engstirnig, hasserfüllt, gewalttätig! Es ist ja nicht schlimm, keine Aussage zu haben, aber es ist schlimm, nur so zu tun als hätte man eine. Wenn man ältere Videos, wie das zu  Like A Martian guckt, sieht man, wo man Lil B s Aussage wirklich findet: In der Attitüde, die irgendwo zwischen Lil Wayne , schwulem Pop-Star und verstrahltem Skateboard-Punk steht. Die Aussage steckt in der Scheiß-auf-alles-Art, zu der es auch gehört, sich selbst und den lieben Gott zu beleidigen. Und in der es auch eine Aussage ist, totalen Schwachsinn zu rappen, obwohl man es eigentlich besser kann, was Lil B ja oft zugesprochen wird. Auch der Vergleich zu Tyler, The Creator macht dann Sinn. Das muss Dadaismus sein! I'm Gay und das ist auch gut so, kann man hier nur begrenzt sagen. Das Album ist gut, wenn man nur darüber liest, es aber nicht hört. Es ist wahrscheinlich der Hammer, wenn man es live sieht, weil dann die Attitüde rüber kommen sollte. Es ist gut, wenn man nie von dem angeblichen Tiefgang gelesen hat, es dann hört, aber nicht zuhört. Dann ist gute Fahrstuhl-Musik. Ansonsten ist es einfach schwule Hippie-Scheiße. Tschuldigung. Sagen wir's so: I'm Gay steht eben einfach für I'm Happy . Da hat ein Song über Vans mehr Aussage. Wenn einem das egal ist -und es darf einem egal sein- kann man das Album mehrfach durchhören und hat Spaß dabei. Wenn man wissen will, wieso Menschen Lil B interessant finden, ist das Album der falsche Einstieg.