1,5 Millionen Dislikes: Russischer Rapstar Timati erntet Shitstorm des Jahres

Der russische Rapstar Timati hat mit seinem Track "Moskau" in drei Tagen circa 1,5 Millionen Dislikes auf YouTube gesammelt. Damit stellt der Track, der in Zusammenarbeit mit Rapper Guf entstanden ist, einen inoffiziellen Negativrekord auf. Bei der russischen Version von YouTube hat kein Clip jemals so ein schlechtes Feedback bekommen.

Warum wurde Timatis Song derart gehatet?

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung und die politische Haltung von Timati dürften zu den ausufernden Reaktionen geführt haben. Er releaste "Moskau" einen Tag vor den russischen Regionalwahlen. In dem Track spricht sich Timati für die Politik der Regierung aus und feiert die Entwicklung der russischen Hauptstadt. Von Kritik an antidemokratischen Verhältnissen hält er nichts. Er rappt unter anderem, dass er nicht auf Demos gehe und keinen Mist verbreite. Gleichzeitig lobt er Moskau als Stadt, in der es "keine Schwulenparaden gibt". Auch der Moskauer Bürgermeister wird mit wohlwollenden Grüßen bedacht.

Offenbar sind viele Russen mit dieser Darstellung des Lebens in Russland nicht einverstanden. Der Sommer vor den Wahlen wurde schließlich von Demonstrationen begleitet. Große Teile des russischen Volkes protestierten für mehr Demokratie, gegen Wahlmanipulation und Massenverhaftungen. Teilweise auch unter erschwerten Bedingungen.

Trotz Verbot: Rapstars kämpfen für mehr Demokratie in Russland

Regelmäßig wird darüber diskutiert, welchen Einfluss Raptexte und der Lebensstil einiger Rapper*innen auf die Gesellschaft und junge Menschen haben. Unabhängig von der Beadntwortung dieser Frage ist unstrittig, dass Hiphop gerade die größte Jugendkultur ist und damit vermutlich viel Potential hat, die Lebensläufe einiger junger Menschen zu beeinflussen.

Wie sehr die Russen Timatis Kreml-freundlichen Rap nicht fühlen, machten sie mit der Bewertung von "Moskau" deutlich. Am 7. September ging der Clip online – drei Tage und fast 1,5 Millionen Dislikes später war er von Timatis Kanal verschwunden. Auf Instagram erklärte sich Timati: Den Clip habe er offline genommen, um die "Welle der Negativität" zu stoppen. Er habe seine Liebe zur russischen Hauptstadt ausdrücken wollen. 85.000 Likes bekam er für das Video immerhin. Einen der vielen Re-Uploads des Tracks mit schicken Aufnahmen von Moskau siehst du hier:

War Timatis Song bezahlte Propaganda?

Wie die BBC berichtet, hat sich Timati in einem (bereits gelöschten) Kommentar zum Vorwurf geäußert, er wäre von der russischen Regierung für seinen Track bezahlt worden, um vor den Wahlen Einfluss zu nehmen. Von diesen Anschuldigungen distanziert sich der Rapper, der schon mit Timbaland oder Snoop Dogg zusammengearbeitet hat. Der Song sei nicht gekauft. Auch schäme er sich nicht für sein Werk. Inzwischen räumte der russische Rapper jedoch ein, dass er mit den Lyrics ein wenig übers Ziel hinausgeschossen sei.



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Шума вышло более чем. Вышел на рекорд. Только цели такой не было. Высказать своё личное мнение в достаточно острой форме, да в моем стиле. Разозлить такое количество людей, это еще надо постараться. Но совсем не этого хотелось. Я понимаю что резонансное мнение часто воспринимается через призму негатива, как любое не популярное решение. Здесь перебор вышел. Я люблю свой город, и он сейчас для меня в лучшей форме за все 36 лет моей жизни, за что я безмерно благодарен тем, кто это реализовал - моё уважение !! Продолжать цеплять людей без повода не хочу, и без меня проблем у каждого хватает. Мне не нужен этот срач точно, поэтому, дорогие друзья: Удаляю это видео что бы не продолжать эту волну негатива. Цели обидеть кого-либо не было.

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Timati gilt als Unterstützer von Wladimir Putin und hat sich mehrfach mit ihm fotografieren lassen. In einem älteren Song stellt Timati den russischen Präsidenten schon mal als Superheld dar, wie The Guardian schreibt.

Feature-Gast Guf zeigte sich auf Instagram übrigens geschockt bis wütend. Er habe nichts von den bevorstehenden Wahlen gewusst und sei hereingelegt worden. Der Moskauer Stadtfeiertag sei sein Antrieb für den Song gewesen. Von der politischen Situation habe er keine Kenntnis gehabt. Guf schwört zudem, dass er kein Geld für die Zusammenarbeit erhalten habe. Zugleich entschuldigte er sich für seine Beteiligung und gab an, mit Timati zukünftig eher nicht mehr kooperieren zu wollen.

YouTuber machen sich über Timati lustig

Der Misserfolg des Videos sorgt auf YouTube für eine Vielzahl von Parodien. Auf dem Beat von "Moskau" findet man zum Beispiel einen Track über das triste Leben auf dem Dorf. Von der Strahlkraft Moskaus ist hier wenig übrig.

In einem weiteren Video sind die eindrucksvollen Drohnenaufnahmen von Moskau verschwunden. Stattdessen sieht man, wie Polizisten gewaltsam gegen Demonstranten vorgehen.

Zwei YouTuber inszenieren zudem ein fiktives Telefonat zwischen Timati und Guf.

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Trotz Verbot: Rapstars kämpfen für mehr Demokratie in Russland

Trotz Verbot: Rapstars kämpfen für mehr Demokratie in Russland

Von Anna Siegmund am 12.08.2019 - 11:59

Regelmäßig wird darüber diskutiert, welchen Einfluss Raptexte und der Lebensstil einiger Rapper*innen auf die Gesellschaft und junge Menschen haben. Unabhängig von der Beantwortung dieser Frage ist unstrittig, dass Hiphop gerade die größte Jugendkultur ist und damit vermutlich viel Potential hat, die Lebensläufe einiger junger Menschen zu beeinflussen.

In Russland sollte dieser Umstand jetzt genutzt werden. Durch die Auftritte vieler russischer Rapstars wurde eine Demonstration gegen Wahlmanipulationen und Massenverhaftungen in Moskau nun zu der größten Veranstaltung dieser Art seit Jahren. Die Ankündigung der Auftritte lockten vor allem junge Menschen zu der Demonstration nach Moskau.

Die Regierung macht Vorgaben, um Rap-Auftritte zu verhindern

Es zeichnete sich bereits vor der Demonstration ab, dass einige Rapper*innen die Opposition unterstützen möchten. Aus diesem Grund gab es für die Genehmigung der Kundgebung auch eine ungewöhnliche Auflage: Auf der Bühne durfte nur gesprochen und nicht gesungen werden.

Die Opposition beugte sich diesen Vorgaben jedoch nicht und ließ einige russische Künstler*innen auf der Bühne performen. Dabei war auch der junge Rapper Face. Dieser zeigt nicht nur optisch, dass sich die Hiphop-Kultur nicht von Landesgrenzen aufhalten lässt. Auch sein Sound entspricht dem aktuellen Trend, der in Deutschland, den USA und Frankreich gerade erfolgreich ist.

FACE - МОЙ КАЛАШНИКОВ

25.10 Санкт-Петербург @ A2: https://clck.ru/FmkWS 02.11 Москва @ Adrenaline Stadium: https://clck.ru/FmkYH STREAM: https://lnk.to/faceislove FOLLOW: https://vk.com/face https://instagram.com/facepublicenemy https://twitter.com/faceislove sales@facehatesyou.com

Nach ihm steht Anton Tschernjak auf der Bühne, der unter dem Namen Krowostok seine Texte veröffentlicht. Auch das experimentelle Elektro-Duo IC3PEAK hat einen Auftritt im Zuge der Kundgebung. Nastja Kreslina und Nikolaj Kostiljew waren auch schon in Deutschland zu Gast und fielen den russischen Regierungsverantwortlichen vor allem mit ihrem Video zu "Smerti bolsche njet" ("Es gibt keinen Tod mehr") auf. Das Video war so offen regierungskritisch, dass einige ihrer Auftritte von russischen Behörden verhindert wurden. Das Duo geriet auch ins Visier des Präsidenten, als er Ende letzten Jahres darüber nachdachte, Rap staatlich zu kontrollieren.

Putin vs. (Kunst)Freiheit: Russland denkt über staatlich kontrollierten Rap nach

Von Clark Senger am 22.06.2019 - 15:33 Den Beat erkennt jeder, der in den letzten zwei Jahren nicht unter einem Stein gelebt hat, innerhalb von Sekunden. Auch die Melodie und der Gesang kommen einem höchst bekannt vor.

Begleitet wurden die Auftritte der Rapper stets von russischen Polizisten. Diese griffen, vielleicht auch aufgrund der großen Beliebtheit der Rapstars, zunächst nicht in das Geschehen ein. Erst später, nachdem ein Politiker der Opposition vorschlug, gemeinsam zur Präsidialverwaltung zu gehen, kippte die Stimmung und es kam erneut zu zahlreichen Festnahmen.

Die Kundgebung war die größte seit Jahren

Die Auftritte der Rapper zeigten eine große Wirkung. Mit etwas 50.000 Menschen war es die größte Kundgebung in Moskau seit ungefähr sieben Jahren. Das hat auch etwas mit der Reichweite der Rapstars zu tun. Der Rapper Oxxxymiron beispielsweise war bei der Kundgebung anwesend und rief zuvor seine rund 1,3 Millionen Twitter-Follower auf, sich dem Protest anzuschließen. Zu der Demonstration trug er ein Shirt mit der Aufschrift "#freeYegorZhukow.

Die Regierung versuchte noch vergeblich mit einer Gegenveranstaltung von dem Aufruf der Opposition abzulenken.

Rap als politisches Sprachrohr

Es ist nicht das erste Mal, das mit Rap auf politische Themen aufmerksam gemacht wird, beziehungsweise auf politische Veranstaltungen gelockt werden soll. Auch in Deutschland treten regelmäßig Künstler*innen dieses Genres auf. Beispielsweise plante Fridays for Future zunächst einen Auftritt von Chefket, der später allerdings unter viel Kritik wieder abgesagt wurde. Bei dem "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz gegen jegliche Art von Rassismus und Ausgrenzung kamen unter anderem Nura, KIZ, Trettmann, Marteria sowie Casper auf die Bühne.

#wirsindmehr: K.I.Z., Trettmann, Casper, Marteria, Nura & Co. im Livestream

Von Michael Rubach am 02.08.2019 - 15:15 Der Freitag hat es wieder in sich und bringt neue potenzielle Lieblingssongs an die Oberfläche der Musikwelt. Auch wir haben unsere Groove Attack-Playlist neu bestückt und mit den tagesaktuellen Tunes ausgestattet. Damit bloß niemand zu sehr ins Schwitzen kommt, versprechen Loredana und Mozzik Abkühlung.

Bei derartigen Line-Ups von politischen Veranstaltungen besteht immer die Gefahr, dass einige Menschen sich nicht mehr für die politische Sache vor Ort treffen, sondern lediglich ihre Lieblingsmusik hören wollen. Ähnlich ereignete es sich bei den Demonstrationen um Artikel 13, an denen auch bekannte YouTuber*innen beteiligt waren. Hier schien es einigen Anwesenden lediglich um ein Foto mit ihrem Idol zu gehen. 

Allerdings bleibt es wichtig, dass Künstler*innen sich mit der Reichweite von heutigen Rapstars zu wichtigen Themen positionieren. Und gerade in Russland, wo ein solcher Einsatz sehr gefährlich werden kann, ist es sehr mutig von der Rapszene, sich öffentlich zu der Opposition zu bekennen.


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