"Ignorant und peinlich": Deutschrap reagiert auf Rassismus-Talk im WDR

Der WDR hat mit der Talkshow "Die letzte Instanz" einen enormen Shitstorm ausgelöst. In dem Format tauschten sich insgesamt fünf weiße Fernsehgesichter über rassistische und diskriminierende Sprache aus. Ausschnitte aus der Show, die ursprünglich bereits im vergangenen Herbst ausgestrahlt worden war, fluten aktuell das Internet. Auch die Insta-Storys und Twitter-Feeds von Deutschrapper*innen sind voller Kommentare über die entlarvenden Ansichten der prominenten Gesprächsrunde.

"Die letzte Instanz" reproduziert Rassismus

In dem Meinungstalk sollen die Anwesenden "kontroverse Themen" auf "unterhaltsame Weise" besprechen. In der achten Episode des Talks ging es unter anderem darum, die Verwendung von diskriminierenden Begriffen und Kategorien zu diskutieren. Das taten Showmaster Thomas Gottschalk, Schauspielerin Janine Kunze, Moderator und Autor Micky Beisenherz sowie Schlagersänger Jürgen Milski auch. Der Mindstate der Runde grob zusammengefasst: "Das wird man jawohl noch sagen dürfen."

Vier (nimmt man den Moderator Steffen Hallaschka einmal heraus) weiße Personen, die mit sämtlichen Privilegien ausgestattet sind, zeigten in dem Gespräch beispielsweise kaum bis keine Bereitschaft, sich mit der Namensänderung einer Paprikasauce anzufreunden. Dafür erklärten sie recht beiläufig, dass es doch alles gar nicht so wild sei mit dem Rassismus. Nebenher ließen sie reichlich Worte einfließen, die Menschen verletzen und diskriminieren können. Vor allem die Gefühle der Sinti und Roma wurden dabei fast durchgehend missachtet.

Absurd ging es dabei gleich mehrfach zu: Thomas Gottschalk dämmerte, dass er sich einmal auf einer Kostüm-Party wie ein Schwarzer gefühlt habe. Diese angebliche Realerfahrung von Rassismus wäre ihm durch Blackfacing zuteilgeworden. Es sei für ihn ein "Erweckungserlebnis" gewesen. Das heißt: Der bekannte Moderator hat sich für das authentischere Jimi Hendrix-Feeling das Gesicht dunkel angemalt. Laut Deutschlandfunk wurde durch Blackfacing vor allem ein Image von Schwarzen Menschen in die Welt getragen: "der immer fröhliche Sklave, der seinen Sklaventreiber liebt; der dümmliche, gutherzige schwarze Freund." In so einem herabwürdigenden Aufzug will der jahrelange "Wetten, dass...?"-Host in die Gefühlswelt eines tatsächlich von Rassismus Betroffenen eingestiegen sein. Keine Pointe.

Schauspielerin Janine Kunze hätte ganz gerne, dass sie sich mit Fragen über die angemessene Wortwahl gar nicht erst beschäftigen müsste. Das sei "nervig". Und überhaupt: Die Entstehungsgeschichte von den besprochenen Begriffen sei nicht negativ. Sie halte es für ziemlichen "Quatsch", dass sich Menschen vehement dafür einsetzen, verletzende Formulierungen aus unserem Alltag zu verbannen. Ihre eigenen Sexismuserfahrungen als "blonde Frau" wollte sie in dem Kontext ebenfalls nicht unerwähnt lassen. Jürgen Milski glaubte darüber hinaus ganz genau zu wissen, dass sich fast niemand von den Worten angegriffen fühlt, welche die Runde ständig wiederholte.

Doch die Betroffenen sehen darin sehr wohl etwas Negatives. Nur hat niemand sie eingeladen oder gefragt. Sie würden sich wünschen, dass Rücksicht genommen wird. Durch so eine Show verfestigt sich für sie der Eindruck, mit ihren Rassismuserfahrungen nicht ernst genommen zu werden.

"Privilegierte Vollidiot*innen": Deutschrap zeigt sich verstört und wütend

Viele der Reaktionen aus dem Deutschrap-Lager richten sich direkt an Janine Kunze, die mit ihren Ansichten wohl besonders im Gedächtnis geblieben ist. Unter anderem wendete sich Ahzumjot an sie. Er führte ihr in seiner Insta-Story den Mangel an Empathie vor Augen.

"[...] es tut mir leid, dass du dich in deiner privilegierten Position entmachtet fühlst,, wenn dir nach so langer Zeit auf dieser Erde und in diesem wunderbaren Land [jemand] sagen will, dass diese Sauce jetzt anders heißt und diese Schaumküsse eben keine N**erküsse sind. Ich weiß, das ist mega schwer für dich. Ich fühle absolut mit dir und ihr steht das schon alles gemeinsam durch, aber versucht doch einfach zu akzeptieren, dass diese Wortwahl nicht ok ist. Nicht, weil ihr das in euerem Gremium aus fünf weißen und privilegierten Menschen so entschieden habt, sondern weil eine ganze Volksgruppe das schlichtweg scheiße und verletztend findet."

Greeny fand beim WDR und bei Janine Kunze eine "selbstfixierte Weltansicht" vor. "Ignorant und peinlich" seien die Positionen in der Talkshow gewesen. Die Antwort vom WDR Social Media-Team fiel dahingehend einsichtig aus: "Du hast recht."

Der Hamburger Booz erklärte in seiner Insta-Story ausführlich, warum diese Show aus seiner Sicht "Racism to the fullest" enthielt. Mit Disarstar nahm ein anderer Hansestädter den ausstrahlenden Sender ins Visier:


Foto:

via instagram.com/disarstarhh

Shirin David ließ sich ebenfalls via Insta-Story über das Format aus. So wies sie ihre über fünf Millionen Follower*innen über die frühere "Versklavung der Roma" hin – ein historischer Bezug, den die Sendung so nicht lieferte. Offenbar war die Talkshow für sie kaum zu ertragen: "Es ist halt einfach so hart sich das anzusehen". Auch übte sie Kritik am Umgang des WDRs mit dem verheerenden Feedback. Nach der "unglaublichen Peinlichkeit" sei auf dem Instagram-Kanal des Senders erstmal ein Post zum Wohnungsmarkt online gegangen.

Hanybal hatte nur Galgenhumor für das Geschehene übrig. Er bedient sich dabei der Gottschalk-Logik.

Wie skurril die Zusammenstellung der Runde in Anbetracht des Themas war, verdeutlicht dieser Vergleich von Comedian Abdelkarim:

Mehr & mehr Entschuldigungen trudeln ein

Janine Kunze, die am stärksten ins Feuer der Kritik geraten war, reagierte auf Instagram mit einem längeren Statement. Der zentrale Satz daraus dürfte dieser sein: "Es tut mir unendlich leid und ich habe festgestellt, dass ich nicht ausreichend aufgeklärt bin." So richtig überzeugt zeigen sich davon jedoch nicht alle. Nura und Journalistin Miriam Davoudvandi sehen die schnelle Einsicht skeptisch.


Foto:

via instagram.com/janinekunzeofficial

Micky Beisenherz bereute in seinem Podcast nicht "vehementer" widersprochen zu haben. Außerdem habe er die "Kritik aufmerksam gelesen" und für sich festgestellt: "Ganz klar mein Fehler." Moderator Steffen Hallaschka hat einen längeren Text auf Facebook verfasst, den er einigermaßen pragmatisch so enden lässt: "Manche Themen verlangen eine sensiblere Gästeauswahl". Die WDR-Unterhaltungschefin hat sich unter anderem für die "misslungene Folge" von "Die letzte Instanz" entschuldigt.

Dass es der WDR im Vorfeld für angemessen hielt, die Grenzen von Rassismus von Menschen ohne jeglichen Berührungspunkt mit diesem Problem aushandeln zu lassen, legt das eigentliche Dilemma offen. Es wirkt so, als fehle es schon innerhalb der Redaktionen an Gespür für eine passende Gästeauswahl.

Zu allem Übefluss handelte es sich noch um eine Wiederholung. Nach Drehschluss oder nach der Erstaustrahlung gab es für alle Beteiligten offenbar keinen Grund, das Gesagte zu hinterfragen. Einen Lerneffekt scheinen auch die missglückten Versuche anderer Talk-Formate kaum herbeiführen zu können. Nach dem Mord an George Floyd traf sich ausschließlich die weiße Mehrheitsgesellschaft im TV-Studio zum Gespräch über Rassismus.

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