Polizeigewerkschaft fordert Strafen für Gangsterrap

Die Hamburger Polizeigewerkschaft fordert laut der Morgenpost, dass deutscher Gangster-Rap verboten werden soll. Nach einem Angriff auf einen Polizisten hat die Polizei offenbar in der deutschsprachigen Gangster-Rapszene eine Gefahr ausgemacht. Die habe angeblich ein Gewaltproblem und darum müsse – wieder mal – eine öffentliche Debatte darüber stattfinden. Es könne nicht sein, dass Rapper nicht für ihre Texte belangt werden, schreibt die GdP in einem Statement.

Polizeigewerkschaft fordert Debatte über Gewalt im Gangster-Rap

In München wird ein Polizist attackiert. Das Motiv für die Tat war angeblich Hass auf die Polizei. Das reicht der Polizeigewerkschaft offenbar schon, um eine Verbindung zu Gangster-Rap herzustellen. Ihr fragt euch, was das eine mit dem anderen zu tun haben soll? Ganz einfach:

"Wer garantiert, dass der Täter von München sich nicht mit genau dieser Art von Musik für die Tat motiviert hat?"

Erstmal natürlich niemand. Aber genauso wenig kann die Gewerkschaft der Polizei garantieren, dass es so gelaufen ist. Bis das Gegenteil bewiesen ist, müsste doch eigentlich "im Zweifel für den Angeklagten" gelten. Diese Verbindung einfach so herzustellen, wirkt so, als sei mit dem Gangster-Rap ein äußerst willkommener Sündenbock gefunden. Wo wir schon dabei sind, verwundert eigentlich nur, dass die Polizei nicht auch noch über "KiLlErSpIeLe" diskutieren will.

Selbst die Morgenpost schreibt, dass die Polizei "völlig unvermittelt" eine Debatte über Rap anregt. In dem Statement der GdP werden dann auch munter diverse unterschiedliche Dinge vermischt: Ging es gerade noch um Hass auf die Polizei und um Gewalt, wird im selben Atemzug plötzlich auch Rassismus genannt.

GdP Hamburg: Messerangriff auf einen Polizisten in München wirft Fragen auf!

Mite Dezember 2019 wurde bekannt, dass der Angriff auf den Polizeibeamten in München mit allgemeinem Hass auf Polizisten begründet wurde. Die GdP Hamburg fordert jetzt eine Debatte über gewaltverherrlichenden Gangster-Rap. Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit werden im deutschen Gangster-Rap Gewalt und Rassismus zelebriert. Jetzt wurde ein Polizeibeamter in München grundlos mit einem Messer attackiert und schwer verletzt.

Die Polizei würde offenbar gern die Kunstfreiheit einschränken

"Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit" würden im deutschsprachigen Gangster-Rap nämlich angeblich "Gewalt und Rassismus zelebriert", glaubt die Polizei. Die Frage sei, "wo die Grenzen der Kunstfreiheit verlaufen" und ob die Kunstfreiheit auch irgendwo ende. Na klar! Zum Glück ist das alles gesetzlich geregelt und wird nicht von der Polizei bestimmt – auch wenn sie das offensichtlich sehr gern ändern und das Gesetz einfach in die eigene Hand nehmen würde.

Generell sollten die Beamten vielleicht erstmal vor ihrer eigenen Haustür kehren, wenn es um Themen wie Gewalt und Rassismus geht. Überall, aber erst recht in Hamburg, wo es beim G20-Gipfel laut offiziellen Aussagen der Polizei angeblich "keine Polizeigewalt gegeben" habe, obwohl unzählige Videos existieren, die eindeutig und klar für jeden sichtbar das Gegenteil beweisen. Wer daran zweifelt, möge sich zu diesem Thema den sehr informativen Dokumentarfilm "Hamburger Gitter" (hier in voller Länge auf YouTube) anschauen.

Es wirkt kaum verwunderlich, dass Gangster-Rap der Polizei ein Dorn im Auge ist. Immerhin gibt es wenig Musikrichtungen, die so konsequent immer wieder auf die mannigfaltigen Probleme mit den Beamten hinweisen. Viele Gangster-Rapper haben in ihrem Leben offenbar so viele so schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, dass sie ihrer Wut in den Texten freien Lauf lassen.

Auch hier drängt sich der Gedanke auf: Wenn die Polizei wirklich verhindern will, dass Menschen bei ihrem Anblick Angst und Hass empfinden, muss sie die Ursachen dafür höchstwahrscheinlich bei sich selbst suchen.

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Wenn man Musik den Krieg erklärt: Wie die Polizei Drill verbieten will

Wenn man Musik den Krieg erklärt: Wie die Polizei Drill verbieten will

Von Alina Amin am 26.10.2020 - 12:00

Drill: Das sind nihilistische Texte und ominöse Trap-Beats. Sie bilden die Grundbausteine der jungen Rap-Strömung, die von Gewaltszenen, Drogen, Geld und S*x geprägt ist. So rappt der verstorbene Pop Smoke in seinem Song "PTSD":

"N*ggas reden viel bis ich ihre Tür einbreche und in ihrem Haus bin. Hab ihre Mutter auf dem Boden mit einem Revolver in ihrem Mund."

('Nigg*s always talkin' hot and runnin' they mouth / Until I kick down they door and run in they house / Have they mother on the floor with the gun in her mouth')

Dabei sind die Bilder, die von Drill-Künstlern gemalt werden, nicht sehr viel anders als bekannte Themen im Mainstream-Rap. Ein verschwenderischer Lebensstil, Hedonismus und Kriminalität sind im Hiphop keine Seltenheit, das gilt beispielsweise auch für Deutsch-Rap. Die eigene Erfahrung vom Leben auf der Straße bis hin zum Aufstieg im Musikbusiness wird in der Kunst dokumentiert.

Als Identifikationsmerkmal von Drill gelten die Gang-Bezüge des Subgenres. Der Ursprung von Drill und der Hintergrund der einzelnen Künstler entspringt aus den jeweiligen Lebenssiutationen jener, die den internationalen Drill Sound prägen. Diese kommen häufig aus ärmlicheren Verhältnissen, geprägt von Kriminalität und Gewalt und sind oft Mitglieder von Gangs. In den UK sind einige bekannte Drill-Crews beispielsweise aus ebendiesen Gang-Strukturen erwachsen.

Im immerwährenden Kampf gegen Gewalt und Kriminalität hat das konkrete Folgen für Drill. Abgesagte Shows und ausgefallene Video-Drehs sind da nur der Anfang.

Drill: Von Chicago bis nach London

Drill hat seit seiner ungefähren Geburt um 2010 rum eine Wanderung um den Globus gemacht. Der bekannteste Begründer ist Chief Keef, der mit gerade mal 16 Jahren in seiner Heimatstadt Chicago das Subgenre mitprägte.

Gerade erst neulich hat einer der wichtigsten Vertreter des Chicago-Drills Lil Durk ein Feature mit Drake gehabt. In den letzten Jahren hat sich außerdem eine laute Szene in London gebildet. Noch prominenter aber ist der junge Brooklyn-Drill, welcher von Pop Smoke groß gemacht wurde und im Laufe der vergangenen Monate Rapper*innen auf der ganzen Welt inspiriert hat. Dabei hat jede Stadt ihren eigenen Stil ins Subgenre eingebracht. Was sie verbindet, sind die Hintergründe der Künstler. Eine Mischung aus Grime und Drill beispielsweise liefern britische Acts wie Harlem Spartans, 1101 oder Krept & Konan.

Ähnlich wie Grime in seinen Anfängen, findet UK-Drill im Londoner Untergrund der Musiklandschaft statt – drängt sich aber immer weiter in Mainstream Medien. Hauptsächlich mit rohen Texten, provokanten Videos und, wie so oft, mit der antizipierten Gefahr die Jugend zu verrohen. 

Drill-Künstler werden wie Terroristen behandelt

In der breiten Öffentlichkeit trifft der UK-Drill daher regelmäßig auf Widerstand. Das bedeutet verbotene Konzerte, Textzensur und rigorose Kontrolle von Musikvideos. Letztere gleicht inzwischen dem Umgang mit Terrorverdächtigen: In 2018 hat die britische Polizei die Berechtigung bekommen, den "Serious Crime Act" auch auf Drill-Content anzuwenden.

Dieser reglementiert die Strafverfolgung von Schwerverbrechern und bedeutet für die Musiker, dass jegliche Visualisierung von Waffen, Gewalt und Drogen der Polizei die Möglichkeit eröffnet, die Rapper zu verfolgen – ohne, dass eine Verbindung zwischen einer tatsächlichen Straftat und Künstler besteht. Eine reine Erwähnung reicht aus.

Dass die Strafbehörden es ernst meinen, sieht man in der Praxis: Es gibt kaum ein UK-Drill-Video, in dem Waffen oder waffenähnliche Requisiten zu sehen sind. Für eine Musikrichtung, die die unglückliche Lebensrealität vieler Menschen thematisiert, ein Schlag ins Gesicht.

Im Verlauf der letzten beiden Jahre wurden 30 Musikvideos von YouTube gelöscht und über 1400 werden zum Zwecke der Strafverfolgung in einer Datenbank der Londoner Polizei gelistet. Nebenbei müssen sich die Künstler 24 Stunden vor Video-Release mit der Polizei in Verbindung setzen und jegliche öffentliche Veranstaltung, sei es ein Videodreh oder ein Konzert, 48 Stunden vorher ankündigen. Oft werden die Events von der Behörde überwacht und kontrolliert.

Laut dem Guardian wurde der Gruppe 1101 untersagt, Musik zu produzieren wenn keine polizeiliche Erlaubnis vorliegt. Eine solche wurde ihnen seit dieser Auflage nicht erteilt. Sie konnten ihre Karriere damit aufs Eis legen.

Bandengewalt und Drill – geht das Hand in Hand?

Die Skepsis gegenüber Drill ist nicht exklusiv für England. Auch in der Geburtsstadt Chicago und nun auch New York, wird die Szene mit kritischen Augen betrachtet. Das nicht zuletzt, weil Bandengewalttaten in der Drill-Sphäre besonders präsent sind. Drill wird als besonders gefährliche Musikströmung wahrgenommen. Das ginge auf die Zunahme von Gewalt, mit der Etablierung von Drill, zurück. In England sind das Messerstechereien, für Chicago Schießereien.

Viele Künstler aus der noch recht kleinen Szene wurden bereits ermordet oder sind Gewalttaten zu Opfer gefallen. Mitglieder der Harlem Spartans, L’ A Capone und auch Pop Smoke. Dass diese zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben in lokaler Kriminalität eingebunden waren, lässt sich nur schwer von der Hand weisen.

Und nicht nur die Macher der Musik sind betroffen. Auch die Fangemeinden werden als besonders gewalttätig und aggressiv eingestuft, so dass unter anderem Pop Smoke vom Line-Up des Rolling Loud 2019 genommen wurde. Laut der NYPD eine notwendige Sicherheitsmaßnahme, nach dem Anstieg von Bandengewalt in New York.

Im Interview mit Vice berichtet Sheff G, ein junger Drill-Künstler aus Brooklyn, dass er aufgrund solcher Verbote nicht ein Mal in seiner Heimatstadt performen durfte. Gleiches gilt auch für Pop Smoke. Sheff bezeichnet das als Ungerechtigkeit. Immerhin habe ihm Rap und Drill so viel gegeben, ihn aus der Armut geholt und ihm sowie seiner Familie eine Perspektive geschaffen. Solche Verbote würden Musikern die Möglichkeit nehmen, etwas aus sich zu machen. Sie würden so zurückgedrängt und gezwungen werden, in der Welt zu bleiben, aus der sie kommen.

Inside the NYPD's War Against Drill Rap

Collage by Duanecia Evans Clark, The Creative Summer Company. Archival images via Unsplash, Creative Market, Dan Robinson, and Audible Treats. Sheff G says he's among those being unfairly targeted by the NYPD's "Rap Unit." It's costing him and rappers like him their livelihood.

Musik als Sprachrohr der Artists

All diese Maßnahmen sollen der Bekämpfung von Gewaltstraftaten dienen. Drill verherrliche Aggression und motiviere zur Kriminalität – und fördert diese daher auch. So lautet zumindest der Vorwurf. Reine Kunstfiguren seien die Künstler immerhin nicht. Wenn über Mord und Drogen gerappt wird, handele es sich häufig um wahre Erlebnisse.

Dabei spiegelt die Musik nur das wieder, was viele junge Männer aus ärmlichen Verhältnissen zu ihrem Alltag zählen.

"Vor der Musik gab es für mich nur Gefängnisse, Gangs und Verhaftungen. Ich weiß nicht, ob ich ohne die Musik heute noch am leben wäre."

("Before music, there was just jail, gangs and getting arrested. Without music, I do not know if I would be alive today.")

So erzählt Konan vom britischen Drill-Duo Krept & Konan dem Guardian, dass Musik sein Leben gerettet habe. Der Erfolg, den andere Rapper durch Storytelling verzeichnen konnte, habe ihn inspiriert nach einem Leben abseits von der für ihn alltäglichen Kriminalität und Armut zu streben.

Das Quasi-Verbot von ebendieser Musik würde die Probleme nicht lösen. Es nähme ihnen lediglich eine Kunstform, die in ihrer Sphäre gesellschaftlich akzeptiert ist und ihre oft tragischen Erlebnisse nach außen tragen kann. Denn als erstes kam die Gewalt und danach die Kunst.

Letztlich agiert die Musik für Künstler wie Pop Smoke oder Chief Keef lediglich als Sprachrohr für das, was ohnehin schon ist. Zensiert man Drill, würde das an der Realität der Künstler und ihrer Communities nichts ändern. Musik ist nicht die Quelle der Probleme, sie spricht nur über sie – und das gilt nicht nur für Drill.

Die Harlem Spartans erklären es schließlich in ihrem Song "No Hook":

"Ich bin im System gefangen."

('I'm trapped in the system.')


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