Kanye West pinkelt auf Grammy-Award: Seine Offensive gegen die Musikindustrie

Kanye West ist grade auf einem heiligen Kreuzzug gegen die Musikindustrie, die er vorgestern als "modernes Sklavenschiff" beschrieben hat. Er selbst sei der "neue Moses" und heute Nacht hat er seinen Darstellungen ordentlich Nachdruck verliehen. Er hat zunächst mehr als 100 Seiten seiner Verträge mit Universal und Sony auf Twitter geteilt und später ein provokantes Bild mit Symbolkraft geliefert, das in Erinnerung bleiben dürfte: Er pinkelt in einem Video auf einen seiner 21 Grammy Awards, den er in einer Toilette versenkt hat. Reaktionen kommen auch aus dem Deutschrap-Kosmos.

Kanyes Kampf gegen die Musikindustrie

Das mag im zunächst für manche massivst over-the-top wirken, aber es stellen sich langsam immer mehr Menschen an Kanyes Seite. Der Inhalt, also seine Forderung nach gerechteren Verträgen und den Master-Rechten für entsprechenden Künstler*innen, scheint für einige nicht nur legitim, sondern auch notwendig zu sein.

Ganz konkret spricht er in diesem Zusammenhang die fehlenden Einnahmen durch Konzerte an, die durch die Covid-19-Pandemie wegbrechen und Löcher in die Taschen vieler Kulturschaffender reißt. Oftmals heißt es, Corona sei ein Brennglas, das uns zwingt, lange ignorierte Missstände endlich anzugehen. Diese Metapher passt auch hier:

Unter anderem Producer Kenny Beats supportet Yes Vorstöße. Er sagt, insbesondere Schwarze Künstler*innen bräuchten mehr Schutz in der Musikindustrie. Die meisten Labels hätten außerdem kein Problem damit, junge Menschen mit Verträgen in eine hartnäckige Falle zu locken.

Auch Hit-Boy, auf persönlicher Ebene kein Fan von Kanye, fühlt die Message. Seit dem Alter von 19 Jahren fühlt er sich in seinem Vertrag mit Universal Music Publishing gefangen. Seine Anwält*innen hätten diesen als den "schlimmsten Publishing Deal, den sie je gesehen haben" beschrieben.

Der Rapper Logic berichtet von ausbleibenden Zahlungen – etwa an Lil Wayne – auf die er nach wie vor von Def Jam wartet:

Kanyes Mittel haben häufig, so auch jetzt, eine unweigerliche Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Attitüde, die polarisiert. In der Form kann man aber erstens kaum Zurückhaltung von jemandem erwarten, der nicht nur einen Song namens "I Am A God" im Katalog hat, sondern sich auch schon als Yeezus oder eben New Moses bezeichnet hat. Zweitens ist es leider einfach so, dass man mit netten Hinweisen und Vorschlägen selten so schnell Fortschritte erzielt wie mit dem Brecheisen – Kanyes Werkzeuge sind seine Reichweite und sein damit einhergehender Einfluss. Zudem sollte man nie vergessen, dass seine bipolare Störung alles andere als ein Witz ist, über den man sich allzu sorglos amüsieren könnte (mehr dazu in unserem Artikel aus dem Juli).

Kanye Wests Twitter-Meltdown: Eine bipolare Störung ist kein Witz

Seit Kanye West seine Kandidatur für die US-Präsidentschaftswahl bekanntgegeben hat, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Statements, Auftritte, Postings...

Own your Masters, das ist die Message!

Kanye will sein Volk aus der ägyptischen/musikindustriellen Unterdrückung führen, in das Land, wo Geld durch Master-Rechte fließt – nämlich auf die Konten der Urheber*innen. Was er erschaffen hat, soll in der Zukunft seinen Kindern zugutekommen und nicht den Sprösslingen derer, die Musiker*innen in verlockende Verträge lotsen, deren Rattenschwanz sie nicht einschätzen können.

Einen Trend weg von der Bündelung diverser Rechte, Kompetenzen und Entscheidungsgewalten unter dem Dach der größten Labels meint man seit einiger Zeit beobachten zu können. Es ist sicher auch eine Typfrage, ob man die Vorzüge eines Majors über die komplette Unabhängigkeit stellt. Sido beispielsweise fühlt das 360-Grad-Paket schon seit langer Zeit:

Wenn Kanyes Plan aufgeht, bringt er die Industrie dazu, sich auf die Künstler zuzubewegen. Man darf aber in almanesker Korrektheit nicht vergessen: Unter jedem Vertrag, über den Kanye sich heute beschwert, steht seine Unterschrift. Ein solches Dokument sollte man nur mit Weitsicht unterschreiben und gerade in Kanyes Größenordnung auch durch Fachkundige prüfen lassen. Das David-gegen-Goliath-Narrativ von einem Milliardär zu hören, der nicht mehr mit Entscheidungen zufrieden ist, die er vor Jahren selbst getroffen hat, hat durchaus eine ironische Note.

Transparente DIY-Vertriebe wie beispielweise TuneCore, bei denen man 100 % seiner Einnahmen und Rechte behält, gewinnen auch für prominente Acts immer mehr an Attraktivität. Grade Einsteiger können bei solchen Modellen ein frühes Abhängigkeitsverhältnis umgehen und später überlegen, ob sie nicht doch einige Rechte gegen die Dienste eines Majors eintauschen möchten. Außerdem haben Künstler*innen und Managements 2020 ganz andere Optionen, mit Vertrieben, Labels oder Verlagen zusammenzuarbeiten als noch vor einigen Jahren.

Reaktionen auf der Deutschrap-Szene

Der deutschsprachige Rapkosmos zeigt sich bislang weitgehend erheitert von der jüngsten Twitter-Offensive. Die Jungs von K.I.Z antworteten (vermeintlich als Spaß), sie würden Kanye ihren Vertrag zuschicken. Celo & Abdi reagieren gewohnt humorvoll und wollen Ye zu 385i holen, sie würden ihre Rechnungen immer pünktlich begleichen.

Olson ist mehr der Pragmatiker:

Juju und RIN zeigen sich amüsiert:

Das letzte Wort in dieser Sache – und das verdeutlicht Kanye vehement – ist erst gesprochen, wenn er seinen Willen bekommen hat. Dass er sich in seinem Freiheitskampf als "Baby Putin" bezeichnet, wäre wohl unter normalen Umständen das Gesprächsthema. Nur ist seine Twitter-Aktivität von normalen Umständen weiter entfernt als Hit-Boy von einem zufriedenstellenden Publishing Deal und so bleibt dieser zynische Vergleich vorerst nur eine Erinnerung daran, dass Ye-Tweets mit Vorsicht zu genießen sind.

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Die Macht der Playlists: Wie einflussreich sind Modus Mio, Hyped & Co?

Die Macht der Playlists: Wie einflussreich sind Modus Mio, Hyped & Co?

Von Clark Senger am 26.09.2021 - 11:55

"Get The Clip" hat dich in den letzten Wochen so angefixt, dass kein Weg hier dran vorbei geführt hätte: Du warst grade bei Saturn. Die durchsichtige Plastikhülle hast du schon in der Bahn von der CD abgerissen – etwas ungeduldig, aber voller Vorfreude. Es braucht ein paar Versuche, bis die klapprige Abdeckung der Stereoanlage richtig greift und du endlich den Play Button drücken kannst. Aus den Boxen kriechen die ersten Töne von "The Eminem Show", die nächsten 77 Minuten gehören dir, der CD und dem Booklet mit allen Lyrics ...

Diese Momente gibt es kaum noch, wenn man keinen allzu ausgeprägten Hang zu popkultureller Romantik hat. Wer in oder vor den 00er-Jahren angefangen hat, bewusst und gezielt Musik zu hören, schaut gerne zurück. Die Gebundenheit der Musik an CDs, Platten oder auch MP3-Player ist 2021 kaum mehr als ein nostalgisches Relikt aus einem Land vor unserer Zeit. Seit Jahren stecken wir mitten im Streaming-Zeitalter und die neuen Hörgewohnheiten haben zu einer Revolution geführt, die so ziemlich alle Bereiche der Musikindustrie durchdringt: vom nicht einmal aufgenommenen Song bis in dein Ohr hinein, alles bleibt anders.

Auf dem deutschen Markt hat Musik-Streaming im ersten Halbjahr 2020 für rund zwei Drittel (65,7 %) aller Umsätze gesorgt, wie das Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment in einer Sonderauswertung gemeinsam mit dem Bundesverband Musikindustrie (BVMI) bekanntgab. Hier liegt also das Cash und damit der auch Fokus der Industrie. Im richtungsweisenden Markt der USA überstiegen die im Streaming generierten Einnahmen 2019 das Volumen der gesamten US-Musikindustrie von 2017.

Der tiefgreifende Wechsel hat neue Player auf den Plan gerufen. Was früher MTV und VIVA waren, sind heute die wichtigsten Streaming-Dienste und ihre großen Playlists. Wenn du gehört werden willst, brauchst du eine Platzierung, lautet eine naheliegende Vermutung. Wer diese Playlisten zusammenstellt, könnte demnach über Erfolg und Misserfolg entscheiden, Karrieren beenden oder ins Rollen bringen. Geht die Rechnung wirklich so simpel auf? Wer sagt, was wo platziert wird? Funktioniert es nach einem demokratischen Prinzip wie damals "Get The Clip" oder ziehen die da oben im digitalen Hinterzimmer die Strippen? Es läuft auf eine Frage hinaus, die sich wohl viele Konsument*innen stellen: Wie mächtig sind die großen Playlists?

Wir haben mit Sprecher*innen von Spotify und Apple Music Kontakt aufgenommen sowie einen Manager, Leute aus dem Vertrieb und einen Rapper zu ihrem Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahre befragt, um der Frage nach der Macht des Streamings auf den Grund zu gehen. 

Apple Music & Spotify: Wie kommt man in die großen Playlists?

Bereits 2017 schrieb das Wall Street Journal über Playlist-Kurator*innen als Die neuen Gatekeeper der Musikindustrie, quasi die Türsteher zum Club der Superstars: "Sie – nicht Radio-DJs – haben jetzt die Macht, die Hit-Maschinerie der Musik zu kontrollieren", heißt es dort. Dass dabei eng mit Labels zusammengearbeitet wird, ist logisch.

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Wie eng arbeitet Apple Music/Spotify bei der Kuration und der Auswahl der Playlist-Covers mit Labels, Managern und Vertrieben zusammen?

Apple Music: Apple Music sieht sich als unabhängige Musikplattform, aber wir pflegen beste Kontakte zur Industrie, den Managements und Labels, mit denen wir im ständigen Austausch sind.

Spotify: Spotify hat eine unabhängige Musikredaktion, die datenbasiert kuratiert und in ihren Playlists wie “Modus Mio” den Geschmack der Hörer*innen widerspiegelt. Natürlich sind wir bei der Kuration auf die Pitches seitens der Künstler*innen-Community angewiesen. [...] Gleichzeitig erfolgt die Auswahl der Songs für die Playlists wie auch die Entscheidung für eine*n bestimmte Künstler*in auf dem Cover vollkommen unabhängig von den Interessen der Partner*innen aus der Musikindustrie.

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So ganz durchsichtig ist der Prozess für Außenstehende nicht. Younes Laejaje hat als Manager in den letzten Jahren immer wieder vielversprechende Newcomer betreut, die teilweise mittlerweile von ihrer Musik leben können. Er ist einer derjenigen, die im Kontakt mit den Streaming-Services stehen. Für ihn liegt es in der Natur der Sache, dass verdiente A&Rs und Manager schneller Gehör finden und somit auch etwas mehr Einfluss auf gute Platzierungen haben.

Kristof Jansen, Director Repertoire Development bei Deutschlands größtem Indie-Vertrieb Groove Attack, hat in den letzten Jahren nicht nur mit vielen Untergrund-Künstler*innen zusammengearbeitet, sondern ebenso mit den Stars der Szene: RAF Camora, Ufo361, Loredana, Mero, aber auch Acts wie Trailerpark oder Ruhrpott-Legende Lakmann haben gemeinsam mit dem Kölner Traditionsunternehmen releast. Zum Einfluss von Labels und Vertrieben auf Playlist-Platzierungen sagt er:

"Das ist ein Buch mit sieben Siegeln. Es kann aber nie schaden, wenn man die richtigen Vermarkter an seiner Seite hat, die wissen, wie man die Künstler am besten präsentiert."

Niemand macht also ein großes Geheimnis aus der Zusammenarbeit. Es ist logisch und es war auch zu MTV-Zeiten nicht anders: Für gute Platzierungen helfen gute Kontakte. Früher war der Zugang zur breiten Masse sogar deutlich schwieriger und weniger demokratisch, findet Colin Schrinner, Leiter von TuneCore am Standort Deutschland. Er sieht durchaus gute Chancen für Platzierungen bei Spotify – auch für kleinere Künstler*innen, die oft den unkomplizierten Weg seines DIY-Vertriebs zu schätzen wissen:

"Ich finde es super, dass Spotify allen Künstlerinnen und Künstlern ermöglicht, selbst ihre Songs zu pitchen. Ich erlebe auf wöchentlicher Basis, dass TuneCore-Artists in Playlisten kommen. Größere Labels und Vertriebe haben da natürlich größere Power und kriegen mehr Aufmerksamkeit von den Kurator*innen. Durch Algorithmen wird das Ganze aus meiner Sicht aber positiv demokratisiert."

Im Gegensatz zu alten Gatekeepern wie Zeitschriften, Radio und TV stehen den Teams hinter den Playlists umfangreichere Daten zur Verfügung. Welcher Song wird wie oft und wie schnell geskippt? Wer wird am meisten gehört? Die Auswertung solcher Beobachtungen kann Entscheidungen beeinflussen, ist aber offenbar nicht das Maß aller Dinge. Am Ende stecken Menschen hinter Playlists wie "HYPED" (hier die aktuelle Zusammenstellung checken) oder "Modus Mio":

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Wie groß ist die Rolle, die statistische Auswertungen, also Absprungraten, Skips etc. bei der Kuration von HYPED/Modus Mio spielen?

Apple Music: Skipraten sind ein Indiz dafür, wie Tracks angenommen oder abgelehnt werden. Oft setzen wir Newcomer ein, an die wir glauben und tatsächlich liegen wir da meist richtig. Manche Tracks brauchen etwas mehr Zeit, um den Fans ans Herz zu wachsen und diesen Freiraum wollen ihm auch geben. Wir vertrauen darauf, dass unsere Hörer offen sind für neue Sounds und eine besondere Neugier auf Newcomer haben. Unser Team geht da mit sehr viel Erfahrung und Gespür heran.

Spotify: Die Redaktion hat Zugang zu anonymisierten Daten zum Nutzungsverhalten der Hörer*innen, die Aufschluss über deren Vorlieben und Abneigungen geben. Diese zeigen in Echtzeit, wie die Playlist und vor allen Dingen auch einzelne Songs bei den Hörer*innen ankommen (Entwicklung von Follower*innen, Nutzer*innen und Session Length der Playlist). Je nachdem, wie gut einzelne Songs funktionieren, lassen unsere Redakteur*innen sie länger in der Playlist oder tauschen sie durch neue Songs aus (Skips, Saves, Completion Rate, Repeats). Playlists sind nur dann erfolgreich, wenn sie nicht statisch sind und die Reihenfolge und Zusammensetzung sich ständig verändert und anpasst. Was für eine bestimmte Playlist funktioniert, ist nicht automatisch auch für andere Playlists erfolgreich.

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Schirmherrschaft über die meisten Playlists (es gibt natürlich auch komplett Algorithmus-basierte Listen, die beispielsweise ein Mal wöchentlich an die Nutzer*innen ausgespielt werden) hat in der Regel ein redaktionelles Team, das sowohl Daten auswertet als auch Input aus den Camps der einzelnen Acts bekommt. In welchem Verhältnis die Datenauswertung und die redaktionelle Arbeit gegeneinander aufgewogen werden, unterscheidet sich je nach Playlist und Streaming-Service.

Folgen des Streaming-Systems: Der Kampf um den Kuchen

Das klingt doch erstmal alles einigermaßen fair. Wenn deine Musik gut läuft, dann wird sie mehr gehört und kann sich für die Streaming-Redaktionen in den Fokus spielen. Die Anbieter, Manager und Vertriebe sind weitgehend zufrieden mit dem aktuellen Zustand, auch wenn alle hier und da Verbesserungspotenzial sehen. Ende gut, alles gut?

Nicht ganz. Der Mannheimer Rapper Lukees war 2020 sehr produktiv und droppte Single um Single sowie mehrere EPs. Eine Zeit lang lief es für ihn ganz gut, seine Songs "Wein im Glas" und "Kreis" holten stabile Platzierungen in größeren Playlists und er kam in der Spitze auf rund 80.000 monatliche Hörer*innen bei Spotify.

Davon sind heute knapp 11.000 übrig geblieben, der Support durch die Plattform ging durch eine Fehldeutung schlagartig abhanden. Auf die Frage, welche Macht die Streaming-Riesen gegenüber (kleinen) Künstler*innen haben, antwortet er uns:

"Ich sage, die haben sehr viel Macht über die Künstler. Zu viel in meinen Augen. Eine Anekdote dazu: Ich wurde quasi aus dem Algorithmus geboxt bei Spotify, weil die gedacht haben, ich hätte betrogen. Ich bin in einer Playlist gelandet, für die man eigentlich bezahlen muss, mit der sich Leute quasi Klicks kaufen, weil die ihre Playlists auffüllen, wenn nicht alle Plätze weggegangen sind. Irgendwann hat sich mein A&R bei mir gemeldet und meinte, die würden mir Betrug vorwerfen. Seitdem sind meine Zahlen komplett im Keller. [...] Die können also schon grob bestimmen, wie die Karriere eines Künstlers abläuft."

Das Beispiel zeigt auch, dass gegen Manipulationsversuche vorgegangen wird. Sowohl Spotify als auch Apple Music versichern uns, dass das Thema sehr ernst genommen wird und dass spezielle Teams sich darum kümmern, Betrug zu erkennen und zu unterbinden.

In Lukes Fall ging das offenbar schief und bei den Folgen kommt der finanzielle Aspekt ins Spiel. Wo 80.000 monatliche Listeners etwa einem passablen Nebenjob entsprechen, reichen die Auszahlungen bei 10.000 vielleicht noch für zwei Kästen Bier.

"Am Ende ist es ein Fluch und ein Segen. Die Streaming-Dienstleister haben ganz vielen Leuten dabei geholfen, von der Musik leben zu können. Dafür sieht es für viele, die in den letzten Jahren davon leben konnten, aktuell schwieriger aus." – Younes Laejaje

Lukees' Story ist sicher nicht die Regel. Dennoch zeigt sie, wer hier am längeren Hebel sitzt. Wenn du auf irgendeine Weise den Algorithmus crashst, dann war es das womöglich mit Musik als (Neben-)Job. Dabei muss nicht mal großartig etwas schieflaufen ...

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Exkurs: Wie (viel) zahlen Spotify & Apple Music pro Stream?

Mittlerweile hat man zigfach gehört, dass die Corona-Pandemie als eine Art Brennglas für Probleme unserer Gesellschaft zu sehen ist. Ein kleiner Exkurs zeigt, dass auch auf dem Streaming-Markt Ungerechtigkeiten gnadenlos offengelegt wurden.

Wo vor der Pandemie die überlebenswichtigen Einnahmen durch das Live-Geschäft standen, sieht man heute vielerorts eine Null – schlimmstenfalls vielleicht sogar rote Zahlen. Wer Musik macht, ist nun noch stärker auf die Streaming-Services angewiesen. Für viele hat sich der Fokus in dieser Zeit auf das Auszahlungsmodell von Spotify gerichtet. Etwa zwischen 0,25 und 0,42 Cent pro Stream zahlt der Branchenführer, bei Apple Music soll es nach eigenen Angaben im Schnitt ein Cent pro Stream sein. Was sich daraus ergibt, wird dann noch je nach Deal vom Vertrieb oder Label aufgeteilt.

Am Ende führt das Modell zu einer ungleichen Verteilung, die auch jenseits der Musik zu den größten Problemen der Gegenwart und Zukunft gehört. Die Musikerin Balbina erklärt in einer erst wenige Monate alten Arte Tracks Dokumentation:

"Ein ganz kleiner Prozentsatz an Künstlern bekommt das ganze Geld. Und der Großteil der anderen Künstler – nämlich die 90 % der Masse – bekommt fast gar nichts. Das ist eigentlich nur begründet in dem aktuellen Verteilungssystem."

Playlists pushen Hits, Hits ziehen das Money aus dem Pool. Am Ende tragen einige Playlists – insbesondere solche, die stark datenbasiert kuratiert werden – beim aktuellen Modell dazu bei, die Ungleichheiten zu verstärken. Im historisch noch jungen Streaming-Geschäft hat die Debatte über alternative Bezahlmodelle mittlerweile Fahrt aufgenommen.

Viele Musiker*innen fordern einen Ansatz, der die User*innen in das Zentrum der Berechnung stellt. Deezer, die Nummer 1 auf Frankreichs Streaming-Markt, möchte mit diesem User Centric Payment System (UCPS) Vielfalt fördern und kleinere Acts fairer supporten. Laut einer Studie des französischen Centre national de la musique würde der Switch zum UCPS nicht zu einer "massiven Verschiebung der Einnahmen" führen, unterräpresentierte Genres könnten jedoch leicht profitieren.

  • MCPS (Market Centric Payment System): Alle Einnahmen landen gemeinsam in einem Pool und werden entsprechend dem Anteil der Streams an der Gesamtheit aller Streams an die Rechtinhaber*innen ausgeschüttet

  • UCPS (User Centric Payment System): Die Einnahmen aus einzelnen Abonnements werden auf die mit exakt diesem Abonnement gestreamten Songs und Acts verteilt

Die Verteilung wäre mit UCPS vielleicht etwas fairer, eine endgültige Lösung für alle Probleme der Branche ist aber auch dieser Ansatz nicht. Abgesehen davon müssen die großen Labels natürlich mitspielen – die Streaming-Anbieter wären teilweise schon bereit für den Wechsel. Angesichts niedrigerer Einnahmen für die Top-10-Artists kann man sich auch ohne lebhafte Fantasie gut vorstellen, wie heiß die Major auf diese Umstellung sind. Hier sind in den nächsten Jahren und womöglich Jahrzehnten kreative und verlässliche Lösungen gefragt, um auch die Kunst nischiger Acts angemessen zu honorieren.

Apple hat kürzlich für DJ-Mixes ein neues Payout-System vorgestellt. Mit Hilfe der Shazam-Technologie soll beim steigenden Fokus auf Mixes bei Apple Music so ein faire Entlohnung für alle möglich sein, die in einem bestimmten Set zu hören sind.

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"Du weißt eben bei Musik nie, was passiert", rappte Lukees' Zonkeymobb-Kollege OG Keemo 2018 auf seinem Song "Vorwort". Diese Ungewissheit kann – gepaart mit finanziellem Druck – natürlich dazu führen, dass man seine Kunst anpasst, um platziert zu werden, um akzeptables Geld mit der Musik zu verdienen, um seinem Traum ein Stückchen näher zu kommen.

Wahrscheinlich würden die Wenigsten zugeben, dass sie sich einfach dem erfolgversprechendsten Sound unterordnen. Viele feiern ihn wahrscheinlich auch einfach (sonst wäre es wohl kaum der erfolgreichste Stil). Um die Logik hinter dieser Verkettung zu sehen, muss man nicht Psychologie studiert haben. Was dabei künstlerisch auf der Strecke bleibt, lässt sich nicht messen. Bei wie vielen Künstlerinnen und Künstlern das tatsächlich zu angepasster Musik führt, kann man nur mutmaßen. Wer sich regelmäßig freitags durch die Neuerscheinungen wühlt, bekommt aber ein grobe Vorstellung.

Stell dir vor, du arbeitest in einer Schraubenfabrik (ja, ein bisschen random, aber der Vergleich erfüllt seinen Zweck). Du gibst dir richtig viel Mühe, investierst Zeit, zauberst die schönsten Schrauben des ganzen Unternehmens. Der Lohn fällt gering aus, weil es den Einkaufenden dann doch zu kompliziert ist, mit diesen Schrauben zu arbeiten. Du wirst anteilig bezahlt und dementsprechend bekommst du weniger vom Kuchen ab. Dann guckst du, was der Kollege neben dir macht. Wie ein Uhrwerk legt er ein ums andere Mal eine langweilige, graue, funktionale Schraube aufs Fließband und macht sich damit die Taschen voll. Dein Magen knurrt und vielleicht möchtest du auch irgendwann mal in den Urlaub. Was für Schrauben wirst du herstellen?

Das führt zu einer anderen Frage.

Haben wirklich Playlists die Musik verändert?

Manche attestieren den großen Playlists – allen voran Spotifys "Modus Mio", deren Name sowohl negativ als auch positiv am häufigsten Erwähnung findet – die Macht, die Musik zu verändern und Einfluss auf das Schaffen der Rapszene zu haben. Eine "Generation an Selbstoptimierern" werde "modus-mio-isiert", rappt KUMMER 2019 und hinterlässt damit eher ein vages Gefühl als explizite Vorwürfe. LGoony wird auf seinem Rundumschlag "Allein gegen alle" deutlicher in seiner Kritik, an deren Ende der Name der Playlist als Adlib angehängt wird:

"Rapper ändern für den Algorithmus ihren Sound / Playlisten-Rassismus, wenn du anders bist, dann bist du raus (Modus Mio)"

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Manche Künstler*innen kritisieren explizit Spotifys Playlist "Modus Mio" für ein exklusives Sound-Bild, für das Rapper extra ihren Sound ändern würden. Würden Sie unterschreiben, dass große Playlists eine derartigen Einfluss ausüben können?

Spotify: "Modus Mio" ist eine der erfolgreichsten und meistgehörten Playlists Deutschlands – nicht nur im Hiphop, sondern genreübergreifend. Gleichzeitig finden in "Modus Mio" die erfolgreichsten Hiphop-Songs der Stunde statt. Wir spiegeln mit dieser Playlist also die Kultur so wieder, wie sie sich aktuell präsentiert. Dabei entwickelt sich "Modus Mio" mit der Hiphop-Szene und dem gerade angesagten Sound weiter. Natürlich bemühen wir uns darüber hinaus auch, die Hits von morgen vorauszusagen und die nächste Generation erfolgreicher Künstler*innen zu unterstützen. Zudem gibt es im Hiphop immer wieder bestimmte Bewegungen und Trends, in denen sich auch charakteristische Sound-Merkmale durchsetzen. Das ist keine neue Entwicklung und sie wurde auch nicht durch Modus Mio oder Playlists von Streaming-Diensten generell gestartet.

Apple Music: Die Hörerschaft einer bestimmten Playlist erwartet auch einen bestimmten Sound. Manche Playlisten sind erfolgreicher als andere und somit natürlich auch deren Einfluss. Das ist bei Apple Music nicht anders, trotzdem ist unsere Auswahl nicht von Daten getrieben, da wir von Hand kuratieren und somit auch gern mal Newcomer trotz ggf. hoher Skiprate supporten, wenn wir glauben, dass der Sound dort hineinpasst und wir unsere Hörer gern mit Geheimtipps überraschen.

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Was war zuerst: Der neue Sound oder die großen Playlists? Henne oder Ei? Kristof Jansen vermutet durchaus, dass die technische Entwicklung "die Musik ein stückweit beeinflusst hat" – was man jedoch nicht dämonisieren brauche: "Dass Marktwirtschaft und Kultur sich permanent in einem teils wechselseitigen Wandel befinden, ist eine ganz normale Geschichte."

Eine objektiv belegbare Veränderung der letzten Jahre ist die durchschnittliche Dauer erfolgreicher Songs. In einer Studie stellte das digitale Label Ostereo aus Manchester 2019 fest, dass Hits um etwa 1:03 Minuten kürzer waren als noch 20 Jahre zuvor. Kristof Jansen dazu: "Allgemein lässt sich natürlich feststellen, dass Tracks immer kürzer geworden sind. Das kann durchaus auch mit Streaming zusammenhängen und mit sowas wie Skip-Raten, aber das muss es gar nicht. Marsimoto beziehungsweise Marteria hat 2006 auf 'Halloziehnation' schon gerappt: 'Unsere Tracks sind nicht zu kurz, 2010 ist das Standard.'" – Stabile Vorhersage, auch wenn die Präzision zu wünschen lässt.

Es muss also nicht an der technischen Revolution des Musikkonsums liegen. Kann es aber. Gleiches gilt für die Soundästhetik. In einem Jahr ist es Trap, in einem anderen Afrotrap, dann Drill und in einem wieder anderen Jahr sind es Beats mit melancholischen Gitarren-Riffs, zu denen Teenager über ihre Drogenprobleme und Shawty singen. Natürlich liegt es in der Hand der Kurator*innen, solche Strömungen zu supporten. Aber Trends kamen und gingen schon vor "Hyped" und "Modus Mio".

Apple Music und Spotify halten mit vielfältigen Playlists dagegen, die spitzere Zielgruppen ins Fadenkreuz nehmen, in denen Songs mehr Zeit haben, sich zu beweisen oder eben nicht. Man möchte möglichst die komplette Bandbreite abdecken, die sich 2021 unter dem Dachbegriff Deutschrap versammelt.

Also: Ei oder Henne? Die womöglich richtige Antwort lautet: Evolution. Dinge entwickeln sich in der Natur wie in der Musik eher schleichend, im permanenten Austausch mit ihrer Umwelt. Musikhistorisch betrachtet steht Streaming noch relativ jung da und so stecken die Wechselwirkungen zwischen Technologie und Kunst auch noch am Anfang, wie Younes Laejaje schätzt:

"Man muss einfach die letzten Jahre und die Veränderung des Konsums und der Verteilung und der Herstellung sehen. Es hat sich einfach alles verändert. Dementsprechend sind wir da noch ganz am Anfang in der Historie und der Dokumentation und der Entwicklung. [...] Der Konsument hat noch mehr Macht über das, was er konsumieren möchte. Und das spiegelt sich am Markt wider." 

The bigger picture: Wohin führt das System uns?

Eine gewisse Macht der Playlists und ihrer Kurator*innen über Karrieren sowie finanzielle Vor- und Nachteile lässt sich nicht von der Hand weisen. Das ist keine überraschende Erkenntnis. Auch der Einfluss auf den Sound der Stunde scheint durchaus vorhanden, auch wenn manch eine*r die Rolle der Streaming-Riesen hier überschätzen mag – unterschätzen sollte man sie dennoch nicht.

Lukees sieht ein generelles Problem auch weniger in einem Sound, der nicht seinem eigenen Geschmack entspricht. Vielmehr geht es ihm um die Mentalität, die durch das Setup bedingt ist, in dem Musik nunmal in der heutigen Zeit veröffentlicht wird. Diese könnte seiner Meinung nach nachhaltige Folgen auf die Kunst und ihre Akteur*innen haben. Die durchaus vorhandenen guten Sachen werden in seinen Augen in der wöchentlichen Flut verblasen, während eine Fastfood-Mentalität das Bild der Industrie prägt:

"Natürlich entscheiden nicht einzig und allein die Listen, wer Erfolg hat und wer nicht. Aber die ganze Mentalität, die damit zusammenhängt – gerade diejenigen, die jetzt neu dazukommen – die kennen nur diesen komischen Druck, andauernd liefern zu müssen. Das habe ich auch eine zeitlang gemerkt, es ist schwer, sich dem zu entziehen. [...] Ich habe dabei sehr viel Frust und Hass gesammelt und gar keinen Bock mehr, da mitzuziehen. Bei mir hat die Qualität gelitten und ich glaube, das ist bei vielen anderen auch so."

Ganz ohne Streaming und Playlists wird auf absehbare Zeit aber nichts laufen. Platzierungen seien "wichtig, aber nicht entscheidend", findet Laejaje, auch wenn gerade am Anfang organisches Wachstum deutlich sinnvoller sein könnte. Erst langfristig werde es elementar, "wenn es ums Skalieren und Chart-Platzierungen geht". Jansen von Groove Attack sieht Playlist-Platzierungen für Künstler*innen – egal in welchem Stadium ihrer Karriere – als "schön und nicht ganz unwichtig, weil man Rapfans erreicht, die einen bisher nicht auf dem Schirm hatten".

Da offenkundig nicht alle Parteien mit dem derzeitigen System ganz zufrieden sind, gilt es in Zukunft zu optimieren. Wie gewährleistet man den Kunstschaffenden eine faire Entlohnung? Nach welchem Modell wird er Umsatz der Streaming-Services verteilt? Wie schafft man es in diesen schnelllebigen Zeiten, den Fokus auf die Kunst zu richten? Wie bindet man möglichst viele Musiker*innen sowie Stilrichtungen ein und macht diese für die richtigen Menschen zugänglich?

Die Kritik am Status Quo ist dabei so unerlässlich wie ein wachsames Auge auf die Player, die das Spiel dominieren. Wir stehen tatsächlich noch am Beginn einer dynamischen Entwicklung, die uns noch viele Jahre beschäftigen wird und – so die optimistische Hoffnung – zu einer faireren, besseren Musikindustrie führen kann.

(Dankeschön für die Unterstützung mit Antworten an Spotify, Apple Music, Kristof Jansen, Younes Laejaje, Lukees und Colin Schrinner!)


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