Davis One im Interview mit HipHop.de
"Berlin ist der Graffiti-Spot schlechthin und einmalig in Deutschland." - lso lautet die unmissverständliche Kernaussage des Writers Davis One . Ein Lokalpatriot in Sachen Sprayen und auch durchaus als Disput zu bezeichnen, in Hinblick auf seine Sichtweise in Sachen Strafverfolgung. Sein bisheriges Leben lässt auf mehrere Berufsausbildungen zurückblicken und offenbart hierbei auch berufliche Parallelen zwischen ihm und Bushido . Was Davis erlebt hat, bis er sich zum heutigen, zweifachen Vater und Dozent entwickelt hat, verrät er uns im Gespräch. Hallo Davis! Bitte stell Dich doch kurz für alle, die noch nichts von Dir gehört haben, vor!
Moin! Ich bin Davis One , aka Dick 'n’ Davis , aka Harley DavisOne aka Mr.Beastie Boyz . Ich  bin bei der Evil Sons ( ES ) Crew und bei der All You Can Eat ( AYCE ) Crew . Ich bin seit 1984 dabei und habe 1988 angefangen, selbst aktiv zu malen. Wo habt Ihr zu diesem Zeitpunkt Eure Einflüsse herbezogen und wer hat Dich damals inspiriert?
Den meisten Einfluss auf mich hatten Leute der ersten Generation, wie Jase / B-Base / Skena und Eric (R.I.P). Sie waren es auch, die mir Tipps und Tricks zeigten und uns mitnahmen zu den Treffpunkten. Da wurden dann Fotos und Zeichnungen rumgereicht, die man geradezu aufsaugte. Sonst konnte ich nur rumreisen, um auf Jams neue Leute kennenzulernen und neue Ideen zu bekommen. Die Hauptmotivation bei mir war sicher der Freundeskreis und die Tatsache, dass sich schon immer Wege und Möglichkeiten ergeben haben, Leben und Graffiti zu verbinden. Meine erste Lehrstelle als Maler und Lackierer habe ich aufgrund meines Hobbys bekommen und auch meine zweite Ausbildung als Erzieher war sehr von Hip Hop und Graffiti geprägt, da ich im Jugendzentrum zwei Jahre lang Jams organisiert habe.
Aber das wohl wichtigste Medium, das mir immer die Lust und Freude am Hip Hop und Graffiti gegeben hat, war mein Graffiti Magazin und später mein Job als Redakteur. Bitte erzähl uns doch etwas über die Idee ein eigenes Graffitimagazin, wie die Dosenspuk oder die Beasty Boys, herauszubringen!
Ein Kollege und meine Wenigkeit hatten die ON THE RUN Ausgabe in die Hand bekommen und mussten feststellen, dass verdammt viele U-Bahnen in Hamburg fahren und dass in Hamburg ja sowieso einiges geht. Da ich zu der Zeit auch schon immer Fotos gemacht habe, dachten wir, dass es ja nicht so schwer sein kann, ein Magazin aus Hamburg zu machen. Um das noch mal klar zu machen: 1991 gab es noch keine Möglichkeit auf einem Computer zu arbeiten oder Texte zu schreiben. Also haben wir alles mit der Hand geschnitten, geklebt und das Design gemacht! Dann ab zum Copyshop! Wir waren ja derbe die Toys, was das Kopieren von Fotos angeht, aber der Typ hinter dem Kopierer wusste genau, was geht und so waren wir das erste "Schwarz/Weiß" Magazin, auf dem auch was zu erkennen war – dank Rasterfolie! Uns wurden die ersten Ausgaben aus der Hand gerissen (500 Hefte) und wir machten weiter. Ab Ausgabe drei (1000 Hefte) machte ich das Heft dann zehn Jahre alleine. Es war eine andere Zeit, als die Maler schon vor dem Hip Hop Shop lauerten, um eine Ausgabe zu haben. Auf den Jams konnte man gut verkaufen, denn Internet und Mailorder waren noch nicht da, oder nicht so stark. Das war eine sehr interessante Zeit!



Wie ist das alles am Anfang in Hamburg zustande gekommen und wie sieht es heutzutage bei Euch im Norden aus?
Am Anfang waren die Einflüsse aus Holland nicht zu übersehen, aber mit der Zeit hatte Hamburg seinen eigenen Hamburger Style gefunden. RTA , DMA oder auch BTN haben den Hamburger Style sehr geprägt. Weitere wichtige Leute in Hamburg sind für mich DAIM , COS / SBA , Moses ( THE KING ) oder auch die 13ER . Vor allem Altona war eine Stylehochburg. Die Zeit damals unterlag noch vielen Regeln so simple Sachen, wie: Keine Schablonen, keine Rollen, nur Dosen, nicht abkleben und so. Dies kann man auch alles in Graffiti Art Hamburg oder Hamburg City Graffiti nachlesen (Bücher mit Auszügen aus Graffiti Arbeiten - Anmerkung der Redaktion).  Die Zukunft gehört der Freiheit, alles und jedes Medium zu benutzen. Street Art war nur eine Welle, die durch Bansky einen Riesenhype bekommen hat. 80er Jahre Graffiti ist gerade wieder in, Rollfarbe, Tags oder Plakate und Sachen aus Pappe. Alles ist erlaubt und wird Kunst beziehungsweise Graffiti im öffentlichen Raum am Leben halten. Alle dachten, wenn es keine Dosen mehr gibt, ist Graffiti tot, mussten aber leider einsehen, dass dann eben andere Werkzeuge und Materialien benutzt werden, um den Style zu transportieren. Ich habe einen Ex-Schüler, der weiß genau, was die Roots sind, aber macht sein Ding und lässt sich nichts aufdrücken - von dem kann ich noch lernen! Du bist in einer Crew, die „All You Can Eat“ heißt. Was soll das bedeuten? Erzähl uns doch ein paar Fakten über diese Gruppe!
Die Crew besteht aus drei Hamburgern: ( CARIO / WER / DAVIS ), Drei Franzosen ( IZZY aka WOBE und SADER / GRIS ) und zwei Berlinern ( MORE / SPOT ). Das ALL YOU CAN EAT steht für das, was das Leben für dich bereithält und das Du Dir davon die schönen Dinge nehmen sollst, sich nicht nur alles um Arbeit dreht. Graffiti ist eine dieser Freiheiten, die wir uns nehmen und das Reisen, um uns zu treffen. Da steht auf jeden Fall auch eine Freundschaft dahinter. Ist es richtig jemanden wie OZ, der in Hamburg durch seine Unmengen von Tags bekannt geworden ist, mit Freiheitsentzug zu bestrafen?
In den Knast wegen Graffiti finde ich nicht richtig! Es wird ja nichts zerstört und in unserem Land haben Frauen und Männer doch eine Meinungsfreiheit und er  ( OZ - Anmerkung der Redaktion)  drückt seine Meinung gegen den Sauberkeitswahn halt so aus! Außerdem haben sich Künstler schon immer ihren Raum gesucht. Davon lebt die Kunst doch! Und betrachten wir OZ , so sehe ich einen Mann, der jede Nacht, egal ob ihm Knast oder nicht, nicht für Geld, nicht für jemanden, um ihn zu gefallen, sondern für seine Mission unterwegs ist und sich deshalb seinen Raum einfach nimmt, um der Gesellschaft seine Meinung zu sagen.  OZ ist ein Künstler! Free OZ !!!
Hat Hamburg, in Bezug auf Graffiti, denn auch was, was Berlin nicht hat? Worin liegt der große Unterschied zwischen diesen beiden Städten?
Berlin ist der Graffiti-Spot schlechthin und einmalig in Deutschland. Ich fahre sehr gerne dort hin, um neue Bilder zu sehen und kleine Ausstellungen abzuchecken. Außerdem kann man dort gut einkaufen. Hamburg dagegen ist klein und überschaubar, Hamburger sind jederzeit gastfreundlich und können mit einem kleinen und überschaubaren U- und S-Bahn Netz dienen. Außerdem haben wir dieses Ding nicht, dass am Samstag und Sonntag an den legalen Wänden Battle ist, wer zuerst kommt, ma(h)lt zuerst. Bei uns in Hamburg ist immer ne Wand frei zum Malen. Ich bin auch immer sehr dankbar, wenn ich in Berlin ne Wand bemalen darf, weil ich weiß, wie hoch dort der Konkurrenzdruck ist. Mir ist Berlin zu groß, aber ich hab auch gelernt, dass dort jeder in seinem Viertel bleibt, und das ist in Hamburg auch nicht so. Ist ja auch nur ein Dorf im Vergleich zu Berlin! Gab es bereits Ausstellungen, wo man Deine Bilder betrachten konnte? Kannst Du mittlerweile von Deiner Kunst leben?
Ich habe mich vor zehn Jahren entschlossen, nachdem ich eine dritte Ausbildung zum Grafik-Designer gemacht habe, selbstständig zu sein. Meine erste Ausstellung war auf der Urban Discipline und ich war ein Toy auf Leinwand. Jetzt ist es besser und ich habe das eine oder andere Bild verkauft, aber von meiner Kunst kann ich nicht leben, sodass ich viele Graffitijobs oder Airbrushjobs mache. Das andere Standbein sind meine Graffiti-Workshops, in denen es auch um Akzeptanz bei den Eltern geht, wobei ich immer öfter auf Eltern treffe, die selbst mal gemalt haben. Danke an dieser Stelle auch an die Hip Hop Academy Hamburg ! Ausstellungsmäßig muss das in Zukunft noch mehr werden! Du bist Dozent, für Graffiti, an verschiedenen Hamburger Schulen. Was genau unterrichtest Du dort? Wie sind die Reaktionen der Kids?
Ich nehme das Medium Graffiti, um an die Kids zu kommen und ihnen klar zu machen, dass man mit Planung und Struktur einiges im Leben hinbekommt und das Hiphop nicht nur aus Bushido und  Die Atzen besteht, sondern ein Haus voller Möglichkeiten ist. Oft sind es Workshops mit "Problem-Kids", die sich nicht an Termine und Absprachen in ihrem Leben halten und auf einmal kommen die jede Woche, sitzen zwei Stunden still da und malen! Eine andere Möglichkeit ist es einfach den Kids und Lehrern klar zu machen, dass es ein tolles Medium ist, um sich auszudrücken. Aber dass es mehr Übung ist, als die Kids denken und dahinter, wie in allem was man macht, eine Kunst steckt und man die History und die Abläufe die dazugehören, kennen sollte. Ich meine, auf eine Dose drücken ist nicht schwer, aber ein Bild hinzubekommen schon! Die merken ganz schnell, dass es doch nicht so einfach ist! Du bist Absolvent eines Studiums zum Designer an der Hamburger Technischen Kunsthochschule. Wie hat sich das auf Deine Kunst ausgewirkt?
Nach meiner Ausbildung als Lackierer, in der ich auch mit Graffiti angefangen habe, über meine Umschulung zum Erzieher hatte ich immer das Verlangen Grafik und Design zu studieren, war aber zu feige, mich an der Kunsthochschule zu bewerben. Der Einstieg an der HTK ( Hamburger Technische Kunsthochschule - Anmerkung der Redaktion) war dann einfach, weil ich dort auch Geld bezahlen musste. Ich konnte mich dort quasi einkaufen, und hab jeden Nachmittag bei Da Source in Hamburg Klamotten verkauft, um das zu bezahlen! Nee im Ernst, das war eine tolle Zeit und ich habe dort viel über die Arbeit am Mac gelernt, was ich in meinem Magazin verarbeitet habe. Aber richtig Layouten und Bildbearbeitung habe ich dann erst durch meinen Job als Redakteur und in den Agenturen, in denen ich war. An der Schule ist das halt sehr allgemein und ohne Druck.
Du bist zusätzlich bei einem Hiphop Magazin tätig. Erzähl uns doch bitte noch etwas mehr darüber!
Zuerst einmal muss ich klarstellen, dass ich leider nicht mehr bei der Backspin bin... Nach 53 Ausgaben ist das Magazin an einen neuen Chef gegangen und hat sich neu ausgerichtet. Ich passte da nicht mehr ganz rein und bin jetzt nur noch ein Leser wie du. Meine Aufgabe war der Graffitibereich, sowie einige andere Dienste wie Layout und Kontakte herstellen. Zu meinem Team gehörten noch zwei andere Hamburger Maler. Ja es waren tolle, aber zum Schluss auch anstrengende Jahre bei der Backspin. Dennoch würde ich es jederzeit wieder machen - ich liebe den Scheiß einfach!!! Wie siehst Du Deine Zukunft als Graffitisprayer? Was möchtest Du noch alles ausprobieren?
Ich bin bald 40 und Vater von zwei Kindern. Das Ganze hat mich jetzt mehr als 20 Jahre über Wasser gehalten, mal mehr mal weniger. Aber mit jedem Jahr wird die Angst größer, es nicht mehr zu schaffen. Ich denke, die Zukunft für mich liegt in der Kunst auf Leinwand, ein Buch würde ich gerne schreiben, um langsam ein wenig Sicherheit zu bekommen, aber das ist schwer, denn wir leben in einer schnellen Zeit und schon in 2-3 Jahren ist mein Schwerpunkt ein anderer. Mein Plus ist meine pädagogische Ausbildung. Das gepaart mit Graffiti könnte meine Zukunft sein. Ansonsten lasse ich es auf mich zukommen. Wir bedanken uns herzlich für die Beantwortung unserer Fragen. An dieser Stelle möchten wir Dir noch die Gelegenheit geben etwas zu sagen, oder ein paar Grüße loszuwerden…
Fetten Respekt an alle Graffiti Freaks, die mich bei der DosenSpuk oder dem Beastie Boyz Magazin unterstützt haben und dazu beigetragen haben, dass ich was zu Essen auf den Tisch bekommen habe. Ohne euch hätte das nicht geklappt. Es wären zu viele und ich würde jemanden vergessen, aber besonderen Dank an MOTIV , MOSES , REGIE , BLOW , COS BOYS , DESK , CIDE , Rage , den DMA Jungs, die Legende Skena , Jase , B Base , my Jungs ASIE , CARIO , IZZY , MORE , DAIM für seine Zusammenarbeit und der Hiphop Academy . In diesem Atemzug gleich SEAK dafür, dass er diesen Job an mich abgetreten hat. King Scotty , mein Vorbild, und so weiter und so weiter. Das sind so viele. Aber zum Schluss noch: Rest in Peace Mr. Dare , Homeboy Eric , Husky und Wurm ! Scheiße, dass ihr nicht mehr da seid. Gute Besserung an Trica , gut, dass Du noch da bist.
Wir sehen uns! Eurer Davis One aka Dick 'n' Davis aka Harley DavisOne ! Weitere Infos unter: www.DavisOne.de