Wie Rap-Journalisten Gangsta-Rap erschaffen haben
Kuscheljournalismus

Interessiert es eigentlich jemanden, wenn Journalisten über Journalisten diskutieren? Legitim ist das Thema natürlich. Genau so, wie es legitim ist, zu diskutieren, was Rapper oder Fans richtig oder falsch machen – auch wenn all diese Diskussionen schnell in lächerlichen Kissenschlachten enden.

Diese Woche erschien auf welt.de ein Artikel zum Thema Rap-Journalismus. These des Autors Dennis Sand: Deutschrap habe ein "ernsthaftes Problem" mit gewalttätigen Rappern, die anderen drohen oder ekelhafte Meinungen vertreten. Gemeint war dabei eigentlich nicht Deutschrap, sondern Gangsta-Rap. Von Kool Savas, Marteria, K.I.Z. oder Alligatoah war dort zumindest nicht die Rede. Stattdessen ging es um Stadtverbote und Klingelstreiche von Fler oder Toony. Und darum, dass man nicht über Musikvideos von Massiv berichten dürfe, ohne ihn ausdrücklich als Antisemiten zu bezeichnen. Sprich, aus beschissenen Aktionen Einzelner wurde abgeleitet, dass ganz Deutschrap ein ernsthaftes Problem habe. Oder dass Deutschrap ein Problem habe, wegen seinen zügellosen Schmuddelkindern, die seit der Erfindung des Rap-Boulevardjournalimus gefühlt noch mehr am Rad drehen.

Schuld daran seien die Szenemedien. Wir haben offenbar Gangsta-Rap erschaffen oder zumindest nicht so unter Kontrolle, wie es sich gehören würde. Wir hätten Rappern durch knallharte Kolumnen klarmachen müssen, dass Gewalt keine Lösung ist. Dass authentische Gangsta-Geschichten zwar geil für Headlines sind, die praktische Umsetzung aber direkt zum Ausschluss aus der Zivilgesellschaft führt. Goldraub? Kein Ding, wenn du es bereust. Gangsta sind ja faszinierend wie die Gorillas beim sonntäglichen Zoobesuch. Aber mach nicht bei mir Klingelmännchen!

Man hätte auf den Artikel in einem knappen Tweet antworten können. Mit "Dikka... du arbeitest bei AXEL SPRINGER!" zum Beispiel. Einem Verlag, der – meiner Meinung nach – für ausländerfeindliche Hetze und fragwürdigsten Journalismus steht. Mit einer Website, in deren Kommentaren es nach Pegida und AfD stinkt, weil die Artikel eben diese Richtung vorgeben. Aber rap.de hat in einem Artikel über den Artikel diese Tür schon mal prophylaktisch zugemacht ("Der Tenor wird vermutlich ungefähr so lauten: Keine Ahnung von HipHop, kein Plan, Mitte-Hipster, halt’s Maul, Springerpresse."). Wir sollten uns das sparen, wir sollten selbstkritischer sein. Wir müssen zuhören, wenn die Profis sprechen. Dass jemand eventuell bei einem eventuellen Kriegstreiber arbeitet, heißt ja nicht, dass er uns nicht den richtigen Umgang mit Rap-Beef erklären könnte. Auch wenn da jemand aus dem Glashaus mit Steinen schmeißt, können wir ja sachlich bei den Steinen bleiben. Also gut. Der Vorwurf ist es ja wert, diskutiert zu werden, auch wenn er aus der falschen Ecke kommt.

Explizit ausgenommen (ich glaube, das wurde achtundvierzigmal erwähnt) von der Welt-Kritik wurde rap.de. Nachvollziehbar, seit einigen Monaten positioniert sich rap.de als wieder vermehrt kritisches Magazin. Sie kündigten an, nur noch über Musik, nicht über das Drumherum, berichten zu wollen. Wobei das Drumherum dann doch dauernd vorkommt, in den regelmäßigen kritischen Kolumnen. Den Ansatz feier ich erst mal absolut. Kritik findet bei uns und anderen Magazinen viel weniger plakativ statt. Was rap.de da macht, ist etwas Neues und eine Bereicherung.

Wie der kritische Ansatz umgesetzt wird, gefällt mir nicht immer. Zu oft wird dabei das Wertesystem des deutschen Mainstreams undifferenziert auf die Aktionen von Gangsta-Rappern angewendet. Was natürlich nicht gut geht, weil Gangsta-Rap diesem Wertesystem ja per Definition entgegensteht. Das soll nicht heißen, dass ich, als jemand der Gangsta-Rap mag, immer das Gegenteil des deutschen Mainstreams gut finden würde. Wir glauben nicht, dass man mit Gewalt Probleme lösen kann. Und wir sind gegen Diskriminierung. So weit, so Mainstream. Das ist beides auch ziemlich Hiphop, da sind wir uns einig. Ich glaube nur, dass man nicht über Gangsta-Rap berichten kann, indem man die Zehn Gebote der political correctness zum einzigen Gradmesser macht. Man muss Gangsta-Rap schon als das nehmen, was es ist. Für mich klingt das sonst zu oft nach "ein Grundschullehrer spricht über Gangsta-Rap", schießt über das Ziel hinaus, und das führt zu abstrusen Situationen, wie der, in der Oli Farid erklären wollte, dass er mit Möhrensprüchen sexuellen Missbrauch glorifizieren würde. Es ist ja nicht ganz falsch, aber... WTF!? Meiner Meinung nach vergessen die Kollegen bei dem Versuch, ihrer Vorstellung von perfektem Journalismus zu entsprechen, vieles, was sie eigentlich über Gangsta-Rap wissen und begehen die selben Fehler wie Dennis Sand. Trotzdem, wie gesagt: gut, dass sich jemand diesem Ansatz widmet.

Das einzige, was mich daran wirklich stören würde, wäre die Meinung, dass das die einzig legitime Form von Berichterstattung über Gangsta-Rap ist. Eine Meinung die Welt-Autor Dennis Sand jetzt bei rap.de vertreten darf.

Sand bezeichnet uns als "Kuscheljournalisten". Wenn er damit meint, dass wir völlig kritiklos wären, muss ich natürlich widersprechen. Wer regelmäßig auf Hiphop.de ist, wird wissen, dass in meinen Interviews ebenso wie in unseren Artikeln auf Dinge hingewiesen wird, die wir nicht in Ordnung finden. Dasselbe gilt für die anderen kritisierten Magazine. Wenn wir mal deutlicher werden, lebe ich auch damit, dass manche Rapper nicht mehr mit mir sprechen wollen, mit Klagen oder Schlägen drohen oder ihre Fans ein paar Tage lang einen Shitstorm starten. Sand hatte uns vorgeworfen, zu dieser Selbstaufopferung nicht bereit zu sein – obwohl ein wahrer Journalist doch ein Ritter in weißer Rüstung sein müsse, der im Namen der Gerechtigkeit jede Konsequenz auf sich nimmt. Ich glaube tatsächlich auch, dass das zu guter Berichterstattung dazugehört. Wir kritisieren nur nicht immer alles und meist weniger plakativ. 

Das ganze Thema ist ja auch alles andere als neu – genau genommen ist es eins der ältesten und am intensivsten diskutierten Themen in unserer Redaktion und sicherlich auch in den Redaktionen unserer ebenfalls kritisierten Kollegen. Seit 1998 haben verschiedene Autoren bei uns wahrscheinlich schon sämtliche Arten des Umgangs mit kritischen Themen ausprobiert. Mal lief das super, mal lief das scheiße. Was man wo einzuordnen hat, weiß man oft erst im Nachhinein und das liegt immer auch im Auge des Betrachters. Für beides kannst du bei uns sicherlich etliche Beispiele finden. Mal gilt man als zu kritisch (das wird dann "nicht objektiv" genannt), mal als zu unkritisch. Immer wieder bekommt man schwere Aufgaben vorgelegt, die man verschieden lösen kann. Was wir versuchen, ist, die Interessen der Leser, der Rapper, unsere Interessen, unser Gewissen und das vielleicht Beste für die Hiphop-Welt auf einen Nenner zu bringen, uns dabei nicht zu wichtig zu nehmen und nicht den Spaß zu verlieren.

Ein Beispiel: Al-Gears lustige, aber extrem asoziale Aktionen gegen Firuz K., die Sand mittlerweile auch erwähnt hat. Es gibt verschiedene Arten, wie man als Magazin damit kritisch umgehen kann:

Das eine Magazin tut so, als wäre nichts passiert. Weil sie der Meinung sind, dass Berichten immer Promoten bedeutet und man daher nur über die Rapper und Aktionen berichten sollte, die man selbst feiert. Nicht-Berichten widerspricht meinem Verständnis von Berichterstattung. "Berichten" mit "Promoten" gleichzusetzen ebenfalls. Zumal diese Art der Journalisten meist zeitgleich intensive Freundschaften oder Geschäftsbeziehungen mit den von ihnen auserwählten Rappern führt. Sorry, ich bin lieber ein offensichtliches Arschloch als ein scheinheiliges. Al-Gears zweites Video war aber einer der wenigen Fälle, wo wir lange genau das machen wollten: nicht berichten, weil darin ein Mensch aufs Mieseste bloßgestellt wird. Den Ausschlag gab die Erkenntnis, dass sich beide Rapper bewusst auf diese Scheiße eingelassen hatten, dass sich das Video auch ohne uns viral verbreiten würde und dass Kommentieren besser wäre, als das Thema anderen zu überlassen. Klar kannst du das auch wieder scheinheilig nennen, wenn du willst.

Option 2: In großem Stil offen kritisieren. Hat das in dem Fall eigentlich jemand getan? Hätte man gut machen können. Hätte natürlich nichts gebracht. Wer die Aktion eh schon scheiße fand, hätte sich bestätigt gefühlt, die anderen hätten drauf geschissen. Allen voran Al-Gear. Aber: Der Wille zählt. Auf die heftigsten Aussetzer mit deutlichen Worten zu reagieren, ist nicht verkehrt. 

Wir haben es damals mit Option 3 versucht: Rooz hat Al-Gear zum Interview getroffen, in dem er in bester Sozialarbeiter-Manier versuchte, ihn von dummen Aktionen abzubringen, schließlich hatte der Streit wirklich schon zu echter Gewalt geführt. Gut, gebracht hat das vielleicht auch nichts. Aber es war unser Versuch, aus der Szene heraus etwas Sinnvolles zu tun. Kuscheljournalismus. Das bringt meiner Meinung nach mehr, als sich von außerhalb und oben herab als moralisch überlegener Mensch aufzuspielen und wie ein Dorfpastor zu argumentieren. Vor allem, weil man diese Schiene maximal dann fahren kann, wenn man selbst ohne Sünde ist – was leider auf die meisten derartigen Journalisten auch nicht zutrifft.

Falk hat auf den Welt-Artikel gestern sehr gut geantwortet. So gut, dass wir seine Antwort eins zu eins auf Hiphop.de veröffentlicht haben. Eigentlich war das Thema damit zu.

Rap.de veröffentlichte heute allerdings eine Antwort des Welt-Autors an Falk. Hier erreicht die Debatte Kindergarten-Niveau. "Du hast Hiphop nicht verstanden" versus "Du hast Journalismus nicht verstanden".  Auf Falks Hinweis, dass es 2015 nur einen Klingelstreich gegeben habe, antwortet Sand mit einer Aufzählung aller Klingelstreiche und ähnlicher Schwachsinns-Aktionen der letzten Jahre. Weil er auch hier keinen Fall von wirklich ausgeführter Gewalt fand, führte er die Schüsse auf Manuel Charr an. Was der mit Rap zu tun hat? Er verkehrt "in den selben Kreisen". Uns fehlt an der Stelle noch der Hinweis, wessen Musikvideos wir deshalb nicht mehr ohne kritische Hinweise posten dürfen. Vielleicht kann der ja nachgereicht werden.

Das einzig Sinnvolle in dem Beitrag ist der Hinweis auf Sands eigentlichen Vorwurf: die zu unkritische Rap-Presse, die Journalismus nicht verstanden hat und "eine Plattform bietet", statt zu kritisieren. Ja, Dennis, das tun wir. Wir bieten Rap eine Plattform. Wir reden mit Rappern und Rap-Fans anstatt über sie. Auch wenn Berichterstattung für den Rapper Promo ist, macht es keinen Sinn, nur über das zu berichten, das man promoten will. So machen es die tollen Mainstream-Profis ja auch: Sie berichten über Kriege, auch wenn sie die natürlich nicht promoten wollen. (Außer die vom Axel Springer Verlag vielleicht... sorry.) Wir behandeln Gangsta-Rapper auch nicht als Aussätzige, versuchen tatsächlich, Streit mit ihnen zu vermeiden, im Gespräch zu bleiben und auf die Art weiterzukommen. Klingt nach Hippie-Scheiße? Ja. Funktioniert aber viel besser als dein Ansatz, glaub mir. Wenn du mich nicht als Journalist bezeichnen willst, lass es. Ich kann damit leben. Ich kenne die Theorien, die du an der Journalistenschule gelernt hast, versuche aber, in meiner Hiphop-Realität eigene Wege zu finden. Wenn du darüber deine Meinung äußern möchtest, tu das. Auch wenn ein Blog vielleicht ein angemessenerer Platz gewesen wäre als Die Welt. Ich glaube dir, dass du Rap-Fan bist, du hast dich erfolgreich eingebaut und sogar ein paar interessante Punkte angesprochen. Starte doch ein Rap-Magazin oder heuer bei einem an. Vielleicht kannst du Falk, Staiger, mich, Allgood und all die anderen ja ersetzen und eines Tages selbst in der Realität ankommen und nach eigenen Wegen suchen. Nur eins noch: Rap ist Battle. Berichterstattung sollte kein Battle sein. Verstehe das also bitte nicht als Aufforderung, noch drei polemische Briefe an verschiedene Rap-Journalisten zu schreiben, wir steigen auf so was nämlich leider andauernd ein. Schick beim nächsten Mal einfach eine Bewerbung. Oder einen Brief in einem Umschlag. Dann sparen wir uns welt.de-Kommentare wie "Deutschrap ist vor allem eines nicht, nämlich Deutsch" und du kannst mit denen diskutieren, mit denen du diskutieren wolltest.

Falls den Artikel noch jemand außer Dennis bis zum Ende gelesen hat: Danke für Deine Aufmerksamkeit.

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