Schwere Vorwürfe gegen Deutschrap-Stars: Warum wir (noch) nicht berichten

Dinge, die einmal öffentlich sind, berichten wir in den meisten Fällen. Im Moment gibt es Vorwürfe gegen zwei Deutschrap-Stars, über die wir bislang nicht berichten. Einen Artikel haben wir nach wenigen Stunden wieder gelöscht, ebenso wie rap.de, 16bars, der Focus, N-TV und die Bild. Wir haben das wegen der Androhung juristischer Konsequenzen getan und weil sich nur schwer klären lasst, was wahr ist und was öffentlich diskutiert werden sollte. Manche werfen einem der Rapper vor, dass sein Anwalt gegen die Berichte vorgeht oder verlangen von uns, vor Gericht für den Bericht zu kämpfen.

Worum geht es? Um die Frage, ob das Privatleben von Prominenten und die Unschuldsvermutung wichtiger sind als das Recht der Öffentlichkeit auf Information. Und um Gerechtigkeit für die möglichen Opfer, die sich an die Öffentlichkeit gewendet haben und es verdient hätten, dass man sie hört und ihnen glaubt. Falls die Vorwürfe denn stimmen.

Der natürliche Reflex ist, irgendwas zu tun, wenn jemand aus einem Haus um Hilfe schreit. Als Privatperson hast du ein "Laienprivileg" – deshalb lässt sich ein Shitstorm so schwer juristisch abblasen – für Medien gelten strengere Regeln. Wenn jemand etwas auf Instagram postet, ist das erst mal nichts anderes, als wenn jemand etwas aus einem Fenster schreit. Als Journalist rennt man nicht auf den Marktplatz und erzählt das weiter. Man rennt ins Haus und findet raus, was los ist. Dann rennt man zum Marktplatz.

Leider hat kaum jemand die Tür aufgemacht. Wir haben versucht, die beteiligten Rapper zu erreichen, aber keine Antwort auf unsere Fragen erhalten. In einem der Fälle hat uns die Polizei Ermittlungen bestätigt. Aber eine Anzeige ist noch kein Schuldspruch. Wir wissen nicht, ob die Vorwürfe stimmen. Geht uns das überhaupt was an?

Wenn die vermeintliche Straftat im Privatleben stattgefunden hat, ist Berichterstattung meist juristisch verboten. Es sei denn, es gibt ein schwerwiegendes und berechtigtes öffentliches Interesse. Gibt es das, wenn ein Rapper eine Gewalttat begeht? Geht uns das was an?

Man kann das so sehen: Das Privatleben eines Rappers hat mit seiner Musik nichts zu tun. Aber verschiebt ein Prominenter die Grenze zwischen privat und öffentlich nicht, wenn er zum Beispiel sein Privatleben inklusive Beziehung in Insta-Stories inszeniert? Hat die Öffentlichkeit dann nicht berechtigtes Interesse, von Vorwürfen einer Ex-Freundin auf derselben Plattform zu erfahren?

Wenn ihnen gerade keine Straftat vorgeworfen wird, betonen Rapper oft, dass zwischen Kunstfigur und realem Menschen kaum ein Unterschied bestehen würde. Bei vielen stimmt das. Aber natürlich darf man annehmen, dass der Rapper das nicht wörtlich meint, sondern seine asoziale Art künstlerisch überzeichnet, wenn er "Sl*t, you think I won't choke no wh*re?" oder "Kein Bock auf S*x? Na dann klatsch ich sie weg! Die Schl*mpe war frech" rappt.

Dass Gangsterrap nicht als Tatsachenbericht verstanden werden muss und deshalb als Ausdruck der Kunst und Meinungsfreiheit erlaubt ist, hat sich in den USA bei der Debatte um die 2 Live Crew in den Neunzigern geklärt. Dass man nicht weiß, wo Authentizität aufhört und wo Witz und Übertreibung anfangen, macht vielleicht auch einen Reiz aus. Aber die meisten Fans hätten keinen Bock, die Musik laut im Auto zu pumpen, wenn sie solche Lines als potentielle Tatsachenberichte verstehen würden.

Als 2015 der Film über N.W.A. in die Kinos kam, wurde Dr. Dres Vergangenheit als Frauenschläger diskutiert. Seine Ex-Freundin Michel'le warf ihm häusliche Gewalt vor. Schon 1991 war bekannt geworden, dass Dre eine Journalistin geschlagen hatte. Laut Rolling Stone sagte MC Ren dazu "b*tch deserved it" und Eazy-E "Yeah, b*tch had it coming" und Dr. Dre "it ain’t no big thing – I just threw her through a door."

Dr. Dres folgendes Album "The Chronic" ging dreifach Platin. Entweder war der Rap-Welt Gewalt gegen Frauen zu egal oder man fand nicht, dass der Charakter des Rappers eine Rolle dafür spielt, ob man die Musik gut findet. Was bei einem Genre, in dem die meisten Lyrics daraus bestehen, dass der Protagonist angeblich authentisch über sich selbst spricht, keinen Sinn macht.

(Dre hat sich 2015 für sein Verhalten entschuldigt und Gewalt gegen Frauen verurteilt.)

Wenn ich mich entscheiden muss, ob ich poste, dass ich Dexter extrem abfeier, muss ich schon wissen, ob es sich um eine fiktive Figur handelt oder um eine Doku über einen Massenmörder.
Ändert sich bei Rappern nicht auch alles, wenn sich herausstellt, dass das als fiktiv Verstandene biografisch war? Manche haben dann vielleicht keinen Bock mehr, die Musik zu hören – andere erst recht. In jedem Fall gibt es ein berechtigtes Interesse, zu wissen, wie sich der Rapper in den Bereichen, über die er rappt, wirklich verhält. Weil man erst dann wissen kann, wie man sein Produkt zu verstehen hat. Wer provokante Lines schreibt, sollte damit leben, dass sich Leute fragen, was dahinter steht.

Trotzdem sollte man sich zweimal überlegen, ob man in Kauf nimmt, dass der Bericht jemanden öffentlich anprangert. Ob mit "Laienprivileg" oder ohne. Auch dann, wenn man nur neutral weitersagt, dass es Vorwürfe gibt. Ob die Lyrics oder das Image zur Tat passen würden, spielt keine Rolle, weil Rap-Texte Fiktion und Übertreibungen enthalten. Sie sind Kunst. Und für Künstler gilt wie für jeden anderen die Unschuldsvermutung.

Ein bekannter Wetter-Moderator war 2010 mit noch gravierenderen Vorwürfen konfrontiert. Fast alle Nachrichtensendungen berichteten über seine Verhaftung (Tagesschau und Tagesthemen entschieden sich gegen Verdachtsberichterstattung). Ein Gericht stellte schließlich aber fest, dass das vermeintliche Opfer gelogen habe und der Moderator unschuldig sei. Der Schaden für seine Karriere und sein Privatleben war nicht mehr rückgängig zu machen.

So ist es natürlich nicht immer. Weit häufiger trauen sich Frauen nicht, von Gewalt zu berichten, weil sie denken, dass man ihnen nicht glauben würde. Ich würde spekulieren, dass die meisten, die von der Wut der MeToo-Kampagnen getroffen wurden, schuldig waren. Ich habe aber keine Ahnung.

Es ist der Job der Justiz, Schuldige zu bestrafen. Die Medien informieren nur. Sollte man dabei die Unschuldsvermutung und die Folgen für den Beschuldigten höher bewerten, als den Job, Informationen weiterzugeben, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann? Kommt drauf an. Im Zweifel muss man einen Artikel dann eben erst mal wieder löschen und weiter Infos sammeln.

Für die Rapper in den aktuellen Fällen gilt die Unschuldsvermutung.

Solltest du persönlich jemanden kennen, der unter häuslicher Gewalt leidet, nimm Hilfsangebote wahr:

Hilfetelefon - Gewalt gegen Frauen

Herzlich willkommen! Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung unterstuetzen wir Betroffene aller Nationalitaeten, mit und ohne Behinderung - 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr.

Hilfe vor Ort - bff Frauen gegen Gewalt e.V.

Hilfe und Beratung ganz in der Nähe finden.

Gewalt gegen Männer | WEISSER RING e. V.

Moeller: Ja, ich habe heute schon mal ein bisschen was gemacht, so eine dreiviertel Stunde. Aber ich trainiere eigentlich jeden Tag, auch wenn ich unterwegs bin. Ist es nicht etwas schwierig auf Reisen zu trainieren? Moeller: Nein, überhaupt nicht. In den Hotels, in denen man absteigt, gibt es heutzutage überall Fitnessstudios, oder Räder oder Laufbänder.

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Kommentare

Jetzt mal ernsthaft, ihr feiert Gangsta-Rap aber findet es dann ganz schlimm wenn die genau das tun wovon sie rappen? Was habt ihr denn erwartet? Ihr wollt es euch möglicherweise nicht eingestehen, aber Kriminalität produziert nun mal eben in den meisten Fällen Geschädigte. Die sind für euch privilegierte Mittelständer aus der Mehrheitsgesellschaft aber nur Kolleteralschäden, denn was zählt ist dass ihr gut unterhalten werdet von gewalttätigen Tyrannen und ihrer Schrottmusik.

Ihr seid ekelhafte Heuchler, nicht mehr. Steht doch einfach dazu dass ihr insgeheim aus eurem langweiligen und braven Journalistenleben ausbrechen wollt und Dinge wie Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren abfeiert, dann aber bitte nicht die Moralkeule schwingen wenn die AfD die gleiche Schiene fährt.

Ich finde ja es ist immer noch ein himmelweiter Unterschied seine kriminellen Taten in Kunstwerke zu verpacken und sich dafür feiern zu lassen und kriminelle Taten tatsächlich zu begehen.
Ich glaube auch die meisten Menschen, auch die mehrheit der gangsta rapper, sind bei grundlegenden themen im stande zu differenzieren was "klar geht" und was nicht.
Von daher sehe ich daran überhaupt nichts Heuchlerisches.

Wenn Aspekte wie Gewalt gegen Andersdenkende, Frauen und Homo***uelle, Antisemitismus, Kriminalität etc. glorifiziert und normalisiert werden und Portale wie hiphop.de unkritisch darüber berichten und es feiern dann verschiebt sich der Diskurs, das soziale Klima wird feindseliger und aggressiver. Sich dann hinter Begriffen wie "Kunstfreiheit" zu verstecken ist abstrus.

US-Rap ist meiner Meinung nach anders gestrickt, auch der dortige Gangsta-Rap. Dort steht eher das Erzählerische im Hintergrund, die Rapper berichten aus ihrer Perspektive ohne die gewalttätigen Aspekte zu glorifizieren.

In Deutschland geht es darum möglichst viel Hass in die Texte zu packen, man tut so als sei es erstrebenswert ein menschenverachtender Diktator zu sein. Mag vielleicht auch damit zusammenhängen dass die deutsche Führermentalität in Verbindung mit nahöstlicher aggressiver Machokultur weitreichende Synergieeffekte erzeugt.

Lass dir mal ruhig von jemandem, der mit dieser Art von Rap aufgewachsen ist (mittlerweile immerhin 14 Jahre lang Deutschrap-Fan) erzählen, dass das alles gar nicht so negativ und verkommen ist wie du es dir vielleicht vorstellst. Die von dir aufgelisteten Aspekte halte ich auch selbst nicht für normal und ich selbst würde mich als ziemlich harmoniebedürftige Person beschreiben. Wir sind halt jetzt echt bei dieser alten Diskussion, der Bushido sich schon 2007 bei Kerner stellen musste: Nur weil man über diese dinge rappt, muss man doch als Person nicht direkt auch so drauf sein. menschen sind meiner meinung nach vielschichtiger als nur das was sie z.b. in ihrer kunst machen.

Ich lese seit ca. 2012 hiphop.de und bin der Meinung, dass die schon immer zweiseitig über problematische dinge die rapper sagen/rappen berichtet haben. auch ziemlich verstärkt in den letzten jahren.

wenn es allein darum gehen würde hass zu verbreiten, müsste glaub ich doch horrorcore sich im deutschrap krass durchgesetzt haben, oder? wobei da halt auch wieder gilt, die person muss nicht zwangsläufig konsequent so drauf sein wie in den texten. auch hier kann ich dir nicht bestätigen, dass ich oder andere rapfans denjenigen feiern, der allein am menschenverachtendsten ist. man muss auch bedenken vieles wird bewusst überspitzt und lebt von ironie, auch wenn es für aussenstehende vielleicht stark befremdlich wirkt.

Also: ich hab beim schreiben irgendwie das Gefühl ich wiederhole hier alles was ich schonmal vor 10 jahren gehört und gelesen hab. das thema wurde m.M.n. schon von allen seiten 1000-fach beleuchtet und ausdiskutiert. Ich würde dir empfehlen dich nochmal mehr in dieses thema reinzulesen, aber eher aus der perspektive der rapper bzw. rap-leute.
Ich kann dir nur sagen, obwohl rap auch viele außenseiter anzieht, die vielleicht etwas befremdlich wirken (war ja auch mal so einer), die überwältigende mehrheit von uns sind nette menschen, denen das wort Respekt nicht vollkommen fremd ist.

Schönen Abend noch!

Es geht nicht darum wie der Künstler es meint sondern wie der durchschnittliche Fan die Botschaft aufnimmt. Mag sein dass du bei patriarchalen und rassistischen Parolen irgendeinen doppelten Boden erkennst den sonst niemand mitbekommt, aber der normale Jugendliche heutzutage der mit Cap von Calvin Klein, Adidas-Jogginghose und Poloshirt mit seinen pickligen Freunden bei Burger King rumhängt versteht sie wortwörtlich.

Hiphop.de hat unter Anderem einem bekannten Kriminellen ein einstündiges Interview gewidmet und regelmäßig auffallend unkritisch über gewisse verbrecherische Inzest-Clans berichtet. Die Grenze zwischen Kunstfigur und Realität ist längst nicht so klar gezeichnet wie du fälschlicherweise behauptest.

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Endgame: Wie Rapperinnen Deutschraps Sexismus therapieren

Endgame: Wie Rapperinnen Deutschraps Sexismus therapieren

Von Anna Siegmund am 13.06.2019 - 15:26

Captain Marvel, Black Widow, Nebula, Scarlet Witch und Gamora. Man könnte meinen, im Marvel-Universum werden Filme aktuell frei nach dem Motto „The future is female“ produziert. Dieser Eindruck entsteht beim Betrachten des aktuellen Deutschrapgeschehens leider nicht.

Sexismus ist ein Problem

Nein, dieser Artikel ist keine Sammlung gewaltverherrlichender Lines von Rappern, um die sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen weiter zu reproduzieren.

Nein, dieser Artikel soll auch nicht als erhobener Zeigefinger verstanden werden.

Aber Deutschrap hat ein Problem. Und das zeigt sich nicht nur in den Texten einiger Rapper. Sexismus wird toleriert, reproduziert und akzeptiert. Von Rappern, ja. Aber auch von Rapmedien, von Rapfans und von Konzert- beziehungsweise Festivalveranstalter*innen.

#raptoo reicht nicht aus

Die Debatte um sexistische Raptexte gibt es schon seit Jahren. Ach was, seit Jahrzehnten! Aktuell wird sie aufgrund möglicher Straftaten von Rappern und der Reaktionen auf diese wieder lauter geführt. Es wird eine #raptoo-Debatte gefordert. Die Weiterentwicklung der Bewegung #metoo, die auf Social-Media-Kanälen auf Sexismus aufmerksam machte, soll nun spezifisch auf den Rapkosmos bezogen werden.

Aber war #metoo überhaupt jemals eine Debatte?

Die Bewegung hat Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft gelenkt. Frauen, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, fanden eine Öffentlichkeit für ihre Probleme.

Es waren also die Opfer, die einen mutigen Schritt wagten. Ihr Lohn waren oft Spott und Häme. Darunter mischte sich auch gern eine Portion Whataboutism. Sexismus schön und gut, aber was ist eigentlich mit … ?

Eine Einordnung der eindrucksvollen und beängstigenden Menge der Erfahrungen von Frauen mit Sexismus und sexuellen Übergriffen fehlte. Es entstand kaum eine Debatte. Wenn diskutiert wurde, dann meistens lieber mit Gleichdenkenden. Mich lässt der Eindruck nicht los, dass vor allem Menschen sensibilisiert wurden, die auch schon zuvor ein Bewusstsein für die Thematik hatten.

Eine bloße Übertragung von #metoo auf den Rapkosmus kann also nicht ausreichen.

Die Rapperin Sookee antwortet auf die Forderung nach einem #raptoo folgendermaßen:

"Es braucht kein #raptoo. Es braucht nicht wieder die Betroffenen, die den Mut und die Kraft aufbringen ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, die die Strapazen der öffentlichen Anfeindungen, die Schuldumkehr und die Lächerlichmachung ertragen und gegebenenfalls juristische Prozesse im Shitstorm durchlaufen müssen."

(null)

(null)

Sie fügt ihrer Argumentation auch hinzu, dass natürlich kein Opfer von sexueller Gewalt schweigen muss. Aber Handeln müssen wir nun einmal gemeinsam.

Sookee kommt die Debatte zudem scheinheilig vor. Fordern da gerade die Männer eine #raptoo-Debatte, die sich sonst in der Deutschrap-Industrie „eine lustige Nase an der gut geflowten vergewaltigungsphantasie [sic] verdienen?"

Du kannst die Texte nicht ironisch hören

"Aber ich höre seit Jahren diese Texte und war noch nicht gewalttätig."

"Aber ich bin selbst eine Frau und finde es nicht schlimm, wenn Rapper so etwas in ihren Texten sagen."

"Ich bin kein Sexist, aber…"

Diese Argumentation ist häufig zu lesen, geht es um Sexismus und gewaltverherrlichende Texte im Deutschrap.

Du kannst von dir und anderen Einzelpersonen nicht auf die Gesellschaft schließen.

Du kannst den Bachelor nicht ironisch gucken. Du unterstützt damit ein rückständiges Frauenbild.

Du kannst Heidi Klum nicht ironisch bei ihrer Modelsuche mitverfolgen. Du unterstützt damit ein ungesundes Frauenbild.

Du kannst den frauenverachtenden Texten deutscher Rapper nicht ironisch zuhören. Du unterstützt damit ein sexualisiertes Frauenbild.

Deine Ticketkäufe, deine Streamingaufrufe, dein Musikwunsch auf der nächsten Party, dein CD-Kauf, dein Klick auf das neue Video, ja selbst dein Gespräch über diesen einen Rapper unter Freunden beeinflusst die Raplandschaft und damit das Frauenbild der Zukunft.

Oder wie es auf YouTube so schön heißt: Du entscheidest, was in die Trends kommt.

Das heißt nicht, dass du diese Fernsehsendungen und Musik nicht mehr konsumieren darfst. Aber du solltest dir darüber bewusst sein, was dein Verhalten bedeutet und was es für Folgen hat.

Frauenrap ist tot

Männer spielen Fußball. Frauen spielen Frauenfußball (Props an den Spiegel, der sich bezüglich seiner Sportberichterstattung derzeit hinterfragt). Männer haben Power. Frauen haben Frauenpower. Männer machen Rap. Frauen machen Frauenrap?

Warum werden Frauen immer über ihr Geschlecht definiert? Es gibt schon lange keinen Frauenrap mehr. Künstlerinnen, wie Cardi B, Nicki Minaj, Nura, Juju, Shirin David, Sookee und viele weitere Rapperinnen stehen ihren männlichen Kollegen in nichts nach. Warum also sollten sie "Frauenrap" machen?

Juju – Feministin wider Willen

Nura und Juju kannten das Schicksal, auf ihre Funktion im Rap als Frau angesprochen zu werden, schon zu SXTN-Zeiten.

Ihr Auftreten, ihre Sprache und ihre Texten bergen feministisches Potential. In Tracks wie "Hass Frau", "Er will S*x" und "Von Party zu Party" setzen sie sich offensiv gegen Rassismus und für Frauenrechte ein.

"K*naken und Schwarze haben Hiphop erfunden - doch der Türsteher lässt sie nicht rein"

"Du willst mich f*cken / Aber du darfst es nicht, weil ich’s verbiete"

Juju hat sich dennoch schon zu ihrer Zeit bei SXTN gegen die Bezeichnung "Feministin" gewehrt. Sie erklärte 2017 in einem Interview mit Rooz:

"Wir sind jetzt nicht da, um Feminismus irgendwie groß hochzuhalten oder irgend so einen Scheiß. Sondern wir machen’s einfach, weil wir das für selbstverständlich halten."

Auf ihrem aktuellen Album bleibt sie bei dieser Meinung und rappt auf dem Intro von "Bling Bling":

 "Ihr nennt es Feminismus / Ich nenn‘ es einfach Menschlichkeit"

Auch hier schwingt wieder die Selbstverständlichkeit mit, mit der Juju ihre Rechte als Frau im Rapgeschäft wahrnimmt. Auf dem Remix von Capos "Lambo Diablo GT" rappt sie allerdings auch von anderen Erfahrungen, die nicht für eine selbstverständliche Akzeptanz von Frauen im Rap sprechen:

"Und sie haben sich am Anfang so krass gewundert / Eine Frau, die ihr Maul aufmacht, oh Wunder"

Ihre ehemalige Bandkollegin Nura teilt die Ablehnung des feministischen Aspekts ihrer Kunst heute vermutlich nicht mehr. In einer Instagramstory erzählt sie, wie unwohl sie sich teilweise backstage auf Festivals fühlt, die durch ein männliches Line-Up auffallen.

Festivals sind zu männlich

Nura empfindet die Situation backstage als unangenehm. Und sie ist nicht die einzige Künstlerin, der die männlichen Line-Ups von Festivals auffällt. Betrachten wir die drei größten deutschen Festivals, die für Rapmusik in ihrem Line-Up stehen, ist es tatsächlich auffällig, wie wenig Beachtung Frauen bei den Planungen der Festivals finden.

Zunächst soll das Line-Up des Wireless Festivals Anfang Juni in Frankfurt betrachtet werden. Für den ersten Festivaltag wird auf dem Plakat als Frau ausschließlich Shirin David angekündigt. Ihr gegenüber stehen 13 männliche Rapper, mit denen für diesen Tag geworben wird. Für den zweiten Festivaltag ergibt sich ein ähnliches Bild. Cardi B ragt als Headlinerin groß über neun männlichen Acts. Weibliche Unterstützung erhält sie nur von Rita Ora und Grace Carter.

Auch auf dem Splash muss man dieses Jahr nach Frauen im Line-Up suchen. Von den 79 Auftritten auf dem Festival werden lediglich zwölf von Frauen oder mit weiblicher Beteiligung sein. Auf dem Deichbrand-Festival kommen 16 dieser Auftritte auf 103 männliche Acts.

Nura & Schwesta Ewa: Aneignung von Männlichkeit

Auf den ersten Blick mag es vielleicht eine gewagte These sein. Aber auch Schwesta Ewa kämpft auf ihre Art für Frauenrechte. Sie eignet sich die Verhaltensweisen an, die sonst nur männlichen Künstlern vorbehalten sind. Schwesta Ewa ist eine verurteilte Kriminelle. Sie spielt in ihren Texten mit dem Image, ihr Geld mit der männlich konnotierten Beschäftigung der Zuhälterin zu verdienen. Das kommt vor allem bei den männlichen Zuhörern und Kollegen nicht immer gut an.

Juju kommentiert die Scheinheiligkeit im Rapbusiness in dem Track "Tabledance" mit Nura und Schwesta Ewa so:

"Ihr wollt alle Gangsta-Rap, doch keine realen Rapper / Wäre sie ein Mann, dann wärt ihr leise, Free Ewa"

Ähnlich funktioniert auch Nura. Schon zu SXTN-Zeiten spielt die Rapperin mit ironischer Übertreibung und einem Wortschatz, der sonst eher Männern zugesprochen wird. In dem Video zu "Was ich meine" tanzen halbnackte Männer für sie. Ein Job, der in Musikvideos gewöhnlich eher an normschöne Frauen vergeben wird.

Nura - Was ich meine (prod. by SAM SALAM X YUNG MOJI)

Limited Deluxe-Box vorbestellen: http://nura.fty.li/NuraDeluxeBox Single: "Was ich meine": http://nura.fty.li/WasIchMeine Tickets für die "Allo Leute"-Tour: http://fty.li/NuraTour2019 ALLO LEUTE TOUR: 17.09.19 Leipzig − Felsenkeller 18.09.19 München − Milla 19.09.19 AT-Wien − Grelle Forelle 21.09.19 CH-Zürich − Exil 22.09.19 Stuttgart − Wizemann Club 23.09.19 Frankfurt a.M.

Antifuchs: Kapitulation statt Antihaltung

Wiederum eine andere Strategie verfolgt Antifuchs. Auf den ersten Blick erscheint die Künstlerin, die ihr 2017 noch auf den dritten Platz eurer Lieblingsrapperinnen gewählt habt, vorlaut und feministisch. Auf "Wie ein Mann" gibt sie sich stark und erklärt, nicht nur emanzipiert zu sein, sondern auch mehr zu verdienen als ein Mann. Sie stellt fest:

"Rap ist kaputt und hat einen Vaterkomplex"

Weiter zeigt Antifuchs, dass sie negative Begriffe für sich zu nutzen weiß. Sie schafft es, diese positiv für sich umzudeuten.

"Ich definiere das Mannsweib neu und mach, dass es mir steht"

Antifuchs - Wie ein Mann [RMX x RMX] prod. by Joshimixu & The Stereoids [Official Video]

Antifuchs abonnieren ►► http://ytb.li/Antifuchs „Leisefuchs" kaufen ►► http://antifuchs.fty.li/Leisefuchs +++++++++++SocialMedia++++++++++++ Facebook http://www.Facebook.com/AntifuchsOfficial Twitter http://www.Twitter.com/xAntifuchsX Instagram http://www.Instagram.com/AntifuchsOfficial ++++++++++++CREDITS++++++++++++++ Video von Michal Strychowski https://www.instagram.com/MichaStry http://www.MichaStry.de Mix von O.M. Original Mixing https://www.facebook.com/originalmixing/?fref=ts Mastering von Lex Barkey https://www.facebook.com/LexBarkey/?fref=ts Beat von Joshimixu & The Stereoids https://www.facebook.com/Joshimixu45/?fref=ts https://www.facebook.com/StereoidsOfficial/

Mit dem Vorwurf ein "Mannsweib" zu sein, sehen sich erfolgreiche Rapperinnen schnell konfrontiert. Auch Juju rappt auf "Die Ftzn sind wieder da":

"Realtalk von nem Mannsweib / das ja doch ein bisschen rappen kann anscheinend"

Es ist nur eine Umdeutung, wenn Frauen selbst die Begriffe benutzen. Nein, du darfst Nura nicht "B*tch" nennen, nur weil sie sich selbst "B*tch" nennt.

Antifuchs möchte sogar selbst als "Rapper" bezeichnet werden, nicht als Rapperin. Bei "Germania" erklärt sie:

"Ich finde zu wirklicher Gleichberechtigung gehört auch die gleiche Bezeichnung."

Antifuchs über ihre Maske, Frauen im Rap und Klischeebruch

Ein ANTIFUCHS pfeift auf die Norm und lässt sich nicht zähmen. Emilia Reichert aka ANTIFUCHS ist „Rapper" und Ex-Cheerleader. In Kasachstan geboren, in Flensburg aufgewachsen, ist das Spiel mit Klischees zu ihrem Markenzeichen geworden, der ANTIFUCHS zum Alter Ego.

Für mich ist diese Ansicht ein Problem. Es ist wichtig, dass Frauen auch in der Sprache sichtbar werden. Antifuchs trägt ihre Maske, um weniger weiblich zu wirken. Das ist weniger eine Revolution als eine Kapitulation.

Eine Künstlerin setzt sich auch 2019 noch eine Maske auf, um für ihre Leistung und nicht ihr Aussehen und ihr Make-up bewertet zu werden. Hiphop braucht eine Veränderung.

Das müssen wir ändern

Es wurde so viel gesagt, so viel geschrieben. Es wurde so viel wieder vergessen und auf die anderen geschoben. Aber es wurde so wenig verändert.

Also, was machen wir jetzt dagegen? Es reicht nicht, jedes Jahr einen Artikel darüber zu schreiben, wie furchtbar sexistisch die Texte deutscher Rapper doch sind. Die Veränderung kann von keiner Einzelperson ausgehen. Wir müssen als Rapcommunity gemeinsam Regeln finden, für die wir eintreten möchten.

Künstler und Künstlerinnen müssen sich der Macht von Sprache bewusst werden. Hiphop ist die größte Jugendkultur, die wir haben. Mehr Potential, bei jungen Menschen Gehör zu finden, ist kaum irgendwo anders zu sehen.

Medien sollten aufhören, die gewaltverherrlichenden Texte ständig zu zitieren. In den meisten Artikeln zu diesem Thema waren die Zeilen immer wieder zu lesen. Auch wichtig ist das Empowerment von Künstlerinnen. Es gibt weibliche Rapperinnen. Aber sie müssen gehört werden. Nura sagte in dem Interview mit Rooz:

"Es gibt ja nicht so viele Vorbilder für junge Mädels, die dann auch gerne laut sein wollen und so."

Vorbilder sind also das Zauberwort. Rapperinnen, die in den Medien präsent sind, ihre Musik vorstellen dürfen, auf Festivals auftreten, Follower generieren und einen weiblichen Input für die Szene bereithalten.

Und wichtig ist auch die Rapcommunity – die Fans. Achtet aufeinander und tretet auch online für die Rechte ein, dir ihr in der realen Welt verfolgt.

Am wichtigsten ist, dass wir uns alle immer wieder reflektieren. Welche Musik möchten wir hören? Welche Künstler*innen sollten unterstützt werden? Welche Messages gehören in die Welt getragen? Ich bin mir sicher, dass wir uns alle über unser Konsumverhalten oft unsicher sind. Manchmal meldet sich das schlechte Gewissen zu spät. Fehlerlos ist in dieser Hinsicht sicher niemand.

Fingerschnipsen gegen Sexismus

Anders als bei den Avengers kann die Sexismus-Debatte im Deutschrap sicher nicht durch ein einfaches Fingerschnipsen beendet werden. Das Marvel-Universum kann uns aber dennoch lehren, dass der erfolgreiche Kampf nur gemeinsam möglich ist.


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