Openair Frauenfeld: Ein Festival, zwei Rap-Welten

Nicht erst seit letztem Jahr gibt es geteilte Meinungen darüber, was eine gute Live-Show ausmacht. Auf der einen Seite stehen Rapper wie RIN, die es schaffen einen Vibe zu transportieren, aber faktisch kaum ins Mic rappen. Auf der anderen Seite positionieren sich Bühnen-Maschinen wie etwa Kool Savas, deren Fähigkeiten als echte MCs unbestreitbar sind. Diese Saison auf dem Openair Frauenfeld hat sich der Graben zwischen diesen beiden Performance-Varianten deutlicher denn je gezeigt. Der Auftritt von Ski Mask The Slump God bot wohl den vorläufigen Höhepunkt der Antihaltung gegenüber einer Rap-Show, wie sie ursprünglich konzipiert war.

Ski Mask The Slump God und die gewollte Verweigerung

Der frisch gekührte XXL-Freshman lässt sich von nichts beirren, als er die Stage betritt – nicht einmal von seinen eigenen Tracks. Sein DJ hat die La Fabrik-Bühne auf die maximale Hitze vorgeheizt. Das vornehmlich junge Publikum wirkt bereit, durchzudrehen. Eigentlich wurde der rote Teppich des Turnups ausgerollt, damit einer der besten Freunde vom verstorbenen XXXTentacion Interesse daran bekommt, abzuliefern. Stattdessen springt ein Kerl auf die Stage und hält es kaum für nötig, seinen Mund auch nur in die Nähe des Mikrofons zu bringen. Außer Geräuschen und punktuellen Ausrufen kommt recht wenig, was an Rap erinnert.

#LaFabrik day 1 with @theslumpgod , @gashi , @zugezogenmaskulin and @bas was #OAF18 : @fotonoid

Gefällt 2,301 Mal, 8 Kommentare - Openair Frauenfeld (@openairfrauenfeldofficial) auf Instagram: „#LaFabrik day 1 with @theslumpgod , @gashi , @zugezogenmaskulin and @bas was #OAF18 : @fotonoid"

Okay, die ignorante Haltung der jungen Generation aus Amerika ist keine Neuheit, aber derart einen F*ck zu geben, ist schon speziell (Playboi Carti und Lil Uzi Vert reihen sich hier ein und legen nur ein wenig drauf, was den Fokus auf ihre Vocal-Performance angeht). Eine Rap-Show für diese Generation ist mehr eine Pose als "echter" Rap. Lil Uzi weiß das:


Foto:

Matthias Miemczyk

Wo RIN wenigstens noch den Eindruck vermittelt ab und zu mitzurappen, hält sich Ski Mask nicht mit solchen Kleinigkeiten auf. Er verweigert gerade zu, dass man ihn für einen MC der alten Schule halten könnte. Stattdessen scheint er selbst überrascht von seinen Parts und freut sich mit dem Finger wippend über die eigenen Flowwechsel. Dass zur Performance von "Sad!" von XXXTentacion kein Ton seine Lippen verlässt, ist natürlich der Sache geschuldet, dass es nicht sein Song ist. Trotzdem verliert dieser Moment an Gewicht, wenn er wie alles nur aus den Boxen knallt, ohne dass der eigentliche Künstler sich auf dem Beat einlässt. Dass er es theoretisch besser kann, zeigt die diesjährige XXL-Cypher:

Ski Mask The Slump God Freestyle - 2018 XXL Freshman

Subscribe to XXL → http://bit.ly/subscribe-xxl Ski Mask The Slump God snaps with his lyrical delivery in his 2018 XXL Freshman freestyle. The nine rappers in the 2018 XXL Freshman Class are Ski Mask The Slump God, Lil Pump, Smokepurpp, J.I.D, Stefflon Don, BlocBoy JB, YBN Nahmir, Wifisfuneral and Trippie Redd.

Die Verweigerung ist hier Absicht und ein Mittelfinger an die Generation, die sich Live fortlaufend beweisen musste. Da die Migos parallel ihr Set eröffnen, kann nicht mit totaler Sicherheit gesagt werden, dass nicht doch noch der Rapper aus dem 22-Jährigen herausgebrochen ist. Anzunehmen ist es eher nicht.

J. Cole und eine "echte" Rap-Show

Das andere Extrem beansprucht J. Cole für sich. Der Dreamville-Boy rückt direkt mit einer ganzen Kapelle an. Zu seiner musikalischen Entourage zählen Backgroundsängerinnen, ein Gitarrist, ein Schlagzeuger und ein DJ, der sich mehr rausnimmt, als ausschließlich Animation zu liefern. Wer das Konzert im Live-Stream auf Magenta Musik verfolgt hat, der weiß, was gemeint ist. Zur Verteidigung von Ski Mask muss gesagt werden, dass sein Kollege einen weitaus reizvolleren Spot im Festival-Lineup bekommen hat. Zur Primetime die Hauptbühne zu entern, führt sicherlich zu einem ganz anderen Bewusstsein für die Situation.

J Cole - KOD live in OAF 2018

Uploaded by haocen wang on 2018-07-07.

Was der geborene Frankfurter auspackt, ist Rap to the fullest. Ohne Backup oder übertriebene Effekte flowt sich das Roc Nation-Signing durch seine Diskografie. Die Lust an der Show springt ihm förmlich aus dem Gesicht. Vornehmlich bringt er sein letztes Album "K.O.D." auf die Bühne und rennt ähnlich viel von einem Bühnenende zum anderen wie Ski Mask The Slump God. Der Unterschied besteht darin, dass Cole nur zu seiner Musik ausflippt, wenn er nicht ins Mic rappen muss. Der Fokus liegt auf dem Vortrag und nicht auf dem Abfeuern von Catchphrases aus der Animationskanone. Dazu passt auch, dass sein DJ nicht durch zusätzliches Entertainment auffällt, sondern durch Scratches.

Am eklatantesten wird die abweichende Vorstellung von Publikumsbespaßung auf einem Hiphop-Festival beim Vortrag von "1985 (Intro To The Fall Off)". Der Main-Act des Donnerstags bricht nach ein paar Zeilen ab, um seinen Track, der auch als Abrechung mit der Generation um Lil Pump verstanden werden kann, a cappella zu performen. Ohne jeglichen Wackler sitzt Line um Line, sodass keinerlei Zweifel aufkommen, was Cole zu leisten im Stande ist, wenn der Beat nicht mehr läuft. Die elektrisierte Menge stimmt "J. Cole"-Sprechchöre an und wirkt hingerissen. Diese Argumente kann man aber genauso gut für Ski Mask ins Feld führen. Auch hier sind schreiende Menschenmengen zu konstatieren und die springende Ekstase, sobald der Beat droppt.

Hiphop ist für alles da

Die Stages und Zeitpunkte der Auftritte liegen natürlich in unterschiedlichen Dimensionen, im Endeffekt sieht der Festival-Besucher zwei Rapper auf einer Bühne. Ein Gegensatz ist auf diesem Level nicht existent. Beide müssen liefern und entscheiden sich für vollkommen verschiedene Methoden. Da die Crowd für beide Lösungen total offen scheint, ist hier kein Problem für den Zuschauer auszumachen. Es sind schlichtweg zwei Wege für das gleiche Ziel zu identifizieren, die sich künstlerisch nahezu ausschließen, aber auf einem Festival perfekt funktionieren.

Groove Attack powered by Hiphop.de

Groove Attack powered by Hiphop.de

Deine Deutschrap-Playlist powered by Hiphop.de, immer mit den aktuellsten Tracks der deutschen Hip-Hop Szene! Cover: ERRDEKA

Groove Attack ist Streaming Partner von Hiphop.de

Kommentare

Verarscht euch doch noch ne weile selbst.

Danke Ttoys für deinen hochqualifizierten Kommentar.

Deine Meinung dazu?

Weiter ...

Darum sind Memes das wichtigste Marketing-Tool in der Musikindustrie

Darum sind Memes das wichtigste Marketing-Tool in der Musikindustrie

Von Jesse Schumacher am 07.01.2020 - 13:00

Ob es Fler bewusst war, dass sein Ausraster gegen die Berliner Polizei dafür sorgte, dass kurze Zeit später (mal wieder) alle über ihn redeten, weiß wohl nur der Rapper selbst. Manche haben sich über seine Beleidigungen echauffiert, viele fanden die Auseinandersetzung zwischen dem Maskulin-Rapper und der Staatsgewalt einfach nur witzig.

Berliner Polizei reagiert auf Flers Ausraster bei einer Kontrolle

Es ist 2019, Dinge verbreiten sich im Internet wie ein Lauffeuer. So ist es nicht nur bei den WhatsApp-Nachrichten aus einer internen Alpha-Gruppe geschehen, sondern nun auch bei einem Video, das Flers Partnerin aufgenommen hat, während der Rapper von der Polizei festgenommen wurde.

Zwar waren die Meinungen über sein Handeln geteilt, aber hier greift ein Spruch, der schon so alt ist, wie das Showbusiness selber: Es gibt keine schlechte Publicity. Lange dauerte es nicht, bis sich das Video wie ein Lauffeuer im Internet verbreitete und sich zu einem der größten Deutschrap-Memes 2019 entwickelte.

Die 13 besten Rap-Memes 2019

Memes machen viele Dinge einfach besser. Nicht nur "Fanboy"-Talk sorgten dieses Jahr für amüsante Momente in der Timeline deines Vertrauens. Auch andere Rapacts fütterten das Internet mit Kuriositäten. Hier kommen (unter Vorbehalt) die besten Memes 2019. Baba Haft hat es sich in den letzten Jahren sichtlich gut gehen lassen.

Mit seinem Track "Fanboy" hat er die Aktion hinterher auch bewusst dafür genutzt, seinen persönlichen Profit aus der Angelegenheit zu schlagen. Anschließend entschuldigte er sich für sein Benehmen.

Der Wirbel rund um den Fanboy-Moment ist nur eines von unzähligen Beispielen dafür, dass Memes ein effektives Mittel sind, um Aufmerksamkeit zu erregen. Wer es geschickt anstellt, kann mit der gewonnenen Beachtung bares Geld verdienen. Im Internetzeitalter bedeuten Klicks nämlich nichts Anderes als Cash. Eine sehr einfache Gleichung, von der alle profitieren, die im Jahr 20XX Content erstellen.

Wirklich alle benutzen Memes

Jeder kennt Memes, jeder liebt sie und wirklich jeder verschickt sie regelmäßig. Sogar Menschen, für die das Internet meist nicht tiefer geht als Quizduell oder Facebook benutzen sie: Unsere Eltern verschicken sie über Whatsapp. Kürzlich tauchten wahrscheinlich tausende Weihnachts-Memes in Familiengruppen auf.

Nur die wenigsten unserer Generation schmunzeln über Dad-Jokes, aber natürlich ist Humor genauso subjektiv wie Musikgeschmack. Nicht alle finden einen besoffenen Weihnachtsmann lustig und nicht jeder Rap-Fan glaubt, dass nach "Blauer Samt" von Torch kein gutes Album mehr veröffentlicht wurde.

So verlassen manche Memes nie ihre eigene Bubble. Meistens sind sie dafür auch zu spezifisch an die eigene Fangruppe angepasst, sodass Leute von außerhalb den Witz erst gar nicht verstehen. Funktionieren die Memes jedoch auch für Menschen, die mit der Thematik eigentlich gar nichts anfangen können, ist eine noch größere Reichweite fast sicher.

Das Marketing-Potential von Memes

Selbst die die Berliner Verkehrsgesellschaft hat das Potenzial von Memes erkannt und bespielt seine Social Media Kanäle damit. Über die Qualität der Witze kann gestritten werden, aber die BVG hat ihr Image zeitgemäß aufpoliert.

Wenn selbst eine Verkehrsgesellschaft die Fähigkeit von Memes erkannt hat, ist es nicht verwunderlich, dass die Marketing-Verantwortlichen in der Musikindustrie schon länger dahintergekommen sind.

Michael Epstein vom New Yorker Label Cinematic Music Group erklärt den Erfolg von Memes als Promotion-Werkzeuge gegenüber edm.com:

"Wir lieben großartige Musik für ihre Kraft, einen Moment einzufangen und uns zu erlauben, diesen Moment mit anderen zu teilen. Memes erreichen etwas Ähnliches, indem sie kulturelle Momente festhalten und uns erlauben, sie sofort und weltweit zu teilen. Wenn das Gefühl eines Songs perfekt mit einem hochgradig verwandten und teilbaren Moment koordiniert wird, erhält man eine virale Musik- & Meme-Sensation."

("We love great music for its power to capture a moment and allow us to share that moment with others. Memes accomplish something similar by capturing cultural moments and allowing us to share them instantly and globally. When the sentiment of a song coordinates perfectly with a highly relatable and shareable moment, you get a viral music & meme sensation.")

Die Verbindung zwischen Musik und Memes ist sogar so stark, dass sich in den letzten Jahren eine Symbiose entwickelt hat: Memes können aus Songs entstehen und damit die Reichweite der Tracks erheblich vergrößern.

Soulja Boy war der erste Rapper der Viralität verstanden hat

Schon lange bevor Fanboy kursierten Memes in der Hiphop-Welt. Soulja Boy war der erste Rapper, der verstanden hat, wie Viralität im Internet dazu genutzt werden kann, der eigenen Karriere einen ordentlichen Schub zu geben.

Zwar waren Memes damals nicht so klar definiert wie heute und genau genommen handelt es sich um einen Tanz, aber sein Song "Crank That" sorgte dafür, dass tausende Kids auf der ganzen Welt die berühmten Moves nachahmten, sich dabei filmten und die Videos teilten. Selbst wer noch nie von dem Song gehört hat, kannte spätestens durch den Hype um den Tanz die Hook auswendig: "Then Superman dat oh!".

Fast genau das gleiche Phänomen ist heute beim Track "Futsal Shuffle 2020" von Lil Uzi Vert zu beobachten. Noch bevor der Song Ende des Jahres 2019 releast wurde, reichte ein Snippet, um tausende Menschen zu motivieren, den Tanz auf der Plattform Triller nachzuahmen. Auch Yung Hurn ließ sich den Spaß nicht nehmen.



Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an


rate my dance 1-10 #futsalshuffle2020

Ein Beitrag geteilt von diamant bebi (@y.hurn) am

Niemand hat letztes Jahr das Potenzial von Memes so sehr ausgeschöpft wie Lil Nas X. Mit "Oldtown Road" lieferte der Künstler den erfolgreichsten Rap-Song des letzten Jahres. Mithilfe zahlreicher Memes schaffte Lil Nas X, den Song in das Bewusstsein von Menschen auf der ganzen Welt zu rufen. Bevor der Rapper seine Karriere als Musiker antrat, verwendete er die meiste seiner Zeit damit, Memes zu kreieren. Kein Wunder also, dass er diese auch genutzt hat, um seine Musik zu promoten.

nope on Twitter

country music is evolving https://t.co/BEZIw3TE8l

Bhad Babies Karriere baut auf einem Meme auf

Manche Karrieren von Rapper*innen sind sogar direkt auf Memes aufgebaut. Der wohl bekannteste Ableger ist Danielle "catch me outside" Bregoli aka Bhad Bhabie. Nach einem viralen Ausschnitt aus einer Talkshow, köderte sie eine der größten Plattenfirmen der USA Atlantic Records mit einem saftigen Plattendeal. Features mit Rap-Größen wie Lil Yachty, Kodak Black oder Lil Baby folgten und mittlerweile zählt die Künstlerin 3,5 Millionen Hörer auf Spotify.

Heute wird die Fähigkeit virale Memes erstellen zu können sogar in manchen Stellenausschreibungen für Social Media- oder PR-Manager gewünscht. Außerdem gibt es schon länger professionelle Meme-Creator, die den ganzen Tag nichts Anderes machen, als Memes für Künstler*innen zu kreieren.

Memes als Promo-Tool sind schon lange in der Musikindustrie etabliert und kein neues Phänomen mehr. Vielleicht sind sie mittlerweile sogar wichtiger als Interviews oder Snippets. Künstler*innen wie Fler wissen das schon lange und nutzen die magische Kraft von Memes regelmäßig.


Sag uns deine Meinung zu diesem Artikel! (0 Kommentare)