Weshalb Offsets Soloalbum über die Zukunft der Migos entscheiden kann
Hennessy

 

Offset von den Migos will ein Album mit Inhalten veröffentlichen. Ein bisschen merkwürdig fühlt es sich schon an, dass diese Aussage eine Nachricht wert ist, aber die relativ verlässliche Erfolgsformel des Trios aus Atlanta bestand bislang vorwiegend aus Ohrwürmern, Adlibs und Vibe. Die Taktik funktioniert zwar immer noch, hat sich aber in letzter Zeit zunehmends abgenutzt.

Das dritte Migos-Soloalbum – das erste wichtige?

Nachdem in diesem Jahr bereits "Culture 2" der Crew, erschienen war, bekamen wir zuletzt die ersten Solowerke von Quavo ("Quavo Huncho") sowie Takeoff ("The Last Rocket") zu hören. Beide lieferten weitestgehend belanglose, aber dafür hittige Songs, die wie fürs schnelllebige Streaming-Zeitalter gemacht scheinen. Dem bewährten Stil will auch Offset mit seinem Solodebüt an seinem 27. Geburtstag (14. Dezember) nicht komplett den Rücken kehren. Aus seinem Interview mit Billboard lässt sich dennoch ein verändertes Mindset herauslesen.

"Ich spreche über wichtige Dinge, die in den letzten 18 oder 24 Monaten passiert sind, wie meinen Autounfall, meine Kinder, meine Zeit mit der Familie und meine Ehe. Es geht um unterschiedliche Teile meines Lebens. Die Höhen und Tiefen des Musikerdaseins, das Gefühl, wenn Leute an dir zweifeln, und den Weg vom Underdog zum big Dog."

("I'm talking about relevant situations that have occurred over the last 18 or 24 months, like me being in the crash, my kids, my family time and me being married. There's different parts of my life. The ups and downs of being in music, the feeling of people doubting me and being the underdog to becoming the big dog.")

Wenn er sich dabei nicht in oft gehörten Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Plattitüden verliert, könnte uns das bislang spannendste Migos-Release bevorstehen. Er verzichtet auf Features, will Überlänge vermeiden und seine Ehefrau Cardi B soll von einem Song zu Tränen gerührt worden sein. Mit dem üblichen Geprahle über teure Uhren und Autos könne der normale Zuhörer sich nicht identifizieren, sagt Offset. Diesen "bubblegum rap" würden die Leute nur zwei Tage hören, bevor sie genug davon hätten (Funfact: Eine von Quavos Solo-Auskopplungen heißt "Bubble Gum" – sicher nur Zufall, oder?). Mit der Plattform, die ihm ein Soloalbum bietet, will das Migos-Drittel etwas erschaffen, das Bestand haben kann, weil die Menschen es wirklich fühlen können.

("I'm not really talking too much about Pateks and Lambos because it's not relatable. That's almost like bubblegum rap now, how the people are accepting it. They just get two days of playing it, then it's over with. This can last and people can feel it.")

Offset, der heimliche Migos-MVP

Damit spricht Offset Dinge an, die man je nach Blickwinkel als Probleme der Streaming-Ära bezeichnen könnte. Je simpler, desto besser. Viele langjährige Rapfans verlieren in den letzten Jahren immer mehr die Verbindung zu dem, was zurzeit angesagt ist. Den Migos kann man bei dieser Entwicklung durchaus eine tragende Rolle attestieren. Das Trio hat den Flow, die Attitude und die Trends der Rapwelt in den letzten rund fünf Jahren maßgeblich beeinflusst. Fünf Jahre, nach denen der Witz offenkundig kaum etwas seiner Anziehungskraft verloren hat, obwohl er hundertfach erzählt wurde und man ihn inzwischen in- und auswendig kennt.

"Niemand will 95 Songs hören, weil schon am nächsten Tag oder in der nächsten Woche wieder jemand 95 neue Songs droppt."

("Nobody wants to hear 95 songs, because the next day or week someone else is dropping another 95.")

Mittelfristig wird es dennoch für das Trio wichtig werden, an Profil zu gewinnen und hinter die Fassade blicken zu lassen. Die meisten ganz Großen der Musikgeschichte kamen früher oder später an den Punkt, an dem sie auch die Gefühle ihrer Hörer erreichen mussten. Sollte Offset das gelingen, während er gleichzeitig den erfolgreichen Sound für die Playlists beibehalten kann, würde er seine Rolle als heimlicher MVP der Migos stärken. Für viele Fans gilt er ohnehin schon als stiller Held.

"Auch wenn ich von Playlist-Vibe spreche, gebe ich euch trotzdem Inhalte mit meinen Songs – echter Sh*t, der abläuft. Es ist ein Album über das, was ich hier und da durchgemacht habe und was mich an diesen Punkt gebracht hat."

("When I say I want a playlist vibe, I'm still giving you content with the songs -- real sh*t that's going on. It's an album of what I've been going through here and there and what got me to this point.")

Ob die Jungs aus Atlanta mit ihrer Musik neben Hits auch etwas irgendwie Bedeutsames erschaffen können, wird langfristig darüber entscheiden, wie man sich an sie erinnern wird. Als Witz, der auf Partys irgendwann in den 2010er-Jahren immer gut ankam? Oder als ernsthafte Musiker, die einen lange begleitet haben?

Zu erwarten, dass Quavo, Takeoff und Offset irgendwann mit der Jagd nach den Hits und großen Zahlen aufhören, ist Schwachsinn. Das gilt wohl auch für Offsets Soloalbum. Dennoch könnte die Platte ein Meilenstein in der Geschichte des Trios werden. Es muss genug zu erzählen geben – Zeit für neue Pointen!

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